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Der Israelit · 1933-05-04 · Heft 18 (4.5.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 18 (4.5.1933)
Date
1933-05-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Erzählung aus der Zeit -er Ghettsüämmerung. TimigHirn (Fortsetzung.) 0b die Juden von religionswegen zur Staatstreue gehalten sind? Seitdem Iirmejahu den Juden im Exil gebot, das Wohl des Wirtslandes zu fördern, war die Frage beantwortet. Sie erhielt Rachdruck durch das Gebot der Mischnah, für das Wohl des königstumes und der Behörden zu beten, durch die klare Satzung von Samuel im Talmud, wonach das Staatsgesetz religionsgesetzlich anerkannte Kraft hätte. Und Sabbat für Sabbat sprach Rabbi Mosche und sprachen alle Rabbrnen in allen Synagogen der Welt bei offener Thora das Gebet für das Königshaus. Lediglich Haß und Vorurteil konnten eine solche Frage nur aufwerfcn. Und dazu mußte man erst ein Forum von stebenzig Männern bilden und bemühen? Trlaubt das jüdische Gesetz Mischehen mit Anöersgläubigen? Rein und dreimal nein! Kein Forum und kein S^nhedrion, kein Kaiser und keine Macht würden daran etwas ändern. Dazu bedurfte es keiner Zusammenkunft und keiner öffentlichen Verlautbarung. Tine andere Frage: ob den Juden erlaubt sei, Wucherzinsen bei Andersgläubigen zu nehmen? Cr hatte diese Frage in seinem Briefe an Montfort eingehend beantwortet. Rach dem klaren Wortlaute der schriftlichen Lehre beschränke sich das verbot des Zinsnehmens auf den Glaubensbruder und schließe den „Rochri" aus. Weil der Rochri damals selber Zinsen nahm und darin weder eine Benachteiligung noch eine Behinderung seiner Rechte sah. Cs sei aber nicht restlos geklärt, was unter „Rochri" zu' verstehen wäre, und maßgebend fei die Meinung späterer Lehrer, die im Rochri den Heiden außerhalb der sieben noachidischen Gesetze ansehen. Uebrigens habe auch in dieser Hinsicht das Staatsgesetz religiöse Bindung. Damit waren die Hauptfragen beantwortet. Alles andere war bloßes Gerede. Als inan aber bald darauf von der laxen, gewundenen Beantwortung besonders der M i f ch e h efrage in Paris hörte, wußte man, daß hier dem Reberpatriotisinus 0pfer gebracht werden sollten, daß für die Freiheit der höchste Preis, der der Religion, eingesetzt werden sollte. Und nunmehr war die Pariser Institution unter der Sonne des großen Korsen nichts anderes als ein Teil der ganzen von Berlin ausgehenden Aufklärungs- und Reformaktion, die man Mit dieser unter Aufbietung aller Kraft zrr bekämpfen hatte. Rabbi Hirsch Ianow in Fürth hatte schon recht . . . An diesen Rabbi Hirsch mußte jetzt Rabbi Mosche viel denken, und an jene Fürther Tage, in denen er seine Sendung erhielt. Rabbi Hirsch, der Charis, mußte jung den Kampfplatz verlassen', er hatte sich, wie man sagte, an seinem eigenen inneren Feuer aufgezehrt. Auch die anderen bewährten Kämpen von damals, Rabbi Iecheskel Landau in Prag und Rabbi pinchos Hurwitz in Frankfurt, weilten längst nicht mehr unter den Lebenden. Die alten Gegner aus dem Kreise des Deffauers hatten ebenfalls ausgekämpft und ihre Fahnen wurden von neuen Männern ausgenommen, die von Paris neuen Auftrieb erhielten. In S e e s e n hatte ein Israel Jakobson einen jüdischen G'ttesöienst mit . Glocken- und 0rgelklang eingerichtet. In Hamburg wie in Berlin fand das Beispiel Rachahmung. Bis zu den österreichischen Landen war der Geist der Verirrung, gedrungen, von A r a d aus schoß Ahron LHort n e r, ein Mann, der sich Rabbiner nannte, seine Pfeile gegen den alten Glauben, gegen alles, was in Synagoge und Ritual heilig war, ab und traf gar zu oft das Ziel. Cin anderer, namens Lieberm a n n , sekundierte ihm mit gelehrten Büchern. Ihre Lehren wurden vielen zu