Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-05-30 · Heft 22 (30.5.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 22 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450777--79624-2537405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 30. Mai 1933 der Kongreßverhandlungen um Deutschland und seine Juden, so 'wäre Heutes nach allem, was inzwischen vorausgegangen, und nach der Stimmung im Auslande, dem Kongreß gar nicht möglich, ein anderes Thema als T>eutfd}lanb in den Vflittelpuntt seiner Arbeiten zu stellen. Und daß solche öffentliche Schaustellung der jüdischen Tragödie in Deutschland heute Deutschlands Juden noch weniger dienlich und erwünscht wäre, muß nicht erst gesagt werden. Warum sollten also jetzt Iewish Board und Joint Foreign Committee anderer Meinung sein? Zu bemerken sei, daß damals auch das A m e r ic a n Iewish Committee entschieden den Kongreß abgelchnt hat, und zwar aus Gründen, die heute in doppeltem Maße zu Recht bestehen. Cs steht zu erwarten, daß schon das Vorspiel in der Form der Weltkonferenz die Herren Stephen Wise -und Uachum Goldmann darüber belehren wird, daß die Zeit für den von ihnen geplanten Weltkongreß heute, noch genau so ungünstig sei wie damals. Wenn nicht diese große Konferenz in Gens allein schon all die Rachteile bringt, die erfahrene Männer vorn Kongreß befürchten zu müssen glauben! Diese unsere Meinung hindert uns nicht, zu wiederholen, daß eine ruhige, gänzlich undcmagogische Zusammenkunft verantwortungsbewußter jüdischer Instanzen zur Beratung der derzeitigen jüdischen Lage, wohl diskutabel wäre. In der Art aber, wie diese Zusammenkunft von Rcw^ork aus in Szene gesetzt werden sott, wird sie höchstens auch den Boden für eine ruhige und sachliche internationale Beratung von vornherein vernichten. Jüdische Lehre und jüdisches Schicksal. Gebet des Chabakuk, des Propheten, ob der Verirrungen. Von Oberrabbiner Dr. Iof. Larlebach in Altona. G'tt, ich habe Deinen Ruf gehört und bin voll Furcht. G'tt, Dein Werk in der Abfolge der Jahre wecke es zum Leben, in der Abfolge der Jahre mache es kund, im Zorn denke der Barmherzigkeit! Richtend kommt G'tt vom Südland, der Heilige vom Gebirge Paran, felah. Bis daß den Himmel Seine Majestät bedeckt und Sein Ruhm die Erde erfüllt. Stolzer Tag der Sinaroffenbarung! Cm ganzes Volk einmütig im Treugelöbnis, in der Bejahung seiner geistigen Weltaufgabc, in der Fähigkeit, den G'ttcsrus zu vernehmen! Cwig, gewaltig und herrlich wie am ersten Tage klingen die lapidaren Worte des Zehngebots heute wie ehedem an unser Ohr, so überzeugend und stark, so wahrhaftig und ernst, daß ein Unterpfand im Himmel, im G'ttesbewußtsein haben aion w' 'n D*' „Auch der Ewige wird dann das Gute geben." D. h. das Gute soll nicht einfach als Menschensatzung; sondern als gütliches Diktat befolgt und beachtet werden. Denn nur dann nl>ia' m-wo wird die Erde ihren Ertrag spenden. O! daß die ganze. Menschheitdaß all die sich gegenseitig zerfleischenden Völker und Menschenklassen beherzigen möchten die geschichtliche Wahrheit, daß die Gnade G'ttes bereits vor Jahrtausenden den Sendboten mit dem ”m xao wundervollen Lebenselixiere herab auf Erden sandte, und daß sie sich einmütig um'diese G'ttesftandarte der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe scharte, dann möchte gar bald in Erfüllung gehen jene Verheißung ivmarna nrvnx pxi nssv pxi pa px, und heilige Harmonienklänge würde die jetzt vom wüsten Streit und Hader durchdröhnte Menschheit erfüllen. Darum lasset uns mit Freuden in den Ruf einstimmen: narren nis -\b am xiam pn „Gepriesen sei die Barmherzigkeit G'ttes, die uns ein dreifaches Licht gab." Lastet uns loben und preisen den himmlischen Allvater, daß Er in seiner Gnade uns die dreifache — ü. h. dreimal in wnvv 'a geteilte Lehre gegeben: Das G'ttesbewußtsein mit seinen zwei Sprößlingen: Selb st Veredlung, Selb st- Vervollkommnung und Gerechtigkeit und Liebe gegen unsere Menschenbrüder. (Tabellen enthaltend die Zeitangaben für den Beginn der Nacht und des Tages zum Gebrauch für den jüdischen Ritus von Dr. B. Lohn 2. Auflage.) Das Merkchen, das nun nach 33 Jahren in zweiter Auflage vor uns liegt, wird