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Der Israelit · 1933-04-27 · Heft 17 (27.4.1933) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 17 (27.4.1933)
Date
1933-04-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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27. April 1933 D er Isr aelit Nr. 17 Seite 11 Geschütze, wir konnten von unseren Sitzen «US, aus die wir uns wegen der Müdigkeit ohne Erlaubnis gefetzt hatten, beobachten, wie die Geschosse in die Wälder schlugen, aus denen dann mächtige Rauchwolken gegen den sich immer mehr verdunkelnden Fimmel anftiegen. Als wir an den Wald kamen, ritt der bisher dem Vortrab zugeteilte Korporal Makow auf mich zu und sagte mir leise ins Ohr, daß er eine Waldhütte ausgekundschaftet habe, in der es sich besser schlafen ließe, als auf dem -betauten Grasboden. Sogar die Schütte Stroh dort wollte er mir als Lager überlaffen. Ich lehnte ab, breitete auf dem gestampften Boden meine Decken aus und wickelte mich hinein. Und ehe ich mich auf die Seite drehte, war ich schon eingeschlafen. Eine donnerähnliche Detonation ließ mich erschreckt aufsahren und bevor ich meine Gedanken ordnen konlite, folgte eine zweite, daß ich glaubte, die Erde wollte bersten. Denn der Wald verstärkte die Explosion durch ein tausendfältiges Echo. Roch einige Male fuhr ich so in die Höhe, um alsbald wieder, Angst und Schrecken vergessend, in den bleiernen Schlaf zurückzustnken. Da . . . jetzt war es aber etwas anderes, was mich aus dem Schlaf zwang. Lin Anruf und ein langgezogenes Aechzen. „Kamerad, o, mir wird's schlecht! <D, Kamerad! Hol' den Unterarzt! O!" was die Einschläge nicht vermocht hatten, das gelang diesem halblauten Stöhnen. Ich wurde ganz wach'-. kroch aus nieinen Decken und öffnete die Türe. Tiefes Dunkel lag zwischen den Bäumen, deren Kronen sich gegen den von den Sternen erhellten Himmel abzeichneten. Das feine Surren eines deutschen Fliegers kam aus der Höhe, und hinter dem Gebüsch wieherten leise die Pferde. Auf allen Vieren kroch ich zum Unterstand, in welchem ich den Arzt vermutete. Cr wachte. Ich machte Meldung. „Wissen Sie nicht, das; wir seit einer Stunde heftig beschossen werden? Daß Flieger über uns das I'euer leiten? Wenn es Makow nur übel geworden ist, halte ich es nicht für nötig, mich in Lebensgefahr zu begeben." Ich rollte mich wie eine Katze zusammen, mn auf der Decke des Unterarztes, die weithin den Boden einnahm, noch etwas Platz zu finden und schlief solange, bis er mich an der Schulter rüttelte. „Kommen Sie, wir wollen jetzt mal nach dem Korporal sehen. Die Beschießung hat aufgehört." Der Morgen war schon angebrochen. Ein paar Waldvögel pfiffen. Die Bäume bogen sich im leichten Westwind. Die Türe der Hütte stand noch offen. Der Korporal hatte sich aufgesetzt, stöhnte und ächzte. Von seinem' berabhängenden linken Arme tropfte das Blut. „Mein Arm, mein linker Arm!" Ich half dem Arzt, das Hemd uit5 den Aermel mit der Schere aufzuschneiden. „Ein Granatsplitter sitzt im Oberarmnmskcl. Sie haben noch Glück gehabt. Der Knochen hat ihn äufgehalten. Sonst hätte er Ihnen die Seite aufgcriffen." „Hat mich also doch geschützt, hat mich also doch . . ." Der Korporal wurde ohnmächtig. „was hat er noch eben gemurmelt?" fragte mich der Arzt. „Cs hat ihn etwas geschützt," sagte ich. : Der Arzt machte eine Einspritzung. Der Kor- 1 poval war noch bewußtlos, als ihn die herbeigcrufenen Sanitäter auf einer Lahre forttrugen.