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Der Israelit · 1933-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1933) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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7. Apr'l 1933 2 er Israelit Nr. 14/15 Seite 3 Ansere Bilder. 1, 2, .3, 4 Kultusgeräte aus der Ausstellung im Altonaer Museum (siehe ersten Artikel dieser Beilage.) 5, 6, 7, 8 Landschafts- und Städtebilder aus Transjordanien (siehe Artikel „Ewer Hajarden" in dieser Berlage.) 9. Die orthodoxe Landeskanzlei in der Tschechoslowakei erhielt in Herrn Isidor Pappenheim, Preßburg (rechts), einen neuen Präsidenten. Isidor Pappenheim. Sohn des allverehrten Seniors und Führers der österreichischen Orthodoxie, Herrn Wolf Pappenheimrr^v'i-V'bringt alle Qualifikationen für sein verantwortungsvolles Amt mit. Neben ihm sehen wir auf dem Bilde Herrn Oberrabbiner Ungar, früher in Tyrnau, jetzt in Neutra, einen der angesehensten rabbinischen Führer der heutigen Tschechoslowakei. Seine bedeutende Jeschiwa. die Tyrnau einen Namen in der Welt verschaffte, siedelte mit ihm nach Neutra über. Ihm zur Rechten die ragende und ehrfurchtgebietende Gestalt des früheren Präses der Landeskanzlei, des früh Heimgegangenen Oberrabbiner Kalman Weber V'xt, in Pystian. Neben ihm sehen wir Herrn Jacob Joel Braun, einen guten alten Bekannten, der mit der Geschichte und allen Problemen der Agudas Jisroel vom Tage ihrer Gründung an so verwachsen ist, daß man ihn in Freundeskreisen das lebendige Archiv nennt. Wir hatten auch in Frankfurt Gelegenheit, fein organisatorisches Talent und seinen initiativen Reichtum zu bewundern. Er hat sich unvergängliche Verdienste auch bei der Gründung und Neuordnung der orthodoxen Landeskanzlei der Tschechoslowakei erworben. Jüdische Indianer. Ein chilenischer Rauchwarenhändler erzählt in einem amerikanischjüdischen Blatt das folgende Er- - lebnis: Auf meinen Fahrten in den entlegensten Winkeln von Chile mußte ich einmal in einem kleinen Dorse der Chile-Republik übernachten. Ich wußte, daß dieses Dorf mit dem Namen Fakhat ausschließlich von Indianern bewohnt wird. Ich spazierte durch die stillen Gäßchen des Dorfes, wenn man diese Durchgänge Gassen nennen darf, als ich plötzlich einen bekannten jüdischen Sang hörte. Mein Herz begann lauter zu klopfen, ich glaubte, zu träumen. Aber bald konnte ich ganz deutlich die mir so vertrauten Worte „Lecha dodi!" vernehmen. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. War es Wirklichkeit oder bloß ein Werk meiner erhitzten Phantasie? Aber nein! Ich hörte ganz klar, es waren hebräische Worte — es war die altbekannte Sangesweise des „Lecha dodi". Ich werfe einen Blick in das Innere des Häuschens, aus welchem der Gesang auf die Gasse gedrungen war. und ich sehe Lichter auf dem Tisch — Sabbatlichter. Habe ich mich etwa in ein kleines Städtchen der alten Heimat verirrt oder befinde ich mich in einem Ort, wo sich die verlorenen zehn Stämme aufhalten? . . . Ich klopfe an und trete in das Haus ein. Eine echte, unverfälschte Indianerin mit einigen kleinen Kindern, winzigen Indianern, kommen mir entgegen. Jetzt bergeise ich die Situation noch weniger. Doch bald erblicke ich ein heimisches jüdisches Gesicht — einen jungen Juden von dem Typus. wie ich ihm in Galizien und Polen oft begegnet bin — ein bleiches Gesicht mit zwei tiefen schwarzen Augen, echt jüdischen Augen. Mit