Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1933)
- Date
- 1933-05-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Weste«. Erzählung aus -er Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Der Erzherzog war ein jovialer älterer Herr, der eine einfache, natürliche Volkstümlichkeit liebte und sich für sein Leben gern mit klugen Rabbis unterhielt. Dieser Rabbi in seiner stattlichen Erscheinung und - sauberen Gewandung gefiel ihm ganz besonders. Cr batte übvigens vom preßburger Oberrabbiner schon so mancherlei gehört, auch von der Treue der ungarischen Juden zu den Habsburgern. Es war ihm sogar bekannt, daß Rabbi Mosche der von Rapoleon versprochenen Emanzipation sehr skeptisch gegenüberstand und sie als Danaergeschenk ansah, denn die Zeitungen hatten darüber geschrieben. Eine halbe Stunde sprachen sie über Krieg und Frieden, Franzosen und Oesterreicher, undin dieser halben Stunde hatte Rabbi Mosche, indem er auf alles einging, keine Minute das Hauptziel, das Cinzelschicksa*, von dein er ausging und das der Erzherzog als Bagatelle immer wieder beiseite schob, aus dem Auge gelassen. „Ihr Rabbis," lachte der hohe Herr, „seid vom Stamme der Propheten. So sagt uns denn, wie wird die Sache mit Rapoleon ausgehcn?" „wir beten für den Sieg der Habsburger, und indem wir beten, wissen wir, der g'ttliche Beistand ist ihnen sicher. Wir Juden sind dem Königshause so sehr zu Dank verpflichtet ..." „was welche von euch nicht hindert, den Feind mit Proviant zu versorgen, und ihre Rabbis nicht abhält, sich für diese Halunken einzusetzen, das; ihr kostbares Leben erhalten bleibe." Der Erzherzog sagte es mehr amüsiert, aus Freude am Disput, als im Tone einer Anklage. Die Ueberlmtung auf den speziellen Fall griff der Rabbi freudig auf. „Aber mein Klient ist unschuldig und sein Rabbi wünscht nicht seine Rettung, sondern nur gerechte Untersuchung, aus Achtung vor den österreichischen Waffen, denen nicht der Makel unschuldig vergossenen Blutes anhaften darf." Der Heerführer zuckte mit den Achseln. „wir stehen mitten im Kriege, da kommt es schon auf ein paar Tropfen mehr oder weniger Blut nicht an. wer kann jeden Einzelfall genau prüfen? wir haben anderes und besseres zu tun." „In unserer alten Bibel," erwiderte der Rabbi, „ist eine Verordnung enthalten über ein ü a l b - opfer, das die Alten der Stadt unter besonderem Bekenntnis bringen mussten, wenn ein Toter vor den Toren der Stadt gefunden wurde und man nicht wusste, wer ihn erschlagen hatte. Der vorhergehende Abschnitt bandelt vom Krieg, der nachfolgende Abschnitt ebenfalls vom Krieg. Hier Krieg, dort Krieg, und dazwischen ein Ungenannter, Unbekannter, dessen Blut unschuldig vergossen wurde. Das erheischt Opfer, eine Sühne. Ein deutscher Jude aus dem vierzehnten Jahrhundert, Rabbi Jakob Ascheri, genannt „Baal Haturim", ist es, der auf diesen Zusammenhang und die höhere Kriegsmoral hinweist." Das schien dein bibelkundigen Erzherzog ausnehmend gut zu gefallen. Cr holte sich sogar die große Bibel vom Regale herunter und liest sich die Stelle aufschlagen. „wer bürgt für die Unschuld des Angeklagten?" fragte er unvermittelt, als gehörte es noch zum Kapitel des Kalbopfers. „Ich selbst, auf Grund seines Bekenntnisses, wir vom rabbinischen Gerichte haben es gelernt, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Der mitverhaftete Agent könnte, wenn er bei der Wahrheit bliebe, bezeugen, daß Robert Tokew nicht wissen konnte, für wen der Weizen bestllmnt war." Kaum hatte der Rabbi den Palast des Erzherzogs verlassen, als ein Befehl des obersten Kriegsherrn erging, die Exekution aufzufchieben. Rach zwei Tagen wurde Robert Tokew aus