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Der Israelit · 1933-04-27 · Heft 17 (27.4.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 17 (27.4.1933)
Date
1933-04-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Teuilleton Hr. i$ i m -i Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zelt der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) XXII. Lin „Ach er ". Außerhalb der Lernstunden stand das Rabbihaus zu allen Zeiten des Tages und bis in die tiefe Nacht hinein Jedermann weit offen, dem kleinsten der Schüler wie dem Geringsten der Gemeindemitglieder. Der Rabbi half überall, wo es-zu helfen galt» richtete auf und tröstete, Do es, mit einem guten: sanften Worte zu machen war. , Und selbst in diesem Leben voll geistiger Bewegung und Betriebsamkeit, voll seelischer Spannungen, gab es noch Höhepunkte des Erlebens. So wenn der Rabbi zu, Beginn eines Semesters die; Schüler» die alten und die ireuen, um sich sammelte und die „peticha", eine einleitende Mussarrede voll leuchtender perlen über den höheren Zweck-und die tiefere-Bedeutung des Lernens, die moralischen Grundprinzipien des Traktates hielt. Cs war in, großen Zügen ein Programm» fest im Grunde und schillernd im Aufbau» das das ganze Semester hindurch seine Gültigkeit bis zum letzten Punkte behielt. Aber auch täglich, vor jeder/Vorlesung, trug Rabbi Mosche ein Kapitel aus den Herzenspflichten des. „Chowath Halwawoth" des Rabbenu Bechaje vor. Mussar als System und Lehrfach kannte man damals noch nicht» und Rabbi Mosche widmete keine eigenen Stunden den Gebieten, die abseits des eigentlichen Talmudstudiums lagen. Aber, so pflegte er zu sagen, ein Mussarwort fürs Herz würzt und versüßt das Leben und die Geistesarbeit des Tages, wie wenige Tropfen des süßen Saftes einem Glase voll Wasser Farbe und Geschmack geben. „Und," sagte er, „machet; es im Leben so, wie ich es meinem Frankfurter Lehrer nachmache: Rach jeder gelungenen, Leistung, die zur Ueberheblichkeit reizt, nach jeder mir gewordenen Schmeichelei, die Stolz und Hochmut erzeugt, greife ich nach einen: Mussarbüchlein. Cs weckt mich aus dem Rausche und ruft mir die Worte auf die Lippen: „wer bin ich und was ist mein Leben? , . Aber man wußte, Schmeichelei erreichte sein Ohr überhaupt nicht. Cr brach das Gespräch schon nach dem ersten Worte ab. Cr faltete, so wußte der Hausbachur, der ihm zuweilen Sekcetäcdienste leistete, zu berichten, in den Briefen und halachischen Anfrage?: beim Lesen den oberen Teil des Bogens zusammen, um die Titulationen und huldigenden Ueberschriften nicht zu lesen." Cs gab auch Höhepunkte für die Gemein d e außerhalb des Lchvhauses. So wenn der Rabbi zu bestimmten Zeiten im Jahre, selten genug, von der Kanzel herab zu seiner Gemeinde sprach; oder, wenn er am 27. Cllul, zum Jahrzeitstage für seinen Lehrer, vor versammelter Gemeinde in der großen Schul Lehren von Rabbi Nosson Adler wiedergab; wenn er in der Schul oder im Hause eines Mitgliedes, in Tallith gehüllt, mit einer Anbrunst und Wonne, daß die Anwesenden glaubten, Cliahu, den Engel des Brith leibhaftig zu sehen, eigenhändig, mit dem Messer, das ihm als einziges und letztes Crbe aus dem Rachlaß seines Lehrers Rabbi Rosson aus Frankfurt übersandt wurde» die Befchnerdung vollzog; wenn er bei der dritten Mahlzeit am Sabbat, im Kreise seiner Schüler und weniger bevorzugter Freunde, die selbstverfaßten Gesänge vortrug, wenn das erste Clulhorn ertönte, war, so sagten, die preßburger, Mosche zur Höhe hin auf gestiegen, wo er bis zum Versöhnungstage, vierzig Tage lang bei seinem G'tte weilte. Cin innerer Drang zur Einsamkeit und zur beschaulichen Zurückgezogenheit war das Fahr hindurch gemildert durch das Gefühl der Lebensnahe, durch das Bedürfnrs» den Menschen nahe zu sein und ihnen zu helfen. An jenen Tagen des inneren Ringens lebte er aber gairz seinem G'tte, wie er in den Tagen des Hüttenfestes die verkörperte G'ttesfreude war. Aus dieser reinen Sphäre wurde alles, was nicht echt und nicht gut und nicht jüdisch war, wie Giftkcimc aus dem gesunden Körper, von selber ausgestoßen. Hier konnte'nur das: Gute, das Reine und Cchte gedeihen. Schlacken fielen ab wie vom Tiegel, auf dem das Gold geläutert wird, ohne Geräusch, ohne Spuren zu hinterlassen. was bedeutete - es, wenn unter den zweihundert Schülern cs einen/ gab, der anderen Sinnes war und sich über die strengen, starren Sitten in preßburg lustig / machte, ja sogar unschöne Witze riß, . die zuweilen felbfl^ üor der Person des Rabbi iricht Halt machten? wer nicht mit ganzem Sein und ganzer Seele in dieses Becken der Reinheit und Geistigkeit einfloß, war abseits, war ein „Anderer", ein Ach er. Mordche ans Jung Bunzlan, dessen Familie auf den schönen Kamen Saphir hörte, war ein „Acher". „Du hast einen schönen Ramen," so hatte ihn der Rabbi zu Beginn des Semesters empfangen, „er bedeutet'Licht und Glanz. Du sollst feilen an dem Edelsteine in dir, daß er in die Welt leuchte. Das ist der Zweck deines Hierseins." Die Grimasse, die der Jüngling dabei zog, entging dem Lehrer, denn es waren noch Andere, Hunderte, die an diesem Tage mit einem lieben Worte der Ermahnung und Ermunterung eingeführt werden sollten. .. Mordche Saphir aus Jung Bunzlan schärfte seinen Edelstein am falschen Cnde. Cr hatte hellen Kopf, leichte Auffassung und eine unheimlich witzige Redegewandtheit, die von allen gefürchtet war. Cr brachte gute Kenntnis der deutschen Sprache aus der Heimat mit und man sagte ihm nach, er lerne im Geheimen neben der Gemoro auch aus fremden Büchern, auch profane Wissenschaften. Cr hatte die Schwäche, alle leeren Blätter zu beschreiben und zu bekritzeln. Bald hatte fast jeder «in seinem Talmudexemplar auf dem Vorderblatt irgend einen Epigramm, einen Vierzeiler oder sonst ein Bonmot stehen, mit dem Wesen und Art des Buchinhabers ins Lächerliche gezogen wurden. Manche lachten, manche ärgerten sich, viele verstanden das Hochdeutsch -und die Pointe auch in den hebräischen Lettern nicht, die meisten übersahen das Geschreibsel. Die Getroffenen trachteten danach, cs dem dürren Bachur mit dem vogelgesicht aus Jung Bunzlau einmal ordentlich heimzuzahlen. Aber es war nicht an ihn heranzukommen. Für Handgreiflichkeiten in stiller Stunde fohlte das Objekt, da Mordche niemals nachts in seinem Onartiere anzutreffen war (der Himmel wußte, wo er sich herumtrieb). Anrecht- Weisungen am hellen Tage begegnete er mit einem Spott und einer boshafen Ironie, die fast tödlich wirkten. Beschwerden beim Rabbi waren einfach unmöglich. Riemals hätte es ein Jünger gewagt, vor den Lehrer mit Anklagen gegen einen Kameraden zu treten ... Run hatten sie ein corpus delicti in der Hand. Irgend ein Zeitungsblatt aus Prag kam ihnen in die Hand geweht, mit einem Gedichte unter dem Striche, dessen Inhalt auch die wenige?: Deut sch kundiger: iricht verstanden, dessen Unterschrift aber alle entzifferi: konnten: „M. Saphir". Run wußte man es, dieser Mann, dieser gefährliche Spottvogel, dieser Acher, schrieb Gedichte. Und was für Gedichte! In Deutsch, „ d e« t s ch c m Deuts ch ". Cs war nicht auszuöenken ... Aber an den Rabbi mit diesem Dokument der Schande herairzntreten, wagte doch keiner. Linen Verbündeten hatten die Jünger in Rabbi Daniel Prosnitz, dem Freunde des Rabbi und zugleich dem Jünger, der in der Jefchiwa mit ihnen das Pensum und manches Andere lernte. Rabbi Daniel, einstmals selbst Schüler Rabbi Mosches in Prosnitz und jetzt Dajan und Dozent in preßburg, war die verbinöungsbrücke zwischen Lehrer u?:d Schülern. An ihn wandten sie sich. Cr hatte schon längst? ein