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Der Israelit · 1933-04-27 · Heft 17 (27.4.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 17 (27.4.1933)
Date
1933-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 17 Der Israelit Die Geschichte wirdereinst feststellen, was Juden, sei es materiell, sei es ideell, für Deutschland gelerstet haben. Wir sind nicht besorgt über ihr Urteil. Denn wenn es um Deutschland sich handelt, so haben — von Ausnahmen abgesehen — die meisten derer, die an vorderster Stelle wirkten, an sich und an ihr Judentum zuletzt gedacht, in, erster Linie für Deutschland gewirkt. Was uns bei der Beurteilung jener Phil6nlropm> Gelehrten und Staatsmänner weh tut, das ist gerade die Tatsache, das; sie um ihres öffentlichen Wirkens willen das jüdische Erbgut vollständig ignoriert, ihren jüdischen Damen abgeschüttelt, ihre, jüdischen Verpflichtungen gegenüber ihrem G'tte völlig geleugnet hatten. Wenn uns heute neben allen persönlichen Kränkungen am meisten weh tut, das; das Judentum so verkannt, unter den Bekenntnissen deklassiert, in seiner sittlichen Forderung verleumdet wird, daß so unser G'tt gelästert wird, so haben wir ehrlich zu sein und uns zu gestehen, daß gerade die Juden, die in der Öffentlichkeit wirkten, vielfach sehr gering vom Judentum dachten, zur Bibel sehr kritisch standen, von seinem Sittengesetz sehr wenig wußten. Sie standen meist auf dein Loden der Aufklärung, die alles eher denn jüdisch war, Rosseaus und Voltaires und Friedrichs des Großen. Öder sie waren Schüler Schopenhauers und Nietzsches, die ebenfalls keine Juden waren, wären Marx, Wassermann und Werfel beim Judentum in die Schule gegangen, sie hätten "den Damen G'ttes,. die Ehre des Judentums und die Geschichte des Judentums und den Damen ihrer Ahnen nicht so entweiht, wie es beispielsweise in Marxens Abhandlung über die Iudenfrage, in Wassermanns Juden v. Zirndorf und Werfels Paulus der Fall ist. Der größte Teil des deutschen Judentums hatte ja das geschichtliche Judentum preisgegeben und von einer Verpflichtung gegen den G'tt der Geschichte und die jüdische Gemeinschaft vielfach nichts mehr wissen wollen. Wie viele waren getauft, wie viele haben in Mischehen ihr Judentum zu begraben gesucht! Darum erscheint uns, was wir heute erleben, als Aeußerung der uralten G'tteswaltung: Middo keneged Midöo. Weil so viele Juden ihr Judentum, so gering geschätzt, und ihre natürliche Gemeinschaft verlengneten, darum werden sie wegen ihres Judentums gering geschätzt, und um ihrer natürlichen Gemeinschaft verachtet. Daß auch wir, die wir dem geschichtlichen Judentum die Treue zu wahren versuchten, unter der Sonne der Freiheit nicht immer auf der Höhe unserer Aufgabe standen, daß wir vor allem erst heute unter dem unerbittlichen Gebote der Stunde fühlen, daß einer für alle zu leiden, daß die Dot der Juden jedem einzelnen ans Leben geht, mag uns eine bittere, aber heilsame Lehre sein. Ziehen wir aus dieser Dot. unsere Lehren, so gilt es vor allem, mehr als bisher schon, die seichten Aufklärungslchren, Individualismus, Rationalismus und Mechanismus aus unserer Mitte zu verbannen, unsere Kinder dazu zu erziehen, daß sie nimmer vergessen, daß die Dot des Ganzen ihre Dot, die Ehre des Judentums ihre Ehre, die Lehre des Judentums ihre Lehre sei, und daß deren Verletzung unvermeidlich jedem Einzelnen zum Fluche werden müsse. Dur wenn sie sich zur Totalität des geschichtlichen Judentums, also zu ihrer Geschichte bekennen, werden sie ihre Freiheit gewinnen in all dem Zwang, der ihnen auferlegt wird. Dur wenn sie ganz sind, wofür sie gelten, nur wenn sic, was sie erleben und erleiden, als Juden erleben und erleiden, wenn es ihnen Bestätigung einergroßen Vergangenheit, eines reichen Innenlebens ist, werden sie dem Kampfe, der ihnen bevorsteht, gewachsen sein, nicht aber, wenn das, wofür sie leiden, ihnen unbekannt, gleichgültig oder gar unbekannt ist. Eine Zeit beginnt, in der Iudefein nicht mehr ein nebensächliches Acridens darstellt, nicht mehr ein anonymes Privatvergnügen und