der Haft entlasten. wenn in späteren Jahren Rabbi Mosche Sofer bei seiner Arbeit zum Wöhle seiner Brüder in Ungarn, auch in seinem Kampfe gegen den Abfall oft genug die Hilfe der hohen und höchsten Behörden in Wien anrufen musste, war es der reiche und wegen seiner Frömmigkeit, hohen Bildung und Wohltätigkeit hochangesehene Vorsteher Rüben Tokew, — der Robert war vergessen — dee kraft seiner weitreichenden Beziehungen dem Rabbi alle Wege ebnete und alle Türen erschloß. XXIV. Vor dem K r i e g s g e r i ch t e. In Ruhepausen zwischen Schlacht und Schlacht ging das Leben im Lehrhause, im G'tteshause, im Geschäfte weiter. Es wurden in der Besdiu-Stube Gerichtsverhandlungen abgehalten, Streitigkeiten ausgetragen, geschlichtet und gerichtet, nach Recht und Gesetz. Gar merkwürdige Streithändel kamen jetzt vor das rabbinische Tribunal, die man früher nicht kannte, und Rabbi Mosche musste sich ,in Dinge und Materien vertiefen, von denen in keinem Buche der alten und neueren Lehre eine Spur zu finden war. Zwei angesehene Kaufleute, Mordechai Oberbreit und Gumperz K o r n , langjähriger Teilhaber, kamen in Hader wegen einer Cisenlieferung nach Budapest, was das für Eisen war, woher eg kam und zu welchem Zwecke, in welcher Form es in ganzen Lastwagen nach der ungarischen Hauptstadt verschickt wurde, darüber schwiegen beide. Cs war das einzige, das Schweigen über diesen Punkt, worüber beide Parteien einig waren. Sonst warfen sie -sich so allerhand gegenseitig an den Kopf. Gumperz Korn behauptete, sein Partner hätte beim Einkauf aufs Papier mehr gebracht als in die wagen, womit er, Korn, jetzt zu Unrecht belastet werde. Wohingegen der andere, Obcrbreit, gegen Korn den Vorwurf erhob, dast er in Budapest bei der Ablieferung weit mehr eingenommen hätte, als in den Büchern stehe, zudem noch die guten überall gangbaren Goldgulden in die Privattasche wandern ließ, und ihn, den treuen Teilhaber, mit Papieren abgefunden hätte, deren Kurs inzwischen so gesunken sei wie die Moral seines früheren Freundes und Teilhabers. Es war ein recht verzwickter Fall, von Eisengeräten, über deren Form, Verwendung und Herkunft man nicht spricht, wie von Papieren, die steigen und fallen, war im Ehosche Mischpath und in den späteren Dezisoren nicht viel die Rede. Man musste Analogien anstellen. Man vertiefte sich in die Frage „Recht oder Unrecht" und vergaß darüber den harten und dennoch so zart mysteriösen Gegenstand des Streitfalles. Dieser ging auch schließlich das Lesdin wenig an. Wer hatte reckt im Streite, wer hatte wen betrogen? Das war die Frage. Wahrscheinlich jeder jeden, und von hier aus fand sich für den weltklugen Rabbi Rlosche ein weg aus dem Gestrüpp: halb Recht, halb Schlichtung. Und endlich hatten beide Parteien das vom Oberrabbinate Unterzeichnete schriftliche Urteil in der Hand, in dem die Grenzen ihrer Ansprüche» im Ganzen zu beiderseitiger Zufriedenheit, festgelegt waren. Solche prozeßverhanölungen waren jetzt an der Tagesordnung, und Rabbi Mosche reizte die neue Materie. Die Akten, die er bei solchen Verhandlungen für sich, für sein großes Responsenwerk, anlegte, waren mit souveräner Beherrschung der gesamten einschlägigen Literatur ausgearbeitet, gültig und bündig für alle späteren Fälle, die aus dem Schwanken der Dinge und der Umwertung der menschlichen werte in Zeiten des Krieges und der Verwirrung geboren sein sollten. Auch der Franzosenkrieghatte dem Manne, dem alles Leben Lehre und alle Lehre Leben war, neue wichtige Blätter zu seinem Lebenswerke geliefert. Zu Sommerenöe schwiegen die Kanonen, der Krieg ruhte. Ein Waffenstillstand auf unbegrenzte Zeit bot den Menschen eine Atempause, in