Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1933)
- Date
- 1933-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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16.. November 1933 DerJsraelit Nr. 46 Seite 7 nichtarischer Verfasser schon äußerlich durch den Ausschluß von der Besprechung in maßgebenden Zeitschriften aufs äußerste erschwert, so wird der Vertrieb durch die tiefgreifende Besinnung des deutschen Volkes auf feine germanische Rasse und die allgemeine Ablehnung nichtarischer Beimischung gerade im Gebiete des Geisteslebens des Volkes geradezu unmöglich gemacht. Die Ausscheidung nichtarischer Mitarbeiter an Sammelwerken, von welchen ihnen ein bestimmter Abschnitt, an Zeitschriften, für welche ihnen die Leistung von Beiträgen aus einem bestimmten Teilgebiet, von einer bestimmten Eigenart, übertragen ist, ist heute eine der wichtigsten Fragen des Verlagsrechts." Schließlich teilt der Verfasser mit, daß eine größere Anzahl von Verlagsverträgen bereits im Wege der Vereinbarung gelöst wurde. „Deutsche Christen" für besondere Nichtaricrgenreinden und Ausschaltung des Alten Testaments. Berlin, 14. Nov. In einer von der „Glaubensbewegung Deutscher Christen" im Berliner Sportpalast veranstalteten Kundgebung wurde eine Entschließung angenommen, in der u. a. gefordert wird, daß entsprechend dem von der Generalsynode beschlossenen Kirchengesetz der Arierparagraph ohne Abschwächung üurchgeführt und alle fremdblütigen evangelischen Christen.in besonderen Gemeinden ihrer Art zusammengefaßt würden. Weiter fordert die Entschließung eine Ausmerzung aller fremden und undeutschen Elemente aus G'ttesdienst und Bekenntnis.- Der Berliner Gauleiter Dr. Krause erklärte in einer Ansprache, die deutsche Volkskirche werde ihre Aufgabe, der ganzen Weite eines artgemäßen G'tterlebens Raum 'zu lasten, nur erfüllen können, wenn sie frei von überängstlichen Bindungen an historisch Gewordenes dem deutschen G'tterleben in Kultus und Bekenntnis freie Bahn gebe, wozu auch kompromißlose Beseitigung alles Fremdvölkischen gehöre. In diesem Zusammenhang forderte Dr. Krause die Ausschaltung des Alten Testa me nts als Religionsbuch. Eine Erklärung des Reichs bischoss, wendet sich nach WTB. gegen diese .Ausführungen auf der Kundgebung des Gaues Groß-Berlin der Glaubensbewegung Deutsche Christen, die in unerhört agitatorischer Weise sich gegen das Alte Testament wenden und sogar das Neue Testament einer kirchlich unmöglichen Kritik unterzogen. Solche Anschauungen und Forderungen seien nichts anderes als ein unerträglicher Angriff auf das Bekenntnis der Kirche. Solchen Geist lehne die Leitung und Führung der Deutschen Evangelischen Kirche mit aller Schärfe a b. Er, der Reichsbischof, werde nie und nimmer zulassen, daß derartige Irrlehren sich in der Evangelischen Kirche breitmachen. Weiter wird, gemeldet: Der Evangelische Oberkirchenrat hat den Studienassessor Dr. Krause wegen seiner den Vekenntnisgrundlagen der Evangelischen Kirche widersprechenden Rede bei der Sportpalastkundgebung der Deutschen Christen am 13. November mit sofortiger Wirkung von seinen sämtlichen kirchlichen Aemtern suspendiert. Staatsangehörigerlrecht auf Rassengrundlage. B e r l i n, 8. Nov. Wie in einem Bericht der „Vossischen Zeitung" über die erste Arbeitstagung der Akademie für deutsches Recht mitgeteilt wird, kündigte auf dieser Tagung Staatsrat Professor Carl Schmitt die Schaffung einer Untergruppe in der Akademie an, die sich mit dem Staatsangehörigkeitsrecht zu befassen haben wird. Seine Neugestaltung soll unter Berücksichtigung der von Nicolai in seinem Leipziger Vortrag dargelegten R a s - jengesichtspunkte erfolgen. Polen. Alle Hochschulen in Warschau geschlossen. Warschau, 12. Nov. Die antisemitischen nationaldernokratischen Studenten haben seit einiger Zeit angefangen, stakt wie bisher Schlägereien mit regierungstreuen Studenten zu provozieren, systematisch Ueberfälle auf jüdische. Studenten zu machen. Anläßlich des Jahrestages der Tötung des Studenten Waslawsky in Wilna kam es aus der Warschauer Polytechnik, auf der