noch mehr als bei seinem ersten Erscheinen als sine Notwendigkeit empfunden werden, nachdem durch die umgestalteten Verhältnisse viele oft auf sich selbst angewiesen sind, um sich, fern von einem Zweifel nicht möglich ist. Sie erzwingen sich die Anerkennung als Grundlage aller religiösen und menschlichen Kultur. Wen sollte nicht ein Stolz erfüllenein hochgemutes Gefühl, Kind unseres Volkes 1 zu fein, (Erbe bcs Blutes und des Geistes derer, die zum ersten Wale den Ruf vernommen? Werkwürdigerweise stellen uns da die Weifen die Worte des Propheten L h a b a k u k vor die Seele, der spricht: „G'tt, ich habe Deinen Ruf vernommen und bin voll Furcht." Ist das das Ccho, mit dem unser Herz der großen Kunde vom Sinai begegnet? Statt sieghafter Stimmung ein verzweifeltes Langen? Der Prophet zittert um das G'tteswerk, daß es nicht in der Abfolge der Jahre vergessen werde. Cr betet: „dieses Werk, 0 G'tt, wecke es zum Leben, mache es kund!" Und als müßte er befürchten, daß das Zornesgrollen G'ttes die Welt überschattet, fleht er: „denke tm Zorn auch der Barmherzigkeit". Sollte das unsere Seclenstimmung sein am Tage der gütlichen Offenbarung? Richt minder ausfällig ist es, wenn der Prophet fortfährt: „G'tt wird vom Südlanö fontmen, der Heilige, vom Berge paran, um die Welt mit Seinem Ruhme zu erfüllen." Offenbar knüpfen doch diese Worte an die Segnung W 0 s ch e h s an: „G'tt kam von Sinai her, strahlte ihnen vom Seir auf und offenbarte sich vom Berge paran her." Das Südland, das Gebirge Seir, wo Cfau feinen Sitz hat, das parangebirge, darin Ismael wohnt, erwähnt auch Chabakuk. Aber wo bleibt der Sinai, der in der Offenbarung doch die entscheidende Stelle ist? Die Weisen deuten die Worte des Woses in einer meerestiefen Agada und sagen: in drei Sprachen hätte G'tt seine Offenbarung gegeben, in der hebräischen vom Sinai, in der Sprache Roms vom Seir und der Ismaels vom Berge paran (Sifri), als hätten sie Vorweggenommen, daß neben Israel Christentum und Islam, neben Zion auch. Rom und Wekka der Welt den Inhalt der Offenbarung vermitteln werden. Und Chabakuk sollte seines eigenen Volkes Sprache vergessen haben, den Sinai beifeite lassen? Endlich, während Wofche .auf die Tatsache der Vergangenheit iit der Form des Perfektums hinweist, redet Chabakuk von einem zukünftigen, oder noch immer unvollendeten Creignis: Richtend wird G'tt vom Südland kommen, oder: immer wieder kommt G'tt richtend vom Süöland. Wenn uns so des Chabakuk Worte rätselhaft anmuten, so sei es unsere Aufgabe, die Gestalt des rnächttgen Propheten Chabakuk vor uns zu erwecken und lebendig zu machen und aus der Gesamtheit seiner prophetischen Worte das Geheimnis unserer Textverse zu ergründen. Die Weisen bezeichnen den Chabakuk als einen der großen Beter Israels^ Sie stellen ihn in eine Reibe mit Wofche, Iirmijah und David, bezeichncnjüdischen Gemeindeleben, über notwendige Zeitbestimmungen zu orientieren. Im Hinblick hierauf hat die Einleitung eine Erweiterung erfahren durch die Tabelle II. welche für die wichtigeren Länder der Erdteile die Angaben enthält über die dort geltende Normalzeit und ihre Relation zur Greenwicher Zeit; eine Aenderung des Formats hat eine bessere Uebersichtlichkeit und leichtere Orientierung in den Haupttabellen mit sich gebracht. Wir können jedoch eine Aenderung dieser Auslage nicht übergehen, da u. E. deren Gebrauch den Vielen, die in dem Büchelchen Auskunft suchen, eine Unsicherheit bringt. Trotzdem die astronomischen Zahlen unverändert aus der ersten Auflage übernommen sind, wird darauf hingewiesen, daß die für „Beginn des Tages", _ also für p-sn-Legen angegebenen Zellen nur äußerste Zeitpunkte sind, auf die der Einzelne sich nur nach Befragen eines sachverständigen Rabbiners stützen sollte. Wir glauben, daß derjenige, der auf die Tabellen angewiesen ist, hierzu kaum in der Lage sein wird. Wochenkalender. vom 3. - 10. Juni 1033 vom 9. — 16. Siwan 6603 ’BV ep mna’ Samstag 3 9 no 'a 'x pns KV3 Sonnlag 4 10 ÜO Montag 5 11 y Dienstag 6 12 sy Mittwoch Iun 7 13 ay Donnerstag 8 p'v 14 Freitag 9 15 77 Samstag 10 16 ny n 'a p*id •jrfrym derweise nicht mit Hanna, der. großem Beterin. Denn Hannas zweites Gebet