der sie ihre frühere Existenz notdürftig wieder aufrichten konnten. In den Straßen preßburgs leuchteten die bunten französischen Uniformen, die Rabbi Mosche an seine Lehr- und Werdejahre in Mainz erinnerten. Die Gemeinde war nach und nach heimgekehrt, die Ieschiwa in ihrem alten Heime wieder eröffnet. Ilm Rosch Haschono-Feste war aber das Schicksalsgebet des „Unssane Tokcf" ein Gebet der Gegenwart, „wer wird leben und wer wird sterben, wer sein Ende erreichen und wer vorzeitig von dannen gehen, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch das Schwert und wer durch Hungersnot?" Denn noch war Krieg im Lande, noch stand die Stadt unter fremder Herrschaft, und die Juden besonders, denen der Handel beschränkt, Aus- und Einfuhr unterbunden, vielfach der Existenzbodeu entzogen war, mußten noch überdies sehr auf der Hut sein, dem alten Herrscherhause die Treue zu bewahren, ohne gegen die Gesetze der neuen Herren zu verstoßen oder sonst deren Mißtrauen zu erwecken. Rabbi Mosche predigte, mahnte, gab Anweisungen, warnte mit deir Worten Vater Jakobs: „Lama titrau", gegen jedwede Auffälligkeit und Aufdringlichkeit in Wort, in Kleidung und Benehmen. Cr rief seiner Gemeinde die jesajanische Mahnung in die Herzen:. „Lech ami, gehe mein Volk, ziehe dich ln deine Gemächer zurück und schließe die Türen hinter dir, wgrie eine kleine wolle, bis vorüber ist der Zorn! .! Und der Zorn traf ihn selbst, den Rabbi. An einem Herbstmorgen, kurz nach den Feiertagen, wurde ein amtliches Schreiben mit französischem Siegel Rabbi Mosche überbracht. Cr habe am übernächsten Tage vor dem französischen Kriegsgericht zu erscheinen, was sollte der Rabbi vor dem Kriegsgerichte, wessen war er angeklagt und wovor batte er sich zu verteidigen? Tiefe Bestürzung trat in der Gemeinde beim Bekanntwerden dieser Vorladung ein. Sie betraf die ganze Gemeinde und mehr als diese. Eine dem Rabbi angedichtete Schuld wäre die Schuld der ganzen ungarischen, vielleicht auch österreichischen Iuöeubeit. Kriegsgerichte arbeiteten rasch und ließen nicht Spielraum für lange Untersuchungen. Jeder sah die Gefahr. Sofort begaben sich mit Eilpost die Vorsteher Salman Bernau und Mendel Lwow nach Wien. In Reustadt bei Wien hatte sich das französische Kriegsgericht ausgetan und konnte nach den Bedingungen des Waffenstillstandes Recht sprechen. Am zweiten Morgen kamen sie, ebenfalls nüt Extrapost, zurück und brachten Bescheid. Run wußte mau wenigstens, um was es ging. Die Situation wurde dadurch nicht erfreulicher. - Man hatte im französischen Bcsatzungsgebiete zwei jüdische Kausleuie ausgegrisseu, Mordechai O b e r b r e i t hieß der eine, Gumperz Korn der andere, die überall im Lande Waffen und Geschosse, welche auf den verlassenen Schlachtfeldern herumlagon, von Bauern gegen gutes Geld ein sammeln ließen und sie in großen Planwagen nach Wien und Budapest au die österreichische Macht lieferten. Oberbreit und Korn! Die Ramen waren Rabbi Mosche nicht ganz unbekannt. Cr erinnerte sich eines Prozesses, eines Din Thora vor seinem Besdin, wobei diese beiden Ramen als Parteien figurierten. Es war ein Cisenhanöel. was das für Eisen war, ging nicht aus jenen Prozeßakten, wohl aber jetzt aus der Anklageschrift des Kriegsgerichtes hervor. Blitzartig erfaßt.der Rabbi den ganzen Ernst der Situation. Auf Belieferung des Feindes vom besetzten Gebiete aus und Mithilfe dazu stand die Todesstrafe. In welcher Beziehung stand ec, der Rabbi, zu jener dunkler Angelegenheit? Die Vorstandsherren wußten Bescheid. Man hatte bei den Verhafteten Haussuchungen vorgenommen und dabei Schriftlichkeiten gefunden, die den Ramen des preß- - \ i t i-' '■ ---—