Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 14/15 Der Israelit 7. April 1933 mit einem „Borachu" oder einer „lauten keduscha" zu überfallen. Das kann in normalen Tagen Gewinn sein, aber heute . . . Welche darunter, die auch längst mit allein fertig sind, hier nichts mehr zu suchen haben, nur dastehen und gaffen, ungebetene Ratschläge erteilen und dabei nur stören. Baruch Frenk komplimentiert einen nach dem anderen hinaus. Natürlich differenziert. Man konnte nicht mit dem einen so reden wie Mit dem andern. Tr hatte sich in jahrzehntelanger Tätigkeit zum Künstler in der Behandlung von Menschen herausgebildet. „So geht doch schon in Gesundheit, Reb Ber, ihr werdet euch morgen um so mehr freuen, wenn ihr alles fertig seht!" „Ihr babt schön ganz recht, Reb Iaune, mit eurer Ansicht, aber laßt uns nur machen, morgen klappt alles!" „Was. Reb Iizchok? ihr habt noch nicht fertig gedawent, wollt noch ein wenig lernen? Geht, seid mauchel, in den Rebenraum, ihr seht ja, hier stehen wir euch im Wege ... wir stören euch . . So hat er sie bald alle nacheinander draußen. Rur mit dem fremden Manne in der Ccke wird er nicht fertig. Wie angenagelt steht er auf seinem Platze, den Talith tief über den Kopf gezogen, daß man nicht einmal sein Gesicht sieht und gar nicht weiß, wie man mit ihm reden soll. Tr war spät, erst zum Achtzehngebet gekommen und hat scheinbar noch lange zu beten. Steht gerade da, wo man die Ketten und Girlanden so anbringen wollte, daß sie sich zu einem Davidstern fanden, wie wird man den Mann los? Langsam und vorsichtig pirscht sich Baruch Frenk an den Fremden heran. „Seid vielmal mauchel, Reb Iid, ihr habt wohl noch lange zu beten?" Der Fremde hat aber scheinbar eine Gebetspause. Tr schiebt den Gebetmantel etwas zurück und fragt: „Ihr wollt wohl die Schul schließen?" „Rein," gibt der Schammes, stark pikiert über die Nichtbeachtung seiner Arbeit, zurück, „das nicht. Aber ihr seht doch, wir haben hier Arbeit und brauchen den Platz, wir müssen die Schul schmücken." „Schmücken?" wunöert sich der Fremde. „Wir gehen doch nicht Schwuaus entgegen." Cr reibt sich ein wenig die Hände, um die feuchte Kälte des Herbstes anzudeuten, haucht es in die kalte, Luft, daß es nicht Schwuaus sei. „Ihr scheint von weit her zu sein, nicht zu wissen, daß wir den Empfang für den neuen Rabbiner vorbereiten." „Ist das s o wichtig, daß man deswegen die Leute nicht beten und lernen läßt und sie aus der Schul jagt?" „Wir müssen doch aber schmücken und alles Herrichten zu feinem Tmpfange." „Cmpfang und wieder Empfang," sagt der Fremde wegwerfend. „Was ihr da so viel Aufhebens mit eurem neuen Rabbiner macht. Schade um diese schönen Blumen und Kränze. Man hätte wahrlich das Geld besser verwenden können . . ." Da kann sich Boruch Frenk schon nicht mehr halten. Das grenzte schon beinahe an Unverschämtheit. Wer war denn dieser Mann überhaupt, daß er, ein Hergelaufener, es wagte, so von ihrem neuen Rabbi zu denken und zu sprechen, so gering auch preßburg, repräsentiert durch ihn, Baruch Frenk, einzuschätzen? Frenk wird wider seine innere Natur grob, sein rötlicher Bart macht eine Schwenkung nach unten, ein Zeichen scharfer Mißbilligung. „Ihr kennt wohl Rabbi Mosche Sofer nicht, nie den Namen gehört, was?" Die ganze Verachtung für einen Unwissenden, der nie von Rabbi Mosche Sofre gebört, legt der grimmige Schammes in den Ton. „Doch, doch, so ein wenig kenne ich ihn wohl," läßt sich der Fremde nicht aus der Fassung bringen. „Was ist da schon so Besonderes an ihm? Cr kann lernen. Run, hat ja sein Lebtag nichts anderes ge, tan. Cr wird hier lehren — dafür bekommt er ja genug bezahlt. Wozu der Aufwand, der Stuß (Unsinn) mit den Blumen?" „Ra ..." Cigene Worte hat Baruch Frenk für diese Dreistigkeit nicht mehr. Cr muß zitieren: „Der eine kommt fremd hierher und will u r - teilen?". „Mit Verlaub, lieber Freund," begütigt der Fremde in gelinder Abwehr. „Diese Worte stammen von den S o ö o m i t e r n , als sie die Hatz gegen die Fremden unternahmen und das Haus