Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1933)
- Date
- 1933-05-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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11. Mai 1933 Der Israelit Nr. 19 Seite 11 Gebieten des Lebens den Stempel des Fremdseins ausdrückt! Mitleid erfüllt unser Herz mit den Brüdern, die gleich uns in die kalte Fremde hinausgestoßen sind, und diese warme Heimat im G'tteshause, im Sabbat, im Gebet, im Thorastudium, in der freudigen religiösen^Pflichterfüllung nicht, noch nicht haben. Voller Liebe und Wehmut gedenken wir, noch angesichts der aus dem Schreine gehobenen Thorarolle, '„der Brüder, die ja auch dem Haufe Israels angehören, und umgeben sind von Rot, und Gefangenschaft." 'rrtzm mxa D’nni.i' die bei aller Not noch eingefangen sind in Anschauungen und Illusionen, ohne die Kraft auszubringen, sich zum jüdischen Lichte zu befreien. Ja, dieses rv>3 11M8 r Wir beteten es all die Zeit und dachten daboi, — wenn wir uns überhaupt etwas dabei dachten — an die fernsten Gegenden. Ts ist für uns ein nagelneues Gebet geworden, ganz aus dem Leben für den Tag geschaffen, dieses rpriK« Beten wir es richtig! Die von Rabbi Schimeon in den Vätersprüchen gewünschten v'iiinn beginnen schon mit dem 11X1' das die Wersen dem Achtzehngebet angehängt haben. „Hüte meine Zunge! . . und ’3V rma* In einer Zeit, da sich uns alle Türen und Tore verschließen, öffnen wir weit und breit die Pforten unseres Herzens Deiner Thora, Deinen Geboten. Und wir erleben das Wunder der Erlösung — zunächst in uns selbst. Und müßten wir dabei auch ein wenig zurücktreten — nicht drei Schritte, sondern um drei Jahrhunderte zurückgeworfen werden, so wissen wir doch, daß hoch oben der Wcltenmcister ist, der 'iVtf ,121p l'2ilv> der die weltharmonie aufrecht erhält und sie nach jeglicher zeitlicher Störung wieder herstellt. Wo sich Großes vollzieht, da werden sich auch die Liebe und der Friede bald wieder einstellen. Und >in dieses Bild der Wellharmouie gehört auch der Friede für und über Israel hinein. Wer wollte, der nach diesen kurzen Anweisungen und leisen Andeutung je gebetet, noch behaupten, er hätte nur alte Gebete gebetet?! Ainderecke. Gleichnisse zu Sfiroh. l. In einer alten Sammlung jüdischer Minhagim (Bräuche) lesen wir folgendes Gleichnis: Tin Fürst kam hoch zu Roß dahergerittcn. Dü hörte ec einen Hilferuf aus der Tiefe. Cr sah hinab. Da lag ein Mann in einer Grube, dem Ersticken nahe. Sofort warf ihm der Fürst ein Rettungsseil hinab, daran der Gefangene in der Grube sich festklammerte. Bald war er heryufgezogen. Run aber erkannte der Fürst in dem Geretteten den Sohn eines früheren guten Freundes. Cr beschloß, ihn in seinen Palast zu nehmen, mit Thren zu umgeben und mit Aemtern zu betrauen. Zur Zeit war aber der Gerettete durch den langen Aufenthalt in der Tiefe, durch Hunger und Entbehrungen in so elendem Zustande, daß er einer gründlichen Erholung bedurfte, bevor er in den fürstlichen Palast treten konnte, um sich seiner ehrenvollen Aufgabe zu unterziehen. Sieben volle Wochen dauerte der Heilprozeß. Der Verunglückte sah seiner Genesung entgegen, und das, was später noch seiner harrte, beglückte ihn so sehr, daß seine Gesundung dadurch beschleunigt wurde. Abend für Abend, wenn der Tag verstrichen war, verzeichnete er mit Freuden den abgelaufenen Tag und jubelte: „Run habe ich mich um vlnen Tag mehr meinem Ziele genähert. So und so viele Tage und Wochen sind hinter mir, so und so viele Tage habe ich noch zu warten, bis ich vor den Fürsten, meinen Wohltäter, treten darf, um mich in seiner Nähe zu sonnen ..." So geschah es auch mit Israel. Tief gesunken war Israel in Mizrajim. Es kam nun der König der Welt und zog das gesunkene Israel ans Licht, erkannte es'als würdigen Nachkommen seiner alten Freunde, der Erzväter Abraham, Isak und Jakob. Im g'ttlichen palaste war schon Platz und Arbeit genug für diesen Fürstensohn. Aber eine kleine geistige und körperliche Erholung