Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 20 Der 3 s t a e li t 18. Mai 1933 Ghellomauer wird wieder anfgevichtet, die w i v ein* gerissen oder zusainmengeschossen haben ..." „Wenn nur durch die offenen Türen nicht jener Windstos; toinint, der das kleine innere heilige Licht auslöscht/' sorgte sich, der Rabbi. „Dieses im Hellen Tageslicht der Freiheit zu erhalten, wird Sache und Sorge der Rabbis sein. Ü n s e r e dNission ist, Schranken abzutragen„ Licht in dunkle Gassen zu leiten ..." „Unsere Geschichte wird euch Dank dafür wissen. Wir aber werden auch die Prüfung der Freiheit auf uns nehmen und uns auf stc einfteltcn. Ts wird nicht leicht sein ..." Reiner ahnte in dem eleganten Herrn, der das Rabbihaus verliest, den Wann, der ein paar Wochen früher über Rabbi Mosche zu Gericht gesessen hatte, dessen Urteilsspcuche einer Gemeinde fastend und betend wie einem Schtcksalsworte für die ungarische Iudenheit entgegenzitterte . . . Der plötzliche Friede nach langen Rriegsjahrcn stellte die Menschen vor neue Aufgaben, erforderte neue Umstellungen, die nicht ohne Erschütterungen abgingen. Das Gold schwand infolge der Rriegskosten aus der Staatskaffe in dem Waste, wie sich die Banknoten mehrten und das Land überfluteten. Das Ausland nahm sie nicht inehr in volle Zahlung und inanchc Länder setzten ihren Wert auf ein Fünftel des Rotninalbetrages herab. Das bedeutete deit Ruitt vieler jüdischer Rauflente, die groste Ausstände hatten und nun die gelieferte gute Ware' mit schlechtem Gelöe bezahlt bekamen oder umgekehrt Schulden ans Ausland fünffach zu entrichten hatten. Cs häuften sich neue Prozeßakten in der Besdinstube von Rabbi Mosche Sofer zu Bergen. Anfragen kamen aus allen Enden der Donaumonarchie. Rabbi Mosche arbeitete Gutachten aus. Das Staatsgesetz war zu respektieren . . . 'Aber darüber hinaus gab es eine Moral, einen Din, ein jüdisches Rechtsgefühl . . . Konnte das Staatsgesetz mehr Kraft haben als eine klare Vorschrift der Thora? Eine klare Vorschrift der Thora lautete wohl, dast man im siebenten Jahre die Schulden nicht eintreibe. Und dennoch wusste eine Verordnung Hilels, nicht eine zusätzliche, sondern interpretierende, dein Gläubiger die Ausstände auch im Crlastjahre zu sichern. Man diente in erster Reibe dem Schuldner, iitdem man die Interessen des Schuldherrn wahrte, „auf dast nicht dem Entleiher die Türe versperrt wird," sagt Talmud. Also hatte man je nach Lage der Dinge, über das Staatsgefetz hinaus, jüdisch und menschlich, nach Recht und Billigkeit zu handeln, ab und zuzugeben . . . Rachts weckte der einzige christliche Freund des Rabbi, der treffliche Anton Schmidt, Druckereibesitzer und Ratsherr — der mit Genehmigung Rabbi Mosches den Talmud druckte und dem auch die Drucklegung der ersten Hefte des „Ehatam Sofer" Vorbehalten war — aus dem Schlafe. Eines jener Gutachten, für auswärts bestimmt, sei heute auf der Post angehalten und beschlagnahmt worden. Offenbar Denunziation vonseiten eines Mannes, der sich benachteiligt glaubte. Cr, Schmidt, habe es von feinem Freunde, "dem Postmeister, erfahren. Man könnte in jenem Entscheide in Form eines Sendschreibens eine Auflehnung, Aufforderung zur Mistachtung des Währungsgesetzes erblicken. Möglicherweise würde sich der Rabbi vor der Behörde zu rechtfertigen haben. Er möge auf der put und gerüstet sein ... Die Vorladung liest nicht lange auf sich warten. Und nun lernte Rabbi Mosche, zum ersten Male, mit den Herren des Bezirksamtes eine Response durch, lernte mit Zuhilfenahme