Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 16 Der Israelit LI. April 1933 die G'ttes schirmende Hand ihm entsendet. Laßt uns stark werden in dieser Zeit. Jeder von uns kann ein. g'ltlicher Lote sein der Teschuwo. Jeder von uns muß imstande sein, vor seine verwandten, seine Freunde hinzutreten, zugleich liebend und unerbittlich, und ihnen nnam oorzuhalten. 'N1PV -N1ND2 'Nv^'Rasiervcrbot, ono dj”' usw. — jnn jm1? 'JvuxV ipv?' niwiK usw. sind die 'Angriffspunkte einer Teschuwo-Kampffront nach innen, in die jeder bewußte Jude sich eingliedern muß. Kampf gegen unfern persönlichen Iezer Hora auf der ganzen Linie. Es darf keinen Einzigen unter uns geben, der nicht an jedem neuen Tag bei sich oder anderen etwas ]pnö ist, Schwankende stärkt, Irrende lenkt, Blinde führt, Trunkene ernüchtert, Zweifelnde aufklärt, verstockte bestürmt — und es sollte nicht ganz anders, nicht besser, jüdischer werden in Iisroel? Und noch ein ernstes Wort: Wan hat bislang nie genug den „Fanatismus" für jüdische Belange belächeln oder verachten können. Ts ist heute bereits die Stunde gekommen, in der ein neuer Fanatismus aufkommen wird, ein F a n at i s m u s der T b o r a e r f ü l l u n g. Das g'ttliche Gesetz verlangt Hingebung mit Herz, Seele und vermögen. verlangt für sich: Gedanken, Empfindungen, Beruf und Zeit. Verlangt persönliche Opfer an Kraft und Besitz, verlangt Freude und verlangt Tränen, verlangt Sehnsucht und Erfüllung, vertrauen und Demut. Der im D i n offenbarte g'ttliche Wille erheischt die Hingabe der ganzen, ungeteilten, volljüdischen Persönlichkeit. Brüder in der Bot! Laßt uns den herrlichen, drangvollen, hinreißenden Fanatismus der Teschuwo achten. Cr ist nichts als die Reaktion auf den jämmerlichen Kult, den wir jahrzehntelang mit dem Iezer bora getrieben haben. G'ttes Strenge schlägt uns sichtbar Waß um Maß, laßt uns Rias; um Rias; Teschuwo tun. Die Stunde des heimkebrenden gesetzestreuen Iudentuins, die Stunde unsrer Führer und Lehrer bat geschlagen. Laßt uns in fanatischem Ernst und in fanatischer gegenseitiger Liebe zusammentreten unter dem geschichtlichen Glockenschlag dieser Stunde. Zwei programmatische Hauptziele müssen von der beginnenden Teschuwobewegung in Angriff genommen weredn. Der Aufbau der T b o r a k u l t u r und der A b w e b r k a m p f gegen den Iezer h o r a. . Der „'Aufbau der Thorakultur" begreift in sicb folgende Hauptpunkte: 1. Lernbewegung: Bekämpfung der sträflichen Unwissenheit, durch Ieschiwakurse, Ausbau unsrer jüdischen Volksschulen, durch großzügige Lernveranstaltungen (vergl. den ersten Aussatz). 2. Abkehr von der thoralosen Kultur (Revision der heute trostlosen fix ^tt d!7 rnin-Devise, die Rabbiner Hirsch bestimmt nur als nvw nxTin gedacht hatte.) 5. Führertum der Thoragelehrten: Unterstellung der Gemeinden, verbände, Vereine unter unabhängige, unabsetzbare rabbinische Instanzen. Jeder Rabbiner muß wieder, abgesehen von Gehaltsfragen, der unumschränkte *nrun x*iü' werden, nur verantwortlich einem Obersten rabbinischcn Rat. (Das beschämende Bewußtsein, daß die Degradierung des Rabbiners zum Beamten eine der traurigsten Verfallserscheinungen des zeitgenössischen westeuropäischen Judentums darstellt, muß eindringen in die Demeindestuben, in die Vorstände und Gemeinderäte, bis man sich in allen Fragen bestimmen lassen wird von der Ehrfurcht vor den Trägern der Thora.) 