mußte erst vintreten. Sie dauerte genau sieben Wochen, entsprechend den sieben Reinigungstagen für den Unreinen, der sich zu entsühnen hat. Aus dem Wege von Mizrajim zum Sinai erfolgte diese Heilung, diese innere Reinigung. Da freute sich Israel gar sehr, wenn es sich mit jedem abgelaufenen Tag immer dem Sinai ein wenig näher wußte. Und so ist die Sifro entstanden. Und Jahr für Jahr, seit Jahrtausenden, erleben wir in den Tagen und Wochen zwischen dem Feste des Auszuges und dem des Sinai die alte Sehnsucht und die alte Freude Israels in uns wieder. Wir zählen und zählen, die Tage und die Wochen, bis wir nach abgelaufener Zählung das Fest der Gesetzgebung feiern dürfen, oder, um mit unserem Gleichnis zu sprechen, mit der heiligen Thora in den königlichen Palast zu seinem heiligen Dienste einziehen dürfen. II. Der bekannte Dubner Maggid, der für alle Dinge in Lehre und Leben ein gutes Gleichnis hatte, erzählte seinen Hörern, um die Moral der Sfiro ihnen klarzumachen, folgendes Gleichnis: Zwei Wanderarme gingen durch die Lande. Einer war klug und erfahren, der andere leichtfertig und nur auf die Stunde bedacht. Sagt der Einfältige zu dem Klugen: „Sieh mal her, wie reich ich bin. Ich habe die Taschen voller Münzen." Und dabei klapperte er mit den Münzen, um zu zeigen, wieviel er auf seinen Lettelgängen eingenommen und wie reich er sei. Darauf der Kluge: „Es sind klejne winzige Kupfermünzen nur von geringem werte, die deine Taschen füllen, wenn du dich so reich dünkst, so rate ich dir, in die erste Wechselstube zu gehen und diese Münzen in Scheine umzuwechseln, wirst dann sehen, wie sehr dein Reichtum zusammcnschrumpft." Der Andere befolgte den Rat, ging in die nächste Wechselstube, und siehe, es war ein kleiner winziger Schein, für den er all seine Kupfermünzen hergeben mußte. Er wußte nun, wie arm und besitzlos er in Wahrheit war. Genau so geht cs auch uns Menschen, solange wir nicht zählen und einwechseln. Stunde 'olgt auf Stunde, Tag auf Tag, Woche auf Woche und ein Jahr ist lang. Ach wie endlos lange ist doch das Leben! Da hat es noch lange Zeit, Vernunft anzunchmen, so glauben die Jungen und die Uner- 'ahrenen. Darum kommt die heilige Thora und befehlt uns, die Jahre festzuhalten in „Schmitto" (Iahriebent), ans Schmittos einen Iobal (50 Jahre) zu machen, wieviel bleibt uns bei diesen großen Einheiten noch vom Leben übrig? Zehn Schemittaus nach dem bekannten biblischen Wort, kaum ein und einhalb Iobal. Cs ist nicht so viel Zeit zu verlieren. Darum heißt es in den Psalmen: „Unsere Tage zu zählen tue uns kund, auf daß wir —, gleich — ein weises Herz gewinnen . . ." . Darin ist letzten Endes auch der Grund für das Omerzählen zu suchen. Gin neues Büchlein für die Kinder. Wer von Euch, liebe Kinder, einmal die hübschen Aufsätze von Hermann Seckbach gelesen hat, dem wird es eine Freude sein, zu vernehmen, daß Euch dieser Verfasser jetzt ein schönes Büchlein von 67 Seiten mit 16 anmutigen Erzählungen geschenkt hat. Cs ist nicht einmal ausgemacht, daß Hermann Seckbach bei der Abfassung dieser Schilderungen gerade an Euch Kinder gedacht hat. Auch Erwachsene werden , sie mit Vergnügen und Nutzen lesen. Denn auch Ihr habt es doch wohl schon gemerkt: Man ist längst davon abgekommen, K i n ö e r l i t e r a t u r so zu machen, wie man etwa kinderspielzeug anfertigt. Man schreibt gut und schön und rein, dann ist es für die Kinder gerade gut genug. Es sind reine und schöne Stückchen, die uns Seckbach vom Leben im Schloß Grüneburg, von den kleinen Sorgen, Leiden und Freuden jüdischer Kinder zu erzählen hat. Und alles fließt aus einem Herzen voller Liebe für die Menschen, für das Kind. Ein Mann im Dienste der Liebe und im steten Kampfe gegen das Elend in jeder Form spricht aus reicher Erfahrung. Man liest die Sachen mit Spannung, und lernt was dabei! Das Büchlein trägt den Rainen „Der Seder auf Schloß Grünebnrg" und ist beim Hermon-verlag, Frankfurt a. M. zum Preise von 6V Pfennig (im hübschen Einband Mk. 1.