Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-05-24 · Heft 21 (24.5.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 21 (24.5.1933)
Date
1933-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450776--79608-2537388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

24. Mai 1933 Der Israelit Nr. 21 Seite 3 weisend und erziehend den Großen wie den kleinen .entgegentreten können, die in die, Bresche einzutreten und die Hütte Davids, die einstürzende, machtvoll wieder aufzubauen vermögen. Der Midrasch in seiner Hellhörigkeit für alle Bibelstellen, .irt denen Geheimnisse des Judentums Verborgen sind, stürzt sich gewissermaßen aus diesen Vers und beleuchtet ihn in mannigfacher Weise, um die Gefahr der durch die Thora emporgehobenen Persönlichkeit zu beleuchten. Ts heißt dort: Rabbi Eliefer bm pedos sagte: „während Israel zog, gingen zwei Feuergarben von den Stangen der Lade aus, wie es zweimal heißt: der G'tt, der vor dir einhergeht, ist ein zehrendes Feuer. Dieses Feuer vernichtete die G'ttesfeinde, aber er sengte auch die Träger der Lade, daß sie verbrannt wurden und dahinschwanden. \ Und da solche Gefahr mit der Lade verknüpft war,! so eilte jeder zu andrem Ziel: dieser um den „Tisch"' zu nehmen, jener um den „Leuchter" zu tragen und! wieder ein anderer, um die Altäre auf seine Schul-! lern zu nehmen. Und sie flohen vor der Lade. So? -blieb sie allein, als würde sie mißachtet. Da zürnte! G'tt, und wieder wurden die Träger aufgerieben. Da sprach G'tt zu Mosche: „Was soll ich die Söhne Kehos schlagen? Wenn sie tragen, werden sie weniger, und wenn sie sie nicht tragen wollen, besteht der g'ttliche Zorn aus ihnen." Rabbi Schmuel bar Rachmeni sagtL: .„Welt gefehlt, daß die Söhne Kehos die Lade hätten stehen lassen und nach Tisch und Leuchter sich drängten, nein, trotz aller Gefahren opferten sie sich für die Lade; gerade umgekehrt, weil sie wußten, -daß der, der die Lade trägt, höheren Lohn gewärtigen kann, darum wollten sie alle nur Träger der Lade sein und ließen Tisch und Lampe und Altäre stchcn, und gerade ob dieser Gleichgültigkeit gegen die schlichteren Aufgaben traf sie die g'ttliche Majestät." '(Bamidbar Rabba, parscha 5.) Zwei Garben Feuers gingen also von der Lade aus und bedrohten die Rächsten und die Fernsten, die Träger und die Feinde der Lade. Auch hierin liegt eine ergreifende Symbolik, eine erschütternde Wahrheit. Sie zeigt die gleiche Gefahr, die G'ttes Kämpfer und G'ttes Bekämpfer umlauert, wie diese und jene eigentlich dieselben Spannungen und Erschütterungen durchleben, wie beide Extreme doch -eigentlich einander verwandt sind ln ihrem Ringen um das G'ttliche. Die leidenschaftliche Stellungnahme derer, die G'tt suchen, und derer, die G'tt fliehen, dringt sie beide in die Feuerzone der Schechina. Der Fanatismus des Ja und Rein, beide sind gefährlich; das Wandeln an den Grenzen, die Blind-! heit gegen die berechtigten Notwendigkeiten des Lebens! wie die Blindheit für die absolute Macht von Religion! und Moral. Ich denke dabei an jene Schwärmer und j Ideologen, an deren Händen soviel jüdisches Blut klebt, an alle pfeu domesst affe der Vergangenheit und nicht minder an die der Gegenwart. Das Feuer der Lade zehrte sie jedesmal auf. Ebenso charakteristisch beleuchten die beiden einander entgegengesetzten Beurteilungen des Rabbi Eliescr den pcdos und des Rabbi Schmuel bar Rachmeni die Gefahren religiöser Entscheidungen. Der eine sieht sie darin, daß der religiöse Mensch große Verantwortung s ch e u t, der andere, daß er sie gewaltsam sucht. Beides erweckt den g'ttlichen Zorn: eben so sehr die falsche Selbstbescheidung, die die drückende Last entscheidenden Führertums, den gefahrvollen Mut, bis zum Letzten vorzndringen, von sich abwehrt, wie jener Uebereifer, der sich