Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1933)
- Date
- 1933-04-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 17 Der Israelit 27. April 1933 XXIR. W e s s i a s k l ä n g e. viel Zeit und Kraft nahmen auch die Gerichtssitzungen in der Besdinstubc in Einspruch. Aber es war keine verlorene Zeit. Cs waren Lcrnstunden, die ins tätige praktische Leben tief Angriffen. So tief einschneidend und weitverzweigt waren die vor das rabbinifche Tribunal gebrachten Differenzen und Händel, daß man zum Richten und Schlichten mit dem Eboschen Mischpot allein nicht auskam, Kenntnis aller späteren Dezisoren und ein großes Mas; von klarer Einsicht und Weltklugheit mußten nachhelfen. Und die Akten, die dabei angelegt wurden, ballten sich zu neuen grundlegenden Werken, als Entscheidungen des „Ehatam Sofer", Wegweiser für Spätere. „Din ist G'ttesdicnst und Thorastudinm zugleich," sagte Habbi Mosche, und das wurde auch äußerlich dadurch angcdeutet, daß sowohl er wie seine Beisitzer, Rabbi Daniel Prosnitz und Rabbi Salman Löb, wie bei feierlicher Andacht in Talith gehüllt am Gerichtstischc saßen. Die Gutachten und Entscheidungen, des preßburger Rabbinates wurden auch von auswärtigen Gemeinden, auch vom Auslände angcrufen, auch in grundlegenden Fragen der jüdischen Politik und Rechtslage. Denn cs war eine zukunftsschwcrc Zeit für Israels innere und äußere Gestaltung. vom Westen her drangen neue Lichtfluten ein, die viele entzückten, andere blendeten und verwirrten. 'Aus dem Phänomen der Zeit, das Rapoleon hieß, hob sich ein schwacher Strahl ab, der den Weg in die jüdische Gasse nahm. Man diskutierte in Frankreich über das Recht der Juden, das Recht derer zwischen den engen Ghcttomanern auf Licht, Luft und Leben, über die Verpflichtung einer aus Blut und Rauch siegreich hervorgegangenen Zivilisation, die volle Freiheit aller Menschen durchzuführen. Zeitungen berichteten von den lebhaften Auseinandersetzungen über den Iudenpunkt. . Etwas spät bekam Rabbi Mosche, aus zvdeitcr und dritter Hand, die Berichte zu Gesicht. Wie staunte er aber, in den Ausführungen der Anwälte des jüdischen Rechtes Argumenten und Wendungen zu begegnen, die Geist von seinem Geiste waren. Wann und w hatte er diese Worte geprägt, diese Angriffe abgewehrt, diese Mißverständnisse aufgeklärt? Ja, richtig, damals im Antwortschreiben an Pauli de Montfort. Er nahm die Abschrift — er hatte die Gewohnheit, stets eine Kopie der Antwort auf der Rückseite der Anfrage anzubcingen — vor, verglich und kombinierte. Cr hatte von Ungarn aus, ohne zu wissen und zu wollen, seinen Beitrag zur Iudenemanzipation in Frankreich, vielleicht auch in der Welt, beigctragcn. Der Raine Napoleons war in aller Munde, war bis ins letzte jüdische Dorf gedrungen. Ein Spnh e d r i o n von siebenzig R'litgliedern habe er einbcruseu, die über alle grundlegenden jüdischen Fragen zu urteilen hätten. An die Iudenheit aller Länder, soweit sie bereits unter französischem Wappen standen, ergingen Sendschreiben, Delegierte zu schicken und das Forum anzuerkennen. Cs regnete Anfragen an Rabbi Mosche, wie er sich dazu verhalte, wie man sich dazu zu stellen habe. Seine Vaterstadt Franks u r t stand längst unter französischem Banner und dort lagen die Dinge so, daß die Reuerer allen Maßnahmen Rapoleons zujubelten, während die altfromme Mehrzahl mit Rücksicht auf den Sachwalter Rapoleons in Frankfurt, den den Juden wohlgeneigten Fürstprimas D a h l b e r g , nicht wagten, ihrer Skepsis lauten Ausdruck zu geben. Schon fluteten die französischen Legionen auch durch die österreichischen Lande, Ungarn entgegen. Cs war nur noch eine Frage von Wochen. Was war es mit jenen Mefsiasklängen der neuen Freiheit? Rabbi Mosche sah sich die zwölf an das Svnhedrion gestellten Fragen an, nicht anders wie er die sonstigen täglich auf ihn einstürmenden religiösen