Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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,31., April 1933 Der Israelit Nr. 16 Seite 7 Der Staatskommissar für den Berliner Stadtschulrat. Dr. Meirrshausen hat, wie „V. V." meldet, den Oberpräsidenten ersucht, eine Rundversügung an alle Schulen zu erlassen, derzusolge die Lehrkräfte anzuhalten sind, daß bei Erkrankungen' sowie bei Anträgen auf Erholungsurlaub, Pflichtstundenermäßigung usw., nur von nichtjüdischen Aerzten ausgestellte Bescheinigungen eingereicht werden. In Baden dürfen laut kommissarischer Verfügung die vorübergehend aus der Kassenpraxis ausgeschlossenen Aerzte jüdischer Abstammung die Kassenpraxis wieder aufnehmen. Auch die jüdischen Apotheker dürfen wieder Rezepte für die Mitglieder der Krankenkassen Herstellen. Nobelpreisträger Franck verzichtet auf das Lehramt. G ö t t i n g e n, 20. April. Der Ordinarius für experimentelle Physik an der hiesigen Universität, Professor Dr. James Franck, Nobelpreisträger des Jahres 1923, hat den preußischen Kultusminister Dr. Rust ersucht, ihn sofort von seinen Amtspflichten zu entbinden. Diesen Schritt begründete Professor Franck in einem an den Rektor der Universität Göttingen gerichteten Schreiben folgendermaßen: „Ich habe meine Vorgesetzte Behörde gebeten, mich von meinem Amt zu entbinden. Ich werde versuchen, in Deutschland weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Wir Deutschen jüdischer Abstammung werden als Fremde und Feinde des Vaterlandes behandelt. Man fordert, daß unsere Kinder in dem Bewußtsein aufwachsen, sich nie als Deutsche bewähren zu dürfen. Wer im Kriege war, soll die Erlaubnis erhalten, weiter dem Staat zu dienen. Ich lehne es ab, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen, wenn ich auch Verständnis für den Standpunkt derer habe, die es heute für ihre Pflicht halten, auf ihrem Posten auszuharren." Die „Voffifche Zeitung" knüpft an die Meldung folgende Bemerkung: Der, Brief des Professors Franck könnte, wenn er auf allen Seiten ohne Eifer und Voreingenommenheit so gelesen wird, wie er gemeint ist, zur S e l b st b e s i n n u n g helfen. Franck wäre aller Voraussicht nach von den zu erwartenden Maßnahmen nicht betroffen worden. Er lehnt es ab, daraus für sich Nutzen zu ziehen. Er will keine Borzugsbehandllung. Das Opfer, das er bringt, könnte zeigen, wohin der Weg führt, den man jetzt beschreiten will. Numerus nullus in Bayern. München, 12. April. Der kommissarische Minister des Innern in Bayern, Adolf Wagner, hat im Benehmen mit dem Staats- Ministerium für Unterricht und Kultus eine Bekanntmachung erlassen, in der mit der Begründung, daß der Bedarf an Aerzten in Deutschland für neun Jahre gedeckt sei, Höchstzahlen für die Aufnahme von Hörern der Medizin an den Universitäten München, Würzburg und Erlangen festgesetzt werden. Die Bekanntmachung schließt mit dem Satz: „Daß Angehörige der jüdischen Rasse überhaupt von der Neuinskription für das Studium der Medizin ausgeschlossen sind, ist selbstverständlich." Staatsbektrag für dorr israelitischen Aullus in Bayern eingezogen. München, 6. April. „Völkischer Beobachter" meldet: Durch Verfügung des Ministerpräsidenten, General Ritter v. Epp, ist Finanzminister Siebert zum Bevollmächtigten für den Umbau und die Vere-infachung der bayerischen Staatsverwaltung bestellt worden. Finanzminister Siebert ist zur Durchführung seiner Aufgaben mit besonderen Vollmachtenausgestattet worden. Finanzminister Siebert hat bereits verfügt, daß der noch nicht bezahlte Betrag der für den abgelaufenen Haushalt eingesetzten Summe für „Israelitischen Kultus" eingezogen wird. Numerus clausus für jüdische Viehhändler und Metzger. Köln, 12. April. „Kölnische Zeitung" veröffentlicht folgende Notiz: Der Wirtschaftsdezernent der Stadt Köln, Beigeordneter Dr. Schmidt, hat Johann Olbermann als Kommissar beim Schlacht- und Viehhof eingesetzt mit der Aufgabe, den Numerus clausus für die jüdischen Viehhändler und Metzger beim Schlacht- und Viehhos durchzusühren. Die Woche. Berlin. Vor dem Sondergericht in Moabit wurde der 43jährige staatenlose