Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 14-15 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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7. April 1933 Der Israelit Nr. 11/15 Seite 5 -auf, die sie auch ohne Einvernehmen mit Aguda und^ Aschkenastmgemeinde Hütte lösen dürfen. Denn in die-.sR ser Beziehung haben die orthodoxen Führer in ihrem - eigenen Kreise, nichts zu sagen und nichts zu warnen. Wenn wir das heute, in schwerer Stunde, alles schreiben, so gewiß nicht, um Lrez Israel zu verkleinern. wir wissen, was heute Lrez Israel für die jüdische Gemeinschaft bedeutet. Das Land soll aber auch in geistiger und religiöser Beziehung uns etwas bedeuten. Darum soll die orthodoxe Jugend, die heute in Waffen den Weg nach dem heiligen Lande sucht und findet, wissen, was d e m Lande bitter nottut und w e l ch e R ü st u n g sie zur Behebung dieser Bot mitzubrjn - gen hat, welche Aufgaben zu lösen sie vielleicht eine höhere Wallung im Sturm über das Wittelmeer Reibt. Kalenderzeichen in Sowjetrutzland. Zu Zeiten hatte man in Rußland den Juden u. a. auch den Kalender nehmen wollen. Die Feste der Juden wären aber darum nicht in Vergessenheit geraten. „Apikores", „Emmes" und wie sonst noch die Gottlosenpresse heißt, hätten mit ihrer Saison- 1? c tz e gegen die Religion je an das kommende Fest die Juden erinnert. Werden Synagogen beschlagnahmt und Demonstrationszüge gegen „das Opium der Religion" veranstaltet, dann sind gewiß Ros chhaschono und Iomkippur in Sicht. Mit einer Propaganda gegen die „konterrevolutionäre Wazzo" .und der Rüstung zum „roten Seder" wird der p e ss a ch angekündigt. Ein fast amüsantes Stückchen leistet sich der Woskauer „Cmmes". Cr behauptet, das von 200 palästinensischen Rabbinern gegen die Verfolgung der Juden in Sowjetrußlanö veranstaltete Meeting sei ebenso wie die im Ausland durchgeführten Aktionen zur Beschaffung von M a z z o t h für die Juden in Rußland zur Förderung der konterrevolutiouären Propaganda bestiinmt gewesen. Das kommunistische Blatt hebt hervor, daß es in Rußland keine Arbeitslosigkeit, kein antisemitisches Problem gebe, daß die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung produktiver Arbeit in Industrie, Landwirtschaft, Handwerker-kooperativen und Beamtenschaft zugeführt würde. Cs behauptet ferner, die Mazzoth seien bestimmt, das Sowjetregime zu stürzen. Jedes Lebensmittelpaket sei ein Geschoß, bestimmt, das sowjetische Aufbauwerk zu zerstören. Reaktion, Faschismus, Imperialismus! schreit der „Cmmes". Cin aufklärendes Wort darüber, daß den Juden Rußlands Gelegenheit gegeben sei, sich im Lande selbst genügend mit Mazzos zu versorgen, hätte besser und überzeugender gewirkt, als all die langatmigen Litaneien. Aber dieses eine entscheidende Wort spricht der „Cmines" nicht aus. Und wenn die Herren sich noch letzte Restbestände aus der Chederzeit bewahrt haben und ihnen am n»N wirklich was gelegen wäre, müßten sie ja wissen, daß die Mazzoh genau das Gegenteil von Reaktion und Imperialismus bedeutet, nämlich die B cf r e i u n g eines Volkes aus dem Sklavcnjochc, Freiheit des inneren Menschen, einen Hinweis nns Vri urchmi bv Reichsgesehliches Verbot der Schechita in Deutschland. Berlin, 4. April. Das Reichskabinett hat ein „Gesetz über das Schlachten" verabschiedet, das mit Wirkung vorn I. Mai den Betäubungszwang für alle warmblütigen Tiere — also auch Geflügel — vorschreibt, die rituelle Schechita und den Fleischgenuß für gläubige Juden somit unmöglich macht, da religionsgesetzlich erlaubte Betäubungsmethoden nicht existieren. Wir haben die weittragenden religiösen und kulturpolitischen Konsequenzen dieses Schrittes erst vor kurzem gekennzeichnet. In diesem Augenblick gilt es, die ganze