von Lot belagerten. Lin guter Jude, ein frommer Funktionär der alten heiligen Gemeinde preßburg, sollte solche Worte nicht im Munde führen einem Fremden gegenüber." Cr bat recht. Baruch Frenk schämt sich, sucht den Fehler durch Höflichkeit gut zu machen, aber es gelingt ihm nicht. „verzeiht, es ist mir nur so aus dem Munde gefallen. In der Hitze der Arbeit und der Erregung. Cs ist ein „possnk" und er lag mir auf den Lippen, ich batte leider gerade keinen anderen possuk zur Hand, um euch hinaus — na, sagen wir hinaus zu bitten . . ." Die jungen Helfer stehen bereit, wie man sagt, Gewehr bei Fuß, warten nur ans ein Zeichen. Sie konnten es möglicherweise auch ohne Possuk schaffen. „Ist nicht nötig," sagt der Fremde, „ich gehe schon von selbst. Aber merket ruck wohl, es wirb euerem neuen Rabbi gewiß nicht gefallen, daß ihr Fremde so behandelt. Abraham ließ die Schechina stehen, um fremde Gäste zu empfangen, und ihr werft die fremden Gäste hinaus, um eueren. Rabbi, der noch gar nicht da ist, zu empfangen. Was ist schon da Großes an diesem Rabbi! . . ." Run war es aber wirklich höchste Zeit, daß der Mann von alleine ging . . . Am Donnerstag nachmittag hielten die geschmückten Droschken vor der Gemeindestube, der Vorsteher harrend, die zum Empfange des neuen Rabbiners ins nahe Dorf hinansfahren wollten. Da hieß es auf einmal, der Rabbi sei schon längst da und bei seinem Freunde, Rabbi Daniel Prosnitz, abgestiegen. Dahin begaben sich jetzt die geschmückten Wagen mit den Vorstandsherren. Cs redete sich rasch herum. Wie im Chassidimliede hieß es: „Der Rebbe kommt, der Rebbe kommt, der Robbe ist schon gekomnien!" Bald umlagerte eine ansehnliche Menge das sonst so stille Heim von Rabbi Daniel Prosnitz. Man erfuhr noch inehr. wohl hatte Rabbi Mosche den Brief des Vorstandes erhalten, in dem er gebeten wurde, erst am Donnerstag abend oder Freitag morgen in die Stadt einzuziehen, um den Leuten die Freuden des Empfanges nicht zu verderben. Am Mittwoch hatte er in einem nahen Dorfe Halt gemacht, um dort zu übernachten. Kaum aber hatte er erfahren, daß in der Dorfgemeinde keine genügende Anzahl von Männern da war, um Donnerstag früh mit Minjan zu beten und aus der Thora zu lesen, nahm er kurz entschlossen noch am Abend ein Fuhrwerk, fuhr die ganze Nacht und kam zum stillen Gebete in der Schul an, noch gerade rechtzeitig, um das vorlesen ans der Thora mit anzuhören. Jetzt llel den Leuten der fremde, talithumhüllte Mann in der Ccke ein. Ein nicht gerade gelinder Schreck fuhr Baruch Frenk in die Glieder, als ihm dieser Zusammenhang der Dinge mählich aufging. Cr eilte ins Quartier des Rabbi und wäre Rabbi Mosche schier zu Füßen gefallen, wenn ihn dieser nicht festgehalten hätte. „Verzeiht, Rebbe! ..." „Da ist nichts zu verzeihen," lachte Rabbi Mosche vergnügt. „Ihr habt mich hinausgeworfcn — mir zu Ehren . . „Aber," setzte er hinzu, „Laßt euch das gesagt 'ein, was ich da von Blumen, Aufwand und Behandlung der Fremden sagte, gilt heute und immer." So hatte die preßbnrger Wirksamkeit Rabbi Mosche Sofers begonnen. Seine erste Mussarpredigt war, er sagte es später oft, jene Zurechtweisung an Baruch Frenk und seine Helfertruppe, die Belehrung über das Gastrecht der Fremden ... (Fortsetzung folgt.) Der 60 jährige Jakob Wassermann. Jakob Wassermann hat nicht, wie viele andere, gewartet, bis die orkanartigen Stürme ihn auf die jüdische Straße zurückwerfen. Schon vor zehn Jahren chrieb er seine Bekenntnisse in einem damals vielbeachteten Büchlein: „Mein Weg als Deutscher und Jude" nieder. So manches kluge Erfahrungswort und manche Perspektive jenes Büchleins bekommen heute den richtigen Sinn. Darum ist auch die jüdische Welt nicht unmteres- 'iert an dem sechszigsten Geburtstag dieses aus kleinen jüdischen Verhältnissen kommenden und nun von der großen Weltkultur sich wieder heimtastenden Romandichters. Drei Bücher über Jakob Wassermann liegen uns vor. Das eine heißt „Jakob Wassermann, der Mann von 60 Jahren", ist von Walter G o l d st e i n geschrieben