Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450770--79525-2537281- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Amman 1× ep/1044017
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Seite 2 Nr. 14/15 Der Israelit 7. April.1933 neten unö die 12 Namen der jüdischen Monate eingraviert sind. Darauf Mazzot, Moraur, Cbarosses ufw„ ferner Wein mit vier Neichen, ein alter silberner Pokal für den Propheten Elijah. Linen historischen Wert und ihre eigene Geschichte hat die Hagada, auf Pergament geschrieben, die auf dem Sedertisch ausgestellt ist. Diese Hagada mit allen Vorschriften für das passahfest auf deutsch und hebräisch, wurde hier in Altona im Jahre 508—1748 geschrieben und zwar inr Aufträge von Moses Samson Hildeshcim, deutsch Herz genannt, dem Ahnherrn Samson Raphael Hirschs. Sie ging dann auf seinen Sohn Isaac Hertz über, der in diese Hagada die Ramen seiner beiden Kinder Moses und Lchil Hertz eintragcn ließ. Moses Hertz wurde dann Inhaber eines großen Bankhauses, war während der französischen Belagerung Hamburgs der verantwortliche Präses unter dem Titel „Munizipalrat" und hatte alle Verhandlungen der Gemeinde mit den französischen Behörden zu führen. Seine Tochter Adelheid verheiratete sich nach Frankfurt mit dem Freiherr« Karl Me^er R o t s ch r! d. Ihr Vater zog auch nach Frankfurt, wo er auch starb. Wahrscheinlich erbte er -Mefe Hagada und sie ging dann auf den gelehrten Sohn, Freihecrn Will^ Larl von Rotschilö, über. Lin Hamburger Nachkomme des Moses Hertz erwarb jetzt von einem Frankfurter Antiquitätenhändler diese Hagada und überließ sie dem Altonaer Museum. Ewer Hajarden. Von Dr. L. Al. Zweig. Inmitten eines glutheißen Augusttages ratterte unser Autobus mit zwölf Fahrgästen unter Führung des bewährten Mentors Judai los. Jeder Gast hatte, wie ein geeichter Afrikareifender, feinen Proviantsack und eine Riesenflasche, mit Wasser öder Tee gefüllt, bei sich. Am Damaskustor vorbei und um die Nordwestecke der Stadtmauer herum, wo gegenüber dem Storchenturm der Prachtbau des von Rockefeller gestifteten Archäologischen Museums emporwächst, hinab ins Kidrontal und die wohlbekannten Serpentinen tiefer und tiefer, bis wir in Jericho, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, schwitzend ankamen. An der schier unversiegbaren Elisha-Quelle durch paar Schluck Gasos gelabt und dann — auf der Flucht vor der Tropenglut des Ghor — weiter, ostwärts bis zur Landesgrenze. Hier führt die Allenby-Vrücke über die gelben Wellen des Jordans. Diesseits werden wir von der palästinensischen und jenseits — o heil'ge Ordnung! — von der transjordanischen Polizei registriert. Sie trägt schon, statt dem Kalpak aufgestülpt, weißslutende Tücher um den Kopf gewunden. Das Amtsorgan wiegt sich just, mit näselnder Stimme gleich einem Chasan psalmodierend, über dem Koran und hat sich erst nach Erledigung der nötigen Zahl Suren zum Tisch seines Freiluftbüros. Zwei Eingeborene, ihm zu Füßen, schauen dem Schreibkunstbeflissenen ehrfürchtig zu. Her mit ihnen! Samt ihren Donnerbüchsen und schimmernden Dolchmessern brauchen wir sie als Staffage der Gruppe, welche sich in diesem historischen Moment am Brükkenrand knipsen läßt. Daß der Bus weiterrollt, merkt man an den amtlichen Aufschriften, welche nur mehr englisch und arabisch lauten, daß die Juden hier nichts mehr zu sagen haben. Und doch grüßt aus Südost vom alten Moabiterland her durch die Dunstschicht, welche über dem Jordantal schwelt, die Kuppe des Nsbo, von wo Mosche Rabbenu alles Land der Verheißung überschaut hat. Der Salzstaub verfliegt, das Gelände steigt wieder an und unsere Straße, lang nicht mehr so gut gepflegt als in Palästina, schlängelt sich am Hochrand eines Rinnsales empor, das Wadi Nimrin. der Tigerbach. heißt. Die üppig wuchernden Pflanzen an beiden Ufern bilden ein dunkelgrünes Band, das sich von dem Ocker der kahlen Berghänge mit ihren rötlichen und violetten Tinten und den gewellten Steinrippen erquicklich abhebt. Ja. in diesem Dickicht von hohem Schilf und blütenübersätem Oleander mag der Tiger sein Lager gehabt haben, zum Schreck unserer Altvordern vom Stamme Gad. die nahebei in Bet Nimrin hausten. Hier wütete stets der Kampf zwischen Mensch und Tier und zwischen Mensch und Mensch. Denn von