Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1933)
- Date
- 1933-04-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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und über das neue Studentenrecht eine Fassung gibt, die dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden und den großen Traditionen der deutschen Wissenschaft entspricht." Andere, der nationalen Regierung durchaus zugewandte Blätter weisen auf die Schwierigkeiten bei der Berechnung der Quote hin, nach der jüdische Schulkinder -und jüdische Studierende ausgenommen werden sollen. Da die Quote nicht allein auf die Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft ausgestellt sein kann und, wie man hört, auch nicht so berechnet werden soll, müssen genaue Berechnungen über die Angehörigen der jüdischen Rasse in Deutschland stattfinden und ebenso über die Vermischungen zwischen Angehörigen der jüdischen und der deutschen Rasse. Das alles stellt die Schulbehörden vor rechnerische Probleme, die nicht so leicht zu lösen sein werden. Unserer Zugend. Von Dir. Dr. 2TC. Elias. In schwerer Zeit, mit bangem Herzen haben wir wieder junge Menschen aus unseren Schulen ins Leben hinaus geleitet. Wieder wie so oft möchten wir ihnen Worte der Freude sagen über ihren Erfolg, möchten wir ihnen alles Gute wünschen fürs Leben, während wir ihnen liebe- und wehmutsvoll die Hand zum Abschied reichen. Und auch die Uatur hat sich wie gewöhnlich geschmückt, dem Frühling entgegen zu gehen, - der von der Erneuerung der Erde zur Erneuerung der Menschen ruft. Und doch! Wie ist das heute alles so anders denn sonst! Wie erscheint uns das alles heute so unbedeutcnd, der Glanz so grau, die Sonne so blaß! Das verflossene Jahr war schwer und lief von den Problemen der Zeit und der Umwelt aufgerissen, aber die Erschütterung, die uns heute durchrüttelt, geht ans Letzte, was Menschen, was Eltern, was Juden und — Deutsche zu verteidigen haben. In dieser Zeit Kinder zu erziehen und in eben jene Welt hinanszusenden, in der sie wegen ihres Judentums wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und geistig mit einem Makel behaftet erscheinen, ist wahrlich nicht leicht. Vertrauen zur Umwelt und zum Geiste, zum Guten, das überall anerkannt, zum Wahren, das allen zu erkennen, zum Rechten, das allen erreichbar, und zur Unschuld,' die von allen ohne Ansehen der Geburt und des Glaubens anerkannt wird, — die Voraussetzung aller Erziehung, wie sollen wir sie ihnen beibringen? Wir sind Bürger eines Staates, dem wir treu dienten, Söhne eines Landes, das wir liebten, dessen, Sprache unsere Muttersprache, dessen Geistcsgeschichte ' uns als Gipfel der Kultur erschien, und von eben diesem Staat werden wir als Bürger zweiter Klasse gezeichnet. Wir gehören -einer Gemeinschaft an, die vom Dekalog, den Propheten, und den Psalmen als G'ttes Volk bezeichnet wird, und um-' dessentwegen werden wir von Menschen christlicher Religion als minderwertig angesehen. Wir bekennen uns zu einer Religion, die den Glauben an einen Vater aller Menschen als erste verkündet hat, und darum werden wir von eben jenen, die ihn von uns übernommen haben, deklassiert. Wie sollen wir unseren Kindern das begreiflich machen? Wie sollen wir sie schützen gegen Schwäche und Mißtrauen, gegen Verzweiflung und Haß, gegen Verneinung und all die finsteren Gewalten, die sich der Seele bemächtigen, die von unverschuldeter und unverstandener Kot, Entehrung und Entrechtung heimgesucht wird? Unter solch trüben Betrachtungen traf mich das starke Bekenntnis der Jugend aus dem Munde einer Schülerin, die so gewiß von ihrer Zukunft gesprochen hat, daß nur das Wort des Propheten in den Sinn kommt: Habonim en lejißroel, im jauresch en lau? Hat Israel keine Kinder mehr, hat es kein Erbe mehr zu verwalten? Und ich säge mir: Was gibt uns, den Zeugen dreier Jahrtausende, das Recht, kleinmütig zu sein, was gibt uns das Recht, unseren Kindern vorzuenthalten, was sie heute doppelt nötig haben: den Trost des Glaubens, den Stolz des Juden, die Kraft zu leiden? was gibt uns das Recht, unser Erbe preiszugeben, das von' G'tt uns überantwortet wurde, und durch drei Jahrtausende von Blut und Tod, von Leid und Tränen geheiligt ist? Was berechtigt uns, die Augen niederzuschlagen