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Der Israelit · 1933-05-04 · Heft 18 (4.5.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 18 (4.5.1933)
Date
1933-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 18 Der Israelit 4. Mai 1933 werfen, „verzeiht, Rebbe, ick habe es verdient, bin glücklich, den Rabbi noch um Verzeihung bitten zu können und nicht mit der schweren Schuld von dannen zu gehen . . An der Stimme erkannte jetzt Rabbi Rlosche den Gefangenen. Robert, oder richtiger Rüben, Sohn des Hilel Tokew. „Wie kommt i h r hierher?" „Unschuldig, und dennoch mit schwerer Schuld beladen," stammelte der Gefangene tonlos, „von der Schuld, um derentwegen ich mein junges Leben lassen soll, weis; ich mich rein, aber genug der Todessünde anderer Art, habe ich, wie der Rabbi weist, auf mein Gewissen geladen. Mir haben einen gcosten G'tt, der Schuld ahndet zur rechten Zeit ..." „wessen werdet ihr angeklagt?" „Ich soll Getreide, Mehl und anderen Proviant an die Franzosen geliefert haben." „Habt ihr es -getan? Wir sind -allein unter uns und es must volle Wahrheit unter uns fein, wenn die letzte Reinigung, wenigstens vor G'tt, bewirkt werden soll." „Ich bekenne meine Schuld, aber kann sie nicht gröster machen als sie ist. Ich habe den Proviant an einen Mann verkauft, der keine Uniform, -auch sonst kein Zeichen seiner Zugehörigkeit trug und reines Deutsch sprach, von dem ich nicht wissen konnte, -daß er ein französischer Agent war. Ick bin dabei ertappt worden und man liest mir keine Zeit, mich zu rechtfertigen." „Und habt ihr beim Gericht die Sache nicht klären können?" „Cs hat sich erst gestern zugetragen und alles ging in Blitzeseile. Cs war auf der anderen Seite der Donau. Man zerrte mich sofort vors Kriegsgericht und die Verhandlung -dauerte nur wenige Minuten. Man liest mich gar nicht zu Worte kommen. Zum Tode durch den Strang! Der nächste Fall! ..." „Wie hättet ihr eure Unschuld beweisen können?" fing Rabbi Mosche an, nur um dem Hoffnungslosen die Genugtuung zu geben, von seiner Unschuld zu sprechen. „Cs gelten heute keine Beweise," sagte Tokew resigniert, „cs gelten nur noch -die Kugel und der Strick. Wie sollte ich -es auch beweisen?" „Ist der Makler, der französische Agent, der den Proviant übernommen hat, entkommen?" „Cr ist, glaube ich, auch gefaßt worden." „Wird er bereit sein, eure Angaben zu bestätigen?" „Vielleicht ja, vielleicht nicht. Cs ist zwecklos, betet, heiliger Rabbi, für mich, betet mit mir. Heute noch, zum heiligen Sabbat ... Ich -habe so viele Sabbate entheiligt ..." „Und wenn der liebe G'tt doch noch im letzten Augenblick ein Wunder geschehen läßt?" „Ich habe in der Todesangst meinen G'tt -erkannt, mich an ihn geklammert. Welch Wunder, er hat mich nicht zurückgestosten, er erhört mein Flehen. Cr hätte sonst den Rabbi nicht in meine Rot geschickt. Andere Wunder verdiene ich nicht, ich nicht." Rabbi Mosche betete mit dom Todgeweihten die letzten Gebete und schied von ihm mit einem Worte des Talmuds: ' „Wenn auch schon das geschliffene Schwert über -dem Halse des Menschen schwebt, gebe er nicht die Hoffnung auf g'ttliche Hilfe auf." „Cs ist zu spät," jammerte -der Gefangene. „Liber es war mir Heil widerfahren. Cin Cngel ist mir mit den; Rabbi in den letzten Stunden erschienen, um meine Rächt zu erhellen ..." Drausten im vorrauine warteten die zwei Män- , ner des Vorstandes mit