Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1933)
- Date
- 1933-11-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Teuilletoti. Beilage tir.46 'iߣ>m£ Die Min. Line Erzählung aus der Zeit der spanischen Inquisition. Von 2. LupoUanski. (Schluß.) Das Gericht war vor eine schwierige Frage gestellt. Die wunderliche Erzählungder Jüdin über die Herkunft des Kindes war schwer zu glauben. Die meisten Richter Hatten auch starke Zweifel an der Wahrheit ihrer Angaben. Aber wie, wenn es sich doch so zugetcagen hätte, wie die Jüdin behauptet? Wenn es wirklich ein christliches, ein getauftes Kind wäre? Das Gericht ließ sich Zeit zur Beratung der Frage. Die Angeklagte wurde mit ihrem Kinde einstweilen in die Gefängniszelle zurückgebracht, die Türe hinter ihr fest verschlossen. Weinend und schluchzend siel das Kind um den Hals der Mutter und flehte unaufhörlich: „Mutter, ich bin doch dein Kind, gehöre dir!" Die unglückliche Mutter traute sich aus Angst vor den hinter den Gefängniswänden wahrscheinlich lauschenden Häschern nicht, ein mütterliches wort dem Kinde zuzucufen; sie fürchtete, sein goldenes Lockenköpflein an ihre Brust zu drücken und mit heißen Küssen seine Stirn zu bedecken. „Rein," sagte sie in schrecklicher Verzweiflung zum Kinde, „du bist nicht mein Kind. Ich habe dich nur als kleines Kind zu mir genommen und bei mir aufgezogen; ich bin nicht deine Mutter!" „Aber," fügte sie zum Kinde hinzu, „wenn du später als Christ leben wirst, dann erinnere dich auch meiner. Ich habe dich immer geliebt wie mein eigenes Kind, für dich gesorgt und dich gepflegt!" „Mutter! Mutter!" schrie das Kind unaufhörlich und weinte und Flehte. Trotz den furchtbaren Seelenqualen, die die unglückliche Mutter ausstand, blieb sie fest und standhaft und wahrte ihr Geheimnis. peinlich und grausam zog sich die Rächt in der Kerkerzelle hin. Endlich begann der Morgen zu dämmern, da hörte man ein fernes Geräusch. Glockengeläute wurde vernehmbar, und bald wurde die schwere Kerkertür geöffnet. Das Gericht war nach langer Beratung zu dem Ergebnis gelangt, daß die Behauptung lder Jüdin über, die Herkunft des Kindes wahr sein könnte. Run sollte das Kind der heiligen Kirche zurückgegeben werden, und die Priester waren mit großen:, prachtvollem Gefolge gekommen, das Kind aus den unreinen Händen abzuholen. „Gestattet mir ein letztes Mal, das Kind zu küssen!", bat die Mutter, als sie sah, daß sie sich nun für immer vom lieben Kinde trennen mußte. — „Wage nicht mehr, mit deinen unreinen Lippen diese christliche Seele zu beflecken!", wies sie mit barscher, kräftiger Stimme der Inquisitionöbeamte zurück. „Sinke in die Kniee, unwürdige Jüdin, und bitte dieses Kind um Verzeihung für all deine Frevel, die du an ihm begangen hast!" Die unglückliche Mutter sank kraftlos in die -Kniee, richtete ihre Augen zum Himmel und rief mit lauter, flehender Stimme: „Verzeihe mir, o G'tt, verzeihe!" Und leise fügte sie hinzu: „daß ich mein Kind in unjüdische Hände gebe." Die Priester nahinen das sich sträubende Kind und zogen mit ihm, heilige Lieder und fromme Gebete auf den Lippen, fort. Kurze Zeit hörte die Klutter noch das jämmerliche Schreien ihres Kindes; dann wurde -es still um sie herum, und sie versank in einen tiefen, ohnmachtsähnlichen Schlummer. . Ts vergingen Tage und Wochen. Tndlich kam der erwartete Tag heran, an dem alljährlich zu Ehren des Heiligen der Inquisition prachtvolle Veranstaltungen und große Umzüge stattfanden. Dieses Mal sollte er ein besonderes Ereignis für die ganze Stadt werden! Die öffentliche Verbrennung einer jüdischen Ketzerin war angekündigt und sollte im Mittelpunkt der Fcierllchkciten stehen! Festlich geziert und aufs beste hergerichtet, stand der größte freie Platz der Stadt