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Der Israelit · 1933-05-04 · Heft 18 (4.5.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 18 (4.5.1933)
Date
1933-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 18 Der Israelit 4. Mai 1983 den und enteignenden Regeln. Cr war derjenige, der entdeckt und gelehrt hat, daß das A'lenscheninöividuum unter keinerlei Gesetz fällt, das; cs ein Einmaliges ist. Luder und Rosenzweig erlebten diese Krisis des Denkens, die an der Einmaligkeit des Menschen alle physikalische und normsetzendc Weltbetrachtung scheitern lies;. Der wahre Mensch ist ein „Selbst", eine Welt für sich, ein Hapaxbegomenon, mit nichts vergleichbar. Am großartigsten tritt uns das entgegen beim Genie. Wie lassen sich je die großen geistigen Leistungen, die unerhörten Gedanken, die unfaßbaren Konzeptionen der Künstler, Dichter und Denker, die der Welt ein neues Gesicht geben, kausal aus ihrer Vergangenheit erklären? Wie die ungeheuren Taten der Wclteroberer in ihren ursächlichen Zusammenhängen mit dem Leben der Vorzeit ergründen, von dem sie sich doch grade losgcrissen, dem sie den Krieg erklärt haben? Keine Psychologie kann die Gesetze aufweisen, nach denen Alexanders oder Beethovens Seele zu ihren genialen Schöpfungen befähigt war. So wurde mit einem Mal der Mensch ein Besonderes, ein Anderes, als die gesamte Ratur sonst. 2lbcr hier köirnen wir nicht Halt »rachen. Dicht nur der Mensch als Ganzes ist einmalig, ein in seiner Art Neues; jede geistige Acußerung des Menschen ist etwas völlig Einmaliges. Das Organ aber', für die Einmaligkeit des Menschen ist seine Sprache. Die Sprache wird in jedem 2lugenblick neu geboren, nicht nur in der Zusammensetzung der Worte, sondern mit stets veränderteul, neuem Gehalt. Die Sprache ist es auch, die ein ganz neuartiges Verhältnis des Menschen zu seiner 2lußcnwelt, zu allem, was ihn umgibt, bedingt. Weit der Mensch die Sprache hat, gibt <"? nicht nur (Objekte, „Dinge" für den Menschen, die eigentlich zu ihm als dem betrachtenden und erlebenden Subjekt keine innere Beziehung haben. Cr tritt zu allein, was ihn urngibi, in' ein persönliches Verhältnis ein, in das Verhältnis eines „Ich" zu einem „Du". Er kann in sich etwas empfinden, wodurch zwischen ihm und dem Draußen eine direkte Verbindung'sich herstellt, daß er sich „angesprochen" fühlt und 2lntwort geben muß, daß etwas in ihn hineinklingt und hörbar oder unhörbar wieder hinausklingt, daß eine Art Zwiesprache stattfindet zwischen ihm und allem außer ihm: den Menschen und den Dingen. Dieses Leben, das Geheimlebcn der Seele, das Geheimleben der Sprache, das ist das Irrationale, das wir am Menschen entdecken.1 Betrachten wir nun die geistige Entwicklung eines Menschen in ihrer Einzigartigkeit, ihrer überraschenden Besonderheit, so fragen wir: wie kommt es, daß grade dieser Mensch plötzlich Gedanken ausspricht, die vorher nie gedacht, geahnt, gewußt worden sind? Wie kommt cs, daß sein Geist aller Berechenbarkeit spottet? Es ist eine v o n a u ß e n k o m m e n d e, den Menschen plötzlich erfassende Erleuchtung, es ist ähnlich dem, was wir religiös (Offenbarung nennen. Des Menschen seelische C in mal igke i t weist auf G'tt als wirkende Tatsache. Der größte G'ttesleugner der letzten Zeit, Nietzsche, war derjenige, der G'tt eigentlich „der Philosophie wieder anfgeörängt" hat. Denn dieses Eimnalige des Menschen und seines Gedankenlebens als ienes Hinweises, daß irgendetwas ihn getroffen, daß G'tt ihm begegnet, das war es, was beiden alle materialistischen und idealistischen Systeme als Irrtümer entlarvt, das den G'tt der (Offenbarung als lebendigstes Leben, als wirkende Wirklichkeit ihnen in der eigensten Erfahrung zur Gewißheit machte. Unsere Seele ist ein Teleskop, nach Rosenzweigs herrlichem Gleichnis; wenn es richtig eingestellt ist, läßt es dich plötzlich den Stern da draußen schauen; aber alle Zerlegung des Teleskops in seine Bestandteile wird nicht den Stern im Fernrohr finden können: er bleibt „transzendent", außer uns liegende Tatsache. (Fortsetzung