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Der Israelit · 1933-05-04 · Heft 18 (4.5.1933) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 18 (4.5.1933)
Date
1933-05-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Der Israelit Nr. 18 Seite 11 4. Mai 1933 Ainderscke. Omerzeit. (Für die Größeren.) Ihr hörtet wohl alle schon von den traurigen Begebenheiten, die sich in diesen Wochen zwischen lws und nwaip im Jahre 1096 und in vielen, vielen folgenden Jahren zutrugen — ich habe euch ja auch schon von diesen Schreckenstagen berichtet. Woran lag es nun, daß gerade diese Zeit des Jahres eine für die Juden so besonders gefährliche gewesen ist? Cs bat zum großen Teil seine Begründung darin, daß um die peßachzeit immer wieder das Wärchen auf-- tauchte, daß zur Herstellung der Wazzos Blut gebraucht würde. Denkt euch, Blut sollten w i r verwenden, die wir doch jeden Llutgenuß auf das peinlichste vermeiden! Man kann sich schwer vorstellen, daß eine derartige Verleumdung immer wieder, bis in die Reuzelt hinein, bereitwilligst Glauben fand. Heute will ich Tuch nun die schreckliche Geschichte von dem ersten Auftauchen dieses Blutmürchens berichten, eine erschütternde Begebenheit! Aber ich denke, Ihr seid alt genug, um auch von diesem furchtbaren Ereignis aus der Geschichte unserer Väter hören zu dürfen. Es trug sich in Blois zu, einein kleinen Städtchen an der Loire, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Da ritt einst in der Dämmerstunde ein Jude sein Pferd an die Loire zur Schwemme. Er traf dort mit einem christlichen Reitknecht zusammen, dessen Pferd scheute, weil es beim Anblick des weißen Vließes erschrak, das der Jude unter dem Wantel trug. Es bäumte sich auf und konnte trotz aller Bemühungen des Reitknechts nicht zum Wasser gebracht werden, voll Wut über dies Ungeschick und den es verursachenden Inden, ritt der Unecht zurück. Befragt über den Grund, warum das Pferd nicht gebadet sei, erfand er ein Märchen zur Ausrede, von dem er wußte, daß fein judenfcindlichcr Herr, der Stadthauptmann, es nur allzugerne glauben würde. Er behauptete nämlich, gesehen zu haben, wie der jüdische Reiter einen toten Knaben ins Wasser geworfen habe. Er selbst sei aus Furcht, ermordet zu werden, ausgewichen und das Pferd selbst habe aus instinktiver Angst das Wasser nicht berührt. Der Hauptmann griff diese grause Verleumdung um so lieber auf, als er darin eine Möglichkeit sah, um eine Jüdin zu vernichten, die er haßte: pulcelina nämlich, eine jüdische Frau, die bei seinem Herrn, dem Grafen von Ehartres in hoher Gunst stand. Der Hauptmann wiederholte dem Grafen Theobald, dem Blois gehörte,, die Lüge von der Ermordung des Knaben, an der alle Juden von Blois die Schuld trügen. Der Graf gab sofort Befehl, sämtliche Juden von Blois gefesselt in den Kerker zu werfen. Da aber auf Anordnung des Grafen pulcelina frei blieb, vertrauten die Juden darauf, daß es ihr gelingen würde, den Grafen umzustimmen. Doch pulcelina hatte eben wegen jener Gunst, die sie beim Grafen genoß, eine erbitterte Feindin in dessen Frau, der Gräfin Isabella. Sie ließ pulcelina überwachen, so daß sie nicht zum Grasen gelangen konnte und es war ihr nicht möglich, Fürsprache für die angeklagten Juden einzulegen. Jedoch die Juden schöpften neue Hoffnung, als sie im Aufträge des Grafen angefragt wurden, welche Summe sie für chre Befreiung bieten würden, viel Geld war nicht in ihrem Besitz, so kamen sie nach Beratung mit befreundeten Christen überein, daß sie hundert Pfund in bar und! 60 , Pfund ausstehende Schulden für ihre Rettung anbieten könnten. Freilich keine großen Summen, aber die kleine Gemeinde konnte nicht mehr aufbringen und glaubte zudem noch immer an den Einfluß pulcelinas auf den Grafen zu ihren Gunsten. Da mischte sich aber ein Geistlicher in den Prozeße der es unrichtig fand, in diesem Falle Wilde walten zu lassen, vorausgesetzt natürlich, daß die Anklage gegen die Juden auch voll begründet sei. Wie sollte man aber nun dies beweisen? Der Knecht konnte doch jedenfalls nur die Umrisse eines Körpers gesehen haben — so soll ein G'ttcsurteil entscheiden. ' Der Knecht mußte sich der Wasserprobe unterziehen; er wurde in einem mit Wasser gefüllten Kahn auf den Fluß gebracht. Ging er unter, so hatte er eine Lüge gesprochen, blieb er am Leben, so war seine Anklage gerecht und wahr. — Und siche, der Kahn ging nicht unter — so schien es gültig bewiesen, daß die Juden die ihnen zur Last gelegte Tat wirklich vollbracht hatten. Der Graf fällte das Urteil, das über alle Juden von Blois den Feuertod verhängte. Wan brachte ste alle in einen Holzturm und bevor dieser angezündet wurde, befragte man sie, ob sie sich nicht zum Christentum bekehren würden. Doch sie blieben standhaft ihrem Glauben treu.