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Der Israelit · 1933-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1933) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 4 Nr. 14/15 Der 3 s r « e I t t 7. April 1933 mung Nachweisen mußten. Diese Bewoisc öer Blutreinbeit waren ja auch an und für sich gegenstandslos: Seit drei Jahrhunderten hatten Christen und Juden sowohl in Spanien als in Portugal miteinander ihr Blut vermischt, und es hat in diesen Ländern nicht viele Familien gegeben, — und es dürfte ihrer auch jetzt nicht viele geben —, die von marranifchem Einschlag ganz frei waren. Pombal selbst soll marranisches Blut,in seinen Adern gehabt haben, worüber eine lustige Anekdote berichtet wird. König Josef H. hatte bestimmt, das; die Aachkommen der Marranen durch das Tragen von grünen Hüten vor den alten Christen öffentlich kenntlich gemacht werden sollten, pomba! lies; darauf drei solcher grünen Hüte an den König schicken. 'Als ihn der König fragte, für wen sie bestimmt seien, antwortete der Marquis zögernd: „Der eine ist für mich". — „Und der andere?" fragte der König ungeduldig. „Der -dritte — ja, der dritte ist für eure Majestät." Mit pombals Reformen beginnt das neue Portugal. Die Inquisition wurde im Jahre 1821 formell aufgehoben, nachdem das letzte Auodafe 1781 angehalten wurde. Doch zur wirklichen Religionsfreiheit war der Weg noch weit. Schwer lastete die Hand der Staatskirche auf dem Lande, und unausgesetzt war in Portugal bloß ein Glaubensbekenntnis zugelassen — die „apostolische, katholische und römische Religion". Crst die Revolution von 1908 machte der Uebermacht der Kirche in Portugal ein Ende. Die privilegierte, allmächtige Staatskirche wurde aufgehoben, und nunmehr macht dieses klassische Land der Inquisition einen recht unkonfessionellen Lindruck. Ich konnte zu meiner großen Verwunderung am ersten pfingsttage durchaus nichts von Pfingsten im Straßenbilde von Lissabon merken. Das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang. Man darf jedoch diese leicht erklärliche Reaktion gegen eine allzu langwierige kirchliche Gewaltherrschaft nicht überschätzen. Im freien und offenbar im Aufstieg begriffenen Land (die periodischen, kleinen Revolutionen werden hier nicht allzu ernst genommen), gibt es nunmehr Platz für freies religiöses Leben und alle Bekenntnisse genießen gleiche Rechte. Dies bedeutet auch den endgültigen Sieg des Marranentums. Der tragische Kampf der unglücklichen Märtyrer war nicht vergebens. Jetzt leuchtet wieder Freiheit über ihren winkligen Gassen, und sie brauchen nicht mehr den Tod zu fürchten, wenn sie sich zum Gebet oder zur Feier ihrer Feste sammeln. Jetzt erwachen sie überall, in den nördlichen Provinzen, in Lissabon, auf den Belearen und Azoren, wie aus einem langen Schlaf und reichen einander die Hände. Ihre Anzahl dürfte Zehntausend übersteigen, nach anderen Angaben soll es sich um eine bedeutendere Anzahl handeln; jedoch kann diese gegenwärtig nicht genauer bestimmt werden. Die zahlreichsten Gruppen befinden sich in Belmonte, dem eigentlichen Ausgangspunkt der Bewegung, dem marranifchen Jerusalem, ferner in Covilhao, Castelle Branco, Idanha, penamaco. Braganza, Monsanto. Der geistige Mittelpunkt des Marranentums ist jedoch augenblicklich die alte Woinstadt Dporte, die Geburtsstadt des unglücklichen Rriel da Costa. Dort bilden die Marranen vor wenigen Jahren die erste offizielle Iudengemeinde, deren Begründer und Vorsteher Kapitän Barros Basto ist. 6. Ich sitze eines Abends im Bibliothekszimmec des Professors Amzalen in Lissabon, der mir die spannungsvolle Lebensgefchichte des Kapitän Basto erzählt. Cs ist ein religionspsychologischer Roman. Professor Amzalek, Vorsitzender der ausge Professor Amzalek, als ich am Cingang unserer Synagoge einen bescheidenen jungen Mann in Militäruniform traf, der mich um die Erlaubnis bat, dem G'ttesdienst beiwohnen zu dürfen. Ich habe ihn seither wiederholt in unserer Synagoge gesehen. Rach einiger Zeit bat er mich um eine Unterredung, in deren Verlauf ec mir sein Geheimnis offenbarte. Seine Geschichte lautet ungefähr so: Meine Mutter ist Katholikin, mein Vater war Marrane, doch dies ist mir erst vor kurzem, nach fei¬ Tempel in Petra (Transjordanien). nein Tode, klar geworden. Mein Vater pflegte sich regelmäßig zu gewissen Zeiten, meist an Freitagabenden, -in ein besonderes Zimmer zurückzuziehen; ich hatte das Gefühl, daß er dort Gebete verrichte, die ich jedoch nicht verstand. Cr selbst hatte nie ein Wort Orthodoxe Führer in der Tschechoslovakat. Bo» rechts nach links: Präses der Landeskanzlei Isidor Pappenheim, Oberrabbiner Ungar, Oberrabbtner Kalman