Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-11-16 · Heft 46 (16.11.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 46 (16.11.1933)
Date
1933-11-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450800--79996-2537294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16. November 1983 . In Erez Israel schieden sich 'die Geister an der Frage „Wohltätigkeit oder Aufbau" in zwei Lager. Die H : st a d r u i h - M ä n n e r, von jeher freunde — und auch Nutznießer — der großen Sammlungen, schrieen nach der Zdokohbüchse und gewannen auch Dr. w e i.z m a n n für ihre Pläne. Der Tatenmensch R u t h c n b e r g versteifte sich aber mit einem Häuslein praktischer Männer aus dem neuen Iischuw nuf die neue Aufbauaktion. Als deren Ruf von den Befürwortern Her Saminlung übertönt wurde, legten sich welche ins Nittel, um ein Kompromiß zwischen den beiden Nethoden herbeizuführen — mit negativem Erfolge, da sich die beiden Systeme in einer Aktion nie werden vereinigen lassen. Indes aber die beiden Parteien um 'das Erbe stritten, traten neue Akteure auf den plan, .die den Schwerpunkt -der Hilfeleistung für die deuschen Juden nicht auf die Sammelaktion noch auf den Aufbauprozeß, sondern aus den Kamps verlegen. Boykott, ein ' verlockendes Wort im 20. Jahrhundert, nach dein Zusammenbruch so vieler materieller und geistiger Güter, für gewisse Menschen, das ihnen alle Fähigkeit zum Haren Denken und zur klaren Ueberlegung nimmt, Fast ist es heute verboten, zu fragen, was uns Kampf und Boykott bringen könnten, uns, die wir in allen Ländern Europas auf dem Pulverfaß sitzen? Ob die Welt wirklich vor uns in Angst und Schrecken auf den Boden fallen wird, wenn wir, das „zerstreute Schaf Israel", einen Wolfspelz anlegen und den Kampf aufnehnren. Für Maskerade ist die Zeit zu hart, zu ernst gestimmt. Darüber verginget: kostbare Monate, wohl die kostbarsten des ersten Mitfühlens und des Hilfswiliens. Auf der einen Seite die Sammlungen, die nicht einmal die nötigen Mittel für die erste Hilfe einbrachten, auf der anderen Seite der Boykottrummel, ließen die eigentliche Arbeit ganz in den Hintergrund treten; die Mobilisation der Mittel der Flüchtlinge, wie die Liquidation ihrer Besitztümer im Einvernehmen mit der Regierung. Die ökonomisch kommerzielle Gesellschaft, die jene Liquidation in Verbindung mit den Reugründungen in Palästina zu leiten hätte, kam gar nicht zustande. Und der kreißende Berg gebar — eine U n t e r s u ch u n g sk o mm i s si o n. In London tagt eine Untersuchungskommisflon, die die Möglichkeiten für Rieöerlaffung und Schaffung neuer Industrien in Erez Iisroel erforschen soll. Als ob das nicht alles schon hundertfach erprobt und erforscht ist! Rach Ruthenberg, Rovomiski, Tel-Awiw, dem Saron und dem EmeHmuß man wieder die agrarischen und industriellen Möglichkeiten Palästinas erforschen! Die einen klappern mit der Büchse, die andern „boykottieren" und dazwischen sitzen die Dritten und „ u N t e rsuchen." Indes ist im Lande selbst noch nicht eine Parzelle für deutsche Olim gewonnen worden, sind keine Häuser für Aufnahme der Einwanderer errichtet. In Tel-Awiw und in Haifa vermietet man nicht mehr Häuser und Zimmer, sondern Betten und S ch l a fst e l l e n. Bald sind auch diese nicht mehr zu haben. Gerade aus dem Munde der Deutschen, die sich auf Ordnung und Organisation etwas verstehen, kann man hören, daß sie nicht einmal ein Minimum "von System And Methode bei der Versorgung der Einwanderung angetroffen hätten.; Zweierlei wurde nur durch das große Klappern, das Arbeit vortäuscht, erreicht: Eine Aufstachelung der. Ara b er, die „gegen eine Eroberung palästi-' nas durch die deutschen Juden" ein Zetergeschrei erbeben. Sodann eine Anspornung und Ermutigung für alle zweifelhafte Makler - und Agentengestalten, die aus Rot und Kopflosigkeit Hochkonjunktur inachen. Hasten, Jagen und Panik auf der einen, Hetze, Reid und Haß auf der andern Seite. Wollen wir etwa auf solcher Brücke unsere deutschen. Brüder nach Erez Iisroel hinüberführen, deren Grundpfeiler heißen: Zdoko, Boykott, nationale Eifersucht, Haß und Streit? — So weit ungefähr die Gedankengänge des Herrn Smilianski, der es liebt, für Dinge, die ihm nicht gefallen oder in seine Parieischablone nicht hineinpassen, starke Worte zu gebrauchen. Klar ist keineswegs, warum sich nicht eine Sammelaktion im Kleinen mit einer großzügigen Aufbauaktion vereinigen lassen sollte? Cs muß ja bei der Hilfeleistung nicht gefragt werden: das eine oder das andere, sondern es kann j und muß heißen: das eine und das andere! Ganz Der Israelit zu eigen möchten wir uns aber die Ausführungen Smiltanskis über den kindischen Boykott machen, wenn es, wie es auch den Anschein hat, gelingt, mit Hilfe der deutschen Regierung auf Grund der Transfernabmachungen das Vermögen der jüdischen Auswanderer diesen zu erhalten und dem heiligen Lande .zuzuführen — und es kommen hinterher ein paar unreife Jünglinge, die, angeblich aus prinzipiellen Gründen, mit dem scheußlichen Worte Boykott, unter dem wir selbst so viel zu leiden haben, die Lösung stören und uns noch obendrein in Deutschland und anderswo schwere Unannehmlichkeiten bereiten, so sind die hier gebrauchten Worte gegen diese Schädlinge noch nicht einmal stark genug. Eine E i nheitsfront der Vernünftigen sollte sich zusammentun gegen diese unverantwortlichen Heißsporne, gegen diese v'hzn» v'ivj? ll'chviV' die Erez Iisroel so wenig nützen wie sie den Juden in ihren Wirtsländern nur schweren Schaden zufügen. Von der agudistischen Woche Von Edgar TR. Stern in London. (Es ist kurz bereits in der vorigen Rümmer von den in London stattgefundenen verschiedenen agudistischen Veranstaltungen berichtet worden, die ihren Abschluß in der Agudakonferenz fand. Von den an dieser Konferenz beschlossenen Resolutionen ist an anderer Stelle dieses Blattes die Rede. Die erste dieser agudistischen Kundgebungen fand in einem überfüllten großen Vortragssaal von Whitechapel statt, und der Andrang des Publikums hierbei übertraf alle Erwartungen. Cs sprachen dort u. a. die Herren I. M. Lewin, Präsident der polnischen Aguda, Sejm-Dept. L. Minzberg und H. 21. ©o.o 6man. Die spontane Begeisterung, die diese Reden, auf die im Einzelnen einzugehen hier zu weit führen würde, bei der Zuhörerschaft hervorrief, mußte auch den 'Rörglern und Skeptikern/ die in unseren Reihen nie all zu werden scheinen, den Beweis bringen, daß auch der englische Loden aufnahmefähig ist für a g u d i st i ch e n Samen. Aber auch die M e l a w e - M a l k e - Zusammenkunft am Schabbos-Ausgange und die Empfangsfeier für die an der zur selben Zeit tagenden Hilfskonferenz für die deutschen Juden teilnehmenden Aguda-Delegierten vom Kontinent waren Stunden der Erhebung, ja der weihe und unwillkürlich entwickelte sich die Gefühlsempfinöung, daß eigentlich nur in a g u d i st i f ch e n Veranstaltungen solch ein Geist unverfälschten Judentums die Atmosphäre beherrschen könne. Der Empfang, den die Äguöa-Getreuen ihren in London anwesenden Führerpersönlichkeiten bereiteten, war ein überaus herzlicher und warmer, in dem nicht allein Verehrung und Dankbarkeit, sondern eine wahrhaft anhängliche Liebe der hiesigen Agudakreise gegenüber der füpj die Interessen der. Tauroh und des jüdischen Volkes unermüdlichen,'Tag und Rächt arbeitenden Agst'däleitung zum Ausdruck kam. wir glauben, Daß die'in Londongewesenen Führer kaum mit einem solchen'i Empfang, auch von seiten der Aguda fernstehender'Kreise, in der britischen Hauptstadt gerechnet haben dürften. Die Kons e r e.n z , die dann die Agudawoche zum Abschluß brachte, zeigte wiederum in achtstündiger ununterbrochener. Arbettsdcmer, ° in denen auf Grund verschiedener Referate alle Zweige des öffentlich-jüdischen Lebens zur Behandlung kamen, daß Aguöas Isroel nicht nur etwa die Bedeutung eines chafsidischen Lernvereins zukommt, sondern die der Taurohorganisation des jüdischen Volkes, die bereit und befähigt ist, a l l e p r o b l e m e ö c s ö f f e n t l i ch - j ü d 4 s ch c n Lebensim Geiste des jüdischen R a t i o n a l r e ch t e s zu lösen. Rnö ganz im Zusammenhänge zu dieser Interpretierung dos Agudismus steht die beachtenswerte Tatsache, daß Agudas Isroel sich entschloß, offiziell an den Beratungen der Hilfskonferenz für die deutschen Juden zusammen m i t d c n Z >r ö n i st e n u n ö L i b e r a l e n , ja noch mehr, daß die Initiative zu dieser Konferenz von agudistischen Kreisen ausgegangen war. Dieses Verbacken —- das betonen Nr. 46 Seite 8 wir mit Rachdruck — darf aber unter keinen Umständen als ein Abweichen der Aguda von ihren bisherigen Grundsätzen mißdeutet worden, denn fester denn je ist 2lgudas Isroel von der unerschütterlichen Ueberzeugung durchglüht, daß die Tauroh und nur die T a u r o h das alleinige Fundament ist, auf dem alles individuelle u n d nationale Sein im jüdischen Volke zu basieren hat. Auf der anderen Seite hat Aguöas Isroel immer wieder seit Jahr und Tag ihre Bereitwilligkeit zur wirtschaftlichen und politischen Kooperation betont unter der Bedingung, daß ein Gremium zustande gebracht werden kann, das auf die Behandlung weltanschaulicher Probleme Verzicht leistet. Der Zionismus war niemals bereit, Agudas Iisroel trotz ihres Entgegenkommens die Möglichkeit zur Zusammenarbeit zu geben, und erst jetzt bei der Londoner Hilfskouserenz für die deutschen Juden waren die Voraussetzungen geschaffen, die der agudlstischen Delegation es gestatteten, am gleichen Tisch mit den Herren von der zionistischen Partei Platz zu nehmen. Mit diesem Verhalten wird aber die Haltlosigkeit aller oberflächlichen Behauptungen etwa des Inhaltes, Agudas Isroel sei mit Separatismus zu identifizieren, ad absurdum geführt. Das war auch einer der Gedanken, die durch die verschiedenen Reden und 2lnsprachen der Führer der polnischen 2lguöa, I. M. L e w i n und L. Minzberg gingen. Dieselben führten aus, öle Tätigkeit der 2lguda in Polen, bestehend in der Organisierung und Durchdringung der jüdischen Massen mit der Tauroh, in der Führung von ungefähr 60 jüdischen großen Kchilaus, in der Errichtung von zahlreichen Schulen, in denen Tausende von jüdischen Jungen und Mädchen im Taurohgeiste zu jüdischen Menschen herangczogcn werden und last not least auf politischem Gebiete in der Vertretung der jüdischen Interessen im polnischen Parlamente, weise gewaltige L e i st u n - g e n auf, die man bei nicht ausgesprochen schlechtem willen anerkennen m ü s s e. Diese Leistungen müßten ohne weiteres Schlagwörter wie „Reaktion" und „Separatismus" in das Gebiet der Phraseologie zurückdrängen. Der aguöistische Kreis in London ist nun sehr optimistisch und glaubt, die Stunde der Aguda sei jetzt herangckommen. wir möchten auch aufrichtig hoffen, daß bei richtiger Anwendung der Propagandakunst, die man mit richtigen: volkspsychologischem Fingerspitzengefühl u n b e d i tt ß t and) i n d e n Dienst der Tauroh stellen m ü ß t e, es Agudas Isroel gelingen wird, vor allen: bei den o st j ü d i - s che n Massen Englands Fuß zu fassen. Jedenfalls wird die wcltorthodoxle Veranlassung haben, in den nächsten Monaten mehr als bisher den Blick nach London zu richten, wo jedenfalls eine gesunde a g u d i st i s ch e Urzelle entstanden ist, die — es ist lediglich eine Zeitfragc — früher ober später zwangsläufig sich zum arbeitsfähigen, kräftigen Organismus entwickeln! wird. Denn für Agudas Isroel' steht die Siegeskräft außer Frage! Korrespondenzen * Nachrichten. Deutsches Reich. Zu den neuen Vorschriften über Beimischungszwang von Trockenmagermilch. Berlin, 13. Nov. Bezüglich bes Genusses von Gebäck, dem mit Trockenmagermilch vermengtes Kartoffelstärkomehl in dem r e i ch s g e setzt ich vorgefchriebenen Mindestmaß beigemischt wird, ist in gemeinschaftlicher Beratung von Vertretern der beiden gesetzestreuen Rabbinerverbänüe und des Rabbinifchen Landesrats der Agudas Iisroel für Deutschland auf Grund der eingelaufenen Gutachten folgende .religionsgesetzliche Entscheidung getroffen: „Die Prüfung aller vorliegenden h a - lachischen Gesichtspunkte ergibt, daß der Genuß solchen Gebäcks nicht verboten ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.