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Der Israelit · 1933-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der Israelit Nr. 14/15 Seite 3 7. April 1933 ten. Was in jenen Schulen gedacht, gesprochen, gelehrt uild am Feuer des jüdischen Geistes geschmiedet wurde, lag weltenfern vom Loden der harten Wirklichkeit. Und daraus entstanden, werte und werke, Bücher und Lände, für die alle Regale unserer Bibliotheken nicht ausreichen. hier unsere Waffen! Wan hält „Haussuchung" in unserer alten Literatur, in unserem Schrifttume ab. Und da stößt man immer und immer wieder auf den Schrein mit der heiligen Rolle, die Ausgang und Wittelpunkt -dieses aller Welt offenen und dennoch so verkannten Schrifttums ist. „Du sollst nicht morden", „nicht stehlen", „nicht falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten", „den Fremden nicht bedrücken", hier unsere Kampfrufe! Zu einein Feste der Familie rüstet sich der Jude, einem Feste, das den Sieg der Freiheit über Knechtschaft bedeutet. Unsere Waffen? Auf dem Sedertisch liegen sie ausgebreitet. Des P e s s a ch l a m m e s schwaches Symbol: das Heiligtum der jüdischen Familie. Wazzoth, das ungesäuerte Brot: das unerschütterliche G ' t t v e r t r a u e n. W o c a u r: die Gabe und die Willigkeit, alle Bitternisse und Prüfungen auf uns zu nehmen und zu tragen, für die eigene Bestimmung und die der Menschheit. Familie, G'ttvertrauen und Dpferfrende! Andere Waffen haben wir nicht! Auch andere Waffen hat man uns in letzterer Zeit abgenommen: jene Geräte, die eine über den Menschen hinaus sich auch auf die Kreatur erstreckende G'ttesliebe symbolisieren. Line neue schwere Prüfung hat die g'ttliche Wallung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland mit der Verhinderung der Schechita auferlegt. Die Glücksprüsung der Lmanzipation hat das westliche Judentum im Ganzen schlecht bestanden, wie wird es sich in der Leidensprüfung unserer Tage bewähren? Staatsgcsctze bedeuten für uns von altersber religiöse Bindungen. Keine Gemeinde und kein Rabbiner in Deutschland werden dulden, daß irgendwie dieses Gesetz umgangen wird. Aber kein S t a a t s g e s e tz befiehlt uns, Fleisch zu essen, und hier beginnt die harte Probe, auf die heute das deutsche Judentum gestellt ist und die sie, wenn man auf Präzedenzfälle in der Geschichte , etwas geben darf, bestehen wird. Das „Wah Rischtano" unseres heurigen Seder ist ein großes, mehr als vierfaches Fragezeichen, das kein Vater auch nur annähernd zu beantworten imstande wäre. Aber eine große Frage, sagen wir es auch unserem Kinde an diesem Abende der Erziehung zur Kraft und zum jüdischen Willen, stellt G'tt an uns Juden Deutschlands: Seid ihr noch die würdigen Rachkommen derer, die gerade auf deutschem Boden dem Akeöaruf mit einem abrahamitischen 'iin folgten? habt ihr noch das Blut jener Heroen in den Adern und wird es in Wallung kommen wie damals, wenn es galt, zu opfern, sich zu opfern? Gütig ist die prüfende Hand G'ttes. sie verlangt Verzicht auf einen Genuß nur, der den Wenschen zwar zum täglichen Bedürfnis geworden, an dem ab-e r das Leben nicht hängt. Zeigen wir, daß uns solcher Verzicht nicht die Kraft nehmen und nicht den willen schwächen kann, v'vV VV vnp» zu sein! Und danken wir dabei in Hallcl-Gesängen G'tt, daß er uns heute, in Hinsicht auf den „Rückgang unserer Kraft" keine größeren Opfer abverlangt, als die des Verzichtes, der G e n u ß v e r m i n d e - r u n g. Den Opfern ähnlich, wie sie uns das eben begonnene dritte Thorabuch vorführl, bei denen man das Opferfleisch auf den Altar legt und dafür Reinheit und Sühne für die Seele erwirbt. Legen wir, bildlich gesprochen, das uns entzogene Fleisch auf den Altar der G'ttesliebe. Lin heiliges Feuer kommt von oben und verzehrt es, aber uns ist sittliche Reinigung, aufrichtende G'ttesnähe entstanden . . . Line Protestbewegung ist ohne unser Wissen und ohne unseren Willen in die Wege geleitet worden. klagt Zirmejahu. Wir haben die Freunde nicht