Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1933)
- Date
- 1933-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 17 Der Israelit 27. April 1933 treter usw. eintreten müssen. So wird uns ein von dem Beauftragten der NSDAP, bei der Geschäftsführung der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M. (sicherlich analog auch anderwärts) bekanntgegebener Aufruf der Reichskampsbundführung des gewerblichen Mittelstände vorgelegt, in dem es heißt: „Bei der- Reichskampfbundführung häufen sich die von überall her einlausenden Anfragen von Einzelhändlern und Gewerbetreibenden der verschiedenen Branchen, die ihre Waren usw. bisher von jüdischen Lieferfirmen bezogen und die nunmehr -um Angabe von deutschen Lieferanten bitten, von denen sie ihre Waren beziehen können. Es werden daher alle deutschen L t e f e r f t r m e rt aus Industrie und Großhandel, die rein deutsche Unternehmungen sind (Nachprüfung Vorbehalten) aufgefordert, sich zwecks Eintragung in ein entsprechendes Verzeichnis beim Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, Berlin S W. 11, Europahaus, schriftlich zu melden." Beamten, Angestellten und Arbeitern kommunaler Betriebe wird, wie die „Rundschau" meldet, an vielen Orten verboten, bei Juden zu kaufen. 6000 jüdische Aerzte vom Verbot der Kaffcnpragi: betroffen. Berlin, 23. April. Wie der „P. G. Z." berichtet, erstrecken sich die Aufgaben des ins Reichsarbeitsministerium berufenen Dr. Haedenkamp vom BeÄand der Aerzte Deutschlands nahezu ausschließlich auf die Reorganisation des Aerztewefens innerhalb der Krankenkassen und sonstigen Sozialversicherungsträger. Bis zur Durchführung der Regelung auf Grund des Berufsbeamtengefetzes wurde die Zulassung zur Kassenpraxis generell gesperrt. Bei der Ueberprüfung sollen die jüdischen und kommunistischen Kassenärzte von den kassenärztlichen Tätigkeit ausgeschlossen werden. Für die jüdischen Aerzte werden wahrscheinlich eine Reihe von Ausnahmen gemacht werden, während diejenigen Aerzte, die sich kommunistisch betätigt haben, ausnahmslos ohne Berücksichtigung von Konfession und Rassenzugehörigkeit ausgeschlossen bleiben. Bemerkenswert ist die Stelle im Bericht des „P. G. Z.", in der davon die Rede ist, daß in jenen Fällen, in denen es sich entweder um Frontkämpfer oder um Aerzte handelt, die ihrer ärztlichen Betätigung während des Krieges an der Front und in den Lazaretten nachgsgangen sind oder die sich bereits am 1. August 1914 in Deutschland niedergelassen hatten, Ausnahmen für die jüdischen Aerzte zulässig sind. Das Beamten- und das Anwaltsgesetz stellen nämlich solche Ausnahmen nicht als bloß zulässig, sondern als obligatorisch hin. Insgesamt dürfen heute in Deutschland etwa 50.000 Aerzte amtieren, von denen 40.000 auf die Kassenpraxis entfallen. Die Gesamtzahl der jüdischen Aerzte in Deutschland beträgt etwa 7000, von denen ungefähr 6000 kassenärztlich tätig sind. Die letzte Entscheidung über Absetzung oder weitere Amtierung der unter die Ausnahmeklauseln fallenden jüdischen Aerzte steht, ebenso wie die Prüfung etwa eingehender Beschwerden, dem Reichsarbeitsminister zu. Bezüglich späterer Neuzulassung zur ärztlichen Kassenpraxis gelten sinngemäß die Bestimmungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, also insbesondere der Arierparagraph. Die Anzahl der aus der Kassenpraxis ausscheidenden jüdischen Aerzte wird sich erst in etwa einem Vierteljahr übersehen lassen. Die notwendig werdenden Entlassungen sollen nicht überstürzt, sondern nach und nach oorgenommen werden. Man darf annehmen, daß die gesetzestreuen denk fchen Rabbinerverbände wohl bereits in Erwägungen darüber eingetrsten find, inwieweit es vom religrons gesetzlichen Standpunkt aus prinzipiell