individuelles Meinen ist. Wir wollen und dürfen uns nicht der Täuschung hingeben, daß solche Zeiten in Deutschland wiederkommen. Manches kann und wird sich ändern. Aber jene Zeit kommt nicht wieder. Und wer nicht blind ist, wirö j gut daran tun, auch für die anderen Länder, in denen' man den Antisemitismus in feiner penetranten Aeußerüngsform ablehnt, sich neu einzurichten. Die Zeit des getarnten Judentums ist wirklich und endgültig.vorbei; eine Zeit beginnt, in der jeder Tropfen jüdischen Blutes teuer bezahlt werden muß. Je teurer wir ihn bezahlen, desto teurer mag er uns werden.' Das Blut kann uns zur Gesundung werden, wemr wir in ihm unsere Seele wiederfinden, in ihm nicht nur die Drsache unseres Leids, sondern auch die Ursache vergangener und zukünftiger Größe. Wir waren groß^ als wir dem römischen Weltreich mit seinen ungezählten Legionen, mit den Waffen in der Hand entgegentraten. Aber größer waren wir,als wir im vertrauen auf G'tt und seine heilige Tauroh auf den Trümmern des verwüsteten Heimatboöens die Kraft aufbrachten, ein neues Leben zu beginnen, umgeben von wüst hausenden Feinden den Weinberg in Iawne zu pflanzen. Inzwischen sind Jahrtausende verflossen. Rom ist längst nicht mehr. Aber wir sind noch da. Dicht auf Grund unserer Dation. Rationen gab cs noch mehr. Aber auf Grund unserer Religion. Auf sie wollen wir auch in Zukunft uns stützen. Dann kämpfen wir nicht für uns, sondern für G'tt. „Wir wollen trauen auf den höchsten G'tt. Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.". wir wollen uns vornehmen, den Glauben an G'tt nicht wieder zu verlieren. Sowie dev Mensch nicht leben kann ohne sein Volk, so kann kein Volk leben ohne positive Religion. Gilt das im allgemeinen, um wie viel mehr für uns, deren Volkwerdung von Anfang an religiösen Thamkter trug. Wir wollen aber auch den Glauben nicht verlieren an uns und an unsere Gemeinschaft. Ein Volk, dessen Träger eine solch unverhältnismäßig große Reihe glänzender Damen auf allen Gebieten des geistigen Lebens, der öffentlichen und 'privaten sozialen Fürsorge aufweist, das hat ein Denkmal, das nicht leicht abzutragen ist, in sich, das verfügt über ein Kapital, das nicht zu entwerten ist, und das ihm feinen Bestand gewährleistet, wenn es — mehr als bisher —- feiner eigensten Kraft, ö. i. feiner Religion getreu, im festen Willen sich zusammenschließt, alles bisher Trennende zurückzustellen, vor der Dot, die uns alle eint, und alles Organisationstalent, allen Geist und alle Liebe, die es so oft für andere betätigt hat, einmal für sich selbst zu verwerten, und alle in ihm schlummernden Kräfte im Dienste seines eigenen Wesens zu betätigen. Sind wir so unseres G'ttes und unseres Selbst wieder sicher, dann brauchen wir auch nicht den Glauben an Deutschland zu verlieren. Deutsche Sprache ist uns ja noch immer unsere Muttersprache, deren Laute uns dienen zum Ausdruck all dessen, was Menschenbrust bewegt. Deutscher Boden ist uns noch immer Mutterboöen, in dem die Gräber unserer Lieben ruhen, für. den 12 000 Juden gefallen sind, und deutsches Schicksal ist uns noch immer aus Her; gewachsen, wie die vielen von jüdischem Geld erbauten Institutionen zum Wohle aller bezeugen. Für dieses Land, für dieses Volk geben wir den Glauben nicht auf, daß es auch feine Stellung zu uns einst revidiert. In ferner Musik, in ferner Lyrik, in ferner Wissenschaft ist kein Platz für Judenhaß. Wir sind ein altes Volk und haben zu warten gelernt. Wir haben erlebt, daß durch den Kampf Reuchlins um den Talmud gegen feine Verleumder eine Erneuerung deutscher Kultur eingeleitet wurde. Wir haben erlebt, daß für einen einzigen Juden, der zu Unrecht verdächtigt war, auf. den erschütternden Ruf eines Franzosen hin, das ganze Land zu einer radikalen Revision schritt, die ihm zum Segen wurde. wir hoffen, es kommt auch in Deutschland der Tag, an dem eingesehen werden wird, daß es uns gegenüber nicht um eine Iudenfrage, sondern um eine deutsche Frage geht, mit deren Lösung nicht nur unserer Religion, unseren Vätern und unseren Kindern die Ehre