den Sterbekleiöern, warteten , darauf, gleich noch vor Sabbateingang.die Leiche in! Empfang zu nehmen, um nach jüdischem Ritus zu ' bestatten. „Roch nicht," -befahl der Rabbi. Cin Wa-; gen war zur Stelle, der ihn zum palaste des obersten ' Kriegsführers der Donauarmee, -des Erzherzogs Karl, brachte. Bis zum Erzherzog selbst gelangte der Rabbi. , Seine ehrsurchtgebietende Erscheinung ebnete ihm überall den Weg, den Zugang. (Fortsetzung folgt.) - Kochrezepte für die fleischloseKüche. (IllifgefeUf von der Jüdischen haushaltungsschule, Frankfurt a. 2Jt.) 1. Pilzsuppe. y2 Psd. frische oder 30 Gramm getrocknete Pilze werden geputzt, gewaschen und in 40 Gramm Fett und % Zwiebel angedünstet, 60 Gramm Mehl dazugegeben und mit 1% Ltr. Suppengrünbrühe aufgefüllt. Die Suppe wird mit Salz. Rot- oder Weißwein abgeschmeckt und evtl, mit Ei oder Rahm verbessert. 2. Ueberbackener Blumenkohl. 1 großer oder 2 kleine Blumenkohle werden geschnitten, besehen, y, Stunde in Salzwasser gelegt und in Salzwasser, dem man eine Messerspitze Tomor zugegeben hat, fast weichgekocht. Dann gibt man die Stücke in eine feuerfeste Form und eine Tunke aus 40 Gramm Tomor oder Butter, 60 Gramm Mehl, SU Ltr. Blumenkohlwasser, Salz, Muskat, darüber, man kann die Tunte mit 1 Eigelb und 1 Eßlöffel Sahne verbessern. Zuletzt streut man 1—2 Eßlöffel Weckmehl, 1 Eßlöffel geriebenen Käse, einige Butter- oder Tomorflöckchen darüber und überbäckt ihn 40 Minuten im Backofen. 3. Apfelschnee. 2—3 Eiweiß steif schlagen, 50 Gramm Zucker und 2—3 roh geriebene Aepfel untermischen nach Belieben mit Johanmsbeer- oder Himbeergelee färben. Die geschiwoth von Telsch und Poniewiefch. Bon Stud. phil. Josef Oppenheimer. In der Welt sind bekannt der Poniewiescher Raw und die Telscher Jeschiwah. An dieser großen Popularität kann man vielleicht schon ersehen, daß von den beiden nun ausführlicher zu besprechenden Orten Pomewiesch sein Gepräge vor allem durch seinen m, Telschi vor allem durch seine na’®’ bekommt. Schon jetzt sei oorweggenommen, daß die Telscher na’®’ in ganz Litauen, auch in Poniewiefch. für Anfänger allgemein als die beste anerkannt wird. Folgende Nebeneinanderstellung soll versuchen, dieses Urteil zu begründen?) Die Telscher Jeschiwah wurde vor 50 Jahren gegründet von R. Elieser Gordon, dem Verfasser deriiy'bx'ain-ai®n' Als er 1910 starb, zog man dem weltbekannten R. Ehajim Brisker R. Elieser Gordons Schwiegersohn, R. Josef Löb Vloch, vor, einen außergewöhnlichen Mann, der nicht nur, wie selbstverständlich, aus talmudischem Gebiet eine überragende Größe war, sondern, was in dem kühlen Litauen besonders bemerkenswert ist, ein sehr tätiger Politiker war, das einzige orthodoxe Lehrerseminar, ein Mädchengymnasium, zwei Volksschulen, sogar eine Bank gründete und die Widerstände, mit denen er wie jeder Große zu kämpfen hatte, energisch unterdrückte?) Als er 1929 starb, hatte er sein Lebenswerk durch kluge Vorsorge gesichert, so daß vollkommene Gewähr für eine gleichbleibende Entwicklung der na'®' gegeben ist. Die insgesamt etwa 350köpfige na'®' setzt sich zusammen aus einer map na'®'. der schulmäßig unterrichtenden nr'a» einer ni>-m na’®’/ die für sich einheitlich in einem riesigen 18fenstrigen blauen Säulensaal lernt, ünd einem kleinen maai bPia. M'aa und ni>iir na'®' sind in je 4 Stufen eingeteilt, der Aufstieg in die nächst höhere dauert je etwa iy2 bis 