4. Systematische Verinnerlichung der persönlichsten Beziehungen zu G'tt und seinem Gesetz durch fpir und erhöhtes mxaa pnpT 5. Propagierung der persönlichen Verantwortlichkeit des Einzelnen für die jüdische Gesamtheit durch unablässige Tauchocho- und Aufklärungsarbeit eines jeden der Tefchuwo-bewußten Juden im engsten und weitesten Kreis. (Der Erfolg ist vielleicht die Führcrrolle der selbständig organisierten Orthodoxie.) 6. Antlassimilation im gedanklichen, synagogalen, gesellschaftlichen Leben. Und dann: der „Abwehrkampf gegen den Iezer Hora"; er müßte entbrennen, anstürmend, verheerend. Er müßte loswüten gegen Wischeben, Geburtenbeschränkung, Unbeiligkoit der „unreinen" jüdischen Ehen, gegen den Besuch aufreizender Lokale, gegen die Lektüre aufreizender Schriften, s e l b st wenn sie von den wertvollsten Literaten geschrieben wären. Gegen Famitienbad, Flirt, Tanz und Rlodeverblödung. Schande über uns, daß wir bis jetzt diesem ganzen Teufelsspuk so besonnen und nur leicht abwehrend zugesehen haben, inxi nwyn "as 'n m«j?. Eiferer müßten aufstehen, Pinchas-Raturen, rücksichtslose Streiter gegen Verlockungen und Versuchungen, die bis jetzt die stillschweigende Duldung der Öffentlichkeit erfahren haben. Und dann. möge Ehofez Ehajim unser Lehrer sein und uns — jedem von uns, apn Spott und Bösrede bannen aus unfern Gesprächen. Daß unser Auge, nur Reines sehe, unsre Ohren nur Sauberes aufnehmen, unser Wund nur Edles spreche, und unser Herz nur Heiliges trachte. Ein neuer Pestach-Frühling wird aufziehen über Deutschlands jüdische Jugend, ein geschichtlicher Frühling, geboren aus Sturm und Sorge. Und wir werden das Joch unsres Leides willig auf uns nehmen und mit altem Stolz tragen. Und wenn uns auch die Kehle zugeschnürt ist von verhaltenem Web, wird unsre Brust sich doch heben Kn sicheren Bewußtsein unsrer Teschuwo, die der einzige Sinn unsres Schicksals ist. Unser ist die Umkehr «und G'ttes die Erlösung. ■nn1? ■’Tn1? ■»as* Unsre' Situation ist bitter ernst und verworren^ ein peßach des Bitochaun sei uns gekommen, Vielleicht wird er uns klurheit bringen, innerlich und äußerlich. Um uns Zerfall, — doch unser altes Seder-- nachl-Lied singt vom Aufbau. Und bau, und bau^. und bau. Wochenrundschau. Gin geschichtlicher Wendepunkt. Die hinter uns liegenden Tage und Rächte des. Festes der Erlösung haben der deutschen Iudenheit reichlich Stoff zu ernstem Nachdenken gebracht. Der „große Sabbat" stand unter dem Zeichen des an diesem Tage zur Veröffentlichung gelangten Reichsgesetzes über das Berufsbeamtentum, das in seinen prinzipiellen Bestimmungen allem Anschein nach die maßgebende Grundlage für eine ganze Reihe analoger Regelungen auf dem Gebieteder Rechtsanwaltschaft, des Notariats, des ärztlichen Berufes, -des Apothekerweseus usw. werden wird. Dieses Gesetz bedeutet einen Wendepunkt in der äußeren Geschichte der deutschen Juden, bedeutet — um es kurz zu sagen — das Ende der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in