da. Von allen Seiten strömten gewaltige Menschenmassen herbei, um dein lange erwarteten Schauspiel zuzuschauen. Ueberall herrschte ein furchtbares Gedränge; kauin daß der Platz alle Schaulustigen aufnehmen konnte. Mit Ungeduld wartete die große Menge auf den Beginn der heiligen Handlung und schaute mit gespannten Blicken auf den großen Scheiterhaufen hin, der in der Rütte des Platzes, etwas erhöht und allen gut sichtbar, errichtet war. Auf der großen, mehrstöckigen Tribüne, die die halbe Rundung des Platzes einnahm, hatten die Geistlichkeit, die Würdenträger und die sonstigen geladenen Gäste Platz genommen. In der ersten Reihe saß die höchste Geistlichkeit und in ihrer Mitte sah man, ganz in blendendes Weiß gekleidet, das von der Jüdin verführte Kind. Ls saß auf fein gepolstertem Stuhle und konnte von feinem Sitze den ganzen Platz gut überschauen. Etwas eigenartig war ihm heute zu Mute: ringsherum soviel kostbare Pracht, soviel schillernde Farben — und doch im Inneren ein so beklemmendes, Unheil verkündendes Gefühl! Bald trat unter den Massen eine sichtbare Bewegung ein; ein tausendfaches Gemurmel wurde vernehmbar. Das (Opfer betrat den Platz feines Unglücks. Mit gesenktem Kopf, die Gesichtsfarbe blaß wie Kalk, schritt die dem Tode Geweihte zur Richtstätte hin. Langsam geht sie, ohne nach einer Seite hinzuschauen, und berührt mit ihren Füßen nur schwach den Boden. Da erblickte das Kind von der Tribüne herab die Gestalt der Unglücklichen und erkannte seine Mutter. Wie von einer Schlange gebissen sprang es auf und wollte sich durch die Massen hindurch Bahn zur Mutter brechen.-- — Der Mutter stockt das Blut in den Lidern. Sie hat die Gefahr, in der das Leben ihres Kindes jetzt schwebt, erkannt und droht, zu taumeln. Sollte sie nicht noch in letzter Minute durch das Bekenntnis eines einzigen Satzes ihr Leben mitsamt dem ihres Kindes retten? Sollte sie nicht . . .? Sie dachte den fürchtcrllchcn Gedanken nicht ZU Ende. Vor ihrem Auge stand das Bild des heldenhaften Todes, den ihr Mann in Sevilla für die Treue zu seinem Glauben gestorben war. Sie sah im Geiste ihren Vater in der Blüte der Jahve den Scheiterhaufen besteigen und hörte den Rachhall seiner letzten Worte: „Bleibet stark und treu!" Und sie fühlte wieder Kraft und Glaubensstärke in sich. Mit eisiger Gefühlskalte wendet sie ihren Blick von ihrem Kinde -ab und geht kalt und stumm an ihrem Kinde vorüber, dem Scheiterhaufen zu. Das Kind aber, das in der gefühllosen Haltung der Mutter jede Liebe und Hinneigung vermißt, beginnt plötzlich zu zweifeln: Und vielleicht bin ich wirklich nicht ihr Kind, gehöre in Wahrheit einer anderen Mutter? Und erdrückt von solchen furchtbaren Zweifeln, sucht das Kind in Gedanken eine andere, eine vergessene Mutter. Cs überdenkt seine Vergangenheit, denkt an die Behauptung der Mutter vor den Richtern; .und .beinahe schon hat Verwirrung die junge Seele gefangen genommen ... Das Dekret der Verurteilung der jüdischen Ketzerin wurde laut verlesen; die Beamten traten heran, ergriffen die Mutter und banden sic auf den Scheiterhaufen. Jetzt kam der Fackelträger heran und entzündete den mächtigen Holzstoß. Schon begannen die Flammen emporzuschlagen, da erhebt die unglückliche Mutter in tiefem Schmerze ihre Augen und sucht ihr Kind. Mit tiefem, heißem Blicke schaut sie zum letzten Male in sein blasses Angesicht. Und in diesem letzten Blick hat das Kind die g a n z e W a h r h -e i t g e l e f e n. Die Flammen des Scheiterhaufens schlugen über der heldenhaften Mutter zusammen und mit dem Schma-Lekenntnis auf den Lippen hauchte die Glaubensheldin ihre reine Seele, getröstet und gestärkt, aus. Sie hat alles, alles vergessen . . . Das Kind aber bat es nicht vergessen — es wuchsden Feuerschein in der