Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton. Icr’^olif ßr-20 Beilage JL'Cl JSI dclll_mr Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Es tarn der Tag des Gerichtes. Die Vorsteher Salman Bernau und Mendel Lwow waren schon vorher in Wien und in Umstadt. Zehntausend Gulden hatten die Liebe und Sorge um den teuren Rabbi aufgebracht. Die zweite Rüstung funktionierte gut. Viele Türen, viele Fenster, viele Pforten, auch viele Herzen konnten damit erschlossen, viele Räder in der großen Maschinerie geölt werden. Bernau wie Lwow waren mit ihren Beziehungen und ihrer Weltgewandtheit die richtigen Männer am rechten Platz. Bis zur höchsten Stelle, zu den Männern des Gerichtes und dem obersten Gerichtsherrn, reichten aber all diese Interventionen nicht. Hier mußte die erste Waffe, das Gebet, vielleicht auch die letzte^ der Verteidigungskampf, es schaffen. Dahin konnten den Rabbi, auch seine preßburger Freunde nicht begleiten. In einem Saale der Burg saßen im Halbkreise die Richter in scharlachroten Mänteln, ihrer jeder hatte einen blanken Degen in der Hand. Zwölf Männer waren es mit harten Gesichtern, deren menschliche Züge mit einer erbarmungslosen Unerbittlichkeit wie mit einem Stahlpanzer zugedeckt waren. Am Kopfe des Halbrundes saß der Oberste als Vorsitzender des Gerichtes, in Generalsuniform mit vielen Oröen und Ketten behängen. Vor dem Richtertische stand Rabbi Mosche, in einer ihm selbst unerklärlichen Ruhe und geradeaus blickend, zum obersten Gerichtsherrn hin. Vielleicht nur, um mit dem Blicke den blinkenden Schwerten auf beiden Seiten zu entgehen, denn dieser oberste Richter war waffenlos, er war der einzige, der mehr Würde und ausgleichende Gerechtigkeit repräsentierte, als Strenge. Daß sich sein Blick in ihn so einbohrte, mochte wohl auch dem Richter nicht entgehen. Auch er musterte den Rabbi von oben bis unten, als wollte er ihm auf den Grund des Herzens blicken. Dann aber wandte er ganz plötzlich das Gesicht ab, sah ins Leere, sprach ganz unpersönlich, wie in die Luft hinein, als unterhielte er sich mit einem unsichtbaren Geiste. „Ihr seid angeklagt, ehrwürdiger Rabbi," — ja, Rabbi Mosche hatte recht gehört, er.sagte „ehrwürdiger Rabbi", — „einem Waffenhandel zum Schaden der Franzosen Vorschub geleistet, ihnr gewissermaßen eine rabbinisch-gerichtliche Sanktion erteilt zu haben. Was habt ihr zu eurer Rechtfertigung zu sagen?" Mt ganz kurzen, aber ungernein klaren Worten erklärte Rabbi Rio sche den Sachverhalt, ohne etwas zu verschweigen oder hinzuzufügen. Es fei seines Amtes als Oberrabbiner Recht zu sprechen in jeglicher Streitigkeit zwischen den Parteien. Cr hatte nur zu prüfen, wer bei dem Handel im Rechte war und wer wen benachteiligt hatte. Die Grundlage des Streithandels zu untersuchen, hatte er weder die Möglichkeit noch die Pflicht, noch das Recht. Sie sprachen von Eisen, und Eisen sei von jeher ein Gegenstand erlaubten Handels für Handelsleute. „Und wenn ihr die Art und den Ursprung des Eisens gekannt hättet?"' „Ich hätte dann meine Hand davon gelassen und den Parteien geraten, wahrscheinlich auch befohlen, sich nie wieder in solche dunklen Geschäfte einzulassen." „wißt ihr," leitete der Franzose unvermittelt über, „daß es zu den großen Plänen unseres Kaisers gehört, auch eine große Aktion zur Befreiung der Juden in der ganzen Welt önrchzuführen?" „Ist uns bekannt, aber wir haben die Verpflichtung^ für das Wohl des Landes zu beten und tätig zu sein, dessen Bürger wstc sind und das Wohlergehen der Macht, deren Schutz wir genießen. Ist es der Wille G'ttes, daß wir unter