Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 16 Ein Jubiläum Hollands und dies holländischen Judentums. : fjollanb feiert am 24. April den vierhundertsten Geburtstag des ' Prinzen Wilh e lut von D x a - n i e n. 400 Jahre Geschichte Europas rollen vor imfcxcm Auge ab, wenn wir bei diesem Namen, der Symbol ist für die Umformung des holländischen Staates, aber auch für die Umwertung und Umprägung alter Werte und Begriffe, eine Weile stillhalten und in historischem Nachdenken verharren. Diese vier Jahrhunderte bewegter Geschichte waren auch entscheidend für die Zukunft und das Schicksal der jüdischen G e m e i n s ch a f t. Zu Ende des l 6. Jahrhunderts ergoß sich der Strom der jüdischen peimatlosen aus. Spanien und Portugal, begann dieses erschütternde Drama „Glaube und peimat" auf der Freilichtbühne zu spielen, die sich vom nahen Grient bis zu Mitteleuropa erstreckte. Ls ist ein Irrtum, zu glauben, daß schon die ersten Cmrgranten um die wende des 15. Jahrhunderts den Weg ins freie polland gefunden hätten. Cs gab zur Zeit noch keinen weg und keine Freiheit, für die Juden, auch in den Niederlanden nicht. Die erste Auswandererwelle brach sich an den Riffen und Klippen der nordafrikanischen Wittelmeerküsten. Unzählige kamen schon bei ihrer steuerlosen Fahrt auf den Schiffen um, andere verhungerten zu vielen punderten in Marokko. Rur Wenige und Auserwählte konnten sich in Venedig, Reapel und anderen Gegenden Italiens ansiedeln. Der Strom nach polland fand fein eigentliches Bett fast hundert Jahre später und er brachte schon die zweite und dritte Generation,' die aus dem Marranentum, hart am Scheiterhaufen vorbei, aus materiellen und seelischen Dualen ohnegleichen, die Fahrt ins Blaue unternahmen. Um 1600 erst war die erste p o c t u g i e f e n - G e m e,i n d e in Amsterdam unter Rabbi Mosche Uri aus Cmden gegründet worden, eine Keimzelle, die durch dauernden Zuzug und Zuwachs mählich ihren Leib, ihre Glieder, ihren großen Organismus bekam. Langsam und nicht ohne pemmungen und Rückschläge ging der Befreiungsprozeß der spanischen und portugiesischen Juden in polland vor sich. Und mit diesem Befreiungsprozcß ist der Rame Wilhelm v o n Oranien, an dem das dankbare polland jetzt 400 Jahre feiner Geschichte zu erkennen und zu deuten sucht, aufs engste verbunden. Wilhelm, Prinz von Oranten und Graf von Rassan, der am 25. April 1555 geboren wurde, batte ein bewegtes Leben hinter sich, als er 1661, nach Befreiung der nördlichen Provinzen Hollands von Spanien, eilten Schritt nur vom Throne entfernt (er sollte gerade zum Monarchen ausgerufen werden), von der tückischen Kugel seiner eifersüchtigen Gegner getroffen wurde. Sein Weck, die Befreiung pottands von der spanischen Porigkeit, blieb. Und es war in erster Reihe eine kulturelle und geistige Befreiung, vom Lande der Inquisition und der Schelterhanfen, von der engen stickigen Atmosphäre Torqucmadas. Das Toleranzedikt, das von oem Orauicnfürstcn in die Grundmauern des neuen Staates versenkt wurde, wirkte fort, polland wurde da:, freieste Land der weit, das das erworbene kostbare GrN der Freiheit auch Lindere gern genießen ließ, die eigenen Bürger, die Nachbarvölker, die Fremden, die aus anderem Lande, aus anderer Raffe innerhalb feiner Grenzen Schutz suchten. In einem, Polland, das vom Pause Granien beherrscht ^vurdc, war der Boden gegeben, auf dem auch die jüdischen Schiffbrüchigen aus Spanien und Portugal peimat und Obdach finden konnten. Der Cntwicklung der Portngiefen-Gemcinde und der späteren Ansiedlung derer aus Deutschland und Polen standen keine wesent-. lieben Schranken mehr im Wege, die letzten wurden von den srelheitlichen Strömungen, die auf diesem Boden in der Folge nicht mehr aufzuhalten waren, glatt weggerissen. Das holländische Beispiel wirkte weiter. Ma - nasse den I s r a.e l, der Amsterdamer Rabbi, war es, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts das holländische Tolcranzprinzip nach England trug und mit pilfe C r o m w e! l s dort bei Regierung und Volk ein geneigtes Ohr für feine „holländische Botschaft" fand, wenn auch offiziell die a b s o - Der I g r a e l i t_ l cht c I n ö c n e m a n z t p a t i o'N in polland^ erst 1796 in Kraft trat,' so , hätte in Mahrhe'ib wne Verfügung vom 2. Septömber I796 an den tätsäM lich'cn Verhältnissen in Poll'an8. picht mehr viel'zu ändern. Toleranz und „gleiches Recht, für alle" waren dort nicht an Papierfetzen gebunden, sondern Perzensangelegenheit eines hochkultivierten Volkes.