Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1933)
- Date
- 1933-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 46 Der Israelit 16. November 1933 fchvmige Auskunftsmittel getrennten liberalen orthodoxen — U c I i g 4 o n s Unterrichts werden sollen! Als ob sich der religiös erzieherische Einfluß einer jüdischen Schule auf die paar Stunden „Religion" beschränkte und nicht vielmehr der gesamte Lehrstoff und seine Gestaltung, die Persönlichkeiten der Lehrer, das bestimmte Fluidum weltanschaulicher Geschlossenheit und religiöser Begeisterung, das von ihnen ausftrahlt, von weit größerein Einfluß auf die seelische Entwicklung der Rinder wären als der begrenzte Inhalt des spezifisch religiösen Unterrichts. Das gilt doppelt und dreifach, wenn, wie es in der offiziösen Ankündigung des. Untecrichtsausschusses heißt, „möglichst in allen Fächern die besonderen jüdischen Anknüpfungspunkte und Querverbindungen herausgearbeitet werden sollen". In einer jüdischen Schule, soll sie diesen Rainen verdienen, ist jedes Fach Gesinnungsunterricht und muß es heute um so mehr sein, da die ganze Tendenz des staatlichen Unterrichtswesens auf die gcsinnungsmäßige Untermauerung des gesamten Unterrichtsstoffes und die stärkste Betonung der Wertgeltungen gegenüber allem objektiven Wtssenschaftsbetrteb gerichtet ist. Wir möchten daher aufs ernsteste davor warnen, den gesetzestreuen Kreisen der deutschen Iudenhoit durch eine sittlich ' nicht zu rechtfertigende Subventionspolitik einen erneuten Kampf um die Gewissensfreiheit''und um die Seele ihrer Kinder aufzunötigen, vor dich: sie — wenn es sein müßte — nicht zurückschrecken würde, der aber im allgemeinen jüdischen Interesse augenblicklich sehr wenig wünschenswert ist. Erez Iisroel und die «Lösung der Judenfrage". Alan kann begreifen, daß der Ausgang der Londoner Hilfskonferenz die Organe der öffentlichen Aieinung der deutschen Juden insofern nicht befriedigt, als es bisher nicht gelang, ein aktionsfähiges Cxekutivorgan der Konferenz und eiine einheitliche Zentralstelle für die Finanzverwaltung zu bilden. Wenn aber darüber hinaus die „Jüdische Rundschau" in fettem Druck hervorhebt, es handele sich jetzt nicht um eine vorübergehende Hilfsaktion für Leute, die durch bestimmte Ereignisse geschädigt wurden, sondern um „d urchgehende Ai i t t e l zu einer Reuregelung der Iudenfrage" und wenn sie mit seltsamer Naivität hinzufügt, „die ungelöste Iudenfrage sei ein Unglück, das um sich greift," so erinnert diese Haltung wahrlich allzu lebhaft an die guten Spießbürger, die eines Abends den Beschluß faßten, nicht auseinander zu gehen, ehe die soziale Frage gelöst sei. Für den orthodoxen Zionisten (orthodox im Sinne des zionistischen Dogmas) mag die „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina" die Lösung der Iudenfrage bedeuten, und es gibt sicherlich tausende von seelisch entwurzelten Reu-Zionisten, die in dem inbrünstigen Glauben an die Richtigkeit dieser Partei-Behauptung durch den wirtschaftlichen Aufschwung des heiligen Landes und den erfreulichen Erfolg der Siedlungsarbeit bis zur Unerschütterlichkeit des Fanatismus 'bestärkt worden sind. Aber die Behauptung selbst wird dadurch nicht wahrer. Die „Iudenfrage" ist durch Alenschenwitz nicht lösbar, und sie wird ihre Lösung nur im Zusammenhang mit der g'ttgewollten Entwicklung und Enträtselung des Geschichtsprozesses überhaupt empfangen, in dessen metaphysischem Mittelpunkt das ins Golus verwiesene, zur Heimkehr jeden Dag bestimmte Volk G'ttes steht. Es. ist daher gerade heute und grade im Zusammenhang mit dem deutsch -jüdischen Schicksal c i n l e b e n s gefährlicher Irrtum, sich in dem Wahnglauben, die „Iudenfrage" fei durch die Balfour-Crklärung auch nur auf den Weg zur „Lösung" geführt worden, festzurennen und dadurch alle Energien zu lähmen, die sich der Zutun f t s e x i st e n z der Juden innerhalb Deuts chlands einerseits, der produktivierung jüdischer Auswanderung nach sonstigen Ländern (auch nach arabis ch e n Ländern) andererseits zuwenden müßten. Lebensgefährlich auch deshalb, weil dadurch den antisemitischen Theorien das Spiel allzuleicht gepälästinensts^e Heimat zurückgezogen haben.. . Kein Mensch vermag vorauszusehen, welche geschichtlichen Zeiträume verstreichen werden,. bis die Verheißungen der Propheten sich erfüllen und das jüdische Volk aufrecht — rvpöaip wie es in unsrem täglichen Gebete heißt — heimkehrt zu seinem G'tte und zu seinem Lande. Bis dahin ist uns jeder Stein, der dem Aufbau, der Wiederbesiedlung des G'ttcslandes in Reinheit und Heiligkeit geweiht wird, eine Tat höchster jüdischer Pflichterfüllung, ein Unterpfand künftiger Erlösung, aber beileibe keine — Lösung d e s I u d e n p r o b l e m s! Ja — selbst in einem a r abischen Palästina, in einem Palästina mit umfassendem großarabischem Reiche wäre uns, wäre der auf dem geschichtlichen Boden ihrer Religion stehenden Iudenheit de r Aufbau einer kulturell autonomen jüdischen Gemeinschaft nicht minder des Schweißes der Edlen wert wie das Ringen um eine angeblich „öffentlich rechtlich gesicherte nationale Heimstätte", deren Sicherheitvon dem Kräftespiel des englischen Imperialismus und des arabischen Rationalismus abhängig' bleibt. Die „Lösung der Iudenfrage" überlassen wir dem G'tt der Geschichte — wir empfehlen, den schlichten Verstand der Verständigen auf das näher liegende Problem zu verwenden, wie man das Los der Iudenheiten in allen Ländern der Erde erleichtert und verbessert, und wie man zugleich aus heiligem Boden Juden und Jüdinnen in immer größerer Zahl ein g ' t t g e t r e u e s , heiliges jüdisches Leben, die wahrhafte Erfüllung der pK aw mxa ermöglicht. Der alle Jischuw hungert! Wir sagen damit nichts Neues, wenn wir auf die groteske Tatsache Hinweisen, daß in gleichem Alaße wie der neue Jischuw aufblüht, der alte immer mehr verkümmert. Als ob der Blutenstand in Feld und Plantage notwendig dem Bethhamidrafch und der Iefchiwah die Kraft entziehen müßte! Cs wirken aber hier keineswegs geheimnisvolle Zusammenhänge mit. Der Niedergang der alten Institutionen in Crez Israel erklärt sich durch die wirtschaftliche Krise in Europa und Amerika, durch das Versiegen der Hilfsquellen in der Golah. Der Weg vom neuen Jischuw zum alten ist aber leider ungleich weiter als von Europa und Amerika zu diesem. Der neue Iischuw wurde vom ersten Tage auf neuen Grund gestellt, im bewußten Gegensatz zu den alten Städten, wo es weniger Neues zu errichten galt, als alte Heiligtümer zu hüten. Die Gasse von Neu zu Alt ist leider dort noch nicht durchbrochen, die Zirkulation der Kräfte noch nicht hergestellt. Line Stunde vom aufstrebenden Tel-Awiw, eine Wegemeile von den blühenden Kolonien entfernt, hungern in Jerusalem Thoragelehrte, Albe und Junge, buchstäblich, vegetieren altgeheiltgte Institutionen in Safed und Tiberias. Wer schafft den Ausgleich? Lin Herr A f k u f ch i macht in palästinablättern einen Vorschlag, den man unter den gegebenen Verhältnissen nicht von der Hand weisen sollte. Ls könnte ein Ausgleich zwischen Stadt und Dorf, zwischen Arbeitsstätte und Iefchiwa geschaffen werden, wenn sich die Jünger der Lehrhäuser, soweit sie jung und kräftig ind, entschlössen, zu bestimmten Zeiten des Jahres, da, wie gerade jetzt, Rot an Arbeitskraft herrscht, von der Gemoro weg an die Arbeitsstätte, ins Feld oder an den Bauplatz, zu gehen. Ein solcher Akt der Selbsthilfe wäre auf alle Fälle allen Hilferufen und Rettungsaktionen vorzuziehen. Die moralische Hilfe einer solchen Willenskundgebung zu Arbeit und Aufbau von Seiten der Iefchiwoth wäre aber gar nicht abzuschätzen. Alan würde den jungen Alenfchen mit größter Achtung und Liebe begegnen und die damit errichtete Brücke würde dem gesamten Jischuw von größtem Nutzen sein. Der Antragsteller erinnert daran, daß man auch schon in talmndische Zeit in belimmten Alonaten des Jahres die Lehrhäuser zugunlen der Feldarbeit geschlossen hatte. wir nehmen diesen Vorschlag so gut auf, wie er gemeint ist. Cr sollte am wenigsten da unbeachtet bleiben, wo man längst um eine Verbindung von und-macht wird, die so tun, als sei es pure jüdische Bos gewahrt heit, daß. sich die Juden noch nicht allesamt in ihre Lehre und Arbeit bemüht ist, nämlich bei den deutschen Agudiften unter den neuen Olim. Jedenfalls wären solche Kombinationen zunächst leichter und billiger zu bewerkstelligen, als die geplanten orthodoxen Kwuzoth, denen es jetzt leider noch an Alenfchen und Alltteln fehlt. 2lber eines fei dabei nicht übersehen: Cs hungern in den Lehrhäusern der alten Städte in großer Zahl auch ä l t e r e und s ch w ä ch l i ch e Alenschen, die für die Arbeit nicht in Betracht kommen, zumeist Familienväter und auch Greise, die man in die Arbeitskolonnen nicht einreihen kann. Die kümmerlichen Spenden reichen heute nicht zur Lebensfristung dieser Rurlecnenden aus, auch wenn es gelingen sollte, die jüngeren und arbeitsfähigen Alitglieder auf eigene Füße zu stellen. Was geschieht mit diesen? Weift man schon auf die babylonischen Schulen bin, dann beherzige man auch, daß diese von der Liebe der gesamten D i a s p o r a g e t r a - gen und gehalten waren, und es wohl damals keinen jüdischen Alenfchen gab, der, wie heute leider häufig, der Meinung war» man lasse „das»'was alt und baufällig ist, einfach stürzen und vergehen." Cswäre gerecht und billig, fünf Prozent ckller Sammlungen für Crez Israel, also ein halbes Alaasser,. einzig für T h o r a z w e ck e zu verwenden und den Iefchiwoth zuzuführen. Eine Basis der G egenseitigkeit müßte so gebaut sein, daß der neue Jischuw seiner Sammlungen einen Teil an die- Lehrhäuser abgibt und diese dagegen von Zeit zu Zeit eine Summe frischer Arbeitskraft dem neuen Jischuw zur Verfügung stellen. So könnte wirklich jener Ausgleich entstehen, den wir gelegentlich einmal als den Weg von Zion nach Jerusalem bezeichneten. Was ist bisher für die Juden aus Deutschland geschehen? An anderer Stelle unserer Ausgabe veröffentliche wir einen Bericht über die Sammlungen z u g u n ft e n d e r d e u t f ch e n I u d e n auf Grund von Angaben des Leiters vom Hauptbüro des Keren Hajessod, Herrn Dr. Leo Hermann. Der Bericht entwirft ein Bild reicher, emsiger und, man darf sagen, auch planmäßigen Tätigkeit, wenn auch manche Wünsche nicht erfüllt sind, praktisches bisher nur in geringem Alaße erreicht ist. Wenn demnach in Palästina selbst, insbesondere von dem bekannten jüdischen Bauernführec Alosche Sm i li an s k i obige Frage gestellt und in völlig negativem Sinne beantwortet wird, so mag es zum Teile an der Parteibrille legen, durch die SmManski die Dinge zu sehen gewöhnt ist, und an seiner Vorliebe für stark pointierte Formulierungen. In der Grundauffassung spiegeln aber seine Ausführungen die bisherige Ergebnislosigkeit des Hilfswerkes wider, gerade da, wo es von den größten Hoffnungen und Erwartungen begleitet war, in Palästina. Als man gleich zu Anfang erkannte, daß die Lö» 'ung des deutsch-jüdischen problemes, soweit es überhaupt außerhalb Deutschlands zu lösen ist, in Crez Iisroel zu suchen sei, tauchte die alte Frage auf: phiantropie oder produktive Hilssarbeit für alle Zukunft? Es gab welche, die glaubten, die Aktion der Sammlung und Hilfeleistung mit dem Klingelbeutel leiten und das Ganze nach Art der Sammlungen von 1929 zu einer Art Z d o k o h G e ö a n l o h machen zu müssen. Andere aber waren der Aleinung, daß die elementare Katastrophe ihrem historischen Sinne nach über die Sammet- und Hilfstätigkeit hinaus eine durchgreifende Aktion gebiete, um dem großen Heere der Heimatlosen irgendwie ein festes Heim für die Dauer zu schaffen. Gedacht war die rationelle Hilfe auf folgender Grundlage: Bewirkung einer Alögllchkeit für die Auswanderer, mit Genehmigung der Behörden ihr Vermögen mitzunehmen. Eine große, auf ökonomisch kommerzieller Basis aufgebaute Gesellschaft übernimmt die Liquidation der in Deutschland verbliebenen jüdischen Besitztümer an Liegenschaften und Waren und zugleich, die von deutschen Inden und für sie in Crez Iisroel geschaffenen neuen Unternehmungen zu fundieren und auszubauen-