Landwirtschaftlichen Hochschule und aus der Handelshochschule zu Unruhen. Gleich am frühen Morgen wurden die Eingänge zur Polytechnik von Nationaldemokratischen „Wachen" besetzt, die alle Hochschüler, die das Gebäude betreten wollten, zur Arsweisleistung aufforderten und jüdischen Studenten den Zutritt verwehrten. Einige jüdische Studenten, die trotzdem ins Innere des Gebäudes gelangten, wurden dort von antisemitischen Studenten umzingelt und schwer mißhandelt. Die Polizei räumte den Platz vor der Hochschule, respektierte jedoch die „Hochschulautonomie", so daß den Vorgängen auf den Hochschulen selbst nicht Einhalt geboten werden konnte. An den Innenseiten der Eingangstore angebrachte Plakate antisemitischen Inhalts wurden auf Anordnung des Rektors entfernt. Aehnliche Vorgänge spielten sich auf der Landwirtschaftlichen Hochschule und auf der Handelshochschule ab. Die Rektoren aller drei Hochschulen verfügten daraufhin die Schließung der Anstalten bis auf weiteres. Da die Warschauer Universität bereits feit etwa zehn Tagen geschlossen ist, steht gegenwärtig keine einzige Warschauer Hochschule mehr in Betrieb. (ITA.). §me große Parlamentsrede von Gberrabbiner Lewin. Warschau, 9. Nov. Wie zu erwarten, war, nahm Oberrabbiner Lew in zu der Judendebatte im Sejm mit einer großen Rede Stellung und benutzte den Anlaß zu einer Art Generalabrechnung, ohne jedoch in die bekannten unschönen Formen der Opposition zu verfallen. Er begnügte sich nicht mit der Abwehr der von antisemitischer Seite unternommenen Angriffe, sondern machte auch die jüdischen Forderungen in wirksamer Weise geltend. Der jüdische Anteil an der Staatsanleihe, wies er nach, war trotz der schweren wirtschaftlichen Krise ungmein stark und rege. Der Lohn blieb besonders bezüglich der religiösen Forderungen der Juden aus. Die religiösen Schulen, wie Iessode H a t h o r a und Bes Jaakaum, die das Schulbudget der Regierung so sehr entlasten, bleiben wie in dem früheren Etat wieder vollkommen unberücksichtigt. Dazu werden den Chederschulen, aber auch den Bes Jaakauw-Schulen, formelle Schwierigkeiten gemacht, die ihre Existenz bedrohen. Große Beschwerden hat der Redner gegen die Zwangssonntagsruhe anzuführen, die sich insofern noch verschärft hat, als jetzt jüdischen Bäckern sogar untersagt ist, in der Nacht zu Sonntag zu backen. Die Steuerschraube wirkt sich im jüdischen Mittelstand, der 10 Prozent der Gesamtbevölkerung Polens ausmacht, katastrophal aus. Er rechnet sehr scharf mit einigen Rednern von den Nationaldemokraien ab, die glauben, gewisse antisemitische Methoden auf die polnische Erde verpflanzen zu können, die von jeher von Recht und Toleranz und von dem absoluten Frieden unter den verschiedenen Vevölkerungskeilen ausgezeichnet war. Die Rede machte einen ausgezeichneten Eindruck. Line große Agudaversammlung. Warschau, 10. Nov. Eine große Agudaoersammlung wurde im Beshamidrasch Smotsche- 27 abgehalten, die von vielen Hunderten besucht war. Sie wurde vom Vorsitzenden, Herrn Jesajas C h l o d n i k, mit ergreifenden Worten über das Ableben von Chofez ^Chajim und Lubliner Raw Vst eröffnet. Er schildert die kritische Lage des jüdischen Volkes und weist nach, daß im heutigen Stadium der Dinge nur die Agudas Jisroel retten kann. Es halten dann Referate die Herren I. M. S ch m u l über die bisherige Tätigkeit der Aguda in diesem Bezirke, I. K l e i nmann über, die Beth Jakob-Bewegung und die orthodoxe Presse. In der Debatte wird betont, daß sich im heutigen Stadium der Dinge kein Jude von der Agudas Jisroel ausschließen darf. Die nächste große allgemeine Versammlung soll in der Chanukahwoche stattsinden, die Monate Cheschwan und Kislew werden zu Werbemonaten bestimmt. Die Versammlung schließt mit den Wahlen ab. Die Lubliner Rebbezin ernstlich erkrankt. Lublin, 13. Nov. Die Frau von Rabbi Meiir Schapiro, die „Lubliner Rebbezin", deren tapferes Verhalten nach Eintritt des Unglückes allgemeine Bewunderung erregte, brach am Mittwoch plötzlich zusammen. Ihr Zustand ist sehr ernst, da noch eine Gehirnentzündung hinzutrat. Am Sonntag wurde sie' in