-! Mit einem Male wurde die fensterlose Hütte tagi hell erleuchtet. Erstaunt suchte ich nach der Licht- : quelle. Da zeigte der Arzt nach der gegenüberliegen- ' den Wand, durch welche die eben über dem Walde j aufgegangene Sonne mit zahllosen Strahlenbündeln , cinfiel. \ „Da muß heute Rächt ganz in der Rähe eine j Granate geplatzt sein. Ihre Splitter haben die Bret- J terwand wie ein Sieb durchlöchert." j Auch über meine Imße waren die Stahlfetzen < hingeflogen. Denn meine Decke war «m unteren Ende l der Länge nach aufgeriffen. ' Der Korporal Makow kehrte nicht mehr zur Batterie zurück. Sern linker Arm blieb lahm. Darf man von einer Vergeltung sprechen? von Maß für Maß? Weil er die „Pracht"*) eines andern linken Armes sündhaft zerstört hat? (Jagd durch das tausendjährige Land.) Unter diesem Titel hat Armin T. Wegner, bekannt als Schöpfer fesselnder Schilderungen von Ländern, Menschen und Schicksalen in der Büchergilde Gutenberg in Berlin ein Palästina-Buch erscheinen lassem das aus liebevolles Verständnis und ehrlichen Dank der jüdischen Gemeinschaft erheben darf. Wenn es auch nichtjüdische Hände sind, die es uns reichen — die Stimme Jakobs ist aus dem Buche dennoch vernehmbar. Im Frühjahr und Sommer 1929 reiste Wegner auf seinem Motorrad mit seiner Gattin durch Palästina und Aegypten. Schon früher hatte er das Land auf seinen Orientreisen kennengelernt. Im Weltkrieg kämpft er dort, und Liebe zu Land und Judentum senkt sich immer tiefer in fein Herz. Die verstehende, versöhnende, umfassende Liebe einer großen Seele. Das Land läßt ihn nicht ruhen, und abermals zieht er aus, um das „Jerusalem seines Herzens" zu suchen. Ironie des Schicksals! Ein Urenkel von Kreuzfahrern, auf dessen Familienwappen ein Halbmond von einem Schwerte durchstochen wird, als Erkenner von Juden und Judentum. Gegen alle Vorurteile von Erziehung und Umwelt und auch — wie er betont — gegen alle Vorurteile des liberalen Westjudentums unternimmt er mit überraschendem Einfühlungsvermögen und psychologischem Scharfsinn den Versuch, sich zutiefst in den jüdischen Geist zu versenken. Im Orient findet er das Judentum, das er im Oxident vergeblich gesucht hat. In Wegners Schulzeit fällt die erste Berührung mit dem Judentum. Als -grübelndes Kind steht er allein und verspottet zwischen seinen Kameraden. Da sieht er die jüdischen Schulgenossen — weit mehr noch verspottet als er — und der Einsame findet zu den Einsamen. „Zwischen Ruinen und Aufbau in Erez Israel" werden diese Erinnerungen von neuem wach. Plastisch ersteht unter seinen formenden Händen die Schönheit und Härte des heiligen Landes; mit allen Gegensätzlichkeiten seiner Menschen, mit ihrer Liebe und ihrem Haß und ihrer elementaren, ungehemmten, vielfarbigen Empfindunaswelt. Intuitiv erkennt er jüdisches Volksschicksal; er sieht den Konflikt zwischen zionistischen und gesetzes. treuem Judentum auf heiligem Boden. Er erkennt. daß das Gesetz vom Judentum unlösbar ist. und daß der materielle Aufstieg schwere Gefahren für das reine Volkstum in sich birgt. — Und wenn auch in diesem Neisebuch. das sich wie ein fesselnder Roman liest', eine Lösung der Judenfrage auf palästinensischem Boden nicht gefunden wird — es im Jahre 1932 geschrieben zu haben, ist eine Tat. an der man nicht vorübergehen darf. (Reue Ausgrabungen in Palästina.) Die Haverforder archäologische Expedition hat unter Mitarbeit von Fachleuten aus der Aegypten-Expedition der Universität von Pennsylvania mit der Ausgrabung des im Buche Samuel Aleph VI. erwähnten Beth Shämäsch begonnen. Bei den Ausgrabungsarbeiten sind 150 Arbeiter beschäftigt. Es wurden bereits Hausmauern aus der spätisraelitischen Periode freigelegt. Auch wurden Scherben' von Töpfereigegenständen aus dieser Periode gefunden. Man erwartet, daß die Ausgrabung des alten Beth Shämäsch. das die Hauptstadt des kanaanitisch-phylistäischen Reiches war, neuen Aufschluß über Leben und Kultur in diesem Lande im zweiten und ersten vorchristlichen Jahrtausend geben wird. Auch die allgemeine Kulturgeschichte jener Zeit dürfte im Hinblick daraus, daß Palästina damals in lebhaften Handelsbeziehungen mit Aegypten und anderen Ländern des Mittelmeerbeckens 'stand, durch diese Ausgrabungen wesentlich aufgehellt werden. (Heber zwei Millionen Juden in Hervyork.) Dr. Ju lius Mahler von der Columbia Un'wersity hat sestgestellt, daß im Jahre 1932 2.001.104 jüdische Seelen in Groß- Newyork lebten: sie machten 27.7 Proz. der gesamten Bevölkerung Newyorks aus. Während unter der allgemeinen Bevölkerung das Verhältnis der im Ausland Geborenen 33 Proz. betrug, zählte man unter den Juden 46 Proz. im Ausland Geborene. Unter der allgemeinen Bevölkerung betrug die Geburtenzahl 16.5 pro tausend, in der jüdischen Bevölkerung betrug die Geburtenzahl 17,5 pro tausend. Die Kindersterblichkeit betrug bei Juden 42 pro tausend gegen 57 pro tausend bei Nichtjuden. Auch die allgemeine Sterblichkeit war bei Juden niedriger als bei Nichtjuden (8,5 gegen 10,4). Während die Sterbefälle infolge Zuckerkrankheit bei den Juden höher ist als bei den Nichtjuden, ist die Sterblichkeit infolge Syphilis bei Juden um 50 Proz. geringer als bei Nichtjuden. Auch die Altersgliederung ist bei der jüdischen Bevölkerung günstiger als bei der nichtiüdischen. 40,1 Proz. der jüdischen Bevölkerung stehen im Alter von unter 21 Jahren, während unter der nichtjüdischen Bevölkerung nur 34,9 Proz. in dieser Altersstufe stehen. *) Die Tefillin werden Pracht genannt. ' Vermischtes. Berlin, 25. April. Das Rabbiner-Seminar zu Berlin hat die Eröffnung des Sommerhalbjahres auf Dienstag, den 9, Mai 1933 um 5 (17) Uhr angesetzt. bei der der gegenwärtige Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Herr Dr. Moses Auerbach den Eröffnungsoortrag halten wird. Die Aufnahmeprüfung findet am gleichen Tage, vormittags 9 Uhr, statt. Das Lorlesungsoerzeichnis enthält die gleichen Fächer wie in früheren ivemestern. Tel-Awiw, 15. April. Hier wurde eine „ Esra - Arbeitsgemeinschaft" gegründet, welche die im Lande befindlichen Esräer, bisher etwa 70, unffaßt. Es finden jeden zweiten Freitag Abend Aussprache-Abende für die Aelteren statt, während für die Jüngeren besondere Jungen- und Mädchengruppen gebildet'sind. Alle ins Land gekommenen Esräer und Gesinnungsfreunde wollen sich stets sofort melden bei Dr. Isaak Bamberger, Tel-Awiw, Hamakabimstr. 3 oder bei; Jehoschua Lewinski, Tel-Awiw, Rachlat-Benjamin 28. Personalien. Griesheim, 26. April. Am 1. April verschied nach längerem Kranksein Frau Fanny Mendel, geb. Reinheimer im Alter von 82 Jahren. Die Dahingeschiedene hatte sich durch ihren lauteren Lebenswandel und ihre Menschenfreundlichkeit die Liebe und Achtung ihres näheren und weiteren Bekanntenkreises erworben. Als g'ttesst'irchtige Frau war sie bis zu ihrer Erkrankung die erste eifrigste Besucherin der Synagoge. Auf G'ttes Hilfe vertraute sie stets und in seinem Sinne ging sie ihre Wege. Mit ihr verliert