einem Lächeln begrüßte er mich mit dem altgewohnten „Schalem alejchem". Er war nicht weniger überrascht als ich. Auch er war nicht darauf gefaßt, in diesem entlegenen Jndianerüorf einem Juden zu begegnen. In der Stube war alles sabbatlich wie in einem frommen jüdischen Haus. Rein, fein säuberlich, und auf dem Tische brannten Sabbatlichter. Man lud mich zum Essen ein. und nach dem Mahle erzählte mir mein Gastgeber — er hieß Suhmann Kehrmann — seine Geschichte. Vor vier Jahren kam er aus Polen nach Chile, wo er sich anfangs einsam und verlassen fühlte. In der ersten Zeit litt er auch Hunger und Not, da er wegen Unkenntnis der Sprache nichts beginnen konnte. Mit Hilfe eines kleinen Betrages, den ihm Verwandte aus der alten Heimat geschickt hatten, kaufte er etwas Ware und begann damit zu hausieren. Er fuhr von Dorf zu Dorf zu den Spaniern und Indianern, denen er seine Ware verkaufte und erhielt sich kümmerlich. Als er in dieses Dorf kam, verliebte sich in ihn ein junges Jndianermädchen, dasselbe, das heute sein Weib ist. Sie kam ihm mit großer Freundlichkeit und Liebe entgegen und bat ihn inständig, sich hier niederzulassen; sie wolle auch alles aufbieten, damit es ihm an nichts mangele. Kurz, er nahm ihren Vorschlag an und bekundete ihr allmählich dieselbe Liebe, die sie ihm entgegenbrachte. Auch seinen Wunsch, daß sie von einer ehelichen Verbindung den jüdischen Glauben annehme, erfüllte sie mit der Bereitwilligkeit einer Liebenden. Im weiteren Verlauf der Aussprache mit seiner Jndianerbraut erfuhr er zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sie in der Geschichte und in den Gebräuchen des Judentums ziemlich bewandert war und auch andere Indianer aus jener Gegend großes Interesse für jüdische Sitten bezeugten. Die Erklärung hierfür liegt in der Tatsache, daß ein großer Kreis junger Intellektueller unter den Indianern, die an Universitäten studieren. ein ziemlich eingehendes Studium über Juden und Judentum betreiben. Enttäuscht durch mannigfache politische Erfahrungen, begannen sie das Judentum zu studieren. So hatte denn auch die junge Indianerin mit Stratze in Amman. Freuden dem Vorschlag Kehrmanns, zum jüdischen Glauben überzutreten. Folge geleistet. Kehrmann fuhr dann mit seiner Braut in die nächstgelegene kleine jüdische Siedlung, wo das Mädchen von dem dortigen Rabbiner in das Judentum ausgenommen wurde. Heute ist sie eine überzeugte gläubige Jüdin. Die übrigen Indianer des Dorfes beneiden die Prose- Sonnentempelruine in Djerasch (Transjordanien). lytin Kehrmann und überlaufen ihren Mann mit Bitten. auch ihnen den Weg zum Judentum zu ebnen. Interessant ist hierbei, daß gerade unter den intelligenten Indianern, die in ihrem Kreise die Liebe zum Judentum verbreiten,' die feste Anschauung besteht, daß sie, die rotfarbigen Kinder Amerikas, die die Nachkommen der verlorengegangenen zehn Stämme des jüdischen Volkes fein. Die Marranen in Portugal. IV. Zn vielen Fällen führte die Ausnahmebehandlung zu marranischen Emigrationen, welche katastrophale Folgen für blühende Handelsplätze hatten, besonders Braganza, Lamego, Lovilhao. Lin portugiesischer Staatsmann jener Zeit, Louis de Conha, schrieb in seinem politischen Testamente diese Tatsache auf bas Schuldkonto der Inquisition. Die Landesflüchtigen siedelten sich ln Holland, England, Südfrankreich, an, wo sie sich auf verschiedenen Gebieten als nützliches und schöpferisches Element bemerkbar machten. 