Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen über Hie Unsumme von wirtschaftlichem Elend» von unverdienter Bitternis und Verzweiflung» die über alle die Tausende hereinbricht, die zufällig nach dem 1. August ihre anwaltliche oder ärztliche Praxis begonnen haben, die zu jung waren, um an der Front zu kämpfen, oder die ein gnädiges Geschick davor bewahrt hat, Vater oder Sohn auf dem Felde der Ehre zu verlieren — nicht täuschen wollen wir uns über die ungeheure Tragweite der Tatsache, daß nun für die Ankunft jedenfalls dem Vachwuchs der deutschen Juden die gleichberechtigte Geltung nicht etwa nur innerhalb der Beamtenlaufbahn — das war praktisch auch vor 19!4 der Fall-—, sondern int öffentli ch e n , im wirtschaftlichen, im kulturellen £' e b c it des deutschen Volkes überhaupt ab gesprochen ist. Den moralischen Wirkungen dieser Katastrophe hätte mancher Stachel genommen werden können, wenn nicht die ganze Konstellation, unter der die zugrunde liegenden rechtspolitischen Grundsätze ins Leben traten und im Volke empfunden werden, den von ihnen Getroffenen nicht etwa nur den Stempel fremden Volkstums oder fremder Raffe — die man ja respektieren könnte —, sondern zugleich denjenigen der absoluten rassischen und sittlichen Minderwertigkeit aufdrückten. Ls ist die wichtigste Aufgabe der erzieherischen Faktoren innerhalb der deutschen Judenheit, diese gefährliche moralische Deprimierung von außen an der inneren Kraft und Stärke des jüdischen Bewußtseins scheitern zu lassen. Ein kleines Svmptom für jene psychologischen Wirkungen ist uns ein Satz, den wir in der Zeitschrift des Reichsbundcs jüdischer Frontsoldaten vom 13. April finden und der es verdient, überall in Deutschland gehört zu werdend Da heißt es, nachdem davon gesprochen worden ist, daß nun „alle deutschen Juden für heimatlos und ehrlos erklärt werden sollen", wörtlich: „Könnten wir sprechen, wie wir wollten, so würde aus dem Schmerz über das, was uns i n unsere m V a t e r I a n d e angetan wurde, der .Schrei der tief in der Seele verwundeten Wen scheu hörbar, die man um die Heimat betrügen w i l l." Ls ist schwer zu glauben, daß ein solcher Aufschrei in seiner erschütternden Aufrichtigkeit nicht auch in den führenden deutschen Kreisen ein Echo finden sollte! Aber noch in einer zweiten Hinsicht scheint uns der Tag, an dem das Berufsbeamtengesetz Bestandteil der Legislatur des Deutschen Reiches geworden ist, eine weit über den Interessenbereich des Judentums hinaus weltgeschichtlich denkwürdige Stunde zu sein. Zum ersten Wale wohl ist in der G e - setzgebung eines modernen Staates an die Stelle der Differenzierung der Staatsbürger nach Konfessionen diejenige nach der Rasse zum grundlegenden Prinzip erhoben worden. Unzählige wissenschaftliche und halbwiissenschäftliche Bücher und Aufsätze sind über das Rassenprinzip in den letzten dreißig Jahren geschrieben worden. Cs tut nicht Rot, die Gedantengänge hier zu wiederholen, die von den enthusiastischen Verfechtern und Anbetern des Rassen¬ VERLAG DES ISRAELIT UND HERMOH G. M. B. H. Soeben wurde ausgegeben: Die Welt der Gebete rrfrsnn dVi? Kommentar zu den Werktags- und Sabbatgebeten, nebst Uebersetzung von Rabbiner Dr. Llie Wunk in Ansbach. 374 Seiten Groß-Dktav. Preis in gediegenem Lcinwandband Wk. 6.50 Geschenkausgabe in schwarzem Kaliko mit Goldaufüruck, Schulausgabe in braunem Kaliko mit Farbenaufdruck. Mit dieser bedeutsamen Neuerscheinung findet ein langjähriger Wunsch der jüdischen Oeffentlichkeit nach einer deutsch geschriebenen, leichtfaßlichen und doch gründlich wissenschaftlichen Erläuterung unseres Gebetbuches endlich seine glückliche Lösung. Das Buch gewährt ein erhabenes Bild von dem unerschöpflichen Ideenreichtum unseres Gebetbuches, aber auch von der Tiefe und der Innigkeit der in ihm verborgenen Gemütswerte. Zwei einführende Betrachtungen über: „Die Bedeutung der Gebetzeiten" und den „Aufbau der Gebete" tragen noch besonders zur Vervollständigung dieses Gesamtbildes bei. Das Werk sollte in keinem jüdischen Haufe fehlen; es wird ganz besonders von allen Erziehern und Lehrern der Jugend begrüßt werden. In den Vereinsbibliotheken wie in den Arbeitsgemeinschaften und Jugendvereinen wird es bald ats unentbehrlich betrachtet werden. Das Buch ist durch alle besseren Buchhandlungen zu beziehen. Der Verlag liefert direkt gegen Nachnahme oder Voreinzahlung des Betrages (zuzügl. 