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Der Israelit · 1933-05-24 · Heft 21 (24.5.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 21 (24.5.1933)
Date
1933-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 1933 Wochenrundschau. Botschaften und ihre Konsequenzen. Zwei Facta von historischer Bedeutung brachten in der vorletzten Woche eine merkliche Entspannung der geladenen Atmosphäre: die Präsidentenb o t s ch a s t aus Washington und die Reichstagsrede des deutschen Reichskanzlers, die beide darauf abzielen, das Gespenst des Krieges, das foviele in letzerer Zeit, gewissenlos genug, an die wand malten, zu bannen und Brücken zu einer Befriedung Europas zu bauen, wie wir sie uns heute alle so sehnlich wünschen. Auch wir Juden, die wir von der Weltnot ein gut Teil abbekommen haben, dür.fen tc.ilhaben an den Hoffnungen, die durch die guten Worte jenseits des Meeres und in Berlin neugeweckt worden sind, wissen wir doch, daß unsere eigene Kot der Welten- und der deutschem Röte ein Teil ist und daß eine Entspannung und Besserung der Lage ganz naturgemäß auch auf die jüdische Lage in Deutschland günstig einwirken müßte. Bucht wollen wir uns zu eigen machen, was die notorischen Deutschenhasser in der Welt in letzterer Zeit an Meinungen und Werturteile über unsere teilweise Entrechtung von sich gegeben haben, wir haben es mit aller Entschiedenheit abgelehnt und lehnen es noch ab, daß unser Schicksal, zum Teil auch in Ländern, die selber ihre Juden nicht am besten behandeln, zum Anlaß und Mittel einer Deutschenhetze genommen wird. Unsere Rot ist uns zu heilig, als daß wir es erlauben könnten, daß Stimmungsmacher daraus Profit für ihre politischen Interessen zögen, wo aber ein wahrer Freund Deutschlands in der Welt das Wort zu einem Appell an die Vernunft, das Rcchtsgcfühl und die Menschlichkeit erhebt, da darf er erwarten, daß er von allen, die es angeht, gehört wird. wir meinen den großen englischen Politiker und Führer der Liberalen, Lloyd George, der sich in diesen Tagen in einer großen Versammlung zur A b r ü st u n g s f r a g e ungefähr folgendermaßen äußerte: „Kann man sich wundern, daß die Deutschen, nachdem sie 14 Jahre lang zugewartet hatten, verärgert geworden sind und vermutlich das Gleichgewicht verloren haben? "'ES' ist' schlecht, ein tapferes Volk durch Zufügung flagranten Unrechts herauszufordern. Cs hat bisher feine Forderungen vergeblich vorgebracht und jetzt, da es zur Verzweiflung getrieben wurde, erklären wir: Wir geben zu, daß die früher erhobene Forderung berechtigt war, können sie aber unter den gegebenen Umständen jetzt nicht berücksichtigen. Erst treiben wir Deutschland durch Ungerechtigkeiten zur Raserei und dann nehmen wir diese zum Vorwand, um unser Unrecht nicht wieder gutzumachen. Das ist nicht britisches fair play; mir mißfällt vieles, was von Leuten in sehr hoher Stellung gesagt wurde, wenn wir gegen Leute, die einen vertrag verletzt haben, Sanktionen anwenöen wollen, wer soll dann Sanktionen gegen Frankreich, Italien, die Tschechoslowakei, Polen, die Vereinigten Staaten und gegen uns selbst anwenöen, die wir versprochen haben, abzurüsten, aber alle, ausgenommen England, die Rüstungen erhöht haben?" Ein Mann, der sich heute noch die Objektivität zu solch unbefangenem Urteil über Deutschland bewahrt hat, darf auch das andere Wort sagen und darf Anspruch darauf erheben, daß auch dieses gehört werde: „Fair Play für die 600 000 Juden in Deutschland, und ebenso fair play für die 60 Millionen Deutschen, die in Deutschland leben." wenn einmal, wie wir alle hoffen, jener Sonnestreifen aus B o t.f ch a f t und Reichstagsrede sich zum vollen Sonnenlichte auswächst, so wird vielleicht Lloyd George für sich in" Anspruch nehmen dürfen, als erster auch die weitere und letzte Konsequenz der deutschen Gleichberechtigung für die i n n e r>e Politik