-So starben an jenem 20. Siwan im Jahre 1171 zu Blois 51 Wänner und 17 Frauen den Feuertod, unter ihnen auch pulcelina, die das Geschick ihrer Schwestern teilte. In ihrer letzten Rot sprachen sie die heiligen Bekenntnisworte des Gebeles, dann fanden ste den Wärt^rertod in den Flammen. Die Lösung des hebräischen Preisrätsels in 7lt. 12. -WNU rpv NNUQ ]VTK -insD Die neu hinzugekommenen Worte ergeben «musns. Richtige Lösungen sandten ein: F. und E. Levy, Berlin; Richard und Louis Feist, Frankfurt a. M.; Kurt Thalmann, Kattowitz; I. L. Liebermann, Wien; Leo Katz. Nürnberg; David Wilder, Dresden; I. Brandstötter, Frankfurt a. M.; Emil Pfeffer, Dresden: Selma Feist, Paris; Rofel Frankel, Kiel; Gottschalk Schlesinger, Wien; Studienr. Nottmann, Hindenburg. Die Woche. Jahresbericht der Jüdischen Frauenvereinigung E. V. 1932/1933. Nachdem wir in der Broschüre, die anläßlich des 35jährigen Bestehens unserer Frauen-Vereinigung herausgegeben wurde, bereits einen Bericht über unsere Arbeitsgebiete gegeben haben, erübrigt es sich, in diesem Jahre ausführliche Einzelheiten über unsere Tätigkeit bekanntzugeben. Bald bei Beginn unseres Berichtsjahres traf uns ein schwerer Schlag: Unsere 1. Vorsitzende, Frau Henriette B e st h o s s, wurde uns aus emsigstem Schaffen heraus, plötzlich durch den Tod entrissen. Wir hatten noch den Klang ihrer ausmunternden Worte „Es muß gehen" im Ohr, als wir von ihrem unerwarteten Hinscheiden hörten. Frau Beschaff hatte es in nimmer rastendem Eifer verstanden, die Jüdische Frauen-Vereinigung und den Mädchenhort zur Höhe zu führen, und es war ihr Stolz, beide Institutionen auf ihrer Höhe zu erhalten. Dank ihrer Tatkraft und der harmonischen Zusammenarbeit mit den Damen des Vorstandes und der Kommissionen gelang ihr dies in vorbildlicher Weise. Unvergessen bleiben in unserem Herzen die Leistungen unserer verewigten Frau Beschoss, die uns stets als anspornendes Beispiel voranleuchten wird. Bei der Neubesetzung des Doppelamtes, das Frau Beschoss innegehabt hatte, ward es uns bald klar, daß es nicht mehr möglich war, beide Aemter, die mit sehr viel Arbeit verknüpft waren, von einer Hand verwaiten zu lassen, da keine unserer Damen soviel freie Zeit erübrigen konnte. So übernahm denn freundlicher Weise unsere 2. Vorsitzende, Frau Nußdaum, den Posten der 1. Vorsitzenden der Jüdischen Frauen-Vereinigung, während die Tochter von Frau Besthofs. Frau Dr. Breuer, den Vorsitz des Mädchenhortes, der zu Ehren der bisherigen Vorsitzenden, Henriette Vesthoffs Hort für jüdische Mädchen genannt wurde, übernahm. Groß ist noch immer die Notlage in unseren Kreisen, und wir suchten, nach wie vor. dem Hunger und dem Elend, der Kohlennot und dem Kle'idermangel zu steuern. Wir wurden in diesem Bestreben durch die Erträgnisse aus Bridgebüchsen und Bridge-Schecks unterstützt, wie auch durch die Pakete der Winter-Rotstands-Aktion der I. R. G. und der Psundsammlung. Gedanklich dem Gremium der Unterstützungskommission entsprungen, hat sich die Pfundsammlung zu einem selbständigen Verein organisiert, das den Namen führt: Jüdische Vereinigung zur Nächstenliebe. Die Kinderfürsorge wurde im selben Rahmen wie bisher weitergeführt: wir sandten Kinder in die Heime von Nauheim, Hofheim und Kreuznach. Dabei kamen uns de Beträge aus unseren Telegramm-Ablösungen gut zustatten, und wir möchten diese Enrichtung unseren Mitgliedern wärmstens ans Herz legen. Der Mädchenhort wurde von 80—100 Kindern besucht, deren Zahl sich im Ferienmonat auf 120 erhöhte. Es war das besondere Verdienst der jetzigen Vorsitzenden, daß trotz der Schwere der Zeit auch in diesen Ferien den Kindern ein so schöner Aufenthalt im Tivoli- Garten ermöglicht wurde, wie auch ein im Auslands weilender Neffe unserer verewigten Frau Besthoff