sehr bedenklichem Zustande in ein Sanatorium nach Warschau überführt. Als Grund der Krankheit geben die Professoren die psychische Erschütterung der Frau an. In der Jeschiwa herrscht große Aufregung und wird dauernd gebetet für die Genesung der Frau, in der die Jünger ihre liebsorgeude Mutter sehen. Lettland. Aguda-Chaluzim. Riga, 12. Nov. Wie den Lesern des „Israelit" wohl bekannt, genießen die Hachschnrahfarmen für deutsche Chaluziin in Lettland große Beliebtheit im ganzen Lande. Ihr geistiges und religiöses Leben außerhalb der Arbeitszeit erregt überall Bewunderung und wirkt erzieherisch aus die hiesige Jugend. Aus den umliegenden Dörfern pflegten die Juden nach der Hachscharahfarm zum schönen Sabbatg'ttesdienst zu kommen und aus den Städten kain sehr oft Besuch. Die Feldarbeit zog sich bis in den späten Herbst hinein. Run da der frühe lettische Winter anbricht, begaben sich die Chalnzim in die Stadt, um die Wintermonctte für fachliche Ausbildung auszunutzen. Sie erlernen die Weberei, üben sich in Polster- und Tischlerarbeiten, andere betätigen sich in der Elektrotechnik und in anderen Fächern. Im Frühling wird die Feldarbeit auf der Farm wieder aufgenonnnen. Holland. Line „höhere lyerkschule" in Scheveilingen. A m st e r d a m , 13. Nov. Bor kurzem wurde in Scheveningen unter der Leitung von Dr. Danziger die mit einem Internat verbundene „Höhere Werkschule" eröffnet. Die Schule besitzt folgende Abteilungen: Kindergarten (für Kinder von 3 bis 6 Jahren), Grundschule (für Kinder von 6 bis 10 Jahren), die eigentliche „Höhere Werkschule" (für Kinder zwischen 10 und 15 Jahren) und Sonderlehrgänge. Die „Höhere Werkschule" soll mit den Lehrfächern der Realschule bis etwa zur mittleren Reife (Obersekundareife) führen, wobei Französisch als erste Fremdsprache durch Holländisch ersetzt wird. Daneben wird dem Werkunterricht der Knaben und Mädchen ein großer Raum im Lehrplan eingerüumt. Fakultativer Unterricht ist eingerichtet für Neuhebräisch, Französisch, Lateinisch und Griechisch. Die Sonderlehrgänge sollen Schüler, die dies ausdrücklich wünschen, zum Uebergang aus holländische höhere Schulen oder zur holländischen Reifeprüfung vorbereiten. Schule und Internat werden dauernd ärztlich überwacht. Die Schule untersteht einem Kuratorium, dem auch ein Mitglied der holländischen Staatsaufsicht für das mittlere Schulwesen angehört. Das Sekretariat der Schule befindet sich in Scheveningen, Gevers, Deynootweg 10. Frankreich. Leo Motzkin gestorben. Paris, 7. Nov. Der Präsident des Zionistischen Aktionskomitees und des Comite des Delegations Juives, Dr. Leo Motzkin, ist am 7. November in Paris im 66. Lebensjahre einem Herzschlag erlegen. Er war eben erst von der Londoner Jüdischen Welthilsskonserenz, an der er als Vertreter des Comite des Delegations Juives teilgenommen hatte, zurückgekehrt und beabsichtigte, gemeinsam mit dem Beauftragten der Londoner Hilfskonserenz an den mit dem Emigranten-Komnttssar James Macdvnald zu führenden Verhandlungen über die Regelung des Emigrakionswesens teilzunehmen. Motzkin hatte sich seit vielen Jahren mit der Lösung der jüdischen Wandersrage beschäftigt und wiederholt in jüdischen Emigrationskongressen den Vorsitz geführt. In engem Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in dieser Richtung stand sein Kampf um Sicherung und Ausbau der jüdischen Minderheitenrechte in den Ländern Osteuropas. Er war Mitbegründer des Kongresses der europäischen Nationalitäten (Minderheitenkongreß) vnb bis vor kurzem Vizepräsident dieser Körperschaft. Wegen der aus der letzten Tagung des Minderheitenkongresses in Bern entstandenen Differenzen hat Motzkin die auch diesmal wieder erfolgte Wahl in das Präsidium des Kongresses abgelehnt. Bei den Friedensverhandlungen in Paris war Motzkin als Generalsekretär der jüdischen Delegation tätig gewesen und er begründete das Comite des Delegations Juives, dessen Vorsitzender er bis zu seinem Tode war. Seit mehreren Jahren stand Leo Motzkin auch an der Spitze des Zionistischen Aktions-Komitees und war Präsident der letzten Zionistenkongresse.