Weber Jacob Joel Braun. über seine Religion gesprochen, und ich hatte den verdacht, daß er Muselmann sei. Rach seinem Tode, der für mich ein unbeschreiblich harter Schlag war, , war ich bemüht, mir Klarheit über seine Religion zu zeichnet organisierten jüdischen Gemeinde in Lissabon,' schaffen. Cs bohrte unausgesetzt in meinem Innern ist ein fruchtbarer wissenschaftlicher Forscher von erstaunlicher Vielseitigkeit, Mitglied der portugiest und ich konnte keine Ruhe finden. Die katholische Kirche war mir innerlich fremd; ich suchte einen Weg scheu Akademie und Eigentümer der großen Tageszu G'tt, und ich wollte am liebsten den weg gehen, Zeitung „G Secolo". |6cn mein Vater gegangen; denn ich liebte m-einen „Cs war an einem Freitag Abend", erzählt mir Vater über alles in der Welt. Crst in Ihrer Synagoge hier in Lissabon ist mir das Geheimnis blltzhaft aufgegangen. Sie sahen mich oft Ihrem G'ttesdienst beiwohnen. Das war kein bloßes Auhören, es war ein ahnungsvolles Horchen, ein Lauschen und Suchen und Graben mit der ganzen Seele und dem ganzen Herzen. Als ich -immer wieder Ihre hebräischen Gebettexte im uralten, geheimnisvollen Rhythmus rezitieren hörte, als ich in der Mitte der Rachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs diese undefinierbare Luft atmete, die Luft der Jahrtausende, da erwachten dunkle Assoziationen in meiner Seele, etwas Rätselvolles Fernes, kaum Faßbares, aber zugleich Unerbittliches und Unsichtbares. Da rief es plötzlich in mir: Das ist die Religion deines toten Vaters, diese soll auch deine Religion werden! Und nun komme ich zu Ihnen mit der innigen Bitte: Helfen Sie mir, den Weg zur Religion meines Vaters zu finden. Bastos Entschluß war unwiderruflich, und er hatte ihn, allen Hindernissen zum Trotz, mit bewundernswerter Willenskraft durchgeführt. Cr widmete sich mit Ernst dem Studium der Religionsnrkunden des Judentums sowie der hebräischen Sprache, die er jetzt beherrscht. Rach dem Tode seiner Mutter konnte ihn keine Macht länger in der Kirche sesthalten, die seiner Seele fremd war. In Tanger trat er formell zum Judentum über, worauf er ein jüdisches Mädchen aus der Lissaboner Gemeinde zur Gattin nahm. Eine der Bedingungen für diese Eheschließung war, daß die Braut während der Verlobungszeit Hebräisch erlerne, was sie auch - tat. Der Tag, da Basto ein Heim -in Israel gründen durfte, war, wie er selbst belichtete, der glücklichste seines Lebens. Seine' Träume waren nun in Erfüllung gegangen; er war wieder in den historischen Zusammenhang eingefügt; er war wieder Ring in öer Kette. Jetzt begann für ihn ein neues Leben, ausgefüllt mit Arbeit für ein neues Leben, ausgefüllt mit Arbeit für ein heiliges Ziel. Cr sammelte um sich die Zerstreuten und versteckten Glaubens- und Schicksalsgenossen und mit ihrer Hilfe gründete er die erste Marranengemeinde in Dporto, wo er seit einem Jahrzehnt als Gefängnisdirektor und Pressezensor eine geachtete Stellung einnimmt. „Kapitän Basto," schließt MÄN Gewährsmann, „ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, ein geborener Verkünder und Missionar, erfüllt von apostolischem Eifer und unermüdlicher Arbeitskraft. Cr wirdnoch von sich hören lassen." Seit jenem für mich denkwürdigen Abend in Lissabon (Sommer 1927)' habe ich Arthur de Barros Basto nicht mehr aus den Augen verloren. Cr läßt in der Tat viel und oft von sich hören. Mit steigender Verwunderung folge ich ihm auf seinem dornigen Apostelwege, und es gewahrt mir Trost, zu wissen, daß ein solcher Mensch in meiner Zeit lebt und wirkt. Gleich einem legendenumslossenen Propheten geht er — ich hätte fast gesagt: schwebt er — einsam und unbeugsam seinen Schicksalsweg, mit glühender Seele, stolz und fest und freudig — mit der somnambulen Selbstgewissenheit des Berufenen. Etwas Fernes, Mystisches, Asiatisches scheint über ihn gekommen zu sein; das G'ttliche Hai ihn berührt. Run ist es gleich Joseph ausgezogen, seine Brüder zu suchen. Während des letzteren Jahres ist er wiederholt, werbend und erobernd, durch die entlegenen Dörfer des nördlichen Portugal gezogen, die Flamme feiner Seele über die Berge tragend: cheintotes zum Leben erweckt und in dort hatte er das Dunkel gepeinigter Seelen mit der Facke.l seines neuen, alten Glaubens hinoingeleuchtet. Cr hat nicht vergebens gerufen; seine Botschaft kam vielen wie ein langersehnter Crlösungsruf und die Zahl derjenigen, die ihm folgten, wuchs zusehends. Wo er erscheint, da entzünden sich die Lichter der altjüdischen Menorah, wachsen Synagogen aus dem steinigen Boden, ertönen längst verstummte hebräische Gesänge. ' (Schluß folgt.)

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