Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450770--79513-2537269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 6 Nr. 14/15 __ aus größerem Maße als die Tlot, die wir täglich empfinden. Was uns aufrichtet und nicht verzweifeln läßt, ist unser Litochaun. Bitochaun erheischt aber auch Taten. Taten derer, die vom Bitochaun leben. Man darf aber nicht unüberlegt handeln. Timarbeiten, damit etwas geschehen ist, ist wertlos. Wir müssen vernünftig handeln, wir müssen planmäßig arbeiten, dann können wir auch der unentbehrlichen g'ttlichen Hilfe gewiß sein. Da gilt es nun zunächst, unsere Situation richtig zu erkennen. Wir müssen wissen und uns nicht selbst darüber hinwegtüuschen, was mit uns vorgeht. Wir dürfen nicht auf die beschönigende Stiinme in unserent Inneren hören, müssen den Mut haben, zu sehen, wie es um uns steht. Das „Wir", von dem ich hier spreche, müssen wirsogar sehr eng fassen, wir können es nicht übertragen auf unsere nichtjüdische und unjüdische Rrirgebimg. Ls paßt nur auf unseren engeren Ureis taurohhaltender Juden, denn diese Umgebung, die wir ausschließen, geht andere Wege und kann diese gehen, aber Jakobs Anteil ist etwas anderes. Konkret gesprochen erkennen wir, daß auf allen Gebieteit, auf denen Juden sich im Laufe der letzten Jahrhunderte vorzugsweise betätigten, eine Lage entstanden ist, die ein erfolgreiches Weiterarbeiten aussichtslos erscheinen läßt oder es überhaupt unmöglich inacht. Das tragische Schicksal unserer Tauroh-Uation wies sie in der traurigsten Epoche unseres Goluslebens im Mittelalter auf die Geldwirtschaft bin. Sie war ihr schon damals häufig zum Verhängnis geworden, hat ihr danach zwar wertvolle Dienste geleistet und wird ihr neuerdings zum Fallstrick. Alle kapitalistischen Unternehmungen sind ins Wanken geraten oder bereits verschwunden, soweit sie in unseren Händen lagen. Gerade sie aber waren es, die die (Quelle unserer Kraft, die Grundpfeiler unseres Lebensunterhaltes und die Stützen aller unserer Errungenschaften waren. In ihnen fanden viele ihr Lrot und sic alle liegen heute auf der Straße. Uoch ist die Entwicklung nicht zu Ende, mit Grauen schauen wir in die Zukunft und sehen auch das wenige, das noch existiert und mit Mühe und Aufopferung vieler Kräfte gehalten wird, dahinschwinden. Und es drängt sich uns die Frage auf: Wie soll es dann weitergehen? Müssen wir diesen Zeitpunkt abwarten und offenen 'Auges dem Ruin entgcgengehcn? (Ober aber können wir die Entwicklung aufhalten, können wir gar eine Rückentwicklung heraufbeschwören oder gibt es endlich noch etwas drittes» das uns von dieser schiefen Ebene hinwcgführt und uns mehr Hoffnung bietet als das Gesagte? (Schluß folgt.) ST!' Korrespondenzen « ßacbrfcbie*. Deutsches Reich« Zur Lage. Berlin, 5. April. Die Parole des C.-V., „die mitleidslosen Maßnahmen Deutscher gegen Deutsche auf eigener Heimatserde mit Würde und mit Mut zu ertragen", wurde im ganzen Lande am ersten Boykott-Tage von den Juden befolgt. Mit Ausnahme eines tief bedauerlichen Falles in Kiel, wo ein Mann, der kaum noch zur jüdischen Religion gezählt werden kann, die Nerven verlor und seine Wahnsinnstat mit dem eigenen Leben büßen mußte, ist der Tag überall ruhig verlaufen. Da sich inzwischen auch das Ausland wesentlich beruhigt und Amerika ein Stillschweigen beschlossen Hatz so ist zuversichtlich zu hoffen, daß sich das Bild vom Samstag nie mehr wiederholen wird. Dr. L a m m e r s, der Staatssekretär in der Reichskanzlei, beantwortete eine Anfrage der „Vereinigten deutschen Gesellschaften von Newyork" mit folgender Erklärung: „Reichskanzler dankt für Ihre Mitwirkung im Kampf gegen jede Hetze. Deutsche Juden werden wie alle anderen Staatsangehörigen gemäß ihrer Einstellung zur nationalen Regierung behandelt. Abwehraktion nationalsozialistischer Partei durch Verhalten deutscher Juden im Auslande herausgefordert." Der Israelit Die Entfernung der jüdischen Richter ist fast überall restlos durchgeführt. Für Rechtsanwälte ist Numerus