21/i> Jahre. Die Poniewiescher na’®’ ging aus einem o'ii>y pap hervor, den R. Jtzel Poniewiescher 1918 um sich gesammelt hatte, als der jetzige an, R. Joses Kahanemann, selbst ein ehemaliger Telscher sie 1922 mit einem Stoßtrupp Telscher miina aufs neue begründete: sie zählt etwa 100 D'nna* B’Tiy® werden gehalten vom Raw, ferner hauptsächlich von seinem Schwager, dem na'®' ®m R. Oscher Kalman Baron, der auch die Mussarreden hält, gelegentlich auch von deren Schwiegervater, dem berühmten Talmudisten R. Löbel Rubin aus Wilkomir. Mehr als anderswo befolgt man in Litauen den Satz der nr®a in a"a: nmaa 'via picy q’dit® nxnn. In Telschi wird turnusmäßig in jedem Semester eine der 8 „jeschi wischen" Traktate: a"a, niama, a-a» D'ma. nina\ pv'a, p-a, 1'vin'p,. gelernt, in Poniewiefch fernerpiimv, nisia® und rnaa, daneben bewältigen höhere Semester privat in jedem i»t noch eine andere nav». Indem man die Auswahl der zu lernenden Kommentare jedem selbst überläßt), x) Zur genaueren Information über die Telschi eigentümliche Lernweise sei auf das handschriftlich verbreitete offiziöse Programm tbyoi na’®’.i b® nan verwiesen. Wer Telscher Werke selbst kennen lernen will, sei auf die jetzt auch in Deutschland zur Verbreitung gelangenden 'iw® nabn und nsn ’-iisr® (Mussarreden, bisher erschienen nai.1 .111X1 und .1110.1na®D des alten Telscher ai aufmerksam gemacht. •) Vgl. den Nachruf Ary Wohlgemuths „Ein Führer, groß und einsam" im „Jeschurun", Jahrgang 1929. ^) Außer den o'ii®rri lernt man vorzugsweise den ]®inn nixp resp. d’kiVö »aa« resp. annya® a®, die y"i '®ii'n ivrr. sowe die a'my® von R. Joses Bloch und R. Ehajim Rabbinowitz. wird erreicht, daß man nicht (wie in Deutschland), jahrelang über demselben Thema brütet, sondern jedes halbe Jahr einen neuen Problemkreis kennenlernt. Es werden in Poniewiefch für die Jüngeren regelmäßig zwei miip'® wöchentlich gehalten, in Telschi etwas weniger. In Poniewiefch reden -die na'®' ’®sn ununterbrochen und überzeugen sich nachher durch Stichproben, wie der Vortrag erfaßt wurde; in Telschi werden 3—4 Diskussionspausen eingelegt, in denen der -oy® sehr lebhaft und gründlich durchgeredet und der na'®' ®rri mit Fragen bestürmt wird — gewiß ein Vorzug Telschis. Der allabendliche Mustar. worunter' man sich in Deutschland oft nichts Genaues vorstellt, dauert eine halbe Stunde. Man lernt nach freier Wahl vornehmlich n^oa a'i®' unb nai®n ’iy® von R. I. Girondi, -dann ,.mai mm D’p'ix nin-,18 ,i®',i isd auch niaa>n nimn und v"n pan, in Ponie-> wiesch außerdem noch ivn nans und nnxan ayia. sowie naan />'®»i von »'sti 'i n®a p -'brr n- In Pomewiesch wird jede, -in Telschi etwa alle zwei Wochen eine Mussarrede gehalten. Diese aktuellen „Schmu'sen" sind etwas wirklich ganz Unvergleichliches. Ohne viel Homiletik schöpfen da Männer — obwohl das der Westeuropäer kaum glauben möchte, aus den wenigst beachteten Sätzen der nun tiefste Weisheiten und vermögen, da sie sich feit frühester Jugend ausschließlich in den Talmud vertieften, ihre religionsphilosophischen Systeme aufs gründlichste mit ’iarra zu unterbauen. Die mancherlei Vorzüge Poniewieschs gegenüber Telschi sollen hier nicht verschwiegen werden. Zunächst sind die äußeren Lebensbedingungen, die Quartiere, in Poniewiefch -als der drittgrößten Stadt Litauens") etwas angenehmer, aber -auch teurer als -in Telschi. In Poniewtesch Ist man noch unbeschwert