Grundwahrheiten. Jugend ließ sich von Irrlichtern, dieweil sie so verführerisch blinkten, leiten. Die Gefahr war ganz nahe gerückt. Cine neue Kampffront mußte geformt und mit den alten Waffen ausgestattet werden. Rabbi Mosche begriff jetzt seine ihm damals in Fürth anfgetragene Mission ganz. Mit der ganzen Kraft seines Geistes und Glut seiner Seele stellte er sich an die Spitze derer, die „den Kampf für G'tt kämpften". In deren Reihen standen jetzt Rabbi Akiwa Gins-Cger in Märkisch Friedland (Posen), Rabbi Mordechai Bauet in Rikolsburg, Rabbi Jakob Liffa, Rabbi Herz Scheuer in Mainz, Rabbi Mosche Tuwje Suntheimer, der angesehene Rabbiner von Hanau, und viele, viele Andere, die auch bei ihren örtlichen Abwehrkämpfen in steter engster Fühlung mit preßburg blieben. Rabbi Mosche wechselte Responsen und Gutachten mit seinen Freunden und verewigte auch deren Ansichten in der Stahlkammer seiner ewigen Werke. „Sollten sich in den Gemeinden sündhafte und abtrünnige Männer um jene neue Fahne der falschen Freiheit und des richtigen Abfalls sammeln, so gelten sic eben als Gemeinde der Abgefallenen. Wo das Band der Religion, nicht aus der Verirrung Cinzelner, sondern grundsätzlich von einer Gruppe durchschnitten wird, da hört die jüdische Solidarität auf. Sie sind jenseits, und wir sind aller Verantwortung für sie ledig." So lautete sein Cdikt. „Und die Freiheit, die Emanzipation?" fragten manche voller Sehnsucht. „Ist es dem Rabbi nicht bekannt, daß viele im Osten dem Kaiser zujubeln wie einem Stern der Erlösung, dem Messias, der die Freiheit und den Frieden der Welt bringt?" , Die Emanzipation als Etappe zu Moschiach! Rabbi Mosche erzählte von der Kanzel herab folgende spannende Geschichte: „War da einmal ein Königssohn, der, verwöhnt und verweichlicht, auf Abwege geriet und darum von: Vater zur Strafe auf ein Dorf geschickt wurde. Dort hatte der Prinz in einer Banernhütte bei schmaler, schlechter kost und schwerer Arbeit den Ernst des Lebens kennen zu lernen, auf daß er sich bessere und später des Thrones würdig fei. Cr trug feine Leiden und Prüfungen, in der Hoffnung, vom königlichen Vater bald wieder in Ehren heimgeholt zu werden. Lines Tages sieht der Königssohn, wie Maurer und Bauleute au einem großen Hause arbeiten. „Was soll das?" fragt er. „Im Aufträge des Königs," antworten die Bauleute, „sollen wir einen großen schönen Palast errichten, damit der Königssohn darin eine Wohnung habe." Da fing der Prinz bitterlich zu weinen an. „Gefällt dem Prinzen das Haus nicht?" fragen die Bauleute bekümmert. „Ein wundervolles Haus," sagt der Prinz, „und darum weine ich. So lange ich in einer armseligen Bauernhütto schlief und bei hartem schwarzem Brot schwere 'Arbeit verrichtete, wußte ich, die schwere Zeit würde bald vorüber sein und die Heimreise stehe nahe bevor. Run bekomme ich gar einen Palast hier errichtet. Wie lange gedenkt wohl mein Vater, mich hier in dieser.düsteren Fremde noch zu lassen? . . Alle verstanden das Beispiel, dennoch führte der Rabbi, der Deutlichkeit wegen, noch aus: „Mitten aus bitteren Leiden steigen unsere Hoffnungen auf baldige Erlösung wie die Raketen auf und erhellen unsere Rächt. Will uns aber der Vater im Himmel durch jenen großen Weltbanmeifter ans Paris gar das feste Haus der Emanzipation errichten lasten, wie lange sollten wir wohl noch in der Golnsfremde Verharren? Wir hätten Grund zu weinen ..." Und er weinte wirklich. Und die Gemeinde weinte mit ihm. Ueber geistige Verheerungen, die schon allenthalben, auch in ungarischen Gemeinden, um sich griffen. Sodann anderer Sorgen wegen, die mit dein Weltumsturz und mit den Kriegsheeren näher und näher heranrückten. Schon standen die Franzosenheere, eine eherne bunte