40 Pfg. Vorto innerhalb Deutschlands) auf Postscheckkonto Frankfurt-M. 18802. Auf Wunsch wird Abonnenten des ..Israelit" im Einzelfall Zahlung in zwei Raten einaeräumt. wovon die erste mit Mk. 3 - zuzügl. Porto durck» Nachnahme bei Lieferung eingezogen wird, die zweite nach 4 Wochen. VERLAG DES ISRAELIT UND HERMOH G.M.B.I FRANKFURT A. M., RECHNEIGRABENSTRASSE 7. Prinzips wie von feinen nüchternen und besonnenen Gegnern produziert worden sind. Weite kreise haben in der Vergöttlichung der Rasse einen Ersatz für die verlorene Religion gefunden. Uns wird inan es nicht verübeln können, wenn wir aussprechen, daß keine Wenschengruppe so sehr w,ie die im Geiste ihrer g'ttlichen Lehre erzogenen Juden die relative Bedeutung der physischen Abstammung, die relative Bedeutung des Blutes für die Entwicklung und die Geschichte des Geistes zu würdigen wissen. Weite Strecken der offenbarten Lehre legen davon Zeugnis ab. Aber niemals bat >die g'ttliche Wahrheit, die uns in unserer Lehre offenbart ward, den ewigen Primat des Geistes vor dem Blute für den Bezirk der W e n f ch b e i t vergessen und das nackte Absiammungs- und Züchtungsprinzip an die Stelle des aus der menschlichen Freiheit geborenen kulturellen und sittlichen Leistungsprinzips gefetzt. Alle Rücksichten auf Raffenremheit treten -dem Juden zurück, wenn beispielsweise ein Individuum fremder Rasse aus freiem Entschlüsse, aus der Tiefe der Ueberzeugung sich zur jüdischen Religion bekennt, und, indem es untertaucht in dem als Wahrheit erkannten Geiste, zugleich auch feine Physis mit bin* cinträgt in die Gemeinschaft der durch Abstammung u n d Geist Verbundenen. W e t ch e R e I i g i o n , d i e a n f n cb selber, an ihre a l l b c h e r r sch e n d e Wahrbeits -. kraft glaubt, könnte a n d e r s u r t e i l c u? Cs gehört daher zu den Unverständlichkeiten dieser Tage, daß die Vertreter der christlichen Konfessionen nicht nur der evangelischen, sondern auch der katholischen Kirche es bisher, soweit uns bekannt, mit Ausnahme zweier Frankfurter Pfarrernicht für nötig gehalten haben, öffentlich und mit eindeutiger Entfchiiedenheit zu der ungeheuren Umwälzung Stellung zu nehmen, die die soeben vollzogene Entthronung des konfessionellen und die Inthronisierung des rassischen Prinzips in einem Kulturstaat wie Deutschland f ü c d l e g a n z e G e i st c s g c s ch i ch t c d e r W c u s ch h e i t haben muß. Wag man sich damit abfindeu, daß die deutschen Intellektuellen, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, vom Standpunkt der Humanität und der Solidarität des Geistes bisher kaum ein Wörtchen zu sagen wußten über die systematische „Ausschaltung" der Juden aus jedem, auch dem entlegensten Bezirk des deutschen Kulturlebens bis zum Schachspiel hinab — daß die Kirche schweigt, -bleibt uns unverständlich. Die nur in Andeutungen sich bewegende Kundgebung der deutschen Bischöfe zeigt zwar die edle menschlich-religiöse Gesinnung, von der diese obersten Führer der katholischen Kirche erfüllt sind, verharrt aber doch allzusehr im Abstrakten, als daß sie von den breiten Klassen des Volkes verstanden werden könnte. Daß nach dieser Richtung hin eine gewisse Besinnung gerade bei den religiös gerichteten Kreisen aller Konfessionen nach und nach Platz greifen, daß die ungeheure Gefahr eines uferlos sich auswirkenöen Rasseprinzips für die Stellung der Religion doch immer mehr erkannt werden wird, ist unsere feste Ueberzeugung. - Kleines Feuilleton Ein neues Weck Henri Bergsons. Unter dem Titel: „Die beiden Quellen der Moral und der Religion" hat der berühmte französische Denker vor kurzem ein neues Werk veröffentlicht. das nun in einer ausgezeichneten Uebersetzumg von Eugen Lerch bei Eugen Diederichs in Jena auch dem deutschen Lesepublikum zugänglich gemacht .wird. Das Werk ist eine Nutzanwendung der der philosophischen Welt bekannten weltanschaulichen Theoreme Bergsons auf den Werdegang der Moral und der Religion. Instinkt und Intellekt sind nach Bergson die beiden großen Endprodukte, die der „Lebensschwung" bei seiner Durchleuchtung und Sublimierung der trägen Materie erzeugt hat. und aus denen die beiden teleologischen