den Schutz einer anderen Macht kommen, so haben wir die gleiche Treue auch auf die neue Macht zu übertragen." Der oberste Gerichtsherr zeigte keine Reigung, bei dem Thema zu verharren. Aufmerksam musterte er noch einmal den Rabbi. Eine kleine Pause trat ein, als müßte er Tönen aus einer verklungenen Welt stille lauschen. Dann gab er sich einen Ruck und sprach klar und bestimmt, an die Richter gewendet, als verabschiedete er eine^ tägliche Angelegenheit. „Ich glaube, meine Herren, der Fall ist geklärt und erledigt, wir brauchen uns nicht dabei aufzuhalten. Ich kenne diese Rabbis und 5icfc Sprache, kenne auch die Juden und ihre 2lrt. Ich spreche wohl in aller Kamen, wenn ich dem ehrwürdigen Rabbi meine Entschuldigung ausspreche und unser Bedauern/ daß wir ihn hierher bemühten." Die - Gerichtsherren steckten die Schwerter in die Scheide und erhoben sich. Die Sitzung war beendet. Draußen im Korridor wollten Bernau und Lwow dem Rabbi unter Tränen die Hand küssen. Er aber zog rasch die Hand zurück und fiel ihnen um den Hals. Vor dem Portale stellte aber ein Diener den Rabbi. Der militärische Gerichtspräsident ließe den Rabbi für ein paar Worte in fein Privatkabinett bitten. Drinnen saß ,nun Rabbi Mosche in einem bequemen Sessel. Auf dem Kopfe, von dem er den Zobelstreimel genommen hatte, saß die runde Samtkappe über den graumelierten Haar- und Lartwellen wie eine schwarz leuchtende Krone. Der hohe Gerichtsherr sah eine Weile wortlos und verklärt in das helle Gesicht. Dann reichte er dem Rabbi die Hand. „Ihr kennt mich nicht inehr, Monsieur Sofer, oder wie maneuch wohl jetzt betitelir muß, hochwürdäger Rabbi der Iuöenbeit?" „viel Ehre, hoher Herr, ich bin nur der Rabbiner einer Gemeinde, die zu mir hält." „Und daß auch ich zu eurer Gemeinde gehöre, Rabbi, habt ihr scheinbar längst vergessen?" Rabbi Mosche bohrte wieder sprachlos feinen Blick in das Gesicht des hohen Militärs. Etwas hatte sich in feinem Gehirn, in feinem Herzen, in feinem Gedächtnis aus tiefer Versenkung in Bewegung gesetzt und rollte rasch heran. Aber bevor noch diese Erinnerung ihr Ziel erreicht hatte, verbeugte sich der andere lachend. „Pauli de Montfort!" Dem stutzig dastehenden Rabbi streckte sich eine schöne edle Hand aus einem goldbetreßten Aermel entgegen. Der Rabbi schlug ein. „Welche Fügung!" stammelte er betroffen. „(Eilte sonderbare Fügung," bestätigte der Gerichtsherr. „Und dabei doch so einfach und so natürlich, daß ich wiederum au ein Wort in jener Mainzer Stunde bei der rauchenden Petroleumlampe im Hause von Jacob Hahn denken muß. „Eine Kette von natürlichen Begebenheiten, die wundersam ineinandergreifen, sind im Ganzen das große Wunder des Lebens." Denn was wäre da an sich so verwunderlich? Ihr wart Scholast, Jünger der jüdischen Wissenschaft, und seid also großer Rabbi'geworden. Ich war Leutnant und Student der Rechtswissenschaft, so bin ich zum militärischen Richter aufgestiegen. Krieg bricht aus, der alle Völker und Menschen durcheinanderwirft und mich, wie soviele ändere, unverdient auf den Gipfel meines Metier hebt. Ein Mißverständnis bringt euch vor die Schranken des Kriegsgerichtes, und so treffen wir uns als Richter und Angeklagter wieder. Das Ganze ein Wunder des Lebens, aber auch ein Akt der ausgleichenöen Gerechtigkeit, an die wir Franzosen glauben, trotz Krieg und Blut. Eine G'ttesfügung meinetwegen, wie ihr es nennt." Kaum hatte Rabbi Mosche die Fassung wiedergewonnen, als er schon über sich hinaus, an die anderen denken mußte. An das Wort von der Gerechtigkeit konnte ec gleich anknüpfen. Durfte eine solche