Markthändler David Leisten wegen Vergehens gegen die Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung und zwar in einem am 24. März mit seinem Standnachbar auf dem Markt geführten Gespräch über angebliche Mißhandlungen und Verstümmelungen von Juden in der Provinz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. — Reichsminister Hugenberg hat, wie die ihm nahestehenden Blätter Mitteilen, die Entfernung der Juden aus den seinem Ministerium angegliederten Gesellschaften, aus dem Verwaltuugsrat des Maismonopols, dem Beirat der deutschen Getreidehandelsgesellschaft und dem Verwaltungsrat der deutschen Bodenkultur A. G. angekündigt. Bei der Getreideindustriö- und Kommissions-A. G. wurde allen Juden gekündigt. — Auf Anregung des Reichskommissars Rust soll im Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht eine Sonderabteilung für E r b l e h r e u n d Rasse n. t u n d e eingerichtet werden. — Nach Bekanntgabe der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" hat der preußische Kultusminister fünfzehn Hochschulprofessoren in Preußen, zum größten Teile jüdischer Abstammung, beurlaubt. Die gleiche Zeitung berichtet, daß der Landesverband Berlin des Reichsverbandes der deutschen.Presse einstimmig der Arierparagraphen angenommen hat. Seine Einführung für das ganze Reich soll durchgesetzt meröeii. — Von offizieller Seite wird bekanntgegeben, daß. so lange der Prozentsatz der jüdischen Schüler an höheren Lehranstalten nicht gesetzlich geregelt ist, Wirtschaftshilfen an jüdische Schüler nicht zu gewähren sind. — Offiziell wird gemeldet, daß alle jüdischen Lingestellten der Berliner Kraft- und Licht-A. G. entlassen sind. Karlsruhe. Die Einfuhr von rituellem Fleische, d. h. von Tieren, die ohne Betäubung geschlachtet wurden, wurde für Baden verboten. Für Zuwiderhandlungen werden Gefängnis- und Geldstrafen angedroht. Chemnitz. Zu der Entführung und Ermordung des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Weiner wird bekanntgegeben, daß es sich bet den Mördern nur um Provokateurs handeln kann, die zu dieser Bluttat die S.-A.- Unisorm mißbrauchten. Weiner hat den Weltkrieg als Offizier mit Auszeichnung mitgemacht und war daher sogar von der Boykottliste für jüdische Rechtsanwälte verschont geblieben. München. Nach einer Meldung der „Münchener Zeitung" wurde in Speyer jüdischen Geschäftsleuten das Hissen von schwarz-weißroten Fahnen untersagt. Alle dort zu Ehren des Besuches des Ministerpräsidenten General von Epp an jüdischen Häusern gezeigten nationalen Fahnen mußten wieder eingezogen werden. Kassel. Die jüdische Volksschule in Groß-Krotzenburg. die zuletzt nur noch sieben Kinder zählte, wurde mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Eisenach. Im Garten der Synagoge wurden in einer der letzten Nächte drei Männer beobachtet, die sich dort zu schaffen machten und beim Nahen der Polizei flüchteten. Man fand an der Stelle eine mit Sprengstoff und Zündschnur versehene Blechbüchse, die nach Ansicht der Polizei zu einem Anschlag auf die Synagoge verwendet werden sollte. Auf die Ergreifung der Attentäter hat der Oberstaatsanwalt 300 Mark Belohnung ausgesetzt. Antwerpen. In Vrüs - s e l und A n t w e r p e n wurden Hilfskomitees gebildet, die sich der Einwanderer aus Deutschland annehmen. London. Lord R e a d i n g hat das Präsidium in der „Deutschenglischen Vereinigung" niedergelegt und ist aus der Vereinigung ausgetreten. Er begründet nach der D. A. Z. seinen Schritt damit, daß er als Jude bei' der -neuesten Entwicklung der Dinge keine Tätigkeit in dieser Vereinigung ausüben möge. Prag. Nach amtlichen Bekanntgebungen tritt eine wesentliche Verbesserung und Erleichterung in der Einb ü r ge r u n g von ausländsschen und staatenlosen Juden in der Tschechoslowakei ein. Haifa. 