Deutschlands — Natürliche jKonsequenz, nicht Bedingung — auf.die kürzeste Formel gebracht zu haben. Was wollen die naüonaldeukschen Judo«? Dieses Rätselraten wurde durch die gelegentlichen Aeußerungen Max Raumanus nicht erleichtert. Man erfuhr höchstens, daß die Herren so viel als möglich aus der Situation für sich zu retten suchten. Runmehr ist wieder eine S o n d e r n um in e r des M i t t e il u n g s b l a t t e s des „Verbandes nationaldeutscher Juden" erschienen, der einige Aufschlüsse nach dieser Richtung gibt. Im Leitartikel dieser Sondernummer wird zunächst oiii Feldzug gegen den Z en t r a l v e r ein unternommen, dessen Führer für das, was den deutschen Juden jetzt geschieht, moralisch verantwortlich gemacht werden. Dann kommen die Zioniste n und in Verbindung mit ihnen die O st j u den daran, die all das Unheil verschuldeten, wir waren nie mit all den Maßnahmen und allen Abwehrkampsmethoden des Zeutralvereins einverstanden. Daß es ihm nicht gelang, Erkenntnis ln aller Herzen zu tragen und in einer Zeit, die von einem nationalen Unglück zur nationalen Erhebung strebte, alteingewurzelte Vorurteile gegen Juden und Judentum aus der Welt zu schaffen, ist gewiß nicht stine Schuld, eher sein Schicksal. Und es gehört schon die ganze Raumann'sche Lieblosigkeit dazu, die eifrige, ehrliche Arbeit des E.-V. heute, da die Stürme über uns alle dahinbraufen, mit Anfällen und Anschuldigungen solcher Art zu quittieren. wir sind auch weit davon entfernt, eine Lanze für den Zionismus zu brechen. Er hat unsere Jugend, die sich vielleicht zu uns gefunden hätte, oft genug auf halbem Wege abgefaßt und auf Straßen abgelenkt, die nicht zu unseren Zielen führten. Aus feiner Ideologie und noch mehr aus der Sprache, in der jene Ideologie ihren Ausdruck fand, konnten die Treiber des Judenhasses oft genug einiges Kapital für sich schlagen. Aber ihm die Schuld geben, für das, was uns heute widerfahren .ist, kann nur derjenige, der, wie Naumann es von den anderen gelernt hat, überhaupt einen Schuldigen u m jeden Preis f u ch t. Ganz perfid sind aber in diesem Zusammenhänge die Angriffe auf die Ostjuden, die in ihrer großen Mehrheit in Deutschland nicht anderes taten, als das Recht, durch ruhige fleißige Arbeit ihre Familien zu ernähren, wahrzunehmen. Herr Raumann sollte lesen, wie heute die gesamte Ostjuöenheit, von Warschau bis Wilna und von Lemberg bis Lublin, mit der deutschen Iudenheit fühlt und beiall ihrer gedrückten Armut vom Letzten noch etwas für die Flüchtlinge erübrigt'— er sollte es lesen und sich schämen! Charakteristisch und bezeichnend für diese Sondernummer, die man schon eine „Sonderaktion" nennen könnte, ist der darin veröffentlichte Brief eines „Zum Juden Ernannten", in dem es u. a. heißt: „Ich für meine Person möchte jedoch der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß alle diejenigen, die nach der heute amtlich angewandten Auffassung jüdischer Abstammung sind und die in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen bewußt deutschen weg gegangen sind, also auch die Dissidenten, Getauften — soweit es sich bei diesen nicht um reine Opportunisten und Karrierejäger handelt — in ihrer inneren Einstellung wohl völlig mit den Berstebungen übereinstimmen müssen, die von Ihrem verband schon seit langem vertreten werden." Und nun kommt der Eoup. In einem weiteren Artikel wird ein „Deutsches Glaubensbekenntnis" abgelegt. Dazu gehört I. Entfernung aller nicht in Deutschland geborenen und erzogenen jüdischen Geistlichen. 2. Abschaffung der Nationalfeiertage Purim und peßach. 3. Einwanderungsverbot für ausländische Juden, für österreichische selbst nach einem etwaigen Anschluß Oesterreichs an Deutschland. wir registrieren diese letzten Bekenntnisse der geistig Entwurzelten nur, um damit zu sagen, daß die jüdische Oefsentlichkeit nunmehr bäum noch Anlaßhabtzn wird, sich mit der R a u m a n n ’ s ch c n P a rtei der D i f f i 6 e n t e n. u n b <B e taufte n zu befassen. Der neue Glaubensbegnff als Grundlage der Bibelübersetzung von Buber Rosenzweig. Von Oberrabbiner Dr. Iof. Carlebach in Altona. ' (Schluß.);; '; war dieser Mißerfolg zu erwarten? Sind etwa die beiden Männer persönlich nicht die berufenen Uebersetzer des Bibelwortes? Die diese Verdeutschung schufen, waren beide noch keine Gläubige, sondern auf dem weg zum Glauben. Sie selbst standen noch auf halbem Wege, jo. blieb auch ihr Werk ein halbes.. Derselbe Buber, derselbe Rosenzweig, die gesagt haben: wir können keine Silbe der Bibel entbehren, sie machten sich doch wieder zum Kritiker am Wort; wo ihnen der Text nicht gefiel, änderten sie, sie konnten sich nicht innerlich frei machen von dein, was sie noch an ihre Vergangenheit bannte. Menschlich ist das alles zu verstehen. Sie haben nicht den Begriff der Thora, wie wir ihn kennen, in sich gehabt und getragen, sie haben ihn sich erobert, stückweise errungen. Sie haben dabei auch aus Ouellen geschöpft, die uns als Juden fremd sind, und infolgedessen konnte ihnen die Bibel nicht das reine Werk G'ttes werden. Es wurde das Werk des Menschen, an dem das G'ttliche lebendig wird, es wurde ihnen nicht das, was es uns ist: das heilige Vermächtnis der Propheten, vom ersten bis zum letzten Buchstaben das un? verfälschte Zeugnis der Ewigkeit, von den Männern der großen Synode,, von den letzten Propheten Israels als richtig verbürgt. Sie sind in jedem Augenblick in der Tat gläubig, u n d ungläubig, demütig und kritisch, Empfänger und Richter des Wortes. Rnd so haben sie mit ihrer Uebersetzung es doch ausgesprochen, daß die Bibel, wiesie uns vorli'egt, daß die Tradition des Judentums, die mit der Legitimation der G'ttllchkeit an 'die Menschen herantrttt, doch wieder nicht der reine Ausdruck einer Offenbarung ist, in der sich der Mensch erwecken lassen soll, auch ihr gegenüber bleibt er sich selbst genug. So haben sie dennoch das Wort, das nur als Absolutes binden und verpflichten kann, zu relativieren und zu verneinen, sich nicht gescheut. Die Tragik der Moderne ist auch die Tragik dieses h e r r l i ch e n M e i st e r w e r k e s. Der neue Glaubensbegriff erkennt wohl in der Bibel ein Einzigartiges; aber er kann sich zu der demütigen Anerkennung ihrer schlechthinnlgen Ueberlegenheit und absoluten Autorität nicht entschließen. Er sieht das Feuer des Dornbusches, aber will die Schuhe nicht vom Fuße ausziehen, weil er auf heiligem Boden steht, wo er Halt machen, nur anbeten und huldigen kann. Die Moderne steht nicht den inneren Widerspruch in sich selbst, daß sie einerseits die Bibel als ewigen und einzigen Ouell der Erweckung zur Gläubigkeit erkennt, in jedem ihrer Worte, wenn nur die Kurzsichtigkeit des Unglaubens überwunden ist, m e h r a l s menschliches Wort erfühlt, aber andererseits doch sich berechtigt glaubt, ihren Befehl und ihren Geist abznlehnen. Der neue Glaubensbegriff vermag nicht mehr der Bibel ein Rein entgegenzbsetzen; aber er wagt nicht freudig ein Ja, ein r ü ck h a l t s o s e s g a n z e s I a. Er hüpft auf zwei Zweigen. Er bleibt auf halbem Wege stecken. Der moderne Offenbarungsbegriff mag in feiner Erweiterung Berechtigung haben, aber er hat doch nur einen Sinn, wenn die eigentliche, maßgebliche „Weisung" eine einmalige, unantastbare, Gehorsam heischende, eindeutige Entscheidung fordernde, Zeiten überdauernde G'ttesoffenbarung iji, wenn sie reineWah rh c i t ist. Buber und Rofenzweigs Bibelübersetzung ist ein Ausdruck dafür, daß denjenigen, der sich dem Geistigen weiht und aufs tiefste in das Wesen der menschlichen Seele, ihrer inneren Entwicklung und Erleuchtung elndringt, notwendig der weg zur Bibel führt. Diese Bibelübersetzung, so groß und gewaltig sie ist,

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