und im Vertage „Künstlerdank", Berlin erschienen. Rehen einer Biographie finden wir hier auch einen Ueberblick über Wassermanns Gesamtwerk, die geistigen Grundlagen, die. ethischen Gesetze und ästhetischen Methoden derselben. Das Kapitel über Wassermanns jüdische Sendung befriedigt nicht ganz. Richtig ist es, von einem Rückschlag in der jüdischen Gerfteswelt nach Philo zu sprechen, weniger richtig aber von einem Abschluß der geistigen Entwicklung des neuen Judentums mit Mendelssohn zu reden. Gerade Jakob Wassermann leidet vornehmlich unter dem Rückschläge im Geistesleben nach Mendelssohn. Ein stattliches Werk von Siegmund Bing: „Jakob Wassermann, Weg und Werk des Dichters" (S. Fischer Verlag, Berlin), ist mit Liebe geschrieben, bringt aber nichts Wesentliches über das hinaus, was wir bereits aus den eigenen autobioqraphischen Aufzeichnungen Wassermanns wissen. Darum scheinen uns am bedeutsamsten von der Wassermann-Literatur, die sein sechzigster Geburtstag zeitigte, seine eigenen eben bei S. Fischer, Berlin erschienenen „Selbstbetrachtungen". Es ist immer gewinnbringend, zu hören, wie solche zartbesaitete Seelen auf den Geist und die Vorgänge unserer Zeit reagieren. Was uns insbesondere interessiert: Wie weit ist Wassermann auf dem Rückweg zu uns seit seinen ersten Bekenntnissen bis zu seinen jetzigen Selbstbetrachtungen gekommen? Damals vertrat er noch das Recht und forderte die Gerechtigkeit als Mensch und als Deutscher. Heute schreibt er (Seite 98): „Daß die Gerechtigkeit, nicht bloß als Idee, als Inkarnation des g'ttlichen Wesens, sondern als sittliche Forderung von höchster ungestümster Dringlichkeit das moralische und legislative, politische und religiöse Fundament des Judentums bildet, kann nicht besiritten w>"den. Sollten sechzig Generationen imstande sein, dieses tief eingebrannte Geist- und Seelenzeichen zu verwischen? Ich glaube nicht." Das ist eine gute Strecke, zum letzten Ziele ist Wassermann noch nicht angelangt. —tz. (Ahawa, Jüdische Kinder- und Jugendheime e. V.) Die „Ahama" in Berlin N. 24, Albusstr. 14—15 legt anläßlich ihres 10jährigen Bestehens eine schmuckausgestatiete und geschmackvoll illustrierte Sammelschrift vor, in der gezeigt wird, was die Anstalt, die ursprünglich noch während des Krieges als Kriegskinderküche und Flüchtlingsheim ins Leben trat, in den letzten 10 Jahren geleistet hat. Mit Hilfe einer kleinen Zahl von Menschenfreunden und Organisationen wurde während der Inflationszeit ein Kinderheim aufgebaut, dem ein Lehrlingsheim für die Heranwachsende Jugend angegliedert wurde. Die Festschrift gibt über die Erziehungsprinzipien, die in der Anstalt walten, Auskunft, bringt Beispiele aus der Praxis ihrer Bildüngsarbeit, erzählt von den Festen und Ferien^der Kleinen und von der Berufsvorbereitung, die ihnen zuteil wird. Ein besonderes Kapitel ist der Hauswirtschaft und der Gesundheitspflege gewidmet. Ainderecke. Der Becher. (Fortsetzung.) IV. Rabbi Iehuda Abarbanel saß in seinem Hause und sein Herz war voll Sorge und Kummer. Der Befehl der Austreibung aller Juden Venedigs war erlassen worden — und weswegen? wegen eines goldenen Beckers, den er von feinem Vater geerbt hatte! Handelte er richtig? Brachte er nicht Unglück» Verzweiflung über alle Juden mit ihm, weil es ihm leid tat um dieses kostbare Gesäß? Die Tage des pesachfestes rückten näher und näher, bald wird auch das Fest vorbei sein und dann werden sie alle die Stadt verlassen müssen, er und sein Haus und alle Juden- R. Iehudah hielt es nicht mehr im Hause, er ging hinaus, auf daß seine Gedanken abgelenkt würden und seine Sorgen Nachlassen sollten. Cr ging durch Straßen und Gassen, bis er an den Strand des Rleeres gelangte. Und es war, als er ans Ufer kam, da erhob er seine Augen und sah ein Schiff, das sich dem Lande näherte und es trug die Zeichen des spanischen Königreiches. Cr blieb von 'erne stehen, um zu beobachten, wie das Schiff am. Ufer ankerte. Cs stieg ein vornehmer Fürst aus dem Schiff und seine Diener gingen vor ihm her. Und als