wiederum, wie jedes Jahr, einen großen Beitrag zu den Kosten sandte. Auch die Jüdische Frauen-Vereinigung steuerte zu Ehren ihrer verstorbenen Vorsitzenden einen Betrag von 100 Mark bei. Ehanukah wurde, wie üblich, im Hort gefeiert und unseren Damen sowie den Hortnerinnen sei innigst gedankt für die viele Mühe, die sie angewandt haben, um den Kindern ein schönes Fest zu bereiten. Ganz besonderer Dank geziemt einer nicht genannt sein wollenden Freundin des Hortes für die vielen selbstgestrickten und gehäkelten Wollsachen, mit denen sie unsere Kinder außerordentlich erfreute. Unsere Stellenvermittlung hat unter der Ungunst der Zeiten besonders gelitten. Es gelang nur in wenigen Fällen, geeignete Kräfte in frommen Haushaltungen unterzubringen. Wir hoffen, daß eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse auch wieder eine größere Nachfrage nach jüdischen Hausangestellten bringen wird. Ganz besonders danken wir aber der N ä h - }t ube für ihre aufopfernde Tätigkeit, durch die sie uns in der Versorgung mit Wäschestücken unterstützt. Sie wendet ihre Fürsorge besonders Mittelstandsfamilien zu und hat auch mehreren Bräuten zu schönen Ausstattungen verholfen. Anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Jüdischen Frauen-Vereinigung spendete sie uns einen Posten besonders schöner Bettwäsche für eine Mittelstandsfamilie. In den allerletzten Tagen fanden Besprechungen statt, um unserer ion nii"»r-Tätlgkeit einen neuen Zweig anzugliedern. Ein größerer Kreis älterer und jüngerer Frauen hat sich zusammen gefunden, um einein Mangel, der sich in unserer Gemeinde fühlbar gemacht hat, abzuhelfen. Es sollen für männliche Dahingeschiedene Tachrichrrn genäht werden, die im Bedarfsfälle unentgeltlich abgegeben werden. Nach diesem Umriß unserer sozialen Arbeit wollen wir unsere gestige und gesellige Tätigkeit in Kürze gedenken. Wir hatten wie in den vergangenen Jahren ausgezeichnete Vortragsabende, die wir gemeinsam mit der agudistischen Frauenortsgruppe veranstalteten. Als Erste berichtete F7a" Dr. E d i n g e r von den Eindrücken einer Rußlandreise: es folgte Herr Redakteur Schachnowitz mit zwei Vorträgen „Aus den Zeiten der Ghetto-Dämmerung": Herr Dr. Merzbach sprach von „Jüdisch-Asozialen und Kriminellen": Herr Rektor Ochsen mann brachte an zwei Abenden „Aktuelles aus dem pädagogischen Gebiet"; Herr Dr. Metz zeigte uns „die Grundlagen der niederländischen Kolomalpolitik in Ostasien", die er durch Lichtbilder erläuterte; Herr Direktor Dr. Elias sprach über „Jüdische Mädchenerziehung": Herr Dr. Ehrmann vorbeleuchtete „die. jüdische Gegenwartslage". Wir danken an dieser Stelle nochmals den Herren, die ihre kostbare Zeit uns zur Verfügung gestellt haben, für die vielfachen Anregungen, die sich unserem Kreise gegeben haben. Infolge der Grippe-Epidemie konnten wir nicht so viele Vorträge wie vorgesehen, halten lassen, auch unsere geselligen Nachmittage konnten dadurch nicht so oft stattfinden. Die Damen: Frau Dr. Groß, Frau Dr. Wertheim er und Frau Dr. Bodenheim er waren so freundlich, uns interessante Referate zu halten, die mit größtem Beifall ausgenommen wurden, über „Nobelpreisträgerinnen", „Soziale Probleme in der deutschen Bühnendichtung unserer Zeit" und „Taufjudentum", wie auch Frau Alice B o g o l d uns einen Nachmittag widmete, um uns in schönen Liedern und Arien mit ihrer herrlichen Stimme zu erfreuen. Am Schlüsse sei noch unseres Jubiläums-Kaffees am 2. November gedacht, der 200 unserer Mitglieder zu einem schönen, gemütlichen und erhebenden Zusammensein vereinte. An diesem Tage begingen zwei verdienstvolle Vorstandsmitglieder, Frau Hedwig E r a m e r und Frau Nanny Levis ihr 25jähriges Jubiläum. Beide Damen wirken seit einem Vierteljahrhundert mit Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit tatkräftig mit an den Bestrebungen des Vereins. Wir wünschen ihnen und uns, daß sie V'vivN in voller Kraft und Regsamkeit weiter Mitarbeiten mögen. Mit diesem kurzen Abriß hoffen wir doch, ein anschauliches Bild unserer Leistungen gegeben zu haben. Wir bitten weiterhin um reges Interesse an unseren Bestrebungen um unserer Vereinigung auf der gewünschten Höhe zu erhalten. (Weitere Frankfurter Berichte siehe Seite 8.)

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