deutsche Judenheit zur unerschütterlichen Treu e gegen G'tt und sein ewiges Gesetz a u f z u r u f e n! hiwtihi iirrmm murr in n miii ■miwuni m ii hihi himiibwiiii i i ihm An unsere!. Brüder und Schwestern! Die deutsche Judenheit sieht sich jäh vor Ereignisse und Tatsachen gestellt, die mit erdrückender Wucht zu unseremHerzen sprechen. Was uns als ein endlich errungener, glücklicher Besitz erschien, ist fraghch geworden. Wie ein schwerer Alpdruck lastet auf uns die Sorge um Brot und Existenz. -Wer an einen Sinn in der jüdischen Geschichte überhaupt glaubt, kann in diesen schweren Prüfungen nicht einen Zufall erblicken. Nur eine höhere Fügung kann es gewesen sein, die in einer harten Sprache zu uns spricht, um durch Heldenmut in Leid und Kummer uns auf eine höhere Stufe sittlichreligiösen Menschentums emporzuheben. Die deutsche Judenheit, dies dürfen wir ohne Überheblichkeit sagen, war innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft, geistig führend; durch Leistungen in Religion und Kultur, in jüdischer und allgemeiner Wissenschaft, in Wohltätigkeit und Bruderliebe hat sie sich große Verdienste erworben. Um so klarer zeigt uns die Schwere der Gegenwartsereignisse, daß die Vorsehung an uns einen doppelt hohen Maßstab legt. Denn wen G'tt liebt, den weist Er zurecht, Sollten wir nicht diesen Fingerzeig G'ttes beachten, der uns zu Selbsteinkehr und strengster Besinnung auf all unser Tun ladet? Müssen wir nicht in unserer Wehrlosigkeit, in dem Scheitern aller Versuche, das Verhängnis zu ändern, in der Schädlichkeit all der törichten Versuche, mit denen falsche Freunde unser Geschick meistern wollten, erkennen : „Auf niemanden können wir uns verlassen als auf unseren Vater im Himmel?" In zwei großen Linien glauben wir, daß der deutschen Judenheit Umkehr nottut. Seit einem Jahrhundert wird die Heiligung des Sabbats aus Rücksicht auf die wirtschaftliche Existenz in ständig wachsendem Maße verletzt. Nun aber sehen wir, daß alle Sorge um unsere ökonomische Sicherheit und die Mißachtung des Religionsgesetzcs vergeblich gewesen. Als ersten Schritt legen wir daher der deutschen Judenheit das hohe Ideal des Sabbats ans Herz: Laßt den Sabbat wieder unser Leben beherrschen mit seiner Weihe der Arbeit, seiner Unterstellung alles Wirtschaftlichen unter G'ttes Führung, seiner Menschen- und Bruderliebe! Heiliget den Sabbat! Und unsere zweite Schuld erblicken wir in der häufigen Vernachlässigung der unsere Häuser -veredelnden und unser Triebleben heiligenden SSpeissgeselze des Judentums. Jetzt wird die Erfüllung dieser Gebote durch die Verhinderung der Schechita im deutschen Reiche gefährdet. Den leiderprobten Juden wird jedoch auch der Verzicht auf Fleischgenuß in seiner G’ttestreue nicht wankend machen. Aber gerade diese Erkenntnis soll uns alle zu verdoppelter Gewissenhaftigkeit und zurBeachtung der Speisevorschriften führen. .Beweisen wir, daß uns für die Ehre unserer Religion keine Entbehrung und kein Opfer zu schwer ist- ' Glaubensgenossen! Werdet nicht wankend! Schwere Leiden treffen uns, aber nach dem Prophetenwort sind es messianische Leiden und verbürgen das Heil der Zukunft. Ohne Murren wollen wir auch das Schwerste auf uns nehmen. Laßt den Mut nicht sinken! Bewahret die Freudigkeit der Seele, die aus dem Vertrauen auf G’tt quillt- „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten." Seien wir unserem G’tte treu, dann wird Er uns Seine Hilfe nicht versagen. Nissan 5693 (April 1933). Die Vorstände der Vereinigungen der traditionell-geselzeslreuen und orthodoxen Rabbiner'- Unna-Mannheim Jos. Horovitz-Frankfurt Carlebach-Altona Merzbach-Darmstadt Unsren Vätern waren härtere Prüfungen anferlegt als der Verzicht auf Fleischgenuß, und sie haben sie