Ziele des Weltprozesses überhaupt: die menschliche Gesellschaft und das menschliche Individuum heroorgegangen sind. Der Instinkt treibt, sowie er als ein Mittelziel das Ameisen- und das Bienen- Kollektiv geschaffen hat, im weiteren Verlaufe auch das Menschenkollektiv hervor — der Intellekt dagegen, ein gänzlich individualistisch geartetes Agens, wirkt dem Instinkt entgegen, auflösend und zersetzend. Gegenüber feinem zum äußersten Egoismus und Materialismus drängenden Wirken kann sich die Gesellschaft, die im Gegenteil Altruismus. Unterordnung, Pflichtbewußtfein als Existenzgrundlagen verlangt, nur durch zweckmäßige, aber aus dem Ünbewußten emporsteigende Gegenmaßregeln halten. Als diese beiden Gegenmaßregeln des Instinkts gegenüber dem Intellekt begreift Bergson die Moral und die Religion, die beide den Begriff des Sollens erst geschaffen haben, um damit die menschliche Gesellschaft vor der Auflösung zu retten. Dies ist aber nur die untere Quelle von Moral und Religion, die historisch-biologische. Sie erzeugt dasjenige, was Bergson die statische, d. h. die historische Religion nennt. Es gibt aber glücklicherweise noch eine andere „höhere" Quelle dieser beiden Geistesmächte: das ist die Mystik. Bergson ist auf Grund gewissenhafter und umfassender Quellenstudien von der Wahrheit der tausendfältig bezeugten Tatsachen der Parapsychologie tief durchdrungen und sein letztes Kapitel gestaltet sich daher bei aller wissenschaftlichen Vorsicht doch zu einem glänzenden Plaidoyer eines lebendigen Glaubens an eine weltlenkende. übersinnliche' Macht, an das Jenseits und an die Unsterblichkeit des seelischen Menschenwesens. So tritt, wenn man das fesselnde Buch zu Ende gelesen hat, der erste größere Teil mit seinen mehr oder minder in der Luft schwebenden Rekonstruktionen einer im Dunkel der Vorhistorie verschwimmenden angeblichen Menschheitsgeschichte vollkommen zurück hinter dem Strafgericht über die mechanistische Wissenschaft und hinter der Gloriole der religiösen Mystik als Quelle echter lebenzeugender Wahrheit. (Dr. B. 211. Lewins ..Ohar ha Geonim".) Bon der Gegenwart zu wenig beachtet, entsteht in Jerusalem ein Riesenwerk an dem der dortige Gelehrte Dr. B. M. Lew in seit Jahren arbeitet. In seinem „Otzar ha Geonim" schafft er einen Thesaurus der geonäischen Responsen und Kommentare, der für das künftige Talmudstudium und die Geschichtsforschung von größter Bedeutung ist. Im Anschluß an die Blattfolge des Talmuds bietet dieser Thesaurus die zu jeder Stelle gehörige Erklärung der Geonim und ihrer Responsen. So entsteht ein Riesenkommentar der Geonim zum Talmud und zugleich eine geonäische Halachafammlung, wie sie in dieser Uebersichtlichkeit noch nie geboten wurde. Seit 1928 sind bisher 5 Bände erschienen, die die Traktate der Ordnungen Seraim und Moed behandeln. Zur Schaffung eines solchen Werkes sind umfassende Kenntnis der talmudischen und ältesten Literatur, ganz besonders des gedruckten und ungedruckten geonäischen Materials, erforderlich, und Lewin hat diese durch glänzende wissenschaftliche Arbeitsmethode bei seiner klassischen Edition des „Jggeret des R. Scherira Gaon" bewiesen. Ganz vereinzelte Gelehrte der Gegenwart nur sind zu solchem Werke befähigt. Ohne feste Anstellung, die ihm die Sorge für die Erhaltung seiner Familie erleichtert, nur gestützt auf Subventionen weniger verständnisvoller Mäzene und wissenschaftlicher Institute, vor allem der Kreise der Jerusalemer Universität, arbeitet Lewin an seinem Otzar. Die allgemeine Wirtschaftslage beeinträchtigt auch seine Arbeit; manche, die sie früher reichlich gefördert haben, sind heute nicht mehr hierzu in der Lage. Da ist es Pflicht einer größeren jüdischen Oeffentlichkeit, zu Helsen. Die einfachste Und wertvollste Hilfe ist Abnahme der 'schon erschienenen und Bestellung der noch erscheinenden TeiL des Werkes. Bor einigen Jahren wurde in Berlin ein kleines Komitee zu seiner Förderung gebildet, dessen Schriftführer. Dr. E. E. Hildesheimer. Berlin NW. 87, Tile Wardenbergstraße 10, zu jeder Auskunft und zur Annahme von Bestellungen gern bereit ist. Verantwortlich für den allaemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachuowitz, Frankfurt a. M; Inserate i. V.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.