Fragen aus aller Welt prüfte. Er lernte sie durch, was waren das für Männer, die dazu erkoren waren, sie zu beantworten? Cr kannte sie nicht. Richt einmal die bezeichnctcn Frankfurter Delegierten waren ihm je den; Ramcn nach bekannt. Und was waren das für Fragen? Eigentlich gar keine, oder solche, die im Schrifttum, in der Geschichte und in der Praxis längst ihre zweifelsfreie Beantwortung gefunden hatten. (Fortsetzung folgt.) Die Tefillin oder der Granatsplitter im linken Oberarm. was mir ein russischer Gefangener erzählte. Von S. JZr. Die warme Winterwäsche, die mir meine fürsorglichen Eltern im Jahre 1915 ins Feld schickten, hätte ich ebenso nötig gehabt wie derjenige,-der sie mir von; Munitionswagen herab gestohlen hatte. Und die koscheren Konserven im Feldpostsack der Batterie waren für mich bestimnrt. Aber ich fand gleich ein halbes Dutzend der braunen, an mich adressierten Pappschachteln ausgeleert in einem sumpfigen Loch hinter unserer Stellung. Wenn diese Diebstähle auch jeden kameradschaftlichen Geist vermissen ließen, so waren sie vielleicht doch noch mit dem von Tag zu Tag größer werdenden Mangel in Zusammenhang zu bringen und in Hinsicht auf Fn zu verstehen. Als mir aber etwas spä'cr in meinem Ruhequartier bei Augustowo aus einem unter meiner Pritsche stehenden Karton meine Tcfiliin entwendet wurden, stand ich vor einem Rätsel. Denn wer außer mir in der Batterie wußte von den Gcbetriemen den richtigen Gebrauch zu machen? Welchem anderen Zweck konnten sic zugeführt werden? 'Auch konnte weder Bosheit noch Feindschaft hier im Spiele sein. Ich durchsuchte alle Winkel, stöberte im ganzen Haus herum. Weine Tefillin kamen nicht wieder zum Vorschein. 2km Abend vor unserem Abtransport hatte ich dem Korporal Makow einen Befehl zu überbringen. Als ich in sein (Quartier trat, packte er gerade seine Kiste. In ihren; Schloß stak der Schlüssel, von ihm herab hingen zwei kleinere an einem ... ich sah genauer hin ... an einem Stückchen — — - Rezuoh. Ich erstarrte. Makow folgte meinem Blick und wurde totenbleich. Wie leblos und doch jede Fiber gespannt, so standen wir uns eine Welle gegenüber. Cs rauschte mir in den Ehren; doch hörte ich deutlich jeden Hufschlag einer auf der Straße unten vorbeirasenden Kolonne. Ich spürte, wie das Haus bebte. Ich sah die jagenden Schatten an der Zimmerdecke. „Ein eigenartiger Schlüsselhalter," sagte ich endlich. Das Gesicht des Korporals bekam langsam seine frische Farbe. Cr sah mir scharf in die Augen. „Ich habe in der vergangenen Woche ein paar solcher Lederstücke hinten in unserem Hofe gefunden. Das eine da habe ich mir genommen. Die übrigen mögen noch dort liegen." Roch einmal schaute ich zu dem schwarzen Lederrieinen hin, drehte mich dann um und ging hinaus. voll 2lerger über mich selbst stieg ich die Treppe hinab. Ich machte mir Vorwürfe, well ich nicht gleich nach denr Diebstahl der Tefillin an die in der ganzen Batterie bekannte Eigentümlichkeit Makows gedacht hatte. Ein schneller Zugriff hätte mich damals wohl wieder in den Besitz dieser Ritualien gebracht. 2luch durch eine Anzeige wäre dies NUN. nicht mehr zu erreichen gewesen. Denn jetzt griff wohl der Korporal dort oben in seine Tasche oder unter seinen Waffenrock, zieht, an eine Schnur gebunden oder in einem Säckchen verwahrt, die aus den Bottlm genommenen parschioth heraus und versteckt sie unauffindbar für andere in irgend einer Ecke der großen Bagagewagen. Der letzte und jüngste Kanonier wußte nämlich, daß Korporal Wakow über alle Maßen abergläubisch war: Cr schoß jede Katze nieder, die ihm den Weg kreuzte. Die Raben auf dem Baume verscheuchte er, damit sie nicht über ihn wegflögen. In einem um den Hals gehängten Beutel trug er den Zahn eines Fuchses und einen krummen, rostigen Ragel. Und die Tefillin, die er einmal an mir gesehen, hatten für ihn die Bedeutung Anes Amuletts, dem er möglicherweise eine noch stärkere Wirkung zusprach als seinen ädrigen. Am nächsten Tage, während der Lahnfahrt, sah ich Makow nur einmal. 