—) zu beziehen. Personalien. Oberrabbiner Josef Aehemja Kornitzer, der Krakauer Raw Krakau, 7. Mai. Wie ein Blitz schlug die Nachricht ein, daß der hochgeschätzte und allbeliebte Krakauer Raw, Rabbi Josef Nehemja Kornitzer. abberufen wurde. Im Alter von erst 52 Jahren wurde uns dieser biniP’a 1>i*m und Führer nicht nur der galizischen Juüenheit, in schwerer Zeit so plötzlich genommen, daß wir in lähmendem Schmerze vor dieser erschütternden Tatsache stehen. In wenigen großen Zügen seien hier Bedeutung und Lebensgang des Krakauer Raw gezeichnet: Rabbi Josef Nechemja Kornitzer war ein Nachkomme von Rabbi Akiba Eger und des Ehatam Sofer. Sein Vater, Rabbi Akiba Kornitzer, war der Schwiegersohn von Rabbi Simon S o s e r, dem Sohne des Ehatam Sofer, der ebenfalls viele Jahre in Krakau wirkte und vor nun genau 50 Jahren zu Grabe getragen wurde. In der Zwischenzeit bekleidete der Vater des jetzt verstorbenen Raws die Stelle eines Rosch Bes- Din in Krakau. Rabbi Josef Nechemja Kornitzer war ein Lieblingsschüler des großen Satmarer Raw, Rabbi Jehnda G r ünwald, der stets voller Bewunderung über die Fähigkeiten und das Zidkus seines Schülers war. Biele Jahre^wirkte Rabbi Josef Kornitzer als Nachfolger seines Schwiegervaters, Rabbi Pinchas Ehajim Klein in Sevlus, wo er eine große Jeschiwah unterhielt. Bor ungefähr acht Jahren erhielt er dann den ehrenvollen Ruf nach Krakau, dem er sich nicht verschließen konnte, obwohl ihm die Atmosphäre der Großstadt an sich nicht behagte und obwohl es stets sein Wunsch war, im kleinen Kreise zu lehren. Unter großer Begeisterung hielt er feinen Einzug und erwarb sich rasch die Sympathien aller Krakauer Juden. So hat denn auch sein frühzeitiges Ableben tiefste Trauer in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Krakaus ausgelöst. Der Krakauer Raw zählte zu den wenigen rabbinischen Persönlichkeiten, die sich durch die Harmonie ihres Charakters und ihrer Taten, ihrer Gedanken und ihrer Worte, ihres Aeußeren und ihres Inneren unbestrittene Autorität errangen. Eine nach jeder Richtung hin ausgeglichene und vielseitige Persönlichkeit ist mit ihm dahingegangen. Seine große Gelehrsamkeit, seine grenzenlose Bescheidenheit, gepaart mit jüdischer geistiger Aristokratie und Menschenliebe, seine Bescheidenheit, seine Hilfs- und Opferbereitschaft, sein lauterer Charakter prädestinierten ihn zu jener großen Führerpersönlichkeit, die er war und die sich einer unbeschreiblichen Beliebtheit im Kreise der Gemeindemitglieder und außerhalb dieses Kreises erfreute. Er verstand es, eine absolute Prinzipienfestigkeit mit einem gründlichen Verständnis für die Vorgänge in der Außenwelt zu verbinden. In religiösen Dingen war er von unnachgiebiger Strenge und im Verkehr mit seinen Mitmenschen von grenzenloser Liebe. So wurde denn Rabbi Josef Nechemja Kornitzer der große Krakauer Raw, der in aller Welt, und insbesondere bei seinen rabbinischen Kollegen, das größte Ansehen und die größte Hochachtung genoß. Die Bestattung fand noch vor Sabbateingang statt. Zehntausende aus Krakau und der nächsten Umgegend, darunter viele angesehene Rabbiner und Abordnungen, umstanden in tiefem stillem Schmerze die Bahre. Auch die Spitzen aller Behörden waren vertreten. Die Herren Rabbiner Bleicher, Krakau, W e i d e n f e l ü , Dombrowa und Weidenfeld, Trebinja hielten die ersten ergreifenden Hespedim. In der Nähe der letzten Ruhestätten von Rabbi Simon Sofer und Rabbi Akiba Korritzer erhielt ihr heimkehrender kongenialer Nachkomine ein Ehrengrab. Hier nahmen der Sohn, Rabbiner Schmelke Kornitzer und der Schwiegersohn, Stadtrat H. Eisenstadt, in tief bewegten Worten Abschied vom großen Vater. Zuletzt würdigte nach der Präsident der Krakauer Kultusgemeinde, Dr. Raphael Landau, die Verdienste des Heimgegangenen Rabbi um die Krakauer Gemeinde. Sämtliche jüdischen Geschäfte der Stadt waren während der Trauerkundgebung, die sich von 1 bis 6 Uhr hinzog, geschlossen.