war ein Gebet der Dankbarkeit und der Zuversicht, Aus dem Glückserleben schöpft sie den heiligen Geist, der.sie bis in die spätesten Zukunftsentwicklungen blicken und um die Zukunftsverwirklichungen beten läßt. Anders die vier, zu denen Chabakuk sich zählt. Ihr Beten war ein Rechten mit G'tt, jedes Wort ihres Gebetes gewissermaßen eine Anklage. Die Unbegreiflichkeit gütlichen Waltens, die Strenge des. himmlischen Gerichts hat sie in ihrem religiösen Gefühl gepackt, und in ihrem Ringen mit der Vorsehung suchen sie alle die Zweifel und Bedrängnisse und Erschütterungen ihres Herzens im Gebet zu entladen. G'tt liebt keine Schmeichler. Seine Propheten haben selbst Ihm gegenüber das Recht der menschlichen Ohnmacht, den Anspruch der Schwäche mutig verteidigt. Sie haben anklagend gebetet oder im Gebete den Himmel angeklagt. Was hatte Chabakuk erlebt, daß er so schwer mit seinem G'tte ringen mußte? Cr hatte im Geist den Zusammenbruch seines Volkes durch die Barbarenhanö der Chaldäer, dieses „frechen, herben, jähzornigen Volkes," vorausgefehen. Cs erschien ihm unbegreiflich, wie G'tt solches zulassen konnte. „Du, der Du reiner Augen bist, daß Du Böses nicht mitanfchauen magst, wie kannst Du zusehen, wie der Löse verschlingt den, der besser ist als er?" Gewiß, sein Volk ist nicht tadellos, ist nicht frei von Sünde und Schuld, aber es ist doch himmelweit erhaben über seine Feinde, über die Schlechten, die es verschlingen. Wit anderen Worten: er schaut die ganze Tragik des jüdischen Leides, das jüdische Galuth. Wegen dieses entsetzlichen Loses, des Trünenmeeres jüdischen Unglücks schreit es in seinem Innern auf. Rach den Worten der Weisen zog er um sich einen Kreis und sprach: ich weiche nicht von hier, bis Du, G'tt, mir Antwort gibst, wie kann die jüdische Aufgabe mit soviel Wartyvien verbunden sein? ' Um dieses Leides willen spricht er: Herr, ich habe 'Deinen Ruf vernommen, ich bin voll Angst. Ist es überhaupt möglich, dem G'ttesruf zu folgen, wenn der Weg zum G'ttesberge mit Blut überströmt ist? Wenn immer wieder rohe Hand das G'tteswerk auf Crden zerstört, stumpf und gefühllos man dem Höheren gegenübersteht? Äiuß nicht angestchts solcher Erfolglosigkeit des frommen Wollens, solcher verständnislosigkeit der stumpfen Welt das Werk G'ttes scheitern? Herr, in der Abfolge der Jahre, wenn Epoche um Epoche immer wieder zurückfällt in die Barbarei der Vergangenheit, wenn die Zeit im sinnlosen Kreislauf immer nur wieder die Irrtümer des Linst erneuert, alles Große und Erhabene scheinbar tot, den Weiften unbekannt ist, dann wecke Du, so betet er. Dein werk zum Leben, dann mache Du es kund. Wenn der Fromme, der G'ttesfürchtige, der sich dev jüdischen Lehre verschreibt und im G'ttesgesetz aufgeht, an Hunger und Kälte stirbt,- wie soll dann die Losung G'ttes tm Wenschenkreise Echo wecken? So schwach Israel seiner Aufgabe gegenüber erscheint, so sehr G'tt über die halbe Erfüllung zürnen mag, ist nicht diese halbe Erfüllung selbst unendliches Martyrium, daß G'tt im Zorn der Barmherzigkeit denken muß? Ganz besonders die klägliche Stellung der G'ttesgelehrten, so meinen die weisen, hat dem Chabakuk vorgeschwebt, als er diese Worte sprach. „Wäre nicht das Gebet des Chabakuk erfolgt, es hätten sich sechs Gelehrte, vor Kälte frierend, mit e i n e in Wantel bedecken müssen." So ist Chabakuks Gebet Klage und Anklage, so seine Klage und Anklage Gebet. Wuß der Jude nicht verzweifeln, muß das strenge Walten des Schicksals ihm nicht die letzte Hoffnung ausder Brust reißen? Wuß er sich nicht auflchnen, wenn die Frömmigkeit seiner Kinder Tod oder Clend im Gefolge hat, wenn immer wieder Schmähungen und Verleumdungen und Rieörigkeit sein Wollen und Streben und Leisten verkennt? Angesichts solcher Tragik spricht Chaba- .kuk: G'tt, ich habe Deinen Ruf vernommen und zittere. Aber derselbe große Beter, der Verteidiger seines Volkes, der Ringkämpfer mit seinem G'tt, hat . uns auch die Antwort auf alle uns bedrückenden Fragen gegeben, uns die Zuversicht neu belebt, daß immer und immer wieder ein Ausblick kommt auf das gütgesetzte Ziel, und wenn es auf sich warten läßt, wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.