clausus eingefllhrt. An den V e r l i ne r Gerichten sollen fortan nur 35 jüdische Rechtsanwälte zugelassen werden. In Fr an k f u r t werden 25 jüdische Rechtsanwälte namhaft gemacht, die weiter vor Gericht erscheinen dürfen. Entgegen gewissen Ansichten, als habe der Ausschluß der Juden aus der Justiz nur vorübergehenden Charakter, ist der „Nationalsozialistische Zeitungsdienst" in der Lage, zu erklären, daß „die Maßnahmen dafür zu sorgen haben, daß die Preußische Justiz dauernd von fremdrassigen Einflüssen gereinigt, das Ansehen der Rechtspflege wieder hergestellt und tiefgehende Beunruhigung des Volkes in Zukunft verhindert werde." Ueber neue Entlassungen, Beurlaubungen und Kündigungen von jüdischen A e r z t e n an Städtischen Krankenhäusern wird aus allen Städten berichtet. In München dürfen an den Städtischen Krankenhäusern jüdische Aerzte nur jüdische Patienten behandeln, auch nur jüdische Leichen sezieren. Aus dem Gebiete der Schule hat, nach dem „Preußischen Pressedienst, der NSDAP, die Fraktion der nationalsozialistischen preußischen Landtagsabgeordneten an den Reichskoinmissar für das preußische Kultusministerium ein Schreiben gerichtet, in dem gefordert wird: 1. Sämtliche jüdische, d. h. von Juden herstammende oder bastardierende Lehrpersonen sind mit sofortiger Wirkung von allen preußischen Unterrichtsanstalten zu beurlauben bezw. abzubaueu. 2. Für die jüdischen Schüler und Schülerinnen, Studenten und Studentinnen wird der Numerus clausus entsprechend der Bevölkerungszahl des jüdischen Volkes innerhalb des deutschen eingeführt, d. h. nur immer ein Prozent der Schülerschaft einer Anstalt darf jüdisch oder jüdischer Herkunft sein. Zur gleichen Zeit erläßt der Staatskommissar für die Unterrichtsverwaltungen in Baden eine Verordnung, in der die Lehrer daraus hingewiesen werden, daß Beschimpfungen jüdischer Schulkinder durch ihre Mitschüler nicht geduldet werden können. Ein derartiges Vorgehen entspreche nicht dem Geist der christlichen und nationalen Erziehung,-wie sie das neue Deutschland wünsche. Eine Aufforderung an die jüdischen Staatsbürger, bezw. Staatsbürger semitischer Abstammung ihre Pässe zur Ueberprüfung der Polizei einzureich e n, erging bis jetzt in F r a n k f u r t a. M., B r e s - lau, Königsberg und Düsseldorf. Von Vorkommnissen und Zwischenfällen der letzten Tage seien, nach Presseberichten, folgende gemeldet: In Berlin wurde am 4. April von der politischen Polizei eine große Nazzi« im Judenviertel beim Alexanderplatz durchgeführt, besonders in der Grenadier- und D r a g o n e r st r a ß e. 25 Personen, zum größten Teilp polnische, russische und rumänische Bürger, wurden verhaftet. Die Funkstunde hat den Vorgang in einem Reportagebericht auf Wachsplatton wiedergegeben. Ernste Ausschreitungen ereigneten sich, wie man erst jetzt erfährt, am 28. März leider in G ö t t i n g e n. Darüber entnehmen wir dem „Göttinger Tageblatt" folgendes: Ein S. A.-Demonstrationszug fühlte sich an zwei Stellen, und zwar vor dem jüdischenSchuhgeschäftPelz und von einem Juden K a tz provoziert, der eine „Abreibung" bezog. Als der SA.-Oberführer Soest auf dem Schauplatz erschien, geschah zunächst weiter nichts. Seinem Eingreifen ist es zu verdanken, daß der Zug in vollster Ordnung weitermarschierte und sich auf dem alten Kasernenhof in Ruhe auflöste. Was weiter geschah, ist allem Anscheine noch von Elementen provoziert worden, die sich immer bei solchen Gelegenheiten finden, um im Trüben zu fischen. Jedenfalls sind die Schaufe.nfter fast aller jüdischen Geschäfte in der Zeit von sieben bis neun Uhr abends zertrümmert worden. Sofort nach Bekanntwerden der Ereignisse wurden SA. und SS. zum Schutze der betroffenen Geschäfte gegen Plünderungen eingesetzt, die um 10 Uhr abends durch Polizei und Hilfspolizei abgelöst wurden. Sie konnten indessen nicht mehr verhindern, daß auch die Synagoge am Waageplatz gestürmt und deren Einrichtung zum größten _ 7. April 1933 Teil demoliert wurde. Auch die Buntglasfenster der Synagoge wurden größtenteils zertrümmert. SA.