Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 14/15 Seite 15 7. April 1933 sie herabgestiegen waren, da traten die Diener auf R. Iehudah zu und fragten: „kennst Du vielleicht hier in dieser Stadt einen Mann namens Rabbi Iehudah Abarbanel?" Da antwortete er: „Seht, nach meinem eigenen Kamen fraget Ihr, ich bin der Mann, den Ihr suchet!" Da gingen die Diener und meldeten dem Fürsten: „Wir fanden den Mann, nach dem wir suchen sollten." Aber der Fürst antwortete: „Daraus können wir noch nicht vertrauen, vielleicht führt dieser Mann Lügen im Munde und spottet über uns. Geht zuerst in die Stadt und forschet gut nach, ob die Sache sich in Wahrheit so verhält. Und -so taten die Diener, sie fragten und prüften und fanden, dass die Worte des Mannes wahr seien und kehrten mit dieser Nachricht zu ihrem Herrn zurück. Da trat der Fürst auf Rabbi Iehuöa zu und sagte zu ihm: „Ich weiß jetzt, daß Du wirklich R. Iehuda Abarbanel bist, so wie Du Dich nanntest. So kann ich Dir die Lotschaft bringen, die mir mein Herr, der König von Spanien, für Dich übergab: Dem König ist im Traume der Nacht Dein Vater erschienen, der Fürst Don Isaak Abarbanel. Zweimal erschien er dem Könige und sagte zu ihm: „viele Güter ließ ich hier zurück, als ich in die Verbannung zog. Nun ist mein' Sohn Iehuda in so großer Not, daß es ihm an jeglicher Speise fehlt. So komme ich zu Dir und fordere Dich auf, verkaufe meine Güter und sende den Erlös meinem Sohn in die Stadt Venedig." Da tat mein Herr, der König, nach dem verlangen Deines Vaters. Er verkaufte die Besitztümer, tat das Geld, das er dafür erhielt, in diesen Beutel, rüstete ein Schiff aus und beauftragte mich, Dir dies Geld zu bringen. So stehe ich jetzt hier und übergebe Dir den Beutel mit dem Geld, das Dir gehört." Rabbi Iehuda nahm mit großer Freude den Beutel mit Gold und ging erleichterten Herzens nach Hause. Nun konnte er mit freigebiger Hand einkausen, was zum Feste nötig war und sein Haus war voll des Guten wie bei den Vornehmsten des Volkes. V. Die pesachnacht war herangekommen. Das ganze Haus R. Iehudas war voll Licht und Freude und alle Bewohner des Hauses waren fröhlichen Herzens. Nur R. Iehuda war der Einzige, dessen Antlitz trübe war. Auch von der Svnagoge kam er mit kummervollem Blick nach Hause. Da sprach seine Frau zu ihm: „Lieber Mann, warum ist Dein Antlitz so trübe und traurig und warum seufzest Du so schwer? Waren wir nicht in größter Not und dank der Hilfe des Höchsten wurden wir aus der Sorge befreit und konnten alles zum Feste bereiten?" Da antwortete Rabbi Iehuda: „Ich seufze über das Gesetz der Austreibung, das der König verhängte. In dieser Nacht feiern wir das Fest unsrer Befreiung und das Verhängnis einer neuen Verbannung schwebt über unfern Häuptern! Und noch zwei Dinge betrüben mich: Daß wir keinen würdigen Gast an unserem Tische haben und daß der Becher nicht vor mir steht, der immer den Tisch meiner Väter in dieser Nacht schmückte." Die Frau suchte ihn zu trösten und erwiderte: „Cs ist nicht recht, was Du tust. Das oberste Gebot ist, sich nicht dem Kummer hinzuge'ben am Festtage. Du grämst Dich wegen des königlichen Gesetzes? Unser König wird uns nicht verlassen und wie er unsre Väter aus Mizraim führte, so kann er auch das Herz des Königs und seiner Fürsten umstimmen, daß das böse Verhängnis widerrufen wird. Der Becher fehlt wohl auf unserem Tische, aber einen Gast an unfern Tisch zu führen, das könnte doch möglich sein. Gehe doch auf die Straße, vielleicht findest Du dort einen Juden, der sich mit uns zum Sedertische setzen könnte." R. Iehuda hörte auf die Stimme seiner Frau, ging hinaus auf die Straße, suchte nach einem armen Juden, fand aber niemanden. Da sprach er zu sich: „Ich werde mal ins Beth Hamidrasch gehen, vielleicht finde ich dort einen Juden, den ich noch zum Seöer