die Gemeinde eine g'ttergebene, pflichtbewußte und jederzeit hilfsbereite Frau. •rr:is:n Recklinghausen, 20. April. Am noa aiv verstarb plötzlich der Kultusbeamte Hermann Fernbach im 70. Lebensjahre. Durch seine wahre Frömmigkeit, Nächstenliebe und Herzensgüte haste er sich die Liebe und Achtung der gesamten Bürgerschaft erworben. Sein ganzes Leben war ein ovn »ip- Möge das Andenken dieses Frommen uns allen zum Segen gereichen. rrswn* Horben, 23. April. Am Donnerstag, den 3. Nissan, starb im 89. Lebensjahre Heymann von der Wall, still und g'itergeben. 60 Jahre — davon den grüßten Teil als Borsteher — hat er der Gemeinde und dem Vrs in vorbildlicher Weise gedient. Nicht ein Mann der Rede und des großen Wortes, war er ein Mann der Tat. Unbeirrt und fest gegen jede Anfeindung und jeden Spott hat er ohne Ansehen der Person und Rücksicht auf persönliche Vor- oder Nachteile stets nur den Dienst G'ttes und seiner Gemeinde im Auge gehabt. Still und unauffällig wie sein ganzes Leben, war sein Abgang. Sein Heimgang reißt eine Lücke, die vorerst nicht zu schließen ist. Ein letzter Rest von unserem schönen alten Gemeindeleben ist mit ihm von uns geschieden. Sein schriftlich niedergelegtes Vermächtnis, das von ihm verfaßte Buch v"n wipb „Vorschriften und Gebräuche la'rmvi am) für den G'ttesdienst in-der Synagoge zu Norden" zeigt, wie sehr er' um die Erhaltung des religiösen Gemeinschaftslebens unserer Gemeinde übers Grab hinaus bedacht und besorgt war. Dieses Buch, das feinen Namen bis in die entlegensten Ecken Deutschlands getragen, es wird mehr sein als der Buchstabe eines steinernen Denkmals. Jeder G'ttesdienst, jeder Neumond, jeder Fest- und Fasttag wird in uns sein Andenken, sein Wirken, sein Beten und Singen machrufen. Und — G'tt sei es gedankt! — der Mahnruf seines Rufes an die Jugend hat bereits Wurzel geschlagen; schon keimt seine Saat, schon reifen die jungen Früchte in seinem Sinne heran. G'tt hat sein Sehnen und Wünschen erfüllt und der Gemeinde neue, junge Kräfte gegeben, die noch im Leben von ihm, der, ganz Autodidakt, stets an sich weitergearbeitet hat, lernen konnten und nun imstande sind, die geheiligte Tradition in seinem Sinn weiterzuführen. In der Synagoge, wo er so oft als -na'* mbo gewirkt. versammelte sich noch einmal die Gemeinde um die sterblichen Ueberreste ihres verblichenen Führers. Der Chor des Talmud Thora-Vereins, der in Anerkennung der Verdienste des Verstorbenen um seine Förderung ihm zu seinem Ehrenmitglied ernannt hatte, sang zunächst — seinem Wunsch gemäß — die bei fvrtM “tot» üblichen, so oft von ihm selbst gesungenen Gesänge. Dann nahm Herr Lehrer Klein Gelegenheit, uni in bewegten Worten Abschied von dem treuen Freund und Weggenossen zu nehmen. Mit dem Gelöbnis, seinem Beispiel nachzueifern, verband er die Hoffnung, daß sein Wirken ein nachhaltiges und sein Andenken ein gesegnetes sein möge. -rraxjn Tel-Atviw, 16. April. In Tel-Amiw, wo sie zu Besuch weilte, verschied Regina Jung geb. Silbermann, Witwe des bekannten Rabbiners Dr. Moritz Jung in Ungar. Brodt und zuletzt in London. Rach dem' Tode ihres Mannes hatte sie in Presow (Tschecho-Slowakei) bei einer Schwester gewohnt. Frau Jung ist es wert, daß ihrer im Zentralorgan der Orthodoxie aufs Rühmlichste gedacht wird, denn sie war eine Frau nach dem Ideale des Judentums: rein, edel, fromm und beglückt, wenn sie Menschen Gutes erweisen konnte. rraxm

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