-Oberführer Soest konnte ein Individuum festnehmen lassen ,das sich in verdächtiger Weise in der Synagoge zu schaffen machte. Drei jüdische Geschäftsleute wurden von den im höchsten Grade erbitterten Hitlerleuten auf einen Schlachterwagen gesetzt. Man wollte sie in Schutzhaft nehmen. Auf Veranlassung von SA.-Oberführer Soest wurden diese drei Männer, ältere Leute, in Freiheit gesetzt. Die Bürgersteige vor den Häusern jüdischer Einwohner wurden im Lause der Nacht mit Inschriften in schwarzer Teerfarbe gekennzeichnet. Die Kunde von diesen Ereignissen ries in der Stadt eine ungeheure Erregung hervor. Die Straßen waren bis in die tiefe Nacht erfüllt von einer gewaltigen Menschenmenge, die zeitweilig eine drohende Haltung gegen jüdische Läden und Presonen einnahm. Die Hauptgeschäftsstraßen boten heute morgen (am 29. März) ein Bild der Zerstörung. Die Gehwege waren mit Glassplittern besät, durch Bretter vernagelte Schaufenster waren die stummen und doch so beredten Zeugen der gestrigen Ausschreitungen. Die Frage nach den Schuldigen wird die im Gange befindliche polizeiliche Untersuchung hoffentlich bald lösen. Weiter wird gemeldet: Der Vorsitzende des Zentral-Boykott-Komitees, Julius Streicher, kündigt an, daß vielleicht bereits in allernächster Zeit eine Z e n t r r al stel l e, für Raffen s ra ge n geschaffen wird. An die deutschen Geschäfte werde man dann sogleich Schilder ausgeben, die sie als solche kennzeichnen. Die am Samstag in Verbindung mit dem Boykott angekündigte Entlassung der jüdischen Angestellten, scheint Wirklichkeit zu werden. Aus Berlin meldet der V.-V., daß beim Zeitungskonzern Rudolf M o s s e in den letzten Tagen 118 jüdische Angest e l l t e, Sekretäre und Stenotypisten, entlassen wurden. Von anderen jüdischen Unternehmen in verschiedenen Städten wird über ähnliche Maßnahmen berichtet. Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Georg Lehmann der sich mit Veronal vergiftete, schreibt in einem hinterlassenen Briefe, er glaube, die Entwicklung der letzten Tage nicht ertragen zu können. Der am Samstag heimgeschickte Landgerichtsrat Alexis Hollevorden hat sich am Montag abend in seiner Wohnung erschossen. In Gladbach beging der Geschäftsführer des Warenhauses Tietz, Dr. Heymann, in seelischer Depression Selbstmord. Seine Frau, die freiwillig mit in den Tod gehen wollte, wurde noch lebend, aber schwer verletzt aufgefunden. In Heidelberg hat sich der Gerichtsassessor Dr. Hans Vettmann, einziger Sohn des Direktors der Heidelberger Universitätsklinik, Professor Dr. Bettmann, erschossen. Er war vom Gerichte heimgeschickt worden und fand an der Türe seines Elternhauses den gelben Fleck. In seinem Abschiedsbriefe heißt es, er könne nur auf diese Art seinem Vaterlande ein Opfer bringen, das nicht vergeblich sein möge. In Frankfurt a. M. warf sich ein siebzehnjähriger jüdischer Schüler einer höheren Schule auf die- Schienen und erlitt den Tod. Palästina-Touristenreise der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel. Frankfurt a. M., 4. April. Von der P. Z. der Agudas Jisroel wird uns geschrieben: Um zahlreichen an uns herantretenden Anfragen gerecht zu werden, veranstalten wir eine Touristenreise nach Erez Jisroel auf dem Dampfer „Jtala" des Lloyd Triestino, bei welcher die Teilnehmer lediglich die Schiffsreise hin und retour gemeinsam unternehmen. Die Abfahrt erfolgt am Mittwoch, 26. April 1933/30. Nissan 5693 ab Triest. Die Rückfahrkarte behält eine Gültigkeit von drei Monaten und kann aus jedem beliebigen Dampfer der direkten Palästina-Linie des Lloyd Triestino erfolgen. Wie uns weiter gemeldet wird, ist dieses Schiff schon besetzt. Dagegen wird eine zweite Touristenreise nach Erez Jisroel auf dem Dampfer „Vulcania" am 18. Mai 1933/22. Jjar 5693 ab Neapel veranstaltet, bei welcher die Teilnehmer lediglich die Schiffsreise gemeinsam unternehmen. Die Rückfahrtkarte behält eine Gültigkeit von drei Monaten und kann auf jedem Dampfer