folgt.) An alle Raucherl Eine wundervolle Erfindung hat der bekannte Arzt Dr. med. Lustig gemacht. Er hat ein Mundwasser erfunden, nach dessem Gebrauch es niemand mehr möglich ist. mit Genuß zu rauchen. Die Fabrikation des Mundwassers liegt in den Händen des bekannten Ehem. Laboratoriums Adolf Ebert, Friedrichshagen S, 2475 b. Berlin. Verlangen Sie dort kostenlos Auskunft! Der Slonimer Rebbe über Erez Iisroel. In Warschauer Agndakreisen sprach sich der Slonimer Rebbe, ein Mann von Geist und tiefem Verständnis auch für die soziale Not der jüdischen Gesamtheit, über seine Eindrücke in Erez Iisroet aus. Seine Worte verdienen in einer Jett, die Erez Iisroel in den Mittelpunkt unseres Interesses stellen, volle Beachtung. Zu den inneren Streitigkeiten in Jerusalem meint der Rabbi, daß die unnötige Schärfe, mit der einige junge Heißsporne im Lager der Aguda (Oberrabbiner Kuk bekämpfen, die Arbeit der Gesetzestreuen und den 2lgudagedanken in Erez Iisroel schwer belaste und diskreditiere. Der Grund für die Zwistigkeiten liegt in der heterogenen Zusammensetzung der Jerusalemer Orthodoxie, deren Einzelteile ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Methoden zur Stärkung des Thoralebens anzuwenden suchen. Es trifft zu, daß (Oberrabbiner Kuk vom besten Willen beseelt sei, ans die Freigestnnten religiös einzuwrckcn, cs ist aber andererseits nicht zu bestreiten, daß er darin nach der Richtung des r>mpö ]'>»’’ etwas zu weit gebt. A'lrt taktlosen! Vorgehen gegen den (Oberrabbiner spielt man aber nur eine Waffe in ^ie Hand der Linken im Kampfe gegen die (Orthodoxie. 2luf der anderen Seite ist es höchlichst zu bedauern und zu verurteilen, wenn das einzige (Organ der (Orthodoxie „Kol Israel", den keine Mitschuld an dem Pamphlet gegen das (Obermbbinat trifft, in den Kot gezerrt wird, während inan. in den sogenannten neutralen Kreisen alle krasse G'ttesleugnung und alle Irrlehren in einem Tolle der linken Presse ohne ein Wort der Kritik passieren läßt. Der Rabbi spricht mit höchster 2lchtung vom Führer der 2kgüda in Jerusalem, Rabbi Mosche Blau. Dieser Alaun, der im steten Kainpf mit der Linken, auch nach der extremen Rechte keinen leichten Stand bat, versteht es, mit Takt, Energie und Klugheit diesen Kamps zu führen. Aus Schritt und Tritt merkt man aber das Fehlen der starken führenden Hand von Rabbi I. Lh. Sonnenfeld V'xt- In Tel - Awi w vermißt inan eine starke Persönlichkeit, die die Agudasache in ihre führende Hand zu nehmen iurstande wäre. Gerade in dieser aufstrebenden Stadt ließe sich viel erreichen, es fehlt nur. an der Sammlung der Kräfte und an den Männern, um die Zentralisation durchzuführen. Fragt man einfache fromme Juden in Tel-2lwiw, wie sie sich zu „Kneses Israel" verhielten und ob sie ausgetreten seien, erhält man die stereotype 2lntwort; „Wir wollen nichts mit Politik zu tun haben. Wir haben uns keiner (Organisation angcschlosscn." Dabei vergessen sie, daß sie ohne Austrittserklärung automatisch in die Hörigkeit des Waad Leunii geraten. Daraus kann man ersehen, wie apathisch die Menschen in dieser aufblühenden Stadt den vitalen Fragen der Orthodoxie grgenüberstehcn. Und gerade hier, wo die Zwistigkeiten Jerusalems keinen Platz gefunden haben, wäre Vielleicht der beste und fruchbarfte Boden für eine große, starke Agudaorganisation gegeben, zum Segen für das ganze Land und auch für die Gola. Es fehlt, wie gesagt, nur an den autoritären Führern. 2luch sonst kann die religiöse Lage in Tel-Äwiw nicht voll befriedigen. Die Geschäfte und Betriebe sind am Sabbat geschlossen und ein Statut der Irijah sieht die 2lrbeitsruhe vor. Aber der Rauch von Zigar>. ren und Zigaretten füllt auch am Sabbat die Lufr und 2lutomobile laden zur Vergnügungsfahrt. Es empfiehlt sich für einen orthodoxen Juden nicht, am Sabbat auf die Straße zu gehen. 