nur als Träger der höchsten Verantwortung genug tut. Durch beides hat in der jüdischen Geschichte unser Volk schweren Schaden erlitten. Richt weniger durch diejenigen, die im Drang der Zeiten, att der Wende der Ereignisse sich still in den Frieden ihrer Klause zurückziehen und dem Gefahrenherd der großen Entscheidungen ausweichen wollten, als wie durch jene Stürmer und Dränger, jene „Tyrannen des Himmelsreiches", die vorzeitig die heilige Lade ergreifen und in die Welt hinaustragen wollten. Fü r’ Kö r p e r u rtdjFü s’s e nur. DIAIÖN-Püd e r ihr G'tt, so erfüllt seid ihr in eurem Denken und Füh- : len vom G'ttllcheu, daß ihr ohne Bangen bis zu den! letzten Problemen Vordringen, alle tieferregenden Fra- 'gcit des Weltgeheimniffes in ruhiger Sicherheit, ohne 1 za zittern, ins Auge fassen könnt. Steht-diese Segensverheißung nicht im genauen Gegensatz zu uni sercr Stelle, die ausspricht, daß, wer dem unverhüil- Icn Oraun sich naht, den Schleier von der Wahrheit zurückzieht, dem G'ttlichen ins 'Angesicht blicken will, 'des Todes ist? Erneuern Sie sofort » beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit" für den Monat Juni Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a.M. i Wir glauben, daß in diesen beiden Gegensätzen zwei Geistcssltuationen sich charakteristisch scheiden. Der eine Vers gilt für die Wüste, für die Zeit, wo -das G'ttesgefetz erst seinen Zug in das Volk und in die Menschheit autreren will, wo das Religiöse noch nicht gefestet und gesichert ist. Die Segensverkündigung dagegen bezieht sich auf eine Epoche, wo dieser Sieg errungen, wo unser ganzes Volk geeint in G'tteserkenntnis ist, wo I^eai und Wirklichkeit nicht mehr im Kampfe liegen. In solcher Zeit mag ruhig der Geist den Hochflug nehmeil und forschend und grübelnd in alle Geheimnisse der Weltorienlicrung, des Wesens G'ttes wie der Unsterblichkeit Vordringen. Aber in einer Zeit wirtschaftlicher Uot, äußerer Entbehrung, verbunden mit innerer Zersplitterung und Zerrissenheit, wo der Menschengeist das blendende Licht der G'ttesnähe nicht erträgt, da heißt es: hütet euch vor den Gefahren der Lundeslade» hütet eure Begabungen, die Fähigen unter eurer Jugend, in denen die Leidenschaft stürmt, daß sie sich nicht zu weit vorwagen und an dem Feuer des G'ttlichen verbrennen. Träger der Lade sein, zu den Löhnen des Kchos sich zahlen, ist gefahrvoll. Dem scheint aber jene andere Deutung der Weisen zu widersprechen, die an die große S e g e n s v e r k ü n d i g u n g : „Ich will wandeln mitten unter euch," so anknüpfend sagt: „Ich ergehe Mich mit euch im Gan Eden wie einer der euren, und ihr zittert nicht." Cs kann dieses Wort nicht auf das Jenseits sich beziehen, denn der ganze Segen bezieht sich auf das irdische Volk und den irdischen Menschen. Cs kann nur heißen: so nah steht ,iw3rr no b's T>nnsi2?»$> „Die Söhne Israels taten alles, wie G'tt es Mosche geboten, so lagerten sie bei ihren Fahnen, so zogen sie jeder nach seinen Sippen, bei seinem Väterhaus." Und unsere Lehrer inerten hier an: onoo am nisrn oit>v nVk nr bv nr joopn vn kVc laba fb'tos am .10 „Hier wird dem Israel des Wüstengeschlechtes die Anerkennung gezollt, daß sie vom Geiste der Einmütigkeit beseelt waren und daß auch kein Makel der Abstammung sie belastete." Das hat sich auch in der Folgezeit an Israel zum Segen erwiesen. Wo unser Volk um sein Heiligtum kreiste, waren die herrlichsten Familientugenden in seinen Häusern heimisch und erwiesen sich dieff als Stätten des Friedens und der Eintracht, die den stürmenden Gewalten der Widersacher trotzten und sich als sichere Burg gegen alle Feindseligkeiten bewährten. Diese Erkenntnis ist und bleibt unser Hoffnungsanker in allen unseren Kümmernissen. Unser Heiligtum ist uns geblieben. Wo wir auch lagern und wohin