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Der Israelit · 1933-05-30 · Heft 22 (30.5.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 22 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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30. Mai 1933 Der Israelit : werter harren und hoffen können, denn es muß kom- .men. Cr schildert uns den Uebermut des Chaldäers: „siehe, er erfrecht sich, ^aber es ist ihm selbst dabei nicht wohl.si Welch tiefer Blick in die Seelenverfassung der Großen und Mächtigen der Welt! In Verzweiflungsmut greifen sie zum Wittel des Gottwidrigen, der Grausamkeit, versuchen immer Mieder mit den Mitteln der Hölle, ihre hochfliegenden Ziele zu erreichen. Aber es ist ihnen. selber dabei nicht wohl. .Immer nagt an ihrem Herzen der Zweifel, immer :pocht,m ihnen das Gewissen, immer fühlen sie die Angst des -Verbrechers.^ Und' gerade, wo sie am wildesten toben, wenn der Blutrausch sie packt, der „Wein der Telbstvergötterung und der Alachtanbetung" sie umnebelt, sie scheinbar so stolz den Backen .Hochwerfen, da sieht es in ihrem Innern schauerlich aus, da stöhnt in ihnen ihr Menschliches nach Frie- -den und Reinheit, da t ö n t i mm e r erneut und immer wieder der G'ttesruf vom Südland und vom Berge Par an, und mit Reid sehen sie, „wje der Fromme seines Glaubens lebt," wie der Gemordete glücklicher ist, wenn' ^er das Schafott besteigst als der Mörder, der seine bluttriefenden/ Hände reinzuwaschen sucht, wie die Verfolgten seelisch über ihre Verfolger triumphieren, wie über dem Juden des Ghetto das sanfte Licht des Sabbat strahlt, sie selbst aber, mit dem Mörderzeichen -des" Kajin gebranömarkt, ruhelos über den Erdboden dahinstürmen. Ja, der strengwaltende G'tt, Cr kommt immer wieder von Rom und von Ismael her. 'Die Ofsenbärung des G'ttlichen, das ruhelose G e w i s s e n d e r V ö l k e r, es tönt und tönt und .pocht und pocht, bis daß von G'ttes Ruhm die Welt erfüllt ist. vom Sinai kam Cr n u r einmal. Das 'Wort des Zehngebots, es ist gesprochen und bleibt gesprochen, es ändert sich nie. Und wenn es beute gesprochen würde, es könnte nicht anders als wie damals der Menschheit ins Herz donnern: du sollst nicht morden, du sollst nicht falsches Zeugnis sagen, du sollst daran denken, dir den Frieden des Sabbat zu schaffen, du sollst die Religion nicht als Mittel zum Zweck für die Eitelkeit deiner irdischen Ziele mißbrauchen. Und wenn es heute ertönte, es könnte nicht g'ttlicher den Frieden der Menschheit verbürgen als mit dem Gesinnnngsgebot: du sollst nicht gelüsten nach allem, was deines Rächsten ist, Du sollst nicht das Materielle götzendienerisch anbetenj Ich will dein G'tt sein, der dich zur Freiheit, zur Persönlichkeit ausgerufen hat. Und wenn es heute ertönte, es könnte nicht ewiger alle Kultur gründen als auf Ehrfurcht vor G'tt, auf Ehrfurcht vor Vater und Mutter, auf Ehrfurcht vor Leben, Keuschheit, Ehre und Eigentum des Rächsten. Die Sinaioffenbarung ist einmalig, und weil einmalig, darum ewig. Die Offenbarung vom Seir und paran, die Erweckung Roms und Mekkas kommt immer neu, in jeder Geschichtsepoche sich wiederholend als die (Offenbarung des strengwalicnöen G'ttes, der den sich erdveistenden Menschen die Trümmer seiner Verirrungen, seiner Untaten vor die Füße wirft. Der Beter Chabakuk betet ob der menschlichen Verirrungen, und unsere Weisen deuten: nicht für Israel bittet er um Gnade und Barmherzigkeit, sondern für die Völker, daß im Zorn über sie G'tt die Barmherzigkeit nicht vergesse. Darum haben wohl mit Recht unsere Weisen für den zweiten Tag des Festes, den Galuthtag des Festes, den Propheten Chabakuk als Gegenbild zum Sinai uns vor Augen geführt. Und unsere arme Zeit nüt ihren ewigen Enttäuschungen und. Rückfällen, mit ihrer geistigen Leere und ihrem moralischen Zusammenbruch, mit ihrer krisenbangen Rot und ihrer jammervollen Unmcnschlichkeit, sie kann sich wieder Mut trinken an diesem Beter Chabakuk, an diesem Ringer mit G'tt. Sie kann fühlen, daß ein Größerer, ein Cwigkeitsmensch, ihr Leid mitgclitten, ihre Zweifel und Sorgen