einladen kann. Cr ging zum Beth Hamidrasch und sah dort einen ärmlich aussehenden Juden an der verschlossenen Türe stehen. Cr trat an ihn heran und fragte: „Warum stehst Du denn hier so einsam? Ist heute nicht die pesachnacht, die Nacht des Festes und der Freude? Komme doch in mein Haus, wir wollen gemeinsam den Seder halten und G'tt danken für die Wunder, die ec unfern Vätern getan!" Als der Mann diese freundlichen Worte hörte, erhellte sich sein Gesicht, er antwortete nichts, folgte aber wortlos dem Rabbi Iehuda auf seinem Heimwege. Zu Hause angelangt, führte R. Iehuda seinen Gast in die Vorhalle, eilte zu seiner Frau, um ihr mitzuteilen, daß er einen Gast mitbringe. Sie ging sogleich mit ihm in die Vorhalle, um den Gast würdig zu empfangen — aber der Gast war nicht mehr da! Sie suchten ihn in allen Ecken des Hauses und fanden ihn nicht. Auf der Suche kamen sie auch an einen kleinen Tisch am Ende der Vorhalle und siehe, daraus stand der kostbare Becher! Die Sache war wunderbar in ihren Augen, sie eilten auf die Straße und schauten nach dem Manne aus, aber vergebens, der Gast war verschwunden. VI. Niedergeschlagen kehrten die Leute ins Haus zurück, nun hatten sie doch keinen Gast an ihrem Seder! Sie setzten sich an den Tisch, hielten den Seder nach Vorschrift und Gesetz, lasen die Hagodoh, tranken die zwei ersten Becher und benschten nana« Aber als sie zu dem Abschnitt *]r>»n "psw kamen und die Türe öffneten, wie es der Brauch war, da trat der fremde arme Mann plötzlich ins Zimmer! Er ging an den Tisch, setzte sich an den Platz, vor dem der goldene Becher stand, gefüllt bis zum Rande mit seltenem Wein und erhob ihn. Dann wandte er sich zu Rabbi Iehuda und sprach: „Zum heutigen Feste brachte ich Dir den Becher,, meinen Becher, R. Iehuda! Du sollst ihn dem König übergeben, wenn das Fest vorbei ist, daß er damit tue, wie es ihm beliebt. Fürchte Dich nicht vor ihm, er wird Dir nicht das Geringste zu Leide tun und auch den Becher wird er nicht von Dir nehmen!" Niit diesen Worten stand der Gast aus, ging hinaus und wurde nicht mehr gesehen. Nach dem Feste nahm R. Iehuda den Becher, ging zum König und sprach: „Mein Herr und König! Bis zum heutigen Tage konnte ich Dir den Becher nicht bringen, das Kleinod meines Herzens, denn er war nicht in meinem Besitz. Nun aber, da er wieder in meine Hand gelangte, beeile ich mich, ihn Dir zu überreichen. Und ich bitte Dich dafür nur um Eines: Erkläre den schrecklichen Befehl der Austreibung für nichtig und ungültig!" Da antwortete ihm der König „Den Lecher nimm und geh — den Befehl habe ich bereits widerrufen! Seit sieben Tagen kann ich nicht ruhen und nicht schlafen, Nacht für Nacht kommt Dein Vater zu mir und quält mich unablässig, bis ich den Befehl zur Verbannung aufgehoben habe. Und nun gehe nach Hause und teile allen mit, daß das Edikt widerrufen wurde, vielleicht werde ich wieder Ruhe finden und Besserung!" Und R. Iehuda ging und verkündete allen Juden die große Befreiung und das Wunder, das ihnen G'tt getan hatte und sie freuten sich sehr und dankten G'tt für die Wundertaten und die Errettung, die ihnen zuteil geworden. N achwo r t. So schließt die Geschichte von R. Iehuda Abarbanel; aber ich, als ich sie fertig gelesen hatte, ich war mit meinen Gedanken noch lange bei dem Seder des R. Iehuda. Ich sah den glitzernden Becher aus dem Tische und ich träumte mit wachen Augen von dem wunderbaren Augenblick, als der fremde Gast den Becher erhob. Und ich malte mir aus, was Rabbi Iehuöa empfand, als der geheimnisvolle Fremde das Zimmer verlassen hatte und mir war, als hörte ich R. Iehuda mit bewegter Stimme sprechen: . - rwavjö wv rw nio» ’tfaj rtxVn 'Z „Du befreitest meine Seele vom Tode, mein Auge von der Träne, meinen Fuß vom Anstoß! — Mein geliebter Vater, der Friede ruhte auf ihm, pflegte dies