möglich ist, von der hier durch das Gesetz bei Geflügel gestatteten Mög lichkeit Gebrauch zu machen und welche Sicherungsmaß nahmen bejahenden Falles dabei zur Vermeidung von getroffen werden müssen. Bevor die Entscheidung der Rabbinerverbände und die darauf fußenden Anord nungen der zuständigen Rabbinate ergangen sind, kann natürlich kein Schächtbeamter von der Möglichkeit, die das Gesetz gewährt, Gebrauch machen. Bücher jüdischer Autoren in der Kielet Universitäts biblisthek und in den Breslauer Buchhandlungen beschlagnahmt. Kiel, 23. Aprl. Die „Kieler Neuesten Nachrichten" veröffentlichen eine Mitteilung der Freien Kieler Studenten schaft, derzufolge der Kampfausschuß wider den un deutschen Geist in der Kieler Universitätsbibliothek samt liche Veröffentlichungen vieler Autoren beschlagnahmt, u. a. von Kantorowicz und Iacoby. Unter den beschläg nahmten Büchern befinden sich Werke weltbekannter Landesorganisalion der Agudas Jisroel in Deutschland. Das Postscheck - Konto der Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland ist nunmehr: Berlin Nr. 112594 für A. Rzeszewski, Vertreter der Wissenschaft wie des Philosophen H u s s e rl des Nationalökonomen Harms, des Soziologen Her mann Kantorowicz, des Wirtschaftswissenschaftlers Cohn, des Mathematikers Adolf F r a e n k e l usw Wie die „Vossische Zeitung" aus Breslau meldet, hat dort eine Abteilung SA. unter Führung eines Phi lofophie-Studenten in mehreren großen Breslauer Buch Handlungen sämtliche Werke von Arnold und Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Erich Kästner, Lion Feuchtwanger und Kurt Tucholski beschlagnahmt. Ferner wurden Werke von Thomas und Heinrich Mann, sowie ausländische Bücher, u. a. von Zola, auch in den deutschen Ausgaben beschlagnahmt. Der Führer /der SA-Truppe erklärte, aus höhere Weisung zu handeln. Durchführungsverordnung zum Anti-Schechita-Gcsctz. Berlin, 24. April. Die Reichsregierung veröffentlicht im Reichsgesetzblatt das „Gesetz über das Schlachten von Teiren", durch das ab 1. Mai das betäubungslose Schlachten warmblütiger Tiere verboten wird. Vorsätzliche oder fahrlässige Uebertretung der Vorschriften dieses Gesetzes wird mit Gefängnis bis zu 6 Monaten oder mit Geldstrafe bestraft. Das Reichsgesetzblatt publiziert gleichzeitig eine Durchführungsverordnung des Ni.ichsinnenministers Dr. Frick, in der es heißt, daß die Betäubung durch Anwendung besonderer Betäubungsapparate oder durch Schlag auf den Schädel mit einem besonderen Hammer oder behelfs- Schrvsiz. Die evangelische Kirche in der Schweiz zur Lage der Juden in Deutschland. Genf, 21. April Die Delegierten der evangelischen Kirchen Briquet und W ible haben dem Genfer Oberrabbiner, Salomon Meyer, einen Besuch abgestattet. Sie erklärten namens der evangelischen Krichen, daß che die Zurücksetzung der Juden in Deutschland mißbilligen und versicherten die Jüdische Gemeinde ihrer Sympathie. Am folgenden Tage statteten die Mitglieder des Rates der Jüdischen Gemeinde Genf Henri de Toledo und Albert Meyer dem evangelischen Konsistorium einen Dankbesuch ab. Eine Reihe hervorragender Schweizer Intellektueller haben an die verschiedenen evangelischen Gemeinschaften der romanischen Schweiz folgenden Aufruf gerichtet: Erschüttert angesichts der gegenwärtigen Lage der deutschen Juden glauben die Unterzeichneten, die es nicht' mäßig mit einer Axt zu erfolgen habe. Die Betäubung von Geflügel vor der Schlachtung ist nicht erforderlich, ' fassen können, daß sonst auf die Wahrung sittlicher Werte wenn das Schlachten durch vorheriges vollständiges Ab-, bedachte Behörden sich der Anerkennung des Rechtes trennen des Kopfes vom Rumpfe erfolgte. I jedes menfchlchen Wesens auf Gewissensfreiheit, Arbeit .und Sicherheit verschließen, daß es noch immer Zeit sei, die Aüfmerkfamket der Christen auf die Bedenklichkeit einer Haltung hmzulenken, die eine Verneinung des Liebe, Unabhängigkeit und 'gegenseitige Hilfe bedeutenden evangelischen Geistes darstellt. * Sie erwarten von den Kirchen, daß diese ihre Stimme erheben, um für die Juden dieselbe Gerechtigkeit zu fordern, die sie für jede andere zurückgesetzte Minderheit verlangen müßten. Polen. Massenkundgebungen in polen. Marsch a u, 25. April. Zum ersten Male in der letzten Geschichte sah man am 23. April das vereinigte polnisch,e Judentum im großen Raume des Kaminzki-Theater bei einer Kundgebung vereinigt. Ueber tausend Delegierte und Gäste waren anwesend. Neben den Deputierten des Jüdischen Klubs sah man auch Vertreter der Aguda und fast aller jüdischen Gemeinden, Körperschaften und Organisationen. Den Vorsitz hatte Dr. Gottlieb, der im Namen des eirtberufenen Komitees Die Versammlung erössnete. Es werden zahlreiche Begrüßungstelegramme verlesen. In dem nun gebildeten Präsidium sieht man u. a. auch Oberrabbiner Lewin, Präses M a f u r, I. M. L ew in u. v. a. Präses Mafur begrüßte im Namen der Warschauer Kehilla, worauf die Referate und Berichte beginnen. Einen gewaltigen Eindruck hinterläßt das Referat von Oberrabbiner Ahron L e w i n. Er bezeichnet die Vorgänge in Deutschland als "einen neu hinzugekommenen Teil der allgemeinen jüdischen Tragödie und schildert die geistigen Nöte der deutschen Judenheit besonders auch infolge des Schächtverbots. Seine Worte klingen in einer Mahnung zur Tfchuwo aus, die Tränen und Zustimmung auslöfen. Redner teilt noch mit, daß auch die Agudath Harabbanim sich der Kundgebung mit vollem Herzen anschließt. Speziell über die ruinösen Folgen des Wirtschaftsb o y k o t t s referiert der Direktor des allgemeinen kaufmännischen Vereines, Ingenieur S e i d m a n n. Rabbiner Neufeld spricht über die zu gründende Hilfsaktion. Ueber die Auswanderungsmöglichk e i t e n für die deutschen Juden spricht Dep. Hartglas. Eine Ergänzung der bedeutsamen Rede von Oberrabbiner Lewin brachte Ratmann I. M. L e w i n, der auch interessante Ausschlüsse über die Einwanderungs- und Ansiedlungsmöglrchkeiten für deutsche Juden in Erez Jisroel gibt. Zuletzt spricht noch Rabbiner Rubi n.st e i n aus Wilna. Eine Resolution, sowie der Beschluß zur Schafung eine durchgreifenden Hilfsorganisation für die deutschen Juden wird einstimmig angenommen. England. Ein Aotfonds zur Ansiedlung deutscher Zudem in Palästina. London, 20. Aprile Die Exekutive der Jewish Agency für Palästina hat eine großzügige Aktion zur Ansiedlung deutscher Juden, die infolge der Umwälzung in Deutschland ihre Heimat verlassen mußten, in Palästina eingeleitet. In einem Ausruf wendet sie sich an Zionisten und Nichtzionisten mit der Aufforderung, "einträchtig zusammenzuwirken, um binnen kürzester Frist die Mittel zur Durchführung dieses Ansiedlungswerks aufzubringen. Ein besonderer Palästina-Notfonds für deutsche Juden soll in Zusammenarbeit mit-anderen jüdischen Organisationen und führenden jüdischen Kreisen geschaffen und damit die Einwanderung und Ansiedlung Tausender deutscher Juden in Palästina gesichert werden. Italien. Intervention der italienischen Iudenheit. Rom, 25. April. Die Exekutive der Union der jüdischen Gemeinden Italiens hat eine Resolution gefaßt und alle Rabbiner Italiens aufgefordert, sie in den Synagogen zu verlesen und sie der nächsten Wochenpredigt zugrunde zu legen. Am Montag, den 23. April, empfing dann Mussolini den Ob errabb in er von Rom, Dr. Saerdoti, der ihm, im Aufträge der Union, die Besorgnisse der italienischen Juden wegen der schweren Lage ihrer Glaubensgenossen m Deutschland übermittelte.