von Tradition, daher weniger zeremoniell und den truna unbefangener näherstehend als in Telschi. Vor allem die Mussarreden von R. Oscher Kalman nach der Kelmer Art des R. Simcho Süffel gelten als die besten in Litauen und dringen unmittelbarer zu Herzen als die Telscher philosophischen. Kam früher ein Telscher mit anderen Talmudisten zusammen, so lächelte man wohl über seine ungewöhnliche Lernweise. Das hat aufgehört, seitdem die Well erkannt hat, daß trotz der eigentümlichen Physiognomie, die ihr die Begriffssprache verleiht, Telscher Art — Rabbi A. E. Kaplan >"sr war Telscher — standhafter ist unb wirksamer als andere. Mag -auch der Poniewiescher Musfar mehr Anklang finden, zumal bei den Aelteren, aus die er zielt, so wird er doch vollkommen ausgewogen durch die Vorzüge des Telscher Gemorolernens. Und das ist das Wichtigste: Wer nach dem Osten will, komme vor allem, um «am zu lernen; die weltanschaulichen und Mussar-Fortschritte folgen von selbst; denn all die endlosen Diskussionen und waghalsigen religiösen Kombinationen in deutschen Jugendkreisen stammen aus Unkenntnis des Talmuds. Und daß zum raschen „Steigen" im Lernen Telschi die geeignetste und förderndste ist, bekennen alle, die von Slabodka und Poniewiefch und Mir nach Telschi kommen, bekennen alle die 9 Deutschen, 4 Ungarn, 6 Amerikaner, Engländer, Schweizer, Tschechen und Dänen, die in Telschi lernen. Es würde über den Rahmen dieses nüchternen Berichtes hinausführen, von der natürlichen Betrachtungsweise, der unverkrampften Frömmigkeit, dem in^ Deutschland vielfach verkümmerten Selbstgefühl für die Würde eines nun p zu reden, zu denen in Litauen jeder erzogen wird, von dem persönlichen Ehrgeiz, den ein jeder darein setzt, den andern zu fördern, von dem unvorstellbaren, durch nichts abzulenkendsn reifen Fleiß 15jähriger Jungens, von der ergreifenden hinreißenden Inbrunst, mit der allabendlich aus 300 jungen Kehlen das brri®' ya® emporbrandet . . . Hier soll nur noch auf einen Punkt hingewiesen werden, der zumal für denjenigen, der ohnehin seinen Heimatsort verlassen muß, heutzutage besonders wichtig ist: die stark verbilligte Lebenshaltung in Litauen. Man verbraucht z. B. in Telschi im Monat etwa: 5.— Mk. rür ein Zimmer, 9.— Mk. für Frühstück und Abendbrot inkl. Bedienung. 10.— Mk. für das Mittagessen in der Mensa, mit kleinen Unkosten für Wäsche usw. etwa 25 Mk. Mit 25 bis 30 Mark monatlich kann man also bequem auskommen. Wer noch nicht selbständig lernen kann, wählt einen hochqualifizierten nna der obersten Stufe, der für monatlich 12 Mk. ihn in täglich zweistündiger eindringlicher Arbeit nicht nur denken lehrt, sondern auch menschlich auszubilden trachtet. Für den, der entschlossen ist, im Osten zu lernen, ist es in jedem Fall unumgänglich notwendig, sich bei dem Erstatter dieses Berichtes über weitere wichtige praktische Einzelheiten zu informieren (Adresse: Josef Oppenheimer, Telsiai, Litauen, p. d. 28). Ebenso ist jeder der übrigen in Telschi lernenden Deutschen aus Frankfurt a M., Fulda, Hamburg. Leipzig, Lübeck und Nürnberg gern zu jeder gewünschten Auskunft bereit. ") Ponewiesch (fit. Panevezys) zählt 20 000 Einwohner, darunter 8000 Juden; Telschi (fit. Telsiai), an der neueröffneten Bahnstrecke Memel—Schauten (lit. Klaipeda—Siauliai) gelegen, zählt 7000 Einwohner, darunter 3000 Juden.

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