siegreich bestanden! Bleiben wir ihres Andenkens würdig. Richten wir uns — alle ohne Ausnahme — darauf ein, unter vernünftiger A u s - n u tz u 11 g aller Möglichkeiten vegetar is ch e r Ernährung, uns und unsren Kindern an sittlichen Kräften, wie sie n u raus der religiösen Treue fließen, das reichlich, überreichlich zu ersetzen, was ihnen an physischer Kraftzufuhc fortan abgehen wird. Für kranke und Schwache, denen vorübergehender Fleischgenuß nach ärztlicher Anordnung von Leben rettender Bedeutung sein kann, werden sich gewiß Mittel und Wege finden, tun durch Einfuhr kleiner Mengen oder in sonstiger legaler weise Hilfe zu schaffen. Gedenken wir des g'ttlichcn Wortes: amn 'tp na1? an1?.! by n°?! man 'w 'n 'S XXI» bs bv n „Uicht vom Brote (und gewiß nicht vom Fleische) allein Lebt der Mensch, Sondern von jedem Hauche aus G'ttes Mund Lebt der Mensch." Berufsumschichtung. Von Hugo Heinemann in Aürlh. Der belgische Dichter Maeterlink gestaltete in seinem Drama „Der Eindringling" die düstere Szene einer Familie, die im Halbdunkel, außerhalb des Lichtkreises der durch einen grünen Schirm abgeblendeten Lampe, ifm den Tisch sitzt. Viebenan im Schlafzimmer liegt eine Schwerkranke im Halbschlaf; draußen wird in der Bähe des Hauses eine Sense geschliffen und das Wetzen des Steines furcht den schwarzen Kristall der Kacht. Irgendjemand muß den Garten betreten haben . . . Einer nach dem anderen erbebt sich, geht ans Fenster — nichts ist zu sehen. Die Schwäne schreien erregt; Steine knirschen, als wuchteten riesenschwcre Füße über sie hin . . . und dennoch sieht man nichts. Obwohl kein Lufthanch weht, öffnet sich die Türe. Und sogar die Kacht — noch stummer — scheint verstört zu lauschen. Die drinnen versuchen den Türflügel zu schließen. Vergeblich! Ein unsichtbarer Körper scheint sich dagegen zu stemmen, jeinand, der noch ungewiß verharrt, um sich zu orientieren. Dann schreitet das mysteriöse Wesen durch den Raum. Riemand sieht es, doch jeder ahnt feine Spur auf dem Teppich, jeder fühlt, daß irgendwer vor dem grünen Lampcitschirm vorbeigeht. Die Portiere zum Krankenzimmer wird von einer unsichtbaren Hand zur Seite gerafft und fällt wieder zurück, ohne daß jemand hineintritt. Lin Stöhnen! — Die Kranke verschied . . . Dieser unheimliche Gast ist ein Svmbol der sozialpolitischen Kräfte, die sich in die menschlichen Getneinschaften einschmuggeln, das Volks-, Gesell schafts-, und Familienleben vergiftend, zerstörend und untergrabend: „In Deinem Haufe gebt dasselbe vor. Du glaubst, daß Dein Feind nicht eingetreten ist, weil Du ihn nicht in Fleisch und Knochen an Deinem Tisch oder im Salon sitzen siehst. Dennoch ist er bereits lange bis in Dein Schlafzimtner vorgedrungen, hat er sich bereits überall bei Dir im häuslichen wie im geschäftlichen eingenistet. Jeden Tag stellt er sich von neuem ein . . . Ahnst Du nicht die Vähe dieses unsichtbaren Feindes? Fühlst Du nicht, wie er Dich streift, wie er Dich herunterzieht, wie er Dich zu Boden tritt, wie er es darauf absieht, Dir das Leben unmöglich zu machen? Merkst Du es nicht? . . . Das Werk der genannten Kräfte ist die jüdische Vot, die von Tag zu Tag im Steigen begriffen ist. Immer unerträglicher, immer grausamer gestaltet sich die wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen. Die Verarmung des jüdischen Volkes, feine Herabdrückung auf eine immer tiefere soziale Stufe macht rasende Fortschritte, wollen wir auch nicht das Elend der jüdischen Gesamtheit in allen Ländern der Welt aus dem Äuge verlieren, so ist es dach berechtigt und nicht minder wichtig, über das eigene Schicksal nachzudenkcn, so hoffnungslos die Ankunft auch ausschen mag. Diese Hoffnungslosigkeit drückt uns ja in weit- I!;!■•• 'kill 'ßk! - ', 'Sl 13 78