der Wüste im Osten her drängen immer neue Unholde in das mühsam der Zivilisation gewonnene Land. Auch heute ist Transjordanien, wie einst von den Römern, nun von den Briten als Militärgrenze ausgerüstet, um die drohende Ueberflutung durch die Wüstenstämme abzuwehren. Ebenda hält am Wegrand eine Patrouille der transjordanischen Reiterei. Die zwei Kerls auf ihren feurigen Rossen lassen sich nicht lang von uns verblüffen. Schon sind sie im Galopp, die Flinten hochgeschwungen, hinter unserem Auto her. bis sie es richtig überholt haben. Jetzt erst, mit einer stolzen Geste an uns degenerierte Europäer, reißen sie die Zügel zurück. Wo immer wir fortab in Ewer. Hajarden auf Männer treffen — stattliche Gestalten allesamt —, trugen sie Waffen; wenn schon nicht eine Flinte, so doch die Schabrije im Gurt. Das Tal wird breiter und ist randvoll von Gärten, mit Gemüsen und Bäumen aller Art. Zwischen Rizinus, Tamarisken und Akazien leuchten die roten Kugeln des Granatapfels. Und damit wir uns ganz nach tausend- und einer Nacht versetzt fühlen, sieht man die Bewohner dieser Oase als wahre Troglodqten an den überhängenden Höhlen ein- und ausschlüpfen. Und doch ist dies schon das Außengelände von E s - S a l t, der größten Ortschaft des Landes, mit 15 000 Einwohnern. An erm-r Wegebiegung hält der Bus und Judai erklärt: „Hier stand das jüdische Gatfultusgcräte bet jüdischen Feste im Altonaer Mriseirirr darah. Doch wir wollen die Stadt lieber nicht betreten. Die Leute darin sind meist Muslims und der Rest Christen; allesamt aber stehen sie an Fanatismus hinter den Helden von Hebron kaum zurück." — Wie, kann also auch der süße Saft der großkugeligen Weintrauben, die rings an den Hügeln reifen, die Herzen nicht zur Mlide stimmen? Im Abenddunkel auf die in der Bibel genannte Hochebene Jogbeha bis zu 1100 Meter steigend, kommen wir durchs Tscherkessendorf Es-Suweli, dessen Sauberkeit angenehm auffällt. Gleich darauf — es geht mit Fug bergab — wieder ein Stück Wüstenromantik. Schwarze Veduinenzelte säumen hier und dort die Fahrbahn und im Schein der primitiven Lagerfeuer bewegen sich gespenstig hagere Gestalten.Nun rollen wir nach Amman Amman, Hauptstadt von Transjordanien. herein. Schon die Türken errichtete hier, an der Mekkabahn, ein Verwaltungszentrum. Und nun wurde Amman gar zur Haupt- und Residenzstadt des Emir Abdallah Jbn Hussein und zählt ganze 10 000 Seelen. Eine Neuschöpsung auf uraltem Grund, denn eine der Bergschroffen trug vor dem Rabbah. die Feste der Bne Ammon, unsere streitbaren Vettern aus der Vibelzeit. Und als das Makkabäerreich unter dem würgenden Zugriff der Römer dahinsiechte, ballten sie hier in der Provinz Peraea das Gemengfel semitischer Völkersplitter zu einer Einheit gegen das in Trotz verharrende Judäa zusammen. So entstand der Städtebund der Dekapolis, deren Bürger sich die griechischen Kultur und der römischen Herrschaft gebeugt hatten. Ihm gehörte auch Rabbah an. das schon zu Ehren des Diadochen Ptolomäus II. Philadelphus von Aegypten in Philadelphia umgenannt worden war. Ebenso hieß das Hotel, vor dem nun unser Auto hielt. Das Neifebüro Cook hat es erbaut und ein arabischer Wirt führt es mit Umsicht und Takt. Heil dem Unternehmungsgeist, der in diesem verschollenen Erdenwinkel Hotelzimmer mit fliehendem Wasser schuf. Und die Reinigung tut uns not. — Gerade vor meinem, mit Moskitonetzen wohlverwahrten Fenster weitet sich das Halbrund des antiken Amphitheaters und gleich nebenbei deuten die Rundbogen'einer würdigen Ruine auf das Odeon, das vor Zeiten dem Ammonitern als Konzerthaus diente. - .. Nach dem Abendessen lockt der Vollmond unsere Gesellschaft noch zu einem Rund durch den Schuk, die Marktstraße, die trotz der. späten Stunde von Menschen — doch nur männlichen Geschlechts — wimmelt. Alle Geschäfte stehen offen und in den Kaffeehäusern hocken zu ebener Erde und auf den Flachdächern die nargilehschmauchenden Gäste. Nirgends ein feindlicher Ruf oder eine unwirsche Geste. Sogar die Neugier ist vornehm gedämpft. Freilich begleiten uns, ob spontan, ob von Judai unauffällig besorgt, zwei Polizisten. Und doch herrscht eine gewisse Spannung, die durch jedes Mißverständnis zum Ausbruch kommen kann. So wies ich mit dem Stock froherstaunt nach einer Firmentafel: Jack Salomon, Photographer. „Hurra, die erste Schwalbe!"; doch schon tupft mich ein Reisegenofse warnend an, denn unter der Firma hat der findige Hebräer große Bilder Seiner Majestät des Emirs und dessen königlichen Bruders Faifal vom Irak nusgehängt. Man könnte meinen, wir spotten ihrer. Gehen wir lieber weiter! Doch was soll dort die. Ansammlung? Inmitten der Straße tragen zwei Araber, mit dicken Lederfäustlingen angetan, ein rhythmisches Stockgefecht aus. Durch Zurufe des Publikums „kösz!" (schön!) angefeuert, ergreifen die Streiter jetzt Säbel und kleine, buckelgeschmückte Metallschilde, die ihnen ein Tuchhändler aus seinem Laden reicht. Nach einem regelrechten Ritual, erst langsam und mit wiegendem Knie ausschreitend, dann immer beschwingter entfaltet sich der Schwertertanz. Man grüßt einander, nähert sich drohend und schlägt bald auf den nach vor- und rückwärts wirbelnden Schild und bald auf den Straßenstein. daß die Funken nur so sprühen, um dann wieder rückwärts zu schleichen; jetzt stürzen sie mit wilden Hieben auseinander los, bis schließlich der Sieger mit einem Triumphgeschrei dem Gegner symbolisch die Gurgel Lurchtrennt. Gleichen sie nicht jenen Samurais der Japanischen Kriegerkaste? Asten hier und dort . . . Das Spiel wird schließlich zu üritt fortgesetzt, indem der Mann in der Mtite sich des Angriffs von links und rechts zu erwehren sucht. Die Kämpfer wechseln von Zeit zu Zeit und das Volk wird des Vewunöerns nicht müde. Unser Reiseclan indes sammelt sich auf der Hotelterrasse zur Siesta, jeder ein Glas mit eisgekühltem Wasser vor sich. Wir sind dabei von unseren politischen Kompagnons flankiert. Denn auf der einen Seite sitzen in tadelloser Eveningdreß ein paar englische Oberbeamte, die — als „Berater" der autonomen Regierung hieher verschlagen — trüb über ihrem Whisky brüten. Und auf der anderen Seite — sein säuberlich geschieden — deren arabische Amtskollegen. doch immerhin natives, welche in diesem Hotel die Weihe des Europäertums zu suchen scheinen. Wie von selbst fügt es sich, daß Judai die Bibel heroorzieht und uns was aus der Geschichte Rabbath Ammons oorliest: Wie von hieher der Mvabrterfürst dsn Propheten Bileam berief, der die Heerscharen Josuas statt zu verfluchen segnete. Wie später die Ammoniter die durch kein festes politisches Band geeinten Judenstämme bedrängten, bis Jephta mit seinen Schlagetots aus dem nördlich angrenzenden Gilead als Retter erschien. Auch wie David Hamelech Rabba erstürmen ließ und bei dieser Gelegenheit den Hauptmann Uriah an die Front in den Tod schickte, um sich dessen Frau Batschewa zuzueignen . . . Hier klopft ein Araber laut mit seinem Stock aufs Pflaster. Teilt er die moralische Entrüstung des Propheten Nathan über den König der Juden? Oder ist ihm bei den hebräischen Zitaten nicht geheuer, und er will den Zauber brechen, den sie — dies Stück Land heiß umwerbend — auszustrahlen scheinen? Er klopft uns lange gut! Hochfliegende Träume wiegten uns, die Betten waren gut. in den Schlaf. Um halb 6 Uhr pocht es an die Tür. „Auf!" Nach dem Frühstück ins Amphitheater. das kunstvoll aus dem gleißenden Marmor einer schöngeschwungenen Bergwand hervorgezaubert ist. Erst agieren wir auf der von stolzen Säulen umstellten Bühne, um dann von Stufe zu Stufe bis ganz hoch zu dem krönenden Tempelbau hinaufzusteigen, aus dessen Nischen die Götterbilder dem Schauspiel ihren Weihegruß sandten. Hier wiederhallte der Jubelschrei der 4000 Zuschauer, wenn sich unten die Gladiatoren zersetzten oder wenn Kriegsgefangene und wilde Tiere sich zu Tode würgten. . Wie viel jüdisches Blut hat diese kalten Steinplatten genetzt! Sah ich ja, noch als Student, in Carnuntum bei Wien den Grabstein eines aus Rabbah gebürtigen Eenturio jener 10. Legion, welche aus Pannonien nach Jerusalem marschierte, um unter Titus' Befehl Stadt und Tempel zu zerstören. Welt, wie klein bist du! Der antike Wandelgang, welcher sich unter den Zuschauersitzen hinzieht, bietet einen kühlen Auslug nach dem Bergrücken hinüber, wo das Schloß des Emirs, ein ebenso bescheidener wie geschmackloser Bau. steht. Darüber aber weht stolz die Nationalflagge; sie zeigt, in einer noch zu deutenden Symbolik, die Farben Schwarz-Weiß-Grün und roten Gösch mit weißem Ball. („Stimme".)