jüdisches Schicksal uns führt, wir haben die Unterpfänder der g'ttlichen Liebe, um die wir uns scharen, an denen wir uns aufvichten, um im Tragen und Ueberwinden unsere Kraft zu erproben. Nutzen wir ja die Zelt und lernen wir aus unserer Geschichte. Bleiben wir uns unseres Eigenwertes voll bewußt, daß ein jeder in Israel sich zu den „alten Zeichen" bekennt, die unsere Dauer und Ewigkeit verbürgen. nanu ■’by -ibxn, „Seine Fahne, die über uns schwebt, ist die Liebe." Diese Fahne hoch und in Ehren zu halten, das ist unsere Aufgabe, die wir am Sinai übernommen, uns zum Heile und der ganzen Menschheit zum Segen. Der.Tag wird kommen, an dem die Völker alle des Pfalmisten Aufforderung beherzigen: nnsi non ivbx 133 o owrrn ba inirov d’u io n hu iVVn .oi>i5i> n „Preiset den Herrn all ihr Völker, rühmet ihn alle Nationen, denn mächtig über uns ist seine Huld und die Treue des Herrn ist ewiglich. Lobet G'tt!" Die Liebe und Wahrheit mäßen schließlich triumphieren, das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Wochenkalender vom 27. Maibis 3. Juni 1933 vom 2. — 9. Siwan 5693 ] W rp I W03' Samstag Mai 27 2 HD '1 Pis 13103 Sonnrag 28 . 3 30 ]• nVaan >3 Montag 29?io 4 30 Dienstag 30 5 10 i myjv 3->? Mittwoch 31 6 no 'K 01' 011 mj?3BT Donnerstag 3un 1 7 10 '3 CT» Freitag 2 8 TO 3N 110 rr Samstag 3 9 no o 'X pia XV3 Zigarren Wolf Zeil “SIW Tel. Hansa 2793 27930 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S.Schach» It o w ttzj ebenda. —Jfuv die pädagogische Beilage: Lehrer L. K auf mann, tu Sprendlingen w. — Verlag oes Israelit und Hermon (0. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. Auch hierfür bietet uns unsere Gcschichtc mannigfache interessante Belege. Ich brauche nur an die ungeheuren Kämpfe um die Philosophie des Mai - m o n i b c s und um die Ideenwelt Mendelss o h n s zu erinnern, wo auch Unzählige ihrem Drängen zu den letzten Geheimnissen und Wcltgestaltungen zum Opfer sielen, und wo unsere Großen Dämme aufzurichten sich gezwungen sahen, damit die Kinder des Kehos nicht zugrunde gehen. Auch unsere Gegenwart bedarf der gleichen Mahnung. viele der früheren genannten jüdischen Kamen, die gewaltsam das g'ttliche Feuer hiueiutrugcu in die Menschheit» sind zum Kampfruf der Geschichte geworden und haben über unser Volk dadurch Rnheil aus Unheil gehäuft. Unsere Jugend ist noch heute allzusehr in Gefahr, sich die Flüge! zu verbrennen, sich selbst und ihr Judentum dadurch zu verlieren. Darum ist dieses Wort der beste Auftakt zum kommenden Feste der Offenbarung, eine hohe Mahnung zur Sclbstbefcheiduug, mit Vorsicht an das große G'ttesgefchenk heranzügehen, das unseres Lebens Vorbedingung'und Gehalt ist! Wenn unsere Zeit, in der die Fragwürdigkeit aller Existenz uns Menschen so tief in die Seele geschrieben wird, ein Gutes hat, so ist es die Erweckung eben dieses Bewußtseins, das uns demütig wandeln lehrt im Angesichte G'ttes. Die jüdische Existenz ist nach dem Midrasch ein wanden! auf schmalem Pfade zwischen zwei Abgründen, dem Abgrund des Feuers und dem Abgrund des Eises, aber einem festen, sicheren Pfade, der nicht unter uns zerbricht» der uns davor bewahrt, in den Abgrund rechts oder links abzustürzen. Diesen schmalen Pfad allen zu weisen, sie zu warnen vor den Abdründen, die dem Abweichenden drohen, ist unsere höchste und heiligste Pflicht. Das Wandeln auf di Fein Pfade bedeutet aber nicht» daß uns bis zuletzt der Einblick in die hohen Lebensprobleme versperrt sein soll, nein, bist du den Pfad zu Ende gewandelt, „dann magst du dich im Gan Eden ergehen, ohne zu zittern." „Dann wird sich dir G'tt offenbaren in Seiner Herrlichkeit, und Auge in Auge wirst du schauen, wenn G'tt heimkehrt nach Zion." 8? : 1 fi r h, .'Z 'i’V\

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.