Front, jenseits der Donau und aus ihren Haubitzen dröhnte der Donner bis ins Lehrhaus, in die Schul, wo man Gebete für das Haus der Habsburger sprach, und sich in Psalmen der Aufschrei um eigene Errettung zum Himmel erhob. Der Krieg tobte mit wechselndem Glücke. Die Franzosen zogen ab, geschlagen oder von Entscheidungsschlachten anderswohin gerufen, und kamen wieder. Cs flogen Geschosse über die Donau in die Stadt, es verirrten sich Kugeln auch in die Gaffe und forderten einzelne Dpfer. Wenn sie in der Schiurstube plötzlich von einem starken Getöse aufgeschreckt wurden, horchten sie eine Weile auf, dann sagte Rabbi Mosche: „Also, lernen wir weiter . . ." In der Schul ließ der Rabbi die vom Krachen der Geschosse erschreckte Gemeinde mehrmals aus dem Psalm beten: „... So spreche ich zu G'tt, mein Schutz und mein Schirm bist Du . . . denn er rettet dich vor der Falle, die dir gestellt, vor Seuche, die hinrafft . . . Mit seinen Fittichen deckt er dich und unter seinen Flügeln findest du Schutz, Schild und Panzer ist seine Wahrheit dir . . . Daß du nicht fürchtest den Schrecken der Rächt, den Pfeil, der bei Tag daherfliegt . . . Tausende fallen dir zur Seite, Zehntausende zu deiner Rechten, dich trifft es nicht!" ... Wenn Rabbi Mosche, den Talith über den Kopf gezogen, eine glühende Säule, so seiner Gemeinde die Sätze Wort für Wort vorsagte, waren diese Flammenzeichen an der Wand, Sterne am Himmel, höhere Botschaft und Verheißung. Im übrigen wußte Rabbi Mosche die Angst der Menschen in Liebe, in Wohltat, in Buße umznsctzen. Rie waren die Bet- und Lehrhäuser so überfüllt, nie flössen die Spenden für die Armen, die Thorajünger, das Heilige Land in so reichem Stroine wie in diesen Tagen, da der Krieg mit Feuer und Getöse über die Donau fegte. Und dennoch geschah es zuweilen, daß Rabbi Aiosche mit seinem Werbe, das bei dem Lärm des Krieges noch stiller daherging, und mehreren seiner Schüler und Freunde nach dem nahen Dorfe Ier - g e n flüchten mußte, wo auch das Hauptquartier der 0esterreicher residierte. Der Krieg war zu nahe an Preßburg heraugerückt. . War die französische Front vom Douauufer abgerückt, kehrte man nach Preßburg zurück. Mehr als einmal spielte der Krieg fast unmittel-- : bar in den heiligen.Frieden des Rabbihauses biitän. Lines Tages hielt ein braungelber Militärwagen vordem Lehrhause. Lin junger (Offizier -entstieg dem Wagen und eröfsnete Rabbi Mosche, er habe sogleich mit ihm zur Festung zu fahren. Was wollten sie dort in der Festung vom Irrdcnrabbi? Kurz und militärisch berichtete der (Offizier, ein Jude werde heute noch wegen Hochverrats gehängt. Cr schreie nach einem jüdischen Geistlichen, um zu beichten. Also möge der Rabbi gleich miikommen. Bald war die halbe Gasse alarmiert. Zwei Herren des Vorstandes, Salmair Bern a rr und Mendel Lwow, zugleich Führer des „Heiligen Vereins", erbaten und erhielten die Erlaubnis, mitzufahren. Sie nahmen die weißen Sterbekleider mit und alles, was sonst zum letzten Liebes- und Remigungsdienst an einem Bruder nötig war. Rach einer halben Stunde war Rabbi Mosche in Begleitung öervFreundc in der Festung, deren Vorhof, von altem Gemäuer eingefaßt, ganz von Soldaten angefüllt war. Durch die düsteren Korridore wurde ec in eine Zelle geführt. Aus dein Dunkel in der Ecke hob sich eine menschliche Gestalt ab, deren jede Bewegung von dumpfem Geklirre eiserner Fesseln unheimlich begleitet war. In der grauen Sträflingsjoppe und mit dem glattrasierten Kopf mutete der Gefangene wie eine Erscheinung aus unterirdischen Tiefen an. Rabbi Mosche schauerte zusammen. Der Gefangene schob sich vor und machte eine Bewegung, als wollte er sich dem Rabbi zu Füßen

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