'Aus ihrer Mitte gehen manche strahlende Persönlichkeiten hervor, die die Weltkuttur beeinflußt haben, wie Ilriel da Costa, Spinoza, Disraeli; ebenso die jüdischen Denker und Forscher Abarbanel, sein Sohn Leone Hebreo, Manasse den Israel, und viele andere. Diese Auswanderer gründeten ansehnliche Gemeinden in Bayonne, Bordeaux, Hamburg, Amsterdam, London, die unter der Bezeichnung „portugiesische" Gemeinden bis auf die Gegenwart ihren Zusammenhang mit ihrem Stammlande betonen, ebenso wie sie ihren ursprünglichen Kultus und Gcbetritus bis auf den heutigen Tag bewahren. Der gegenwärtige Präsident der portugiesischen Republik, General Tacinona, der mich aus sehr auszeichnende Weife in feiner Residenz >im früheren parlamentsgebäude empfing, erwähnt mit unverhohlenem Stolze diese historische Anhänglichkeit der portugiesischen Inden an ihr Stammland. Tr spricht mit Genugtuung von der großen Synagoge in Amsterdam, in Amsterdam, welche die Kamen „die portugiesische" führt. Lr spricht mit Wärme von den neuen jüdischen Siedlungen in Portugal, die jetzt nun schon eine mehr als hundertjährige Entwicklung hinter sich haben. Cs weht unstreitig der Geist bürgerlicher Vorurteilslosigkeit im neuen Portugal. Das Land Ist offenbar mit seinen neu eingewanöerten Juden zufrieden, die Juden ihrerseits, das gilt auch von den späteren Einwanderern, fühlen sich in dem wirtschaftlich und kulturell aufsteigenden Lande wohl. Die marranische Bewegung weckt in den maßgebenden Kreisen verstehendes Interesse. Sowohl der Präsident wie der Außenminister, mit denen ich über die marranische Bewegung gesprochen, zeigten sich wohlinformiert und bekundeten für die Ziele dieser Bewegung wohlwollendes Verständnis. Ratürlich fehlt es nicht an kirchlichen Einwirkungen in negativem Sinne. Klan kann auch in den Kreisen der Intellektuellen Stolz auf die Anhänglichkeit der ausländischen Sepbardim, - sowie warme Sympathie für die neuen jüdischen Möglichkeiten im Lande wahrnehmen. So schreibt der repräsentative Forscher und Mitglied der Akademie Ricardo Jorge: „A esnoga de Amsterdam, foco sagrado de exodo luso-hebreu, como que foi um pedaco, da patria portuguesa transportado as chas dos Paises - Baixos.“ (Die Synagoge in Amsterdam, ein geweihter Brennpunkt der portugiesisch-hebräischen Emigration ist gleichsam ein Stück portugiestschen Vaterlandes, weit weg in die Riederlande verpflanzt.) Derselbe Autor widmet der marranischen Bewegung in Portugal eine warmherzige Betrachtung, es erfüllt ihn mit Stolz, daß eine solche Bewegung in feinem Vaterland möglich sei, und er schreibt: „Reinvidicam noja como gloria maxima de sua nacao . . ." 5. Gegen Ende des l8. Jahrhunderts beginnt cs für die schwergeprüften Marranen Heller zu werden. Marquis de Pompal, einer der größten Staatsmänner Portugals, hatte in den Jahren 176S—1774 eine Reihe von Reformen oingeführt, welche der Macht des Santo Offico faktisch ein Ende setzten, ein halbes Jahrhundert vor der gesetzlichen Aufhebung der Inquisition. Cr hatte die bürgerliche Gleichstellung der Reuchristen durchgeführt. Cr hatte vor allem — und dies war das Entscheidende —, das sogenannte „Certificado de limpeza de sangre" (Zeugnis über die Reinheit des Blutes) abgeschafft, womit alle diejenigen, welche einen öffentlichen oder Staatsdienst suchten, ihre reine christliche Abstam-

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