von Gmoro, Tossafot, Ascheri, Maimoniöes und Ehofchen Mischpat, mit allem Zubehör und in aller Tiefe, sezierend, haarscharf und reinlich scheidend zwischen dem, was' starres Gesetz befiehlt und dem, was höhere Moral diktiert. Er lernte gut und wirkungsvoll. Denn nicht nur der Rabbi, auch das Gutachten wurde freigegeben und konnte gleich von Anton Schmidt in Empfang genommen werden, um als Rümmer 58 in die im Drucke befindenden Refponsen zu „Ehofchen Mischpat" eingereiht zu werden. (Fortsetzung folgt.) Kochrezepte für die fleischlose Küche. (ZMkgeieNt von der Jüdischen haushallungsschule, Frankfurt a. 21t., Lucie Caquet.) Die fleischlose Küche kann ein durchaus vollwertiges Essen liefern. Es kommt darauf an. Hauptbestandteile des Fleisches, Eiweiß und Fett durch aridere Nahrungsinittel zu ersetzen und die Extraktivstoffe, welche bei gebratenem Fleisch den besonderen Geschmack Hervorrufen, durch andere Nahrungsmittel vorzutäuschen. Den Sättigungswert des Fleisches, der durch dis lange Verweildauer des Fleisches im Magen bedingt ist, erreichen Hülsenfrüchte und grobes Brot; diese beiden Nahrungsmittel sind dem Fleisch ihres hohen Züllftoffsgehalts wegen doch nicht gleich zu fetzen. Auch hat ihr Eiweihgehalt nicht die gleiche Vollwertigkeit wie die des Fleisches. Nur die Sojabohne enthält vollwertiges Eiweiß nebst Lecitin, ist aber kein Fleisch-, sondern ein Ei-Ersatzmittel, auch geschmacklich durchaus nicht dem Ei oder Fleisch entsprechend. Andere Fleisch-Ersatznahrungsmittel sind Fisch, Käse, Eier. Gedämpfte Seezunaenrollen. 3 Pfund Seezungen werden mit einem scharfen Messer vom Gerippe gelöst, die erhaltenen Fischstücke werden % Stunde in 6 Eßlöffel Milch gelegt. Sodann werden sie mit 1 Eßlöffel Salz und 1 Eßlöffel Zitronensaft eingerieben und von der Spitze an fest zusammengerollt. Eine Auslaussorm oder feuerfeste Platte wird mit 80 Gramm Butter bestrichen und die Fischrollen hineingelegt. Darüber gibt man 1 klein gewiegte Schalotte (Zwiebel), 2 Eßlöffel geriebenen Käse, 5 Eßlöffel Rahm, 2 Eßlöffel Wein, 1 Eßlöffel gewiegtes Weißbrot, legt die übrige Butter darauf und läßt das Fischgericht in gut heißem Ofen 28—30 Minuten dämpfen. Zur Verfeinerung kann man anstelle von Schalotten seinverwiegte Champignons und etwas Madeira verwenden. Schellfisch, gedämpft mit.Tomalenbeiguß. 3 Pfund Fisch werden nach dem Putzen gehäutet, 1 Eßl. Salz, Prise Pfeffer, Saft einer Zitrone darüber geben und eine Stunde kalt stellen. Eine feuerfeste Platte wird mit Butter bestrichen, der Fisch nebst 50 Gramm Butterstückchen, 1 geriebene Zwiebel und Vs Ltr. Weißwein hineingelegt und zum Dämpfen '30 Minuten in den heißen Backofen gestellt. Sodann gibt man einen gut durchgekochten Tomalenbeiguß aus 30 Gramm Butter, 60 Gramm Mehl, 1/4 Ltr. Tomatenmark, XU Ltr. Suppengrünbrühe darüber und läßt diesen in sehr guter Hitze nochmals 10 Min. überbacken. Quarkauflauf. 65 Gramm Butter, 1 Ei, 3 Eigelb, 100 Gramm Zucker schaumig rühren, 2—3 Eßl. Mehl und Reibbrot dazu geben, % kg Quark durch ein Haarsieb geben und mit Vs Ltr. Milch, 30 Gramm geriebene Mandeln, 30 Gramm Konnten dazu geben, Zuletzt 3 Eiweiß zu steifem Schnee schlagen und die Masse in der Auflaufform "/»Stunde überbacken. Apfelsinenfpeise mik Quark. 