2luch ist es mit den Kaschruthverhältnissen dort nicht am besten bestellt. Im Vergleiche zum Jahre 1929, (da der Rabbi seine erste Reise nach Palästina gemacht chatte), ist wohl eine Besserung in religiöser Beziehung zu konstatieren. Diese beschränkt sich aber nur ans die Einzelnen. Man trifft heute ungleich mehr einzelne fromme Menschen in Tel-Awiw, das gesellschaftliche Leben im Ganzen aber hat sein Gesicht behalten. Daran hat die Mittelstandsalljah wenig geändert. Jetzt wäre vielleicht an der Zeit, etwas zu erreichen, aber es hängt alles von den geeigneten Persönlichkeiten ab. Um den Agudageöanken in Palästina zu popularisieren, hält es der Rabbi für unumgänglich not-- wendig, daß mehrere geeignete Persönlichkeiten aus der zentralen Leitung der 2lguda nach Erez Iisroel hinüberfahren und dort in .breitester (Oeffentlichkeit über die Wege und Ziele der Agudas Iisroel aufklären. Sodann hätten die Delegierten kraft ihrer Autorität die (Organisation auf breiter Grundlage auszubauen, so daß alle Gesetzestreuen sich ihr anschließen können. Es ist viel auf dein Gebiete in Erez Iisroel versäumt worden, nnumehr muß darauf gesehen werden, Terrain zu gewinnen. Er, der Rabbi, will bei der nächsten Landeskonferenz in Polen sich mit aller Energie für diesen Gedanken einsetzen. Die J e s chiwoth in Erez Iisroel befinden sich in. einer katastrophalen Lage, hauptsächlich infolge der Krisis in Ainerika und in Deutschland. Auch die Lage der Agudaschulen, die wirklich dazu berufen wären, uns die größten Positionen im,Lande zu gewinnen, kann nicht als rosig geschildert werden. In Safed existiert fast keine orthodoxe Schule. Die Unterstützung der Erziehungsfonds (Palästina-Zentrale der Agudas Iisroel) zur Erhaltung und zum Ausbau des Schulwerkes ln Palästina, müßte jetzt unsere-vornehmste Sorge sein. Cr ist der Meinung, daß man sich des Zugmittels der hebräischen Unterrichtssprache nicht begeben darf. Die Agudaschule in Liberias, die mit Hebräisch als Unterrichtssprache in bestem Zustande ist, zeigt, daß dieses wohl möglich und auch sehr vorteilhaft ist. Dem Rausche nach der Balsourdeklaration ist eine große Ernüchterung gefolgt. Die Zionisten betrachten heute das Siedlungswerk voin nationalen Standpunkte, die (Orthodoxen unter dem höheren Gesichtspunkte von Iischuw Erez Iisroel, und beide Teile wissen, daß die eigentliche Geulah leider noch fern ist. Bei allein und allem, schließt der Rabbi, fällt es einem sehr schwer, Erez Iisroel zu verlassen . . . Korrespondenzen * ßacDricbten. Deutsches Reich. Semestereröffnung der Frankfurter Jeschiwa. Frankfurt a. M., 2. Mai. Die Eröffnung bes Sommersemesters stand im Zeichen der Zeitenschwere, die auf der Heranwachsenden Jugend in ihrer ganzen Tragweite' lastet und der Jeschiwa und ihrer Verwaltung Aufgaben stellt, die sie nur durch opferfreudige Hilfsbereitschaft der großen jüdischen Gemeinschaft zu lösen imstande sein wird. In seiner Eröffnungsansprache würdigte der Rektor, Herr Rabb. Dr. Jos. Breuer, die ungeheure Bedeutung, die der Jeschiwa gerade in der krisenbangen Gegenwart zukommt, deren reiches Lehrprogramm nur aufrecht erhalten werden kann, weil ein von heiligem Idealismus erfülltes Dozentenkollegium feine beste Kraft ihrem Dienste weiht. Mit besonderer Genugtuung begrüßte er Herrn Dajan Dr. Michael Schlesinger als neues Mitglied des Dozentenkollegiums, dessen wertvolle Mitarbeit der Jeschiwa zum Segen gereichen möge. Hilfe und Aufbau. Berlin, 26. April. Der Zentra laus schuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau erläßt einen Ausruf, in dem über Zweck und Wirksamkeit dieser Zentrale u. a. folgendes gesagt wird: Diese zentrale Stelle wird dafür sorgen, daß alles geschieht, was geschehen muß. Sie wird dafür sorgen, daß nicht nebeneinander und nicht gegeneinander, sondern m i t einander gearbeitet wird. Ihr werden dieeinzelnen Organisationen und Stellen ihre finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, so daß nicht der Zufall des Vermögensbesitzes und der Aufbringung entscheidet, welche Mittel für den einzelnen Zweck zur Verfügung stehen, sondern die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Mittel mit jeder einzelnen Mark da verwandt wird.

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