Seele, ins Judentum hinein. Aus Hespedim auf den Lubliner Raw. -llINvr on onnai D’pnxb rms: p^ny px Nach anderer Lesart müsse es heißen: arwn- Beim Lubliner Raw treffen beide Lesarten zu. Er errichtete sich seine Denkmäler im Reiche des Geistes durch Worte und Ideen, aber auch auf dem realen Boden durch Werke von ewiger Dauer. Seine im Gedächtnis ewig haftenden Geistesblitze in Reden und Vortrügen, sein „Das Jomi", die heiligen Buchstaben und Worte seiner „Thorarolle des Klall Iisroel", es sind die Denkmäler in Wortep und Gedanken (ormin); der Iesch iw ab au in Lublin ist das Denkmal aus Stein und Erz. (vo'vxv). ' „In der Thora des Rabbi Meiir war geschrieben nix nunr, statt „Gewänder aus Fell", Gewänder aus Licht (mit Olef). Es lag in der Eigenart und in der eigenen Kunst auch dieses Rabbi Meiir, daß er alle äußeren und groben Hüllen des Lebens mit Licht durchstrahlte, auch das msin °m verwandelte. Vom Tanna Rabbi Meiir wird gesagt n-rw "i nvv» mit ihm ging auch der grüßte Fabeldichter zu Grabe. Wenn er in seinem Lehrhause vortrug, so bestand ein Drittel des Vortrages aus Halacha, ein Drittel aus Agada und ein Drittel aus Fabeln und Gleichnissen. Wer kann diese Charakteristik des talmudischeu Rabbi Meiir lesen, ohne an unseren Rabbi Meiir zu denken, dessen Kraft in Moschol und Agüda gleich groß war wie in der Halacha? Selten gab es einen Weisenmund, aus dem solche leuchtenden Perlen sprudelten, wie der, der sich jetzt in Lublin für immer schloß. Beim Tode von Vater Abraham, erzählt Midrasch, stellten sich die Führer der Zeit in einer Reihe aus und klagten nt5’3iaf> aiaxr? nrsDb nx wman laxt? nrn ’ix, „Wehe dem Zeitalter, das seine Führer verloren, wehe um das Schiff, dem der Steuermann genommen ist!" Die Welt hat einen großen Führer verloren, das Schiff, die Lubliner Jeschiwa, weint aber um ihren Steuermann, der gerade dabei war, sie durch die schlimmsten Klippen zu führen. „Bei dem Tode Abuhas vergossen die Säulen von Cäsarea Bäche von Tränen," wird im Talmud erzählt. Warum weinen gerade die Säulen van Cäsarea und nur über Rabbi Abuha? Cäsarea war der Sitz des römischen Statthalters, der Rabbi Abuha ganz besonders zugeneigt war. Wenn er hinkwm, so wird erzählt, begrüßte ihn der Hofstaat ob seiner Schönheit und Weisheit mit Huldigungsliedern. In Cäsarea hatte Rabbi Abuha Säulen der Freundschaft errichtet, die der jüdischen Gemeinschaft und dem 'Lehrhause zugute kamen; diese Säulen weinten, in der Bildersprache der Weisen, um Rabbi Abuha. Wer kennt nicht die Popularität Rabbi Meiir Schapiros bei den Behörden und in den Adelskreisen und die Beliebtheit, die dort sein Lehrhaus genoß? Die Säulen von Cäsarea weinen ... Im Warschauer „Jiddischen Togblatt" erzählt ein Mitarbeiter von seinen Eindrücken, die er am letzten Simchas Thora in Lublin gewonnen hatte. Die Hakofoth in der Jeschiwasynagoge machte man erst mit Thorarollen und dann mit T a l m u d f o l i a n t e n in der Hand. Hier, sagte der Rabbi, in diesem Hause, haben die Bände d e r m ü n d l i ch e n Lehre sich genau so zu freuen wie die Rollen der schriftlichen . . . Als inan in später Stunde am Simchas Thoraabend zu Tisch ging und manche infolge des langen Abschiedsmahles von der Sukkoh am Nachmittag noch keinen rechten Appetit verspürten, rief der Rabbi in seiner witzigen Weise über die Tische hinaus: „Wer an einem heiligen Freudenfeste nach einem reichen Festmahl nicht gleich imstande ist, wieder ein Fe st mahl cinzu nehmen, der ist ein rrwoi bbu >. > Herr R.-A. James R o s e n t h a l (aus Berlin) z. Zt. in Tel-Awiw, schildert uns die Bestürzung, die die Kunde vom Ableben des Lubliner Naw in den orthodoxen Kreisen Erez Israels hervorgerufen hat. Seinem Schreiben entnehmen wir folgende Reminiszenzen: