Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwischen Philosophie und Theologie. Drei Buchbesprechungen. Von Rabbiner Dr. Alexander Allmann in Berlin. I. Das lang erwartete systematische Lebenswerk przywaras liegt im I. (methodischen) Teil vor. Es will den Grund legen zu einer Metaphysik, die im Gegensatz zu allem reinen Apriorismus und reinen Aposteriorismus aufgebaut ist auf dem „kreatürlichen" Prinzip des Ueber-in: G'tt über-in Geschöpf. Das schon seit je von p. vertretene augustinische TTiotk) des „G'tt in uns und über uns" (analogia entis, Spannungseinheit) wird zum Strukturschema der „Tinen Metaphysik", die sich aus einer dialektischen Zusammen- und Durchschau aller möglichen und wirklichen Metaphysiken als das unum et verum herausdestilliert. Hier gewinnt die intensive Durcharbeitung, die p.'s ausgedehntes Schrifttum (wir nennen: Religionsbegciindung 1925, Religionsphilosophie katholischer Theologie 1927, Ringen der Gegenwart 1929, die Problematik der Reuscholastik, Kantstudien Bd. 55) an fast der gesamten neuzeitlichen Theologie und Philosophie prüfend und messend vorgenommen hat, den weitesten Spielraum der Verwertung. In ungeheuer konzentrierter, ja — stilistisch geurteilt — in z u gedrängter, z u destillierter Form wird das ganze weite Gebiet des metaphysischen Bemühens durchgesichtet und auf seine jeweilige absolutierende Einseitigkeit festgenagelt. Zwei große Strukturkreise solch einseitiger Metaphysik werden einander gegenübergestellt, die ihre Signaturen in den Begriffen a) Apriori, Lidos, Deduktionsverfahren, Theopanismus, b) Aposteriori, Morphe, Induktion, Pantheismus besitzen. Die erste Strukturform wird als dem Protestantismus, die zweite als dem Judentum wesenseigen deklariert. Mit Bezug auf das Judentum wird so der alte, bereits von Dienemann im „Morgen" (II, 1) zurückgewiesene Irrtum p.'s neu vorgebracht, der das statisch-eidetische Moment im jüdischen G'ttesbegriff im einseitigen Hinblick auf die Buber'sche Konzeption und den Lohen'schen Aufgabebegriff (vgl. P.'s Aufsatz „Judentum und Christentum" in „Ringen der Gegenwart") in ein aposteriorisch-dialektischpantheistisches verwandelt. An diesem Punkte hat gerade das „orthodoxe"' Judentum die Pflicht des Protestes gegen eine Verzeichnung der dem Judentum *) I. Erich Przyrvara, S. I., Analogia entis. Metaphysik. I. Prinzip, München, bei Josef Kösel und Friedr. Pustet, 1932. 154 Seiten. Ganzleinen Mt. 6.20. H. I. C. Franken, Kritische Philosophie und dialektische Theologie, Prolegomena zu einer philosophischen Behandlung des Problems der christlichen Gemeinschaft, $)■ I. Paris, Amsterdam. 1932, 439 Seiten, drosch. Mk. 15.—, gebunden Mk. 17.—. III. Ernst Bergmann, Die Entsinkung ins Weiselose, Seelengeschichte eines modernen Mystikers. Ferd. Hirt, Breslau, 1932, 251 Seiten, geh. Mk. 5.—, geb. Mk. 6.50. eigentümlichen theologischen Begriffsstruktur, die in Wahrheit gar nicht so sehr in Kontrast, vielleicht dem Prinzip nach sogar.idenisch ist mit der von P. als katholisch postulierten kreationistischen Metaphysik. Hier wird die geistesgeschichtliche Situation sichtbar, an der mit P. nicht nur der Katholizismus, sondern vermöge seines spezifischen G'ttesbegriffs gerade auch das Judentum (lebt: In Front foinolit zum reforma-- torifchen Theopanismus, also aktuell: zur dialektischen Theologie mit ihrer Entwertung des Geschöpflichen wie des (unjüdrschen) Pantheismus der innergeschöpflichen Unendlichkeitsprogression mit seiner Vergütung des Menschlichen («religiöser Utopismus). Der Tendenz nach darf demnach von jüdischer Seite p. durchaus positiv und bundesgenössisch gewertet werden. Ob es ihm aber in der sachlichen problcmbcarbcitung gelungen ist, den Begriff einer kreatürlichen Metaphysik, die die Einheit von Theologie und Philosophie begründe, zu legitimieren, darf bezweifelt werden. Es ist trotz der scharfen Pointierung nicht zwingend und klar entfaltet, wie das reine Formalproblem von Metaphysik' überhaupt in die Frage zwischen G'tt und Geschöpf führt. Wie P. vom Absoluten als einem „Ideal" oder „Universal" zum Sinngehalt des kreationistischen G'ttes gelangt, wird nicht gezeigt. Auch der Begriff der Kreatürlichkeit, wird trotz der Stellen S. 7, 22 ff. nicht genügend geklärt. Und darauf kommt es wohl in erster Reihe an, soll das Operieren mit dem kreationistischen G'tt nicht als willkürliche Setzung erscheinen. Keinesfalls also kann die im weiteren Verfolg (§ 4, 5) geforderte „reductio