geteilt, für sie mit G'tt gerungen und für sie zu G'tt gebetet hat. Sie mag es wissen, daß so schrecklich die Rot, so entsetzlich das Leid Israels ist, wir doch unsere Feinde nicht zu beneiden brauchen. Sie erkühnen sich, aber der Seele ihrer Besten ist nicht wohl dabei. Sie wollen die Offenbarung des Einst, das „alte Testament", aus ihrer Erinnerung streichen und müssen dafür früher oder später eine immer erneute, sich immer wiederholende (Offenbarung ihres Gewissens in der Friedlosigkeit ihres Herzens erfahren. Nr. 22 Seite 5 j i'Und so wird gerade das Wort des Chabakuk j Treuhänder dieses Strebons der Völkerbund gemacht j uns zum Trost, zur Ermutigung für die (Offenbarung, 'die vom Sinai kam. Wenn auch unter Leid und Tränen, wenn auch unter Zittern und Furcht wir G'ttes Ruf vernehmen, so sehen wir doch das Morgenrot am Himmel-des G'tt bestimmten Völker- und Menfchheltszieles. Schwer ist es allerdings, dessen froh zu werden. Die Beterin Hannah beginnt mit den Worten: es jauchzt mein Herz mit G'tt, es jubelt meine Seele des Ewigen. Chabakuk spricht: ich aber m ö ch t e G'ttes mich freuen, möchte jubeln mit dem G'tt meiner Erlösung, meines Heils. In'''diesem „möchte" liegt die ganze Schwere unserer Situation. Es ist ein Sichaufraffen, ein machtvolles Sicherheben über die Zeit und über den Augenblick, um sich G'ttes freuen zu können. Zu solchem Aufschwung lädt sein Wort uns ein. Und sollte es uns schwer werden, seinem Ruf zu folgen, dann brauchen wir nur den Blick auf unsere Dahingegangenen zu wenden, die wir im Iiskorgebet wieder vor uns lebendig machen, an die verklärten des Jenseits, die uns als gute Geister durchs Leben geleitet, die uns zu G'tt geführt, und in deren Rahe und unter deren Erziehung wir das stille Glück der Frömmigkeit und der G'ttesinnigkeit selbst kindlich gespürt. Und von ihnen geleitet, wird .auch unserer Seele es gelingen, zur G'ttesfreude wieder trotz allen Wolken über den Himmel der Gegenwart uns aufzuschwingen, daß auch wir mit dem Propheten singen: lamnazeach binginaußoi, dem G'tt, der die jüdische Melodie, die Melodie des Sinai, die Melodie des Zehnworts, der Demut, der Ehrfurcht und der Liebe einst zum letzten Akkord der vereinigten Menschheit machen wird. Korrespondenzen * Nachrichten. DsuSfches Reich. Roscher-Fleisch. Frankfurt a. M., 29. Mai. Vom Orthodoxen Rabbineroerband und der Vereinigung traditionell-gesetze streu er Rabbiner Deutschlands geht uns folgende Bekanntmachung zu: 1. Dei seit Jahren ausgeführten Versuche, eine dem Religionsgesetz und dem Reichsgesetz gleichermaßen entsprechende Vetäubungsmethode von Schlachtvieh zu finden, werden mit Nachdruck fortgesetzt. Bis heute haben sich alle Methoden als religionsgesetzlich völlig unbrauchbar erwiesen. 2. Solange eine solche Methode nicht gesunden ist, ist Fleisch betäubter Tiere t r e f o. Es bedeutet eine schwere Irreführung der Käufer, wenn solches Fleisch als koscher verkauft wird. 3. Jeder Schachet, der ein betäubtes Tier schachtet, bevor eine reich s- und religionsgesetzlich gleichermaßen gebilligte Methode gefunden ist, verliert dadurch von selbst seine Eignung zu jedem religiösen Akt. Das gleiche gilt von jedem Metzger, der solches Fleisch verkauft, er verliert seine religiöse Zuverlässigkeit. Die Vorstände des traditionell-gesetzestreueil und orthodoxen Rabbinerverbandes: Horowitz, Frankfurt a. M. Unna, Mannheim Klein, Nürnberg Earlebach, Altona Merzbach, Darmstadt. Zur Frage der Konstituierung der deutschen Juden als nationale Minderheit. Berlin, 26. Mai. Im Rahmen einer Presse-Rundfrage an Führer der deutschen Judenheit hat sich der Geschäftsführende Vorsitzende der Agudas Jisroel-Weltorganisation, Rabbiner Dr. Pinchas K o h n, nach einer JTA-Meldung zu dem von Freytag-Loringhoven gemachten Vorschlag einer Konstituierung der deutschen Judenheit als nationaler Minderheit wie folgt geäußert: „Seitdem im Versailler Vertrag der Gedanke des Minoritätenrechts in die Welt kam, seitdem ferner zum wurde, bewegte sich die bewußte Orthodoxie immer in die Linie, daß die Juden jedes Landes ihre Rechte und ihre Wünsche!m Rahmen der Gesetze und Organe ihres Siedlungslandes zu vertreten usid zu erwarten hätten, und daß es den jüdischen Traditiönen widerspreche, einen Einfluß außenstehender Faktoren auf die Geschicke dieses Siedlungslandes herbeizusühren. Zu diesen rein politischen Erwägungen kommen noch religiöse Momente. Wie die Dinge nun einmal liegen, würden in diese jüdisch-nationale Kurie alle verwiesen werden, die zumindest bis in die dritte Generation zurückreichend nicht rein-arischer Abstammung sind, d. h. also auch solche, die die Gemeinschaft der jüdischen Religion ablehnen und ihrer ganzen Weltanschauung nach mit dem Judentum nichts Gemeinsames haben wollen, wohl auch nicht können. Daß dies vom religiösen Gesichtspunkt aus untragbar ist, braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden. Ueber die Unterscheidungen der rein nationalen, rein religiösen und gemischt-religionsnationalen Auffassung der Judenheit ist wohl im Laufe der jüngsten 40 Jahre' genügend gesprochen worden. Allein eine Annahme der jüdisch-nationalen Kurie würde nach Lage des Augenblicks schlechthin eine Annahme der rassischen Auffassung bedeuten, würde übersehen, daß Judenheit und Judentum ohne weiteres gehalten sind, einen Fremdrassigen, der sich zum Judentum bekennt, für sich zu reklamieren und ihn als vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft aufzunehmen, weil eben' im Judentum turmhoch über allem Rassigen und Nationalen -die Idee des Religiösen steht." (Wir verweisen auf unseren Leitartikel in Nr. 20 des „Israelit" „Wohin geht die Fahrt?", in dem wir uns zu der Frage ausführlicher geäußert haben. Red.). Zeichen der Besinnung? B e r l i n, 28. Mai. Wie der „Zeitungsdienst" meldet, hat der Reichskommissar für die Wirtschaft, Dr. W a g e n e r, an den Vorsitzenden des kommunalpolitischen Amtes der nationalsozialistischen Partei in München ein Schreiben gerichtet, worin er sich gegen die von den Kommunen an Fabriken und Wirtschaftsunternehmungen ergangenen Rundfrage wendet, die den arischen Charakter der betreffenden Unternehmungen feststellen sollen. Der Reichskommissar stehe zwar auf dem Standpunkt, daß gerade die Kommunen ihre Aufträge nur an deutsche Firmen vergeben sollen, er halte es aber für notwendig, daß dem eingeschlagenen Verfahren Einhalt geboten werde. Es sei das Ziel der Regierung, alle Wirtschaftsunternehmungen in Deutschland, auch wenn sie mit fremdem Kapital und von „fremden" Persönlichkeiten geleitet worden sind, zu zwingen, daß sie deutsch handeln, sie wolle aber diese Wirtschaftsunternehmungen keineswegs zerstören. Durch das Vorgehen der Kommunen würde, so meint der Reichskommissar, Störungen des Gesamtwirtschaftslebens hervorgerufen, die Deutschland in der jetzigen Zeit beim besten Willen sich nicht leisten könne. Suspension des Arierparagraphen für Gberfchlesien. Berlin, 29. Mai. Im Zusammenhang mit der Diskussion in G e'n f über die Auswirkungen der Arier-Paragraphen im oberschlesischen Abstimmungsgebiet hat der preußische Justizminister angeordnet, daß die Entscheidung über die Vertretungsverbote gegen Rechtsanwälte dieses Gebiets vorläufig ausgesetzt bleibt. Bis zur endgültigen Entscheidung können also die in Betracht kommenden Anwälte weiter tätig sein. Erlaß gegen nichtarische Privatlehrer. Berlin, 27. Mai. Ein neuer Erlaß des Oberpräsidenten von Brandenburg in Berlin beschäftigt sich mit den arischen, nichtarischen und nichtdeutschen P r i v a t l e h - rern. Er schreibt vor, daß an allen Privatschulen den Schulräten sofort Bericht zu erstatten ist, welche nichtarischen und nichtdeutschen Privatlehrer beschäftigt werden und zu welchem frühesten Termin sie entlassen werden können. Diejenigen Leiter von Privatschulen, die ihre arische Abkunft nicht zu beweisen vermögen, sind binnen drei Wochen dem Oberpräsidenten zur weiteren Veranlassung namhaft zu machen. Alle Privatlehrer, die Privatunterricht erteilen, haben binnen 6 Wochen ihren Schulräten ihre arische Abkunft nachzuweifen. Die Unter-

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