1 kg weichen Quark wird gut verrührt mit 1 abger. Apfelsinenschale, Saft von 3—4 Apfelsinen, etwas Zitronensaft, 100 Gramm Zucker, 1 Prise Salz und 3 Gramm Agar vermischt und abgefchmeckt. Man richtet die Speise in einer Glasschale an und verziert mit Apfelsinenscheiben. Bad Orb, die Perle des Speffark. Es rückt die Zeit heran, da der eine oder der andere, der es leider haben muß, sich vor die Frage gestellt sieht: wohin dieses Jahr? Die Verhältnisse zwingen, weite Reisen, allzugroße Kosten. Grenzüberschreitungen mit den damit verbundenen Formalitäten usw. zu vermeiden. Da taucht u. a. aus den Wäldern zwischen den Bergzügen des Spessart Bad Orb lockend und einladend hervor. Es erübrigt sich, die vielen Naturschönheiten des lieblichen Orbtales, denen sich die badetechnischen Einrichtungen so zweckmäßig und unter Vermeidung von großem Komfort harmonisch anpassen, zu schildern. Ob man auf der Kurhausterrasse im Schatten der uralten Bäume ausruht, oder sich in der Platanen allee im Kurpark ergeht, ob man sinnend vor der Blumeni n s e l am Weiher steht, oder dem Rausche des Wasserfalles im Parke lauscht, ob man tief atmend über die Holzgestelle der Saline holpert oder sich gar mit Kennerblick die niedlichen Bürgerhäuschen aus dem 16. Jahrhundert ansieht, überall die gleiche Tendenz, überall die gleiche geruhige innere Geschlossenheit und wohltuende Harmonie eines Badeplatzes, der nicht den Ehrgeiz hat, mondän zu sein, sondern in stiller Bescheidenheit Dienst an der Menschheit leistet. Alles, Natur und Kunst, streben dem einen gemeinsamen Ziele zu, dem Menschen in der Bedrängnis seines Körpers und seiner Seele, der sich hierher flüchtet, die Ruhe, die Kraft und die Nerven wiederzugeben, die er für den schweren Kampf in elf Monaten des Jahres braucht. Was für den jüdischen Kurgast als Plus hinzukommt, das ist die Tatsache, daß sich in Bad und Stadt Orb eine wohlorganisierte jüdische Gemeinde befindet, die mit ihrer schönen Synagoge, in der täglich G'ttesdienst in alter frommer Weise ab geh alten w ird, wie mit all ihren anderen jüdischen Einrichtungen ihm alle von Haus aus gewohnten jüdischen Lebensmöglichketten bietet. Sodann aber findet er im Hotel Ä d l e r ein wahrhaft gastliches Heim, in dem ihm alles in höchstem Maße geboten wird, was er zu seiner Erholung braucht: Ruhe/ vortreffliche Verpflegung, aufmerksame Bedienung, bei Preisen, die sich der Zeit möglichst anpassen. Das Orbtal und das Bad insbesondere bilden eine wahre Ruheinsel jenseits allen politischen Getriebes. Man atmet die würzige Luft in Gemeinschaft mit angenehmen, lieben Menschen, die auch ihrerseits Ruhe und Erholung suchen und sie anderen gönnen. Unter den einheimischen Bädern, die man erst recht dieses Jahr berücksichtigen soll, müßte auch Bad Orb in erster Reihe genannt werden. Semestereröffnung in Montreux. In seiner Eröffnungsrede am 30. April konnte der Leiter Gäste aus Amerika, Holland, Frankreich, Deutschland und der Schweiz begrüßen. Deutschland ist sin diesem Semester mit 25 Schülern :— die zum Teil auch die Hochschule in Lausanne besuchen — vertreten. Auch die Schweiz hat wiederum eine stärkere Truppe von Lernbefllfftnen — aus Zürich, Basel, Luzern, und Burgdorf — geschickt. Schwere Sorgen vermag der Leiter der Jeschiwoh gehabt haben, bis dieser große Tag des. „Barmizwoh- Semesters" des Semesters der geistigen Reife, gefeiert werden konnte. Wieso es trotz der materiellen Krise gelingen muß, in dieser bitterernsten Zeit 50 Bachurim zu erhalten, das ist eben jenes Wunder, von dem unsere Weisen sagen: mnms im on mm1? und dieses Wunder wirkt sich ewig auf den Jeschiwaus aus. Je mehr Not, desto größer der Aufschwung der Lehrstätten. Die Jugend kehrt heute in Scharen zur Thora zurück. Der Präsident der Israelitischen Religionsgesellschaft in Zürich, Herr Viktor Barth, ergriff im Namen der anwesenden Eltern das Wort, um dem Leiter der Jeschiwoh und dessen Gattin seinen wärmsten Dank für die gastfreundliche Aufnahme auszudrücken. Herr Barth sprach in ehrenden Worten von der Aufwärtsentwicklung der Jeschiwoh in Montreux, deren segensreiche Wirksamkeit er immer mit großem Interesse verfolge. Diesen Worten schloß sich auch Herr Max Lang aus Zürich an. Hierauf begab man sich in die Aula der Jeschiwoh, um der Eröffnungsdroschoh des Rofch Jeschiwoh zu folgen. ' Derselbe führte aus, daß der Zahl dreizehn besondere Bedeutung zukommt. So wie in geistiger Hinsicht die Lernregeln des Talmuds auf dreizehn Grundpfeilern des Rabbi Jschmoel basieren, so wirkt in ethischer Hinsicht die Zahl durch die „Schlausch esre Midaus" durch die 13 Gnadentitel der Barmherzigkeit des Allmächtigen. Auch dieses unser dreizehntes Semester soll sich in geistiger und moralischer Hinsicht als „Varmizwohsemester" erweisen. Wenn wir nun schon 350 Schüler in unserer Jeschiwah großgezogen haben, so kann man fortan nicht mehr sagen, daß die Talmudhochschule in Montreux keine Existenzberechtigung habe. Die Jeschiwoh gehört heute zum jüdischen Lebensquell der Schweiz, insbesondere wenn man bedenkt, daß nun schon ca. 100 Bachurim allein von der Schweiz in der Jeschiwoh ausgebildet wurden, von denen auch nicht ein Einziger der Parole der Jeschiwoh untreu geworden ist. Dies ist doch das größte Aktivum für die Schweizer JudenheM Das heutige schwere Leben schilderte der Rofch Jefchiwo an Hand der Agadaerzählung von der vermeintlichen Ruheinsel, die die Wanderer beinah ins Meer warf, als sich der Fisch dahinter zu regen begann. Wir haben unser Schiff preisgegeben um fremder Kulturen und fremder Ideale willen, bis wir jetzt plötzlich sehen, daß' der Boden unter-unseren Füßen wankt. Nach all den furchtbaren Enttäuschungen der letzten Zeit möge unsere Jugend, die da von den fremden Kulturstätten hinausgestoßen wird, die Augen öffnen und erkennen, wohin sie gehört, /x'W> vnv m-wirrn ^».solange wir das '*nizr> jmv zu unserem Leitmotiv und zu unserem Lebensideal machen, solange werden wir unter dem Schutze des 'sie?' imv bleiben. Mit einem zündenden Appell, sich dieses Varmizwohsemesters würdig zu erweisen, schloß der Rofch Jeschiwoh seine Droschoh, die bei allen Anwesenden tiefsten Eindruck hinterlassen hatte. Mit einem Pilpul über den ersten Perek im Traktat Bobo Mezioh begann das eigentliche Semester. Bei dem gemütlichen Zusammensein sprachen dann noch die Herren Stawisky, Newyork, Dr. Ascher, Vex les Bains, Simon E p st e t n, Freiburg, Halpern, Zürich, der Montreuxer Jeschiwohdozent Hamburger und Herr Vogelsinger, Montreux. Allvertraute, liebliche Gesänge klangen auf die Straße hinaus. Kühlklare Abendluft umfing die Gäste der Jeschiwoh. Aus dem Lichterglanze jubelte es ihnen nach „Ki lekach tauw nofati lochem, taurofi al taasauwu". ph—d. (Bibliographie des jüdischen Buches.) Im L. Sänger Verlag, Frankfurt a. M.. beginnt in Kürze eine Merteljahrszeitschrift. betitelt „Bibliographie des jüdischen Buches", zu erscheinen. In der Zeitschrift werden alle Erscheinungen des jüdischen Schrifttums aller Sprachen und Länder systematisch erfaßt. Von jedem Werke werden nicht nur die bibliographischen Notizen, sondern auch eine exakte Inhaltsangabe gebrächt, da oftmals aus dem Buchtitel allein der wissenschaftliche Charakter desselben nicht klar erkennbar ist.. Der Bezugspreis der Zeitschrift beträgt halbjährlich Mk. 5.—.