wieöergegeben, sondern auch den Deutschen, die heute um ihre Erneuerung ringen, ihr Platz in der Menschheit wieder gesichert wird. 27. April 1933 Die augenblicklichen wirtschaftlichen Aussichten in Erez Wröel. Liner der zuverlässigsten Kenner der derzeitigen wirtschaftlichen Möglichkeiten im heiligen Lande, Dr. 2lrthur Happ in in Jerusalem, veröffentlicht in.der „Jüdischen Rundschau" einen längeren Aufsatz über landwirtschaftliche Siedlungsverhältnisse und schickt diesem Aufsatz einige Vorbemerkungen über die wirtschaftlichen Aussichten der verschiedenen Berufe im allgemeinen voraus. Da diese Frage zur Zeit viele gesetzestreue Juden beschäftigt, halten wir. es für unsere Pflicht, die Bemerkungen Ruppins auch unserem Leserkreise zugänglich zu machen. Dr. Ruppin schreibt: „Palästina kann denjenigen Juden in Deutschland, deren Cxistenzausflchten durch die neue politische Wendung zerschlagen sind, zur Zuflucht werden, falls sie bereit sind, zur L a n dw i r t f ch a f t überzugehen und die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen. Zu diesen Voraussetzungen' gehört' bei Leuten, die infolge ihres Alters öder mängelnder physischer Kraft zu schwerer Arbeit nicht geneigt sind, sondern dafür Lohnarbeiter beschäftigen müssen, bei bescheidener Lebenshaltung ein Kapital von mindestens Lst.;5000.—; bei jungen, kräftigen Leuten im Alter bis zu 30 Jahren, die sich noch auf die Landwirtschaft und auf. ein hartes und entbehrüngsreiches, aber friedliches und mit derDatur verbundenes Leben umstellen'können, ein Kapital von Lst. 1000 bis Lst. 1200; der jungen, kräftigen Leuten von 16 bis 2ä Jahren, die mindestens während eines Jahrzehnts als Lohnarbeiter und in der eigenen Wirtschaft w e i t ü beröasöurchfchnittl ich e Maßhinaus arbeiten und sich in dieser Zeit mit dem baren C x i st e n z m i n i m u m begnügen müssen, ein Kapital von Lst. 400.—. Die beiden letzten Kategorien sollen erst dann zur Begründung einer eigenen Wirtschaft schreiten, wenn sie während einer Probezeit von ein b i s d r e i Jahren ihre Eignung für die landwirtschaftliche Arbeit bewiesen haben. Außer der Landwirtschaft kann die Industrie eine Existenzquelle für diejenigen werden, die gründliche F a ch k e n n t n i s s e und wenigstens einen erheblichen Teil des erforderlichen Kapitals für einen Industriezweig haben, der in Palästina günstige Produktions- und Marktbeöingungen hat. E)b dies zutrifft, kann nur von Fall zu Fall festgestellt werden. Die Aussichten für Akademiker (Aerzte, Zahnärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte) sind schlecht, da diese Berufe in Palästina bereits über - f ü l l t - sind. Rechtsanwälte werden außerdem nur nach einer Prüfung, die in englischer oder hebräischer Sprache abgehalten wird und eine längere Vorbereitung erfordert, zur Praxis zugelassen. Sehr geringe 2lusstchten bestehen auch für D e tailka u f l e ü t e und k a u.f m ä n n i fcheAng efl e l l l e n, da alle Handelszweige stark besetzt sind und Deuankömmlinge gegenüber den schon im Lande befindlichen, orts- und sprachenkundigen Handelstätigen einen schweren Stand haben. Handwerker, die in ihrem Fache tüchtig sind, und mindestens Lst. 260.— besitzen, finden in vielen Fällen noch ein Unterkommen. Ungelernte Arbeiter ohne Kapital werden nur im Rahmen der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit Palästinas auf Grund von Zertifikaten zur Einwanderung zugelassen. Kapitalisten, die ihr Geld in Palästina in sicheren Hypotheken langfristig anlegen wollen, können auf eine Verzinsung von 7—8 Prozent rechnen. Die Kosten des Lebensunterhalts einschließlich Wohnung, Kleidung, Steuern usw. betragen in einer Stadt im Durchschnitt für Familien von drei bis vier Seelen bei Arbeitern Lst. 10.— monatlich, bei Familien von Handwerkern, kleinen Kaufleuten, Büroangestellten Lst. 16.— bis 20.—, bei leitenden Angestellten, Aerzten; Rechtsanwälten Lst. 25.— bis 60.—. In den landwirtschaftlichen Siedlungen sind die Kosten etwa 26 Prozent ntedriger."

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