deutschen Landen. Damit ist unter eine — unter geschichtlichem Aspekt kurze — Periode der deutsch-jüdischen Geschichte, die für Preußen mit dem Iuöenedikt von 1812 begann, nach 120 Jahren ein Schlußpunkt gesetzt, und ein neuer Abschnitt jüdischen Golusgeschickes beginnt. Indem das Berufsbeamtengesetz, dementsprechend die Verordnung über die Rechtsanwaltschaft, alle vor dem I. August berufenen jüdischen Beamten, Rechtsanwälte, usw. und darüber hinaus alle Frontkämpfer und solche, die den Verlust des Vaters oder eines Sohnes im Kriege zu beklagen haben, in ihren Aemtern beläßt und damit Tausenden, die sich durch den Impetus der nationalen Revolution schon endgültig ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt glaubten, über diese ihre Zukunft beruhigte, hat es bis zu einem gewissen Grade befreiend und befriedend gewirkt. Aber das darf über die Tatsache nicht hinwegtänschen, daß dieses Gesetz auf der anderen Seite doch zum ersten Wale rechtspolitische Grundsätze zur Geltung bringt und legalisiert, die bisher lediglich das Programm einer einzelnen. Partei gebildet und die man daher als unwirkliche Schreckgespenster angesehen hatte. Wögen wir auch vollkommen hinweg- Feskesnachklang. Aon Rabbiner Dr. 2!t. Lewin in Hamburg. mbm apm imsi „Du wendest dich dann am Morgen und gehest zu deinen Zelten". Das ist der Abschiedsruf, mit den uns immer das Peßachsest entläßt. Die Festesweihe soll nachwirken, nachklingen sollen in unfern Herzen und Seelen die erhabenen und tröstenden Peßachgedanken. daß wir gestärkt und mutig auch bleiben, wenn nun wieder der Alltag mit seinen Sorgen und Kümmernissen uns genaht ist. Was uns da das trostreiche machtvolle Prophetenwort zugerufen: nyi©’b 7 'N'1 '~i '•> naan ’iy '2 inarr rrbi nvax 'NV1©' 's rnn „Siehe, Er ist der G'tt meines Heils, ich vertraue und zage nicht, denn mein Sieg und Sang ist der Allmächtige. ist G'tt, das wird mir zum Heile!", das bleibt der Hoffnungsanker uns in allen Nöten, der ewige Lichtguell, der auch in die dunkelste Golusnacht Strahlen, die uns erleuchten und erwärmen, hineinsendet. Das ist der Prüfstein, ob wirklich Peßach seine Sendung an uns vollbracht. Schauen wir getrost und mutig vorwärts im Bekenntnis zu G'tt und zu seiner na-m, dann ist es uns, als ob auch von uns sich Fesseln gelöst und wir sprechen: a©n K-nn imx „Auch uns hat Er — der Allgütige — aus Kummer und Sorge hinausgeführt." So vernehmen wir gefügig und willig das Schriftwort der Woche: 'i naa vmbrr Kap iswn n ms uw aaan m Das ist das Wort: Was geboten G'tt, verwirklicht, dann wird euch die Herrlichkeit G'ttes sich zeigen." Hier merken unsere Alten an: nrrrna aabia vnm Daab» ’n’ayn yan ax’ inirr brra©'b n©n nnb nvrr rrnn *p obwa ’rn’ sin© a©a aipan pah m©b n.w nx»ai nns 'T ’3K '2 nn ps» naaab nbay nx onbm 'j© vsab annva namiay •'a 1122 vrnbrr «rni 12 aw©y 'a«n "am 'pban 7b« rri.n 'pbx „Mosche sprach zu Israel: Entfernet ja jeden unlauteren Trieb aus eurem Herzen, ihr alle, in gleicher Ehrfurcht und von demselben Verlangen getragen, den Dienst zu versehen vor G'tt. Wie Er einzig ist unvergleichlich in der Welt, so sei auch euer Dienst ausgezeichnet vor ihm, denn