123 jüdischen Touristen, die am 9. April mit dem rumänischen Dampfer „Ardealul" hier eintrasen und nur die Peßachtage in Palästina verbringen wollten, wurde wegen des Verdachtes der dauernden Niederlassung die Landung verboten. Interventionen der Verwandten wie der jüdischen Instanzen blieben ergebnislos. Nach großer Mühe wurde ihnen schließlich gegen eine Kaution von 100 Pfund pro Kops der viertägige Aufenthalt in Haifa gestattet. TTTTIBT" TVi England. ffian&cfter und Salford gegen Boykott deutscher waren. London, 2. April. Der Vorstand und Rat der Jüdischen Gemeinde für M a n ch e st e r und Salford, die ofszielle Vertretung von 40 000 Juden in den beiden Städten, hat sich energisch gegen jeden Boykott deutscher Waren ausgesprochen. Nach einer Aussprache über die Boykottbeweguug in Deutschland hat der Rat beschlossen, die Politik des Iewish Board of Deputies zu unterstützen, welcher erklärt hat, daß die englischen Juden niemals und unter keinen Umständen zur Waffe des Boykotts greifen sollen. Das Mitglied des Gemeindeuorstandes R. Barrow Sicree erklärte vor Vertretern der Presse, es werde zu keinem Boykott deutscher Waren durch die Juden von Manchester oder die englischen Juden im allgemeinen kommen. Die englischen Juden seien unempfänglich für jeden Boykott Deutschlands. Die Aussprache im Englischen Unterhaus. London, 19. April. Im Englischen U n t e r h a u s e kam es am Donnerstag zu einer lebhaften Aussprache über die Lage der Juden in Deutschland. In Fluh wurde die Debatte gebracht durch eine Anfrage des Major 2l t t l e e von der Labour-Party, ob die Regierung bereit sei, sich der Flüchtlinge aus Deutschland anzunehmen. Sogleich ergriff Sir Austen Chambert a i n das Wort zu einer großangelegten politischen Rede. Seine Anklagen gegen Deutschland seien, so betoilte er, nicht durch „jüdische Propaganda" hervorgerusen. Auch der liberale Abgeordnete Barnett Jänner widerlegt die irrtümliche Auffassung, als sei die Stimmung in England gegen Deutschland durch „jüdische Propaganda" erzeugt. Man halte sich im Auslande lediglich an die amtlichen Kundgebungen. Nach ihm ergreift Major Nathan das Wort. Auch er hält die Berichte und Gerüchte als stark übertrieben, aber er halte sich an das offizielle nationalsozialistische Programin. Dieses bedeute, daß man den Juden alle staatsbürgerlichen Rechte abspreche. Er erinnert an eine Intervention des König Eduard beim Zaren zu Gunsten der russischen Juden vor zwanzig Jahren und ersucht das Außenministerium, jenem Beispiel jetzt in Berlin zu folgen. Colonel Wedgewood befaßt sich weniger mit den Verhältnissen in Deutschland, verlangt aber kategorisch die Zulassung der jüdischen Flüchtlinge nach England. Eine Abschließung in diesem Momente wäre gegen alle englischen Traditionen und für England höchst beschämend. ■ Der konservative Abgeordnete Morris betont, daß die öffentliche Meinung der ganzen Welt die deutsche Judenpolitik ablehne und verweist darauf, wie wichtig es gerade für Deutschland sei, Minderheiten zu tolerieren. Er hofft, den englischen Juden sagen zu können, daß ihre Glaubensgenossen in Deutschland in naher Zukunft in ihre Rechte als deutsche Bürger wieder eingesetzt werden. Als letzter der Abgeordneten tritt Herbert S a - m u e I für O e f f n u n g der Tore Palästinas und Englands für die jüdschen Flüchtlinge ein. Als Angehöriger der jüdischen Gemeinschaff dankt er Chamberlain und den anderen Rednern für ihre den deutschen Juden erwiesenen Sympathien. Er zählt die kulturellen Leistungen der deutschen Juden auf. Uebertriebene Darstelluugeu vou Verfolgungen verabscheue er, aber die Tatsachen genügten, um den Ernst dessen zu zeigen, was in Deutschland geschehe. Die Prosperität Palästinas rechtfertige eine größere jüdische Einwanderung und er hofft, daß bereits die erforderlichen Maßnahmen dazu getroffen sind, aber die entscheidende Lösung der Frage müsse in Deutschland selbst erfolgen. Er wünscht nicht, daß irgend etwas geschieht, was die englischen Beziehungen zur deutschen Regierung trüben konnte, hofft aber, daß die britische Negierung die richtige Form zur Ausübung ihres Einflusses finden werde. Er spricht sich zum Schluß mit aller Entschiedenheit gegen jegliche 2lrt von antideutschem Boykott aus. Keine anerkannte jüdische Organisation würde solche Boykottaktionen billigen. In seinem Schlußworte gibt Außenminister S i r jIohn S'i m v n einige Svndrrbesttmmungen bekannt,