in mysterium" auf eine erkenntnistheoretische Fundierung des kreationistischen G'ttesbegriffs (mit seinem Wesensattribut der Lebendigkeit und Personalität) sich berufen. Hier zeigt sich der letzte Grundfehler dieses tiefen und scharf durchgegliederten Werkes: seine autoritäre Bindung an die platonisch-aristotelische, augustinksch-thomistische „Ur-Tradition" sowie die dogmatische Verhaftung an die präambulum- Theorie des Thomas. P. opponiert nicht nur von der Aporetik der Probleme her, sondern in prinzipiell bloß kommentierender, nämlich die Ur-Tradition auslegender und bewahrheitenwollender Haltung. Die Anlehnung an die Autoritäten ist über das Paradigmatische hinaus argumentierend verwertet. Damit enthüllt sich an feinem eigenen Fall, wie wenig im Prinzip die These legitimiert ist, die hier theoretisch expliziert werden sollte: die der Einheit von echter Philosophie und echter Theologie. Die von p. anderwärts formulierte Frage: Ist katholische Philosophie möglich? erfährt, trotz des positiven Ansatzes zur Lösung, durch den sich enthüllenden Rückfall in dogmatische Setzung eine faktisch negative Beantwortung. (Daß dieses Regativum durch die Wesensart des Katholizismus bedingt, nicht für alle Religion gültig ist, werden wir in anderem Zusammenhang zu erweisen versuchen.) Diese kritischen Ausstellungen können aber den Blick dafür nicht verschließen, daß wir es in der Schrift p.'s mit einem hochbedcutsamen Versuch — dem repräsentativsten der neueren katholischen Geistesbcwegung — zur Bewältigung des alten Synthesis-Problems auf der Grundlage eines an Einsichten überaus ergiebigen Forschcrtums zu tun haben. II. Die bei pryzwara ausgeprägte Tendenz, bereits im Strukturgefüge der echten Metaphysik das Signum der katholischen Theologie nachzuweiscn, hat ihr protestantisches Analogon in dem gleichzeitig erschienenen Werke Frankens. Freilich ist der Weg F.'s ein grundsätzlich anderer. Er verläuft nicht systematisch-begrifflich, sondern geht aus von der konkreten Problematik, in der Theologie und Metaphysik der Gegenwart sich befinden. Stilistisch schon verrät sich der Unterschied. F.'s Buch ist von fast enzyklopädischer Breite der Darstellung. Kontroversen nicht nur der führenden Theologen und Philosophen, sondern auch ihrer Interpreten werden in langatmiger, allzu wenig gestraffter Darstellung vorgeführt. Sicherlich hätte die Arbeit, deren Gründlichkeit und Ernst imponierend sind, durch konziscrc Fassung viel gewonnen. Richtsdestoweniger wird man sich ihre Durcharbeitung nicht sparen können, da die Problematik, die sic aufrollt, von entscheidender Wichtigkeit, nicht zuletzt auch für den Aufbau einer jüdischen Theologie ist. F. will Theologie und Philosophie, beide in sich autonome Strukturen, aus ihrer Abgeschlossenheit und Unfruchtbarkeit befreien. Sowohl der absolutierende Immanenzidealismus, der unserem Kulturbewußtsein zugrunde liegt, wie der selbstherrliche reine Theologismus ist falsch. Die Vernunft muß, will sie wahrhaft kritisch verfahren, an der Schranke der Transzendenz ihre Grenze und damit die Relativität der Kultur erkennen. Die Theologie wieder hat sich, da sie über ihre Sphäre hinaus notwendig in den Inncnbczirk des autonomen Kulturlebens hincinragt, hier organisch einzugliedern. Das Problem der Synthese, die Frage, ob nicht ein übcrgreifendes Strukturganz.es möglich sei, das Religion und Kultur, Philosophie und Theologie harmonisiert, wird aufgeworfen und an Hand der gegenwärtigen Lösungsversuche abgehandelt. Die Schrift ist somit eine im besten Sinne heutige. Sie ist getragen von der Situation und geleitet von jener als das „neue Denken" austretenden Haltung, die den Theologen philosophieren und den Philosophen theologisieren heißt. F. ist in diesem grundsätzlichen Sinne orientiert an Troeltsch und Herrigel. Ihr entspricht auf jüdischer Seite die Haltung Rosenzweigs und Bubers. Die Möglichkeit der Harmonisierung ist — im Gegensatz zu przywara ganz undogmatisch — dadurch angelegt, daß Philosophie als kritische eine theologische Richtungstendenz aufweist und Theologie als existentielle eine im Grunde philosophische Haltung ist. Die Rechtfertigung eines solchen Synthese-Programms soll nun ausgesprochen werden in einer „Philosophie der Kirche", worunter nicht etwa eine „christliche Metaphysik" gemeint ist, sondern die philosophische Durchleuchtung des Zentralbegriffs, in dem sich Glaube und Kultur überschneiden und bedrängen, des Begriffs der „Kirche".