es heißt: Ihr sollt euerem Herzen die Vorhaut nehmen, und weshalb dies: Ich bin der Ewige euer G'tt, der die höchste Macht ist und die vollkommenste Herrschaft führt ... Ist das eure Lebensnorm, dann wird an euch und durch euch sichtbar G'ttes Herrlichkeit." Diese Weisung gilt mehr denn je in unseren Tagen für Israels Kinder. Es wird uns nicht leicht gemacht, G'ttes Willen nachzuleben. Aber unverbrüchlich ist es verzeichnet das G'tteswort. und keine Macht ln der Welt, kein Zwang der Verhältnisse kann es aufheben: nbyam'wa •pk ©np >2 D’anp Dn«m 'pbxb D2b nvnb o’axa pxn D2nx „Denn ich, G'tt. bin es, der euch aus dem Lande Aegypten emporführt', euch G'tt zu sein: so seiet denn heilig, denn heilig bin ich . . . anon pai xnvn pa b’aanb zu unterscheiden zwischen dem Unreinen und dem Reinen, zwischen dem Tier, das gegessen wird und dem Tier, das nicht gegessen werden darf." Jetzt gilt es zu zeigen, daß uns nicht Mizrajims Fesseln anhaften, daß wir wirklich freie G'ttesscharen sind, unbeugsam in unserer religiösen Verpflichtung, darin sollten alle in Israel fein 1—ms nx-v>a einig in der G'ttesfurcht und Verehrung seines Willens und r—ms nsya von demselben Willen erfüllt »o'aaa^vVaVnrr Vapb vor den Augen der Welt G'ttes Namen zu heiligen und fern Gebot zu erfüllen, mögen auch noch so gewaltig vielleicht die Stimmen des san as' des bösen Triebes Ueberredungskünste, auf uns einstürmen. Wir sind nicht Pharaos Knechte, wenn wir ■nay- G'ttes Diener sind. Entbehrungen und Entsagungen dürfen nimmer unsere sittliche Kraft schwächen- und uns das Verständnis trüben für das hl. Thorawort: c>2'm©M nrr isp©5! brr „Machet eure Seelen ja nicht unrein", — unwürdig des g'ttlichen Ursprunges. -nisan m ibapn© mv br d^x» prw oarx ’mby.a 72 wa/i by Auf d i e Bedingung hin habe ich euch aus dem Lande Mizrajim geführt, daß ihr die Erfüllung der Gebote auf euch nehmt maxa rw’S’a min mxan bi?a minn ba©. Nur wer verpflichtend das Joch der Gebote anerkennt und auf sich nimmt, der bekennt sich zu der Lehre, zu dem Gedanken vom Auszug aus Aegypten. Wir sollen uns gerade in diesen bewegten Zeiten trotz der schweren Opfer, die uns zugemutet werden, als G'tterlöste bewähren, daß seine Herrlichkeit sich überuns zeige und wir nicht wankend werden in unserer Zuversicht, wie sie so kraftvoll Hoschea ausgesprochen: -axaprr ,any D’vn iarp a 05 „Auch wenn sie unter den Völkern lernen und üben G'ttes heilige Lehre, dann werde ich sie wieder sammeln." ■om- Dieses unser Lernen und Ueben von G'ttes Wort und Satzung, das ist die Bedingung für das Anbrechen des ewigen Lenzes inmitten der Menschheit. Wie der echte Menschgeist gerade dann seine Kruft erprobt, wenn ihm Gefahren drohen und Hindernisse sich ihm hemmend in den Weg stellen, so darf unverfälschtes Judentum sich niemals beirren lassen und nie auch seinen Optimismus, seinen Glauben an den endgültigen Sieg der Wahrheit und des reinen Menschentums ausgeben. Lassen wir getrost den Herrn walten. Es schwindet die Nacht und zerfließen die Nebel, und es kommt der Tag des Herrn, imp an baa irv>n©’ sbi isa rrb> „Da üben sie nichts Böses und handeln nicht verderbt auf meinem ganzen heiligen Berge ..." s I 1