G'ttesfügung unausgenutzt bleiben, nur ihm allein dienlich? Ob nicht auch die Anklage gegen die Händler, Ober- ' breit und Korn, auf einem ähnlichen Mißverständnis beruhe? „Das leider nicht," sprach wieder der Richter zum alten Freunde. „Die Tatsache des An- und Verkaufs der Waffen ist bewiesen. Aber es ist Krieg, und der Handel ist euren Juden hierzulande sehr erschwert. Ich werde die Verteidigung, wie ich sie für die Juden im Elsaß unter vielem verstehen und Verzeihen im Konvent führte, auch für diesen Einzelfall gelten lassen. Sie werden unter Berücksichtigung der Lage dem Scharfrichter entgehen, aber Strafe muß sein." Sic schieden in Freundschaft voneinander. Als einige Tage darauf — in preßburg wurde ein kleines stilles Freudenfest gefeiert — ein Wagen vor dem Rabbinerhaus vorfuhr, dem ein elegant gekleideter würdiger Herr entstieg, und der Rabbi all die Schüler und Freunde fortfchickte, um mit dem Herrn eine Stunde allein zu verhandeln, munkelte man in der Gemeinde allerlei über die Persönlichkeit des vornehmen Herrn und den Zweck des Besuches. 2lber Genaues wußte nur Rabbi Mosche, der darüber nicht sprach. Einmal entfuhr ihm nur im Lchrhause, da er eine Erklärung seines Lehrers Rabbi Rosson wiedergab, das m^stmwH Wort: „Dieser Rabbi Rosson war ein Heiliger, der in die Zukunft sah und in all seinen Handlungen, auch den alltäglichsten, von höherer Eingebung geleitet war. So erfuhr ich erst nach vierzig Jahren-den wahren Grund, warn in er mich in jungenIahre tt f ü r e i n i g e Z ei t n a ch Ma i n z s ch i ck t e ..." xxv. Letzte Aussprache. vier Wochen später — an den Fenstern der jüdischen Häuser grüßten die Ehanukalichter — zogen die Franzosen aus dem Lande. Die Geschosse schwiegen und von allen Kirchtürmen herab kündeten die Glocken für dieses Stück Erde den Frieden an. Beim Abschiede vom Rabbi meinte Montfort halb im Scherze, so leichthin. „Ihr könntet, verehrter Rabbi, mit uns gehen. Ich würde euch dem Kaiser vorstellen, und bei den Zentralisationsbcstrcbungen Napoleons auch in Iudeufacheu hätten wir an euch den rechten Obcrrabbiner von Frankreich, vielleicht den Oberrabbi des Welljudeutums." Darauf Rabbi Mosche, ebenfalls leichten Tones: „Wir Iuöeurabbis pflegten unsere Qhitovität nicht aus der Gnade der Kaiser und Könige, sondern einzig vom alten G'ttesgesctze und dem Vertrauen der Gemeinden zu beziehen." 2llso wieder diese Sprache, dieser unbegreifliche Stolz, den Montsort noch aus der Mainzer Scholasteuzett gut kannte. Erstaunlich, wie einheitlich und geschlossen die Linie dieser Männer bleibt, dachte'er mit tiefem Respekte. „Ihr haltet nicht viel von den Weltpläueu Napoleons, Monsieur Grandrabblu?", fragte der Franzose. Und um dem Rabbi die Beantwortung dieser peinlichen Frage zu ersparen, sprach er gleich weiter: „Eigentlich auch ich nicht. Wir Franzosen sind ein etwas überhitztes und überspitztes Volk. Was wir tun, geschieht mit einer Verve, die weit über das Ziel hinansschießt. Machten wir eine Revolution, so mußte sie mit der Guillotine gemacht werden und in eine Iakobiuerherrschaft ausarten. Kam die R e - a k t i o n , so trug sie bald eine Kaiserkrone und rüstete sich zu einem Alcpanöcrzugc. Das ist einmal so unsere 2lrt und unser Schicksal. 2lber aus den drei Sternen der Revolution und dem Eisen des napoleonifchen Kraftwillens zusammen wird das neue, bessere Frankreich entstehen. -- „Und noch eines, mon ami! Wo die französischen Geschosse oder die Fackel der Freiheit einmal hineingelenchtet haben, — wie es auch ausgeht — da wird kein Platz mehr für das Mittelalter sein. Keine