gerufen, aber sie haben uns getäuscht, sich selbst getäuscht. Wir setzen nicht Wacht gegen Wacht ein, wir erhoben nicht unsere Stimme zum Proteste und verkünden■ keinen Streik. Aber eine Kraft bringen wir auf, die Kraft zum Dulden und verzichten. Wenn wir unsere Küche nunmehr auf fleischlose Kost einstellen, so bedeutet das keinen Protest und keinen Streik, sondern lediglich die Be- ' statigung der Tatsache, das; der Himmel uns eine n e u e schwere Prüfung a u f e r l e g t bat und daß wir gesonnen s i n d , d i e p r ü f u n g auf uns zu n c b m e n , unter voller Respektierung und Einhaltung des Staatsgesetzes, in dem die neue g'ttliche Prüfung ihre Ausdrucksform bekommen hat. Aber eine Probe auch in anderem Sinne, auf anderem Gebiete bedeutet für uns diese neue rrm* Reben unserer Opferkraft im verzichten, will damit G'tt auch unsere Opferfreude im Lieben, im Witfühlen, im Sinne des Ti” 'pSD‘7 by nach Vorschrift des ib psa px1? rma> inbiw erproben. Falls es eine Wöglichkoit geben sollte, rituelles Fleisch aus dem Auslande zu beziehen, so wird es, bei dcir Zollschwierigkeiten und Einfuhrgesetzen zu Preisen sein, die für den Wittelstand und für die ärmere Schicht g a r nicht zu erschwingen sind. Sott der Fleischgcnuß auch am Festtage ein Privileg der einigen wenigen heute noch wirtschaftlich Bessergcstellten sein? wollte nian das Talmuöwort in Bezug auf die Festfreude iwa xVn nn»w ps» aus der Lebenshaltung der großen jüdischen Waffe streichen? hier wird sich der jüdische Gemeinsinn im 'f>nvrr> zu bewähren haben. Reue Anforderungen werden an die WohlfahrtssteUen und die Fürsorgekassen herantreten. Und keiner wird es unterlassen, sich bei jedem Bissen Fleisch, das er sich und seinen Kindern an Sabbat Uild Feiertagen gönnt und gönnen kann, eine freiwillige Taxe aufzuerlegen, zugunsten derer, die genau das gleiche Anrecht darauf haben, Sabbat und Feiertag zu begehen. Echte Bruderliebe kann nicht j dulden, daß in einem Womente, da der gütige G'tt | Opfer uns allen auferlcgt, der eine ben anderen »or- - schickt und sagt: „Du bist gemeint und du hast zu opfern, für mich mit! ..." „Wer da, so lesen wir im Talmud Taanith, lieblos spricht: „Was berührt mich der Gemeinschaft Rot? Wir geht es gut, so will ich mir gütlich tun an Speis und Trank, es sieht es keiner innerhalb meiner vier Wände," der bedenke: Die Wände des Hauses zeugen wider ihn, seine eigene Seele klagt ihn an und die zwei, jeden Wenschen begleitenden Lngel legen ihre Hände auf sein Haupt und rufen: „Dieser hatte nicht Teil an der Trauer von Gemeinde und Gemeinschaft, ihm wird nicht beschieden sein, der Gemeinschaft Trost und Freude mitzuerleben! . . ." Ls ist an der Zeit, daß wir die alten Dokumente hervorsuchen und aus ihnen etwas für den Tag lernen, aus allen Dokumenten der Rot und Befreiung, für die die peffachhaggadah ja nur Einleitung zur ersten Auslage ist. * * * > In meinem Gedächtnis haftet, eine Iugenderinnerung an einen alten Rabbi, der nach Beendigung des Seder das Hohelied sang und danach noch eine Einzahl von Psalmen, vorweg die Stuf e n g e säug e und das Lied des Aufstieges im Psalm 122. Ich nehme den Gesang dieses Jahr auf, denn nun verstehe ich Sinn und Zusammenhang. .'■ui öis ii'bV Mb '*w n xdib „G'tt ist mit uns, bei uns, am sichtbarsten, wenn sich Wenschen gegen uns aufstemmen", vielleicht weil wir ihn dann eher suchen, ihn uns näher wissen. weil für das Lrleben der Seele Aufschrei gleich Cr- Körung ist! '"121 W23 bv nnir nVru 1112VD- LI'VN ’W Aus den Sturzwellen des Haffes, die sich über uns mit Wacht ergießen, haben wir uns eines gerettet: nvbm tidxd mPDi« „Unsere Seele schwang sich gleich den: Vogel hinauf und wurde gerettet." niSL.n nxi ‘iro xS Arbeit, Kraft und Besitz konnten uns genommen werden, nicht aber die S ch w i n g e n , die uns über die schlimmen Zeiten hinaus uitd hinwegtrugen. Das wurde schon Vater Abraham in jener düsteren Rächt der Golusoffenbarung verbürgt. Wie hätte sich sonst die Hoffnung durch