so zu deuten: So wie Pharao das Verhängnis über Israel beschlossen hatte und G'tt hat uns doch befreit und ließ mein Seufzen verstummen und schützte meinen Fuß beim Auszug aus Mizraim von jeder Gefahr des Anstoßes — so vertraue ich ihm auch heute, daß er mich befreien wird und führen wird in das Land des Lebens. Und was ist das Land des Lebens? Das ist Crez Isroel, denn von ihm wird einst die Wiederbelebung ihren Anfang nohmen. Auch wenn das Golus noch so lange dauert, ich glaube daran mit vollkommenem Glauben, denn cs wird kommen die Zeit der Erlösung." So mag R. Iehuda im Namen seines großen Vaters gesprochen haben an jenem Scderabcnd zu Venedig. Und diese schönen Worte und noch schönere könnt Ihr heute noch Nachlesen in Eurer Hagodoh, die Erklärungen des berühmten Fürsten Don Isaak Abarbanel. Die vier Becher. (Für die Größeren.) vier Lecher trinken wir am Scderabcnd an vier Stellen unsrer Hagodoh. Den ersten leeren wir voll Freude bei der Heiligung des Festes, den zweiten und dritten in Dankbarkeit für unsre Befreiung und Erhaltung und den vierten Becher endlich voll Hoffnung auf eine Erlösung in der Zukunft . . . Ihr wißt wohl längst, daß uns die vierzahl der Becher an die vier Ausdrücke erinnern soll, mit welchen die Erlösung aus Mizraim gekennzeichnet wird, aarirr rnirini — ich werde euch hcrausführen, aus dem Lande eurer Unterdrückung; arm - ich werde euch befreien vom Sklavendienst; arm ich werde euch erlösen, ans eurer Rechtlosigkeit und aus den Einflüssen der götzendienerischen Umgebung; arm ,rmj?^i und dann endlich werde ich euch mir zum Volke nehmen. Diese bv imwb mm diese vier Ausdrücke für die Crrettung deuten die vier Stufen des Weges an, der von der Befreiung ans Mizraim bis zum volkwerden Israels führt. An diese vier Momente erinnern wir uns, wenn wir viermal dankend und preisend den Becher erheben. Die Dankbarkeit für die Errettung erfüllt unsre ganze Hagodoh — cs ist dem Volke Israel zumute, als ob es hxm benschen müßte aus Anlaß dieser Befreiung. Denn alle vier Errettungen, nach denen man benscht, hat es erlebt bei seinem Auszug aus Mizraim! nbo 'pn’ ö”nn bs cs in der nhsru aus den Buchstaben des Wortes cr’rr lassen sich die Gefahren deuten, die das Leben bedrohen: 'H das ist tü'ian die Knechtschaft '■» das ist D’ das Meer '•> das sind die Leiden (Krankheiten) '» das ist nana die wüste. Allen diesen vier Gefahrenquellen ist Iisroel glücklich entronnen. Den Druck der Knechtschaft hat es überstanden, das Meer hat es ungefährdet durchquert, von den schlimmen Krankheiten wurde es geheilt und die verderbenbringende Wüste hat es durchwandert — Anlaß über Anlaß, um viermal zu „benschen" und zu loben und zu danken für die Rettung, die G'tt eserleben ließ — 'n awm xwx myw> Dia Doch die vier Becher könnten auch noch andere Erinnerungen heraufbeschwören, das Gedenken der vier großen wunderbaren Befreiungen, die Israel im Laufe der Zeiten erlebte, für die wir G'tt im Abschnitt danken und rühmen. Cr führte Israel nnara manh, aus der Knechtschaft zur Freiheit, erstes Erlösungswerk an dem Volke. Cr führte es rmaivb ppa» vom Schmerz über die Trümmer des Tempels bis zur Freude bei der Rückkehr ans der babvl. Gefangenschaft, die zweite Befreiungstat für Israel nia arV Vatfn er wandelte die Trauer Moröechais und der Stadt Schuschan in den frohen aiv m>» den Csther einsetzte — die dritte Wunder-Rettung; Vm aiK*? rPsNö' aus der dunkeln Zeit der Verfolgungen ließ er ein großes Licht erstrahlen, das Chanukkahlicht der Makkabäerzeit! Das war die vierte Crlösung unsres Volkes. Doch wenn zur großen wir noch befreit werden, wenn den vier Bechern, die wir den vier Errettungen anreihen, noch der fünfte sich zugesellt, der jetzt einsam steht und auf Moschiachs Vorboten wartet, dann werden wir singen vor Ihm ein neues Lied, n'ihhn nsnn nwi