vor einem Volke, das von uns die zehn Gebote übernommen hat? Und damit ist auch aller Kleinmut verflogen. Diese Rot ist dazu da, um überwunden zu werden. Wir sollen uns besinnen auf das, was wir unser eigen nennen können, indem wir dafür zu leiden haben. Wir sollen hart werden, darum faßt uns das Leben hart an, wie seit Jahrhunderten nicht. Wir sollen weich werden; einer dem andern zur Seite zu stehen. Stütze zu sein, verzweifelnde dem Leben zu erhalten, alle Kräfte in Bewegung zu setzen, die in uns, in unseren Familien, in unserem Judentum und in der Welt noch da sind. Das soll heute unsere erste und oberste Aufgabe sein, für die jüdische Menschen, jüdische Eltern und Kinder hier zu leben haben. Höchstes, dankbar einpfundenes Glück soll cs uns sein, jüdischen Kindern, die unversehens um die Heimat, in der sie wurzelten, um die Möglichkeiten, an die sie glaubten, um Ideale, dir sie gepflegt hatten, gebracht worden sind, wenigstens unter uns eine Heimat zu bieten, in der sie vor dem eisigen Windhauch geschützt sind, der sie draußen anweht. Und noch eines: wir haben in diesen Tagen kennen gelernt, wie unzertrennbar wohl und wehe jedes einzelnen von uns mit dem der jüdischen Gesamtheit verknüpft ist. Qb Kleines Feuilleton. Miscellen aus Abraham Berliners Memoiren. Zu seinem 100. Geburtslage am 2. Mai. Professor Dr. Abraham Berliner, der berühmte Gelehrte, Dozent am Berliner Rabbiner-Seminar, erblichte heute vor 100 Jahren in Obersitzko (ehem. Provinz Posen) das Licht der Welt. Er war nicht nur ein scharfsinniger Forscher, Bersasser mehrerer Standard-Werke („Kritische Betrachtung der Raschi-Kommentare". „Geschichte der Juden in Rom", „Die deutschen Juden ini Mittelalter in ihren Beziehungen zur christlichen Umwelt"), sondern auch ein Meister des feingeschliffenen Stils und ein amüsanter Plauderer, wovon seine Lebenserinnerungen ein beredtes Zeugnis oblegen. Folgende Einzelheiten daraus dürsten unsere Leser wohl interessieren: Was zunächst den Rainen Abrahain Berliner anlangt, so bedarf er scheinbar keiner Erklärung. Und doch ist dies nicht der Fall. Denn eigentlich hieß er init Vornamen Adolf, er selbst nannte sich aber stets Abraham. Damit hatte es eine eigenartige Bewandtnis: Im Jahre 1817 hatte die preußische Regierung für die Juden in der Provinz Posen die Bestimmung erlassen, daß sie ihren Kindern nur allgemein übliche, aber keine alttestamentarischen Vornamen beilegen dürften. So nannten ihn denn seine Eltern mit schwerem Herzen Adolf, zuhause aber wurde er stets Abraham gerufen. 4 Jahre nach seiner Geburt stieß übrigens dieselbe Regierung ihre Verordnung um und bestimmte mit dem Zickzackkurs, den sie auch sonst in der Provinz Posen befolgte und der, beispielsweise in der Polenfrage, soviel Unheil angerichtet hatim umgekehrten Sinne, daß die Juden nur alttestamentarische Vornamen führen dursten. Aber nach dem 3 Jahre später erfolgten Tode des Königs Friedrich Wilhelm III. schlief der Ufas ein, und kein Mensch kümmerte sich mehr darum. Den Stammnamen Berliner führte die Familie, als Adolf (Abrahain) geboren wurde, auch erst kurze Zeit. Damals waren feste Stammnamen bei den Inden namentlich in den östlichen Landstrichen noch nicht allgemein üblich. Aber der Großvater unseres Abrahams! wollte einmal nach Berlin fahren und nach seiner Rückkehr von der Reise wurde er, der bis dahin allgemein „Rebb Meier" genannt wurde, auf einmal Meier Berlin QeUljen. Dabei war er gar nicht in Berlin gewesen, sondern in Danzig zum Wollmurkt, der ja damals und noch bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bei den zahlreichen jüdischen Wollhändlern eine große Rolle spielte. Auf dem Wege zur Post traf Meier, der in der Hand die damals übliche wollgestrickte Reisetasche mit Mundvorrat, natürlich auch Tallis und Tefillim, Siddur und Chumisch gefüllt, trug, einen Glaubensgenossen. „Wohin fährst Du?" war dis selbstverständliche Frage. Reisen war ja damals, besonders im kleinen Ort, eine Seltenheit, die Frage also berechtigt. „Rach Berlin", lautete die Antwort. Rebb Meier wollte damit die Konkurrenz nur irreführen, tatsächlich fuhr er ja, wie oben erwähnt, nach Danzig, tat also das Gegenteil von dem Glaubensgenossen in Tarnopol, von dem die alte Anekdote erzählt, daß er