mißtrauisches Auge auf diesen Abseitigen, auf den falschen Gaphirstein geworfen. Run lag das Zeitungsblatt vor ihm. Cr verstand kein Wort davon. Rabbi Mosche, der „Chatan: Sofer", wunderte sich, aus dem Munde Rabbi Daniels harte Worte gegen einen Jünger zu vernehmen. Ungewohnt sowohl aus dem Munde dieses sanften Mannes, wie gegen eilten Jünger seines Jefchiwa. Das war nicht möglich, was sagte da Rabbi Daniel? Cr schreibt Gedichte? Doch sicherlich Smiroth, Lobgesäirge für G'tt -und die Thora. „Das tue ich selbst herzensgern in Stunden der Muße, wenn der Geist G'ttes über mich kommt ..." „Rein, nein, Rebbe, er schreibt andere Lieder, auf Deutsch . . ." „Run ja, Jiddischdeutsch für Frauen und Ungelehrte, was ist dabei?" „Rebbe," bemühte sich Rabbi Daniel das Unbegreifliche begreiflich - zu machen, „Deutsch, deutsches Deutsch, Lieder, wie sie die Anderen in ihren Bücher?: und Zeitungen schreiben, in ihren Wirtshäusern singen, ein Lcz (Spötter) ..." „Ra, na," beruhigte Rabbi Mosche,- „nicht so hart, woher wißt ihr das alles." Da war es an der Zeit, daß Rabbi Daniel das tat, was ihm sehr schwer siel und was durchaus nicht in seiner Absicht lag. Cr legte das Zeitungsblatt auf den Tisch. Rabbi Mosche blickte flüchtig hinein. Die Sprache der Heirnat grüßte ihn. Aber sein Gesicht verfinsterte sich. „ D a 0 schreibt er, ein Schüler unserer Jeschiwa?" Seine Hände zitterten, „verbrennen!" brachte er mühsam hervor. Rach einer halben Stunde stand der Sünder-allein in: Lernzinmter vor den: gestrengen und gütigen Rabbi. Hatte dieser geglaubt, einen reuige?: jungen Menschen mit eine??: gelinden verweise wieder auf die rechte Bahn bringen zu köunen, so belehrte ihn jetzt das ironische, herausfordernde Lächeln im hochfahrenden Gesichte, wie sehr er sich getäuscht hatte, warum er Gedichte schreibe, und?:och dazu solche Gedichte, fragte der Rabbi. Das komme aus dem Zwailge der Seele, des Talentes, philosophierte der Jüngling sehr selbstbewußt. Man könne nichts dagegen tu??, wenn der Geist über einen komme und einem die Feder in die Hand drücke. Das Dichten sei eine Kunst, und die Kunst habe den Menschen . . . Das sei eben nicht jedem gegeben, wer es aber einmal hätte . . . was war das für eine Sprache, was für Worte? Cr gedachte, einen Jungenstreich, mit einen? heitere?: Worte vielleicht, aus der Welt zu schaffen. Hier saß es tiefer. Aber das heitere Wort drängte sich ihn: trotzöeii: auf die Lippen. „wenn du schon so weit bist, so wisse, mein Sohn, auch ich, dein Rebbe» kann dichte?:: Saphir — ich sag' dir — marschier — von hier! . . ." Rur als Spaß war es vom Rabbi gedacht, als letzter versuch mit der leichten Waffe des Spottes, die sich in vielen Fällen so gut bewährt hatte, wußte iricht, daß dieses sanfte Rütteln schon genügte, das welke Blatt vollends abzuiverfen. Mordche Sapihr ging und kam nicht wieder. Ur:d Rabbi Mosche Sofer fragte sich besorgt, ob er an diesem Schüler nach Vorschrift des Talmuds vcrfahren sei, „mit der linken Hand abzustoßen uird mit der rechten wieder nahezubringen." Später, da Mordche als M s r i tz Saphir in der Welt von sich reden machte, wußte man in preßburg:?vas hier verloren ging, war nie in diese??: Boden verwurzelt. Und dennoch schien eine Ccke in der Seele des vielgefttrchteten Humoristen etwas Feuer von jenem heiligen Feuer empfangen zu habe?: und weiter zu hüten. Mit einer Welt bä?:delte er an und nichts von ihrer gegebenen und geheiligten Ordnung blieb von seiner ätzenden Feder verschont. Für preßburg und sein Lehrhaus hatte Moritz Saphir keine?: Reim. Und die Possen Moritz Saphirs waren schon halb-, vergessen, als preßburg, das preßburg des Chatan: Sofer, erst richtig anfing, seine Strahlen in die Welt hrnauszuschicken.

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