- Im Perzen dieses Volkes und in der Pandhabung seiner Gesetze war dag Iudenrecht längst schon verbrieft und besiegelt, bevor noch irgend ein Vertrag Behörden und Bürger dazu verpflichtete. So ist es im Lande unter der perrfchaft. der, Oranten bis auf den heutigen Tag geblieben, polland ist eine Burg des Rechtes und des Friedens, die von allen Stürmen, wie sie seitdem durch die Welt fegten, unberührt blieb. Mit polland feiern den Tag von Wilhelm von Oranten pollands Juden. Ihnen feien unsere aufrichtigsten Glückwünsche ausgesprochen. Berufsumschichkung. Von Hugo Heinemann in Fürkh. (Schluß.) An dieser Stelle tönt uns nun ein Wort entgegen, das sich als das Peilmittel bewähren soll, das Licht spendet, befreiend; Possnung erweckend und neu belebend wirken soll: Bcrufsumschichtung. wir verstehen darunter schlechthin, die allmähliche Ueberführung der Angehörigen bestimmter Berufsgruppen in andere.Berufsgruppen. In unserem Falle wäre also Bcrufsumschichtung nichts anderes als Abkehr von den bei uns traditionell gewordenen Berufen und Aufgreifen anderer Berufe, die uns zwar ungewohnt sind, aber deshalb nicht minder reizvoll fein können als die uns bekannten Berufe. Mefchaneh Mokaum, mefchaneh maafol. verändert man die Stelle der Wirksamkeit, so ist davon das Schicksal des Menschen weitestgehend abhängig. Dies ist es, was die Frage der Lerufsumfchichtung so problematisch macht, hängt doch das ganze Wohl und wehe des Cinzelnen und der Gesamtheit davon ab. Cs bedarf also reiflicher Ueberlegung, welches Ziel sich die einzuleitende Aktion zu setzen bat, welche Richtlinien prinzipieller Ratur dabei einzuhalten sind, wir haben festzustellen, ob das Gros der Juden auch weiterhin Kaufieute bleiben kann und soll oder ob man neue Wege gehen soll, wobei der Gedanke an die verländlichung, vergenoffenschaftung usw. immer mehr Raum gewinnt. Denkt man wirklich an. das letztgenannte, so haben wir uns Klarheit zu verschaffen, welche Schritte hierfür zu unternehmen sind, ob eine Realisierung solcher Pläne in Deutschland besonders unter Berücksichtigung der deutsch-politischen Verhältnisse möglich und ratsam erscheint oder ob man an Auswanderung zu denken hat. Bei Besprechung aller dieser Fragen müssen wir uns der Tragweite des Unternehmens bewußt fein, wird ja jeder einzelne davon betroffen, gibt es ja keinen, der sagen könnte, ich kümmere mich nicht um diese Sache, denn wer weiß, wie lange er noch Gelegenheit hat, soferne er überhaupt noch in einem Beruf tätig ist, sich diesem Beruf widmen zu können, bezw.'widmen zu dürfen. Cs ist also eine gigantische, gewaltige, in ihrer Wirkung gar nicht abzusehenöe Aufgabe, die uns bevorsteht, und an deren Lösung wir wohl oder übel Herangehen müssen, wen-den wir -utts nun den einzelnen Fragen zu, die so brennend und.von so außergewöhnlicher Wichtigkeit sind und versuchen wir, sie einer möglichst guten Lösung zuzuführen. wir behandeln die folgenden drei Fragen: I. wie steht er mit den bisherigen Berufen, was läßt sich von diesen Berufen bcibehalten? II. welches sind die neuen Möglichkeiten in Deutschland, im Ausland? III. Welche Maßnahmen sind zur Durchführung nötig? 1. Ueberblickt man die Berufe, in denen sich Juden größtenteils betätigen und bisher betätigt haben, so erkennt man, daß der weitaus größte Teil kaufmännisch tätig ist. (Ein ziemlich großer Prozentsatz sind Akademiker und ein geringer Teil gewerblich und handwerklich tätige. Cs läßt sich leider mit genauen statistischen Ziffern nicht belegen, aber dennoch nicht 21.. April 1933 ällzufchwer abschätzen, daß vchut. selbständigen Kaufleuten der Vorkriegszeit kaüüi 2^) Pröz. heute noch .gesunde Betriebe haben. Dementsprechend ist ,der Bedarf-an jüdischem Personal stärk 'zurückgegangen. .Durch den.rapiden. Geburtenrückgang., der leider auch in unseren Reihen Platz gegriffen hat, merkte man zwar bis vor kurzem "noch nicht allzuviel von dem Minderbedarf an Personal und dennoch ist bereits feit etwa 7 Jahren die Tendenz, die weiblichen Kräfte aus dem kaufmännischen Betrieb.herauszusetzen, unverkennbar vorhanden. wir haben also auf der einen Gelte ehemalige Geschäftsinhaber, 'deren Geschäfte vielleicht dem Namen nach existieren, aber mehr,Scheindasein führen, als ihre Inhabei ernähren, auf der anderen Seite junge Menschen^ die im kaufmännischen Beruf nicht Unterkommen können und endlich die große Zahl der Erwerbslosen, die bereits im kaufmännischen Beruf tätig wären, arbeitslos wurden und hoffnungslos in die Zukunft schauen. was die akademischen .Berufe anbelangt, so zeigt uns die Erfahrung der letzten Tage, womöglich auch g'ttbewahre das, was uns noch bevorsteht, wie aussichtslos diese Berufe in Deutschland sind. Denken wir an Aerzte, an Rechtsanwälte, an Lehrer im Staatsdienst oder int privatdienst — ohne auch nur ein Wort zu verlieren, denkt man unwillkürlich schon bei der Renitung dieser Berufe an all das, was ihre Ausübung erschwert. Endlich kennen wir keine jüdischen Schneider, keine Bäcker und heutzutage sicherlich auch keine Metzger, die durch ihren gewerblichen Betrieb zu Wohlstand komntcn. Hingegen können wir noch und noch Fälle nennen, wo Angehörige dieser gewerblichen Berufe der Allgemeinheit zur Last fällen. 2Iuf. der ganzen Linie also das gleiche Bild, Mißerfolg über Mißerfolg. Und wir fragen uns, ist aller Mißerfolg auf Konto des Boykotts, der Wirtschaftskrise und für manche Betriebe verhängnisvollen Zollpolitik zu buchen oder sind nicht andere Gründe vorhanden, die den Mißerfolg mit hervorgerufen haben, wir wissen nämlich: auch heute noch gibt cs jüdische Reifende, die ihren Lebensunterhalt sich sehr wohl verdienen, gibt es pändler, die schwerbeladen mit Koffern und Körben von Sonntag bis Freitag unterwegs sind und gut auf ihre Rechnung kommen, die trotz des Boykotts leben und verdienen, und wiederum inattch anderen, der sich auch auf die Reife begibt und sich sehr angelegentlich seiner Reisetätigkett widmet und nicht auf seine Kosten kommt. Der eine versteht es, der andere versteht es nicht, der erste eignet sich zum Reifen, der zweite besitzt keine Eignung. Akademiker brauchen wir nicht nur, sondern sind sicherlich auch in der Lage, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. In Deutschland allerdings wird ihnen nicht nur die Ausbildung erschwert, sondern auch die Ausübung des Berufes. Cs ist daher wünschenswert, sich über die Aussichten im Ausland zu orientieren. was also die bisherigen Berufe betrifft, ist es durchaus nicht nötig, sie en bloc aufzügeben. Der besonders qualifizierte Reifende oder pändler dürfte wohl jederzeit eilt Betätigungsfeld vorfinden und durch es fein Auskommen haben. Cr muß aber, wie gesagt, für diesen Beruf besonders geeignet fein. Sein Betätigungsfeld ist unabhängig von politischen Grenzen und er besitzt somit, eine vom wirtschaftlichen Standpunkt aus durchaus begrüßenswerte Beweglichkeit. Bei den akademischen Berufen wird eine Koniin-- gentierung platzgreifen müssen, eine Art freiwilligen Rumerus clausus. Jüdische Lehrer für höhere Schulen soll es nur soviel geben, wie auch wirklich Aussicht haben, Stellen zu finden. Auch hierbei soll man die Vakanzen des Auslandes nicht außer Acht lassen. Aerzte kann es nie genug geben, insbesondere in den Zentren jüdischer Massensiedlungen. Juristen müssen sich auf ein Studium im Auslaitd entstellen, oder neuerdings trotz des bereits abgeschlossenen juristischen Studiums in Deutschland sich mit dem Recht anderer Staaten vertraut machen, wo ihnen Gewähr geboten ist, eine Praxis zu eröffnen. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle die talmudische Jurisdiktion,' öltz'heute wieder' mehr in den Mittelpunkt rücken könnte. Inwieweit ein spezielles Studium des talmudifchen Rechts eine Befähigung und Berechtigung zur richterlichen Tätigkeit verleiht, ist Sache der