2ln einer kleinen Station, wo unser Güterzug Halt machte, benützten alle die kurze Rast, um die Feldflaschen am Bahnhofsbrunnen zu füllen. Ich kam gerade hinzu, als er sein Gefäß etwa zur Hälfte voll hatte. Wie ein scheues Tier ging er um den Brunnen herum, tat so, als ob er auf dem Boden etwas Wertvolles gefunden habe und kehrte erst zurück, nachdem ich längst wieder im Wagen Platz genommen hatte. Roch einige Tage wich er mir aus. Doch ertappte ich ihn ein paar Mal, wie er mit seinen Blicken mein Gesicht abtaftete. Als er aber dann die Gewißheit gewonnen, daß ich keine 2lnzeige erstattet hatte, trat in seinem Wesen mir gegenüber eine gründliche Aenöerung ein. Zuerst noch sprach er mit mir kaum ein Wort. Aber ich bemerkte, wie ich von mancher Dienstleistung frei blieb. Und bei dem nun beginnenden Vormarsch wies er mir als (Quartiermacher stets eine Unterkunft zu, wie sie eher seine m Dienstgrad zugestanden hätte. Später knüpfte er auch längere Gespräche an. Zumeist versuchte er dann, sich über nreine persönlichen Angelegenheiten zu unterrichten. Und davon schienen ihm die religiösen am meisten zu interessieren. 2lber kaum hatte er sich bis dahin vorgewagt, sprang er schnell auf ein anderes Gebiet über. Unterdessen war unsere Batterie wieder in die Feuerlinie vorgerückt. In der ersten Rächt schon, die wir in einer offenen Feldscheune zubrachten, lagen wir im Schußfeld deutscher Geschütze. Die Granaten krepierten in allernächster Rähe, so daß der Boden leise bebte. Und während die von den Geschossen in die Höhe geschleuderten Erdbrocken wie mächtige Hagelkörner unheimlich aufschlageud auf das Dach der Scheune zurückfielen und selbst die bis zum letzten (Quentchen gesammelte Willenskraft ansgelöscht wurde von der Angst vor der nächsten Granate, während die Kreatur in uns zitternd nach dem Leben schrie, weil der Tod uns umschritt mit Höllenlauten und Donnerkrachen, merkte ich doch, daß ein Körper sich durch das Stroh nahe an mich hcranwand und dann liegen blieb. Beim grauenden Worgen sah ich in das Gesicht des noch schlafenden Wakow. Und wo wir auch in den weiterhin sich entwickelnden Kämpfen die Rächt zubrachten, — immer suchte er seinen Platz in meiner nächsten Rähe. Ich hatte das sichere Gefühl, als habe er mich, den für ihn rätselhaften Juden, neben seinen toten Amuletten, zum lebe n d i g c n Talisman ausersehen. — Unser Artillerieregiment war einer fliegenden Division zugcteilt worden, vom frühen Worgen an marschierten wir gegen Westen zu, ins Ungewisse. In den Dörfern, welche wir durchzogen, liefen noch die Hühner auf den Straßen herum und die Enten und Gänse schwammen auf dem Dorfweiher. Flinke Kanoniere sprangen von den protzkästen, singen sie ein und leckten sich schon den Wund in Erwartung solch seltenen Bratens. Hier und dort graste auch noch ein ausgebrochenes Rind im Garten hinter den Häusern. Diese aber standen leer. Die Einwohner waren nach allen Richtungen geflüchtet., von der schnellen Flucht erzählten die herausgezogenen Schubladen der Schränke und Kommoden, aus denen sie wohl das Rotwendigste und Wertvollste hervorgesucht hatten. In den Lüchen stand noch die Wilch in den Töpfen, der Essig im Krug, lag das Brot noch im Korbe. Wir nahmen was brauchbar, war. Niemand störte es, daß fünfzig Schritte weiter unter einem offenen Schuppen die Feldärzte in ihren weißen Kitteln standen und an auf Tischen liegenden verwundeten Soldaten herumschnitten. Wan drehte diesem fürchterlichen Schauspiel nnr den Rücken zu. Dann aber gings im Sturin die Höhe hinan. Gegen. Abend strebten wir den Wäldern zu, die sich in der Ebene endlos dehnten. lieber unser Regiment hinweg brüllten die Granaten der eigenen schweren