auf dem Bahnhof einen anderen Juden traf, dem er auf die gleiche Frage nach dem Ziel der Fahrt erklärte: „Nach Krakau". — „Wenn Du sagst, nach Krakau, willst Du haben, ich soll glauben. Du fährst nach Lemberg, Du fährst aber wirklich nach Krakau. Also warum lügst Du?" Menschen das Recht haben, für das, was der oder jener getan hat, eine Gesamtheit von daran unbeteiligten Menschen leiden zu lassen, mögen sic mit ihrem Gewissen ausmachen. .. Daß aber wir, von solchem Schicksal betrossen, mazdik es hadin sein müssen, und in der Schuld des einzelnen die Schuld der Gemeinschaft bekennen müssen, sowie jeder einzelne von der Rot der Gemeinschaft getroffen wird, das ist altjüdische Lehre und die Lehre jüdischer Geschichte. Hätten wir in dieser unserer Geschichte immer zu lesen verstanden, dann träfe uns unser Unglück vielleicht besser vorbereitet. Dann käme ans all das, was wir jetzt erleben, als hundertste Wiederholung längst vertrauter Schicksale vor, da spräche, die Finsternis zu uns von Urzeit her bekannte Worte, des Mitleidens, des Trostes und — der Hoffnung. Denn so wie wir durch sie heutig Leid in jenen Zeiten finden, so auch im heutigen Leid unseren alten G'tt. Wir haben ihm vieles abzubitten. Aber er gibt uns unsere verlorene Haltung wieder. „Israel" nennt die Stiftungsurkunde unseres Volkes unseren Stammvater: ki sorisso im elaukim wenn anoschim „Denn du hast gekämpft mit G'tt und Menschen". Das Geheimnis dieser Worte ist das Geheimnis unserer Leiden, das wir nur erkennen müssen, um sie zu besiegen. Es bedeutet: Solange jxn in den Maßnahmen von Feinden nur menschliche Willkür sehen, solange sind wir nicht genügend vorbereitet, den Kamps zu bestehen. Erst wenn wir uns gestehen, daß wir selbst es an manchem haben fehlen lassen, was unsere Gegner vor uns voraus haben, wenn wir anerkennen, daß G'tt selbst unseren Anklägern die Hand führt, um uns in geschichtlichen Schicksalswendungen unsere Fehler und unsere Aufgabe zu vergegenwärtigen, erst dann sind wir den Kämpfen und Röten, die G'tk uns auferlegt, gewachsen und unserem Rainen „Israel" gerecht geworden. So müssen wir die Anklagen, die gegen uns gerichtet sind, zum Anlaß nehmen, um manches zu revidieren, was zuin eisernen Bestand unserer bisherigen Lebensform geworden ist, uns ehrlich zu prüfen, ob wir uns nicht schuldig gemacht haben. Uns wird vorgeworfen, das wir Hanns Dainpf auf allen Straßen waren, daß wir auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens uns betätigten, daß wir Richtjnden verdrängten und deutsche Kultur verfälscht hätten. DIA19N ‘ Puder bewahrt Ihren Liebling Vor Wund sein. An besagte Reise nach Danzig schloß sich übrigens, abgesehen von dem neuen Stammnamen, der 1848 endgülitg in Berliner umgewandelt wurde, noch ein ergötzliches Kurisoum. Unser' Weltreisender hatte sich in der alten Hansastadt ein Viertel eines preußischen Lotterieloses beigelegt. Bei Tag und Nacht träumte er von dem unzweifelhaft bevorstehenden Lotteriegewinn. An einem kalten Wintertage lag er in Ermangelung anderweitiger Beschäftigung auf der Ofenbank und schlief den Schlas des Gerechten; plötzlich wurde er durch Troinpetengeschmetter geweckt. Nun war es damals üblich, daß. der Kollekteur die Nachricht von einem großen Gewinn dem glücklichen Gewinner in Erwartung anständiger Provision, die selten trügte, persönlich überbrachte und vor dem Tor des Ueberraschten den Postillon eine lustige Weise blasen ließ. Mit den Worten des Selbstgespräches: „Meier Berlin hat das große Los gewannen!" stürzte er in aller Eile ohne Mantel zur Tür hinaus; aber ein eisiger Wind empfing ihn, und noch eisiger wurde ihm zumute, als er die Ursache des Trompetenblasens merkte. Es war eine Seiltänzergruppe, die mit Pauken und Trompeten ihren Einzug hielt. Meier Berlin jedoch legte sich wieder auf die Ofenbank, um den unterbrochenen Mittagsschlas sortzusetzen und weiter von dem sicheren Lotteriegewinn zu träumen. O, wie idyllisch, harmlos und glücklich waren damals die Zeiten! Dr. C. P. Jenkwitz, Charlottenburg-Berlin. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch ach - nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und tzermvn G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hormon Druckerei. Frankfurt a. M.