Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1933)
- Date
- 1933-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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iß}} Seite 2 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 193s Die nächsten 'Nummern des „Israelit" erscheinen: )7r. 22 am Dienstag, den 30. Alai 1933. Jtr. 23 am Donnerstag, den 8. 3uni 1933. Thora und Lebenssicherheil. „Ich will wandeln mitten unter euch." „Ich ergehe Mich mit euch tm Gau Eden wie einer der euren, und ihr zittert nicht." lSifti) Du sprach G'tt zu Mose und Aron wie folgt: Lam nicht zugrunde gehen den «stamm der Familien des Kehos inmitten der Semiten. Daraus der Midrmch: Der Lewrten gibt es nur wenige, denn die Lade zehrt sie aus, so wie es heißt: Es kann mich der Mensch nicht schauen und leben bleiben. Einst aber lviro G'tt sich offenbaren in »seiner Herrlichkeit, und Auge in Auge werden sie schauen, wenn G'tt heimkehrt nach Zion. Dichter und Denker baden als das Grundeciebiüs 'der Gegenwart den Eoö erkannt. Während glücklache chriedenszeil den Menschen ganz mit dem sähen Gefühl des S c b e n s infinite, wo der Eoö nur wie eine ferne Wolke am Porizcnt, wie ein leiser Schauen in der .L’icbi'fitiic dee sonnigen Lebens erschien, hat sich unserer Zeit der Eoö in seiner ailbeherrschenden Tracht gewissermaßen als Witteipunkl alles Erlebens ausgedräirgi. In den wriegchahrcn sah man ihn in den brechenden Augm der sterbenden Krieger, hörte ihn in dem Swhnen aber d reatnr, krümmte sich unter ihm als der schaurigen Geißel der ellenschheit. Der äußere chriedensschlust bedeutet aber nicht, das; der Uri eg zu Ende ist. Dur maskiert, nur mit geschlossenem Di st er, nicht ohne weiteres keirntlich, geht der Erreg nach wie vor durch die Lande. Der Mensch ist wie der Dünger des Feldes werrlos geworden, entwürdigt durch Duilger und Arbeitslosigkeit, haltlos .immer den Tod vor 'Augen. Stand er früher mit beiden Füßen auf dieser wohlgcgründcten runden Erde, so bat er beute das entsetzliche Gefühl, als wenn ihm der Soden unter den Füßen entzogen wäre. Sein ganzes S e i n i ft i h m fragw ü rdig g e w o r d e n. Wie sein Leben und die phvsische Existenz unter dem drohenden Aspekt der Weltlage ihre innere Sicherung eingebüsit haben, so ist ihm auch gedanklich seine Existenz wankend geworden. Alles Sem ist „Sein zum Tode". von diesem Punkt als der wahren Tatsächlichkeit des Lebens frosten die philosophischen Denker ab hinaus auf das Meer der Fragen und Probleme, von hier aus suchen sie, eine neue Weltorientierung und Lebensgestaltung unserer Zeit zu geben. wie ist es mit der jüdischen Existenz? Wenn man den erschütternden Klageruf im pijut der Omerzert liest, die herbe Verzweiflung über den Tod > der Gemeinden in den Krenzzügen, wo man Kind und i Greis, ,Raob,inen und Ungelehrte wie das Vieh lstn- I schlachtete, darin könnten jene Schreckenserlebnisse i woh! glauben machen, das; auch Thora und Tod zussämmen gehören, das; auch die jüdische Existenz eine j Existenz zum Tode sei. Und da kommt unser Textstwort und scheint diesen Eindruck zu bestätigen. „Die l heilige Lade," sagt der Midrasch, „zehrt ihre Träger auf. Der Lcroitcn gibt es nur wenige, weil sie .immer vom Tode nmdroht, von der Gefahr des Traun umlodert waren." Das klingt zunächst ganz unfaßbar. Wir sind so sehr gewöhn-, die Thora als L eh r e d c L C edens , als -die Danneckn des Todes zu iciiiicn und zu nennen, da.si wir erstwrowen zuruckfahren. Reißt es nicht: „wer Wich findet, findet das Leben? Ern Baum des Lebens ist sie für die, die daran sc schallen; grade die sich von ihr Fennen, liebelt den Tod." ium soll plötzlich die Lade es fein, die Tod bring! und ihre Träger durch ihre Rahe und Gefahr uwnüger werden lässt als au-c übrigen? Tin forch-barer Ernst klingt jedenfalls aus diesen Worten. Ein Spiel, ein sanftes Ruhekissen ist die Rrügion nicht, Auch das Iudentran macht unsere Existenz fragwürdig. j Darin steckt eine der großen Paradoxien der RejUgkii. 0 i e gibt den; Leben Sicherheit, j i ii d c m s i e es fr a g w ü r d i g m a ch t. Sie ge- Dvährleistet das Leben., in.dem sie ihm scheinbar seine iebcrbeit nimmt. Wessen Existenz ist fragwürdiger: Des 'Alleinstehenden oder des Verheirateten? Dessen, der zahlreiche Rinder zu ernähren hat oder des Kinderlosen und Kinderarmen? Der Schein spricht dafür, als ob derjenige am gesichertsten durchs Leben gebt, den nicht die Sorge und die Verantwortung für viele andere Wesen nicdcrdrückt, der nicht jedeit Bissen vielfach mit anderen teilen must. Und dennoch ist der Kinderreiche, mit dem „Mühlstein" der Familienvcrsorgung belastete viel fester im Leben verankert, viel gesicherter gegen alle Stürme der Vernichtung. Wessen Existenz ist fragwürdiger: dessen, der den Sabbat entweiht oder die des Sabbat-Pallenden? Dessen, der durch die Speisegesetze sein Leben erschwert und verteuert oder seines Widerpart? Auch hier immer wieder die gleichsinnige Erscheinung, das; je fragwürdiger die Existenz, desto innerlich gesicherter ist sie. Unsere jüdische Volkscxistcnz insgesamt ist die fragwürdigste in der Reihe aller Völker und gerade deshalb die unüberwindlichste, die ewige, die allein gesicherte. von hier aus fällt ein erstes Licht auf die Selfamkeit jenes Midrafchwortes. Je höher jemand auch innerhalb Israels selbst steht, um so mehr steigert sich für.ihn die Gefahr; es wächst die Fragwürdigkeit des Daseins mit der Stufenleiter des Religiösen. Je näher du der Vollendung entgegenschreitest, desto näher bist du dem Tod, der Gefahr, desto haltloser scheint deine phvsische Existenz. „Die, die G'ttes nächsten Umkreis bilden, sind von Stürmen mächtig umtobt." Willst du zu den Söhnen des Kehos, zu den Trägern der Lade gehören, wisse, das; die Lade ihre Träger ausreibt, das; der Lewsten wenige sind. Und nicht nur die äußere Existenz wird gefahrenreicher, auch die innere Problematik des Lebens, die Konflikte, die Schwere der Entscheidungen, der Stellungnahme zu den Kräften und Mächten des Daseins wachsen ins Unermeßliche und bedrohen das schwache Dasein des irdischen Wrenschen. So ergibt sich als nächste einfache Deutung unseres Textes: „Lasset nicht zugrunde gehen die Famü.ic des Kehos!" Wo immer in Israel Menschen zu dieser pöhe sich, emporschwingen, Träger und j-ckünder des Gesetzes zu fein, legt ihnen keinen Stein | in den Weg, vermehrt nicht noch die Gefahrenquelle) Sie sie umdroht. Wie oft ist,iu Israel, nicht minder wie in der gesamten rNenschheit, jenen, die auf denl verhälrgnisvollen, gefahrenreichen Grat des Lebens w andelten, die Verständnislosigkeit, die Trägheit und der Widerstand der Menge zur Ursache ihres Sturzes geworden! Kat doch Mosche selbst, durch sie verbittert, an den paderwassern sein Lebensw erk beenden müssen. Tausendfach klingt.gerade in der Krisis der Jetztzeit die Klage an unser Ohr, das; Israel führerlos irre, das; besonders der Rabbinerstand, die Lehrer der Thora, die Träger der Lade, nicht mehr der Schmerzcnskarawane Israels in der Wüste des Exils voranzögen. Es rächt sich darin btiter, das; man mehr als ein Jahrhundert lang die kraftvolle Selbstentfaltung und die entscheidende Führcrstimme der Rabbinen zu unterbinden versucht bat, das; sich Laien und verwallungskörperschaften zu ihren Vormündern vorg'edrängt haben, so das; je und jc die starken Persönlichkeiten, die echten Führernaturen, von diesem Amte sichabwandten und es vorzogen, in anderen Berufe;? tätig zu fein als politische und gesellschaftliche Agitatoren, um in unserem oder fremdem Kreise die bessere Möglichkeit des Sichauslebens zu finden. Die Wenigen, die dennoch die Fahne ergriffen, wurden durch Drohungen und aufgezwungene Rücksichten zermürbt, ihr Wort vom Geschrei der Gasse übertönt, ihre amtliche Wirksamkeit auf Rebengebiete abgeöcängt, ihre Gedanken und Ratschläge bagatellisiert und hochmütig abgetan. Die innere und äußere Gefahr wurde gerade für den selbstbewußten, aufrechten Rabbiner bis ins Unerträgliche gesteigert; die Gemeinden von Gewicht und Einfluß sperrten ihm um des Wluts seines Charakters willen, eben wegen seiner Führerqualitäten ihre Tore. Wenn daher unsere Gegenwart zur Selbstbesinnung sich aufrafft, so gilt hier vor allem die Warnung: lasset nicht aussterben die Söhne des Kehos, die Männer, die wirklich wegü£S3Üg Israels Zählung und Lagerorduung. Von Rabbi nee De. M. Lewin in Hamburg. In der Regel ist es der Sabbat vor dem nura», an dem wir mit der Verlesung des vierten Buches beginnen. Da werden wir, die wir mit unseren Gedanken bereits zum Feste der Gesetzgebung hineilen, durch manches Sidrohwort an die unendliche Gnade G'ttes erinnert, der uns in seitter großen Liebe und treuen Fürsorge als sein auserwähltes Volk geschützt hat, wie "unna in der Wüste, so auch durch unsere ganze Vergangenheit. Mit einer Zählung beginnt das Buch. Warum fordert G'tt hier die Zählung? Sollte etwa die Zahl der waffenfähigen Mannschaft festgestellt werden? Galt es Kriege zu führen und Eroberungen oorzubereiten? Mit Nichten, ätvm nj-b i'isb?nan Tm Weil G'tt Israel liebt und ihm diese feine besondere Liebe zu Vewußtsein bringen will, läßt er es immer wieder zählen und jetzt besonders, 1NV2V mivpb U2V2'da er ihnen sichtbare Zeichen für seine Nähe geben will. Ein kleines, schwaches Volk ist das von G'tt berufene Israel. Welche Widerstandskraft hat es aber bekundet in all den mannigfachen Stürmen, die über sein Haupt hinweggegangen, seitdem es als G'ttes Volt in den Kreis der Völker singstrstsnl Da gilt in seiner ganzen Kraft und Bedeutung das Wort, das G'ttes Liebe besingt: U'3? irins’ ifmia’ lnaaao'» pp’ bb' nnrai nana xirra in«2w „Er fand es im Lande der Wüste, in der schauervollen Oede der Wildnis, er umhegte, umringte und beschützte öS wie den Apfel seines Auges." Oft genug wurden wir gezählt von einer feindlichen Umgebung, wenn wir uns stark glaubten inmitten der Anderen und sorglos hineinlebten in den Tag, wie er gerade kam, ohne uns an unserer Aufgabe und Bestimmung zu orientieren. Diese Zählung erwies sich denn auch als Gnade G'ttes, sie führte zur Selbstbesinnung und Einkehr, daß wir dann wieder wurden, die wir sein sollen, Pfadweiser zur G'ttesfurcht und Opferfreudigkeit, Künder von Wahrheit und Menschenliebe' Wir werden, wenn wir so unsere Geschichte zu lesen und zu deuten versuchen, auch für unsere Zeit mit all ihren Sorgen und Kümmernissen den Trost suchen und finden, wie er aus dem Bewußtsein quillt: inTao> tone?' n ib nna.apzv rs, „Ja, Jakob hat G'tt sich erwählt, Israel zu seinem besonderen Volke." Diese Note, die uns als Juden abstempelt und heraushebt, bringt uns schließlich dahin, daß wirs voll beherzigen: imb bnnv' -»ja -am anas jv>a!> nnsa *ii>rt by ü’k ,vm bnrrb a’ao „Jeder bei feiner Fahne, bei den Abzeichen ihres Vaterhauses, sollen lagern die Söhne Israels, gegenüber rings dem Zelt der Gegenwart lagern sie." Ein schönes Midrcrschwort erschließt uns den Sinn dieser Lagerardnung. -rrffn 'arrl-va mbaa irw'V ns n"apn aan nTia nan „Besondere Liebe G'ttes war es, daß er die einzelnen Stämme sich um ihre Fahnen scharen hieß, den Engeln vergleichbar" innvb pvnv ’:ai pixi -oa pia^a vn'v ’aa* „daß sich die Söhne Rubens als solche zu erkennen gaben, und ebenso die Söhne Simeons." Jeder Stamm hatte seine Eigenart und entsprechend dieser seine Ausgabe und Bestimmung. Gerade in dieser Mannigfaltigkeit wurzelte die Kraft und die Schönheit der Gesamtheit. Sowie jeder der Himmelsboten, ein jeder Engel seinen besonderen Dienst zu leisten hat. wie die Himmlischen neidlos jeder an seiner Stelle von seinem Orte aus G'ttes Ruhm und Ehre verkünden, so sollten Israels Stämme mit der Verschiedenheit ihrer Aufgaben G'tt verherrlichen und ihrem ganzen Volke dienen. Nur die Landschaft strahlt in Anmut und Pracht, in der Berg und Tal, Wald und Flur abwechseln. So falls auch im Garten der Menschheit sein, in der niemals Gleichartigkeit Segen sichern kann. Darum sollten dieeinzelnen Stämme ihre Eigenart in Treue und Pietät wahren, um mit ihrem Eigenwertigen dem Ganzen dienen 5x1 können. Aber, so heißt es dann im Midrasch, trüiern y>i zmrck n^ma m’ny matt ‘ist*» ^nnni .*»»» •?»» •»»». Mose fragte voller Sorge: wird nicht nun Streit ausbrechen unter den Stämmen? Wenn ich ihnen ihre Lagerstelle anweise, werden sie sich wohl zufrieden geben? ntn naaa qb pa'12 ps an -\b risas na ns?a ,nvab n"apn n'i> nas- 1» i'vav onb v-> naa» nan vrvbv unna ■»rs inm-i pmaa p pxsavnrr is'j?» in»» ns isnnnro ova ornatt npsr „Da entgegnete G'tt Mosche. Laß deine Sorge. Siekennen selber ihre Stelle. Bon Jakob ihrem Vater haben sie die genaue Rangordnung. Wie sie einst sich um seine Bahre gruppierten, so werden sie sich um das Heiligtum scharen." In Israel darf es keinen Neid und keine Eifersucht geben. Alle sollen sich von der gleichen Vergangenheit getragen fühlen und der vollen Verantwortung sich bewußt sein, die ein jeder für die Gesamtheit trägt. An welcher Stelle wir uns auch lagern, wir sind am rechten Platze und an heiliger Stätte, wenn im Mittelpunkte unseres Lagers die heilige Lade steht, die heilige Wohnung steht. Diese soll der Sammelpunkt aller Stämme sein, ihr soll die Sorge und das Sehnen der- Gesamtheit gelten. Die heilige Schrift erzählt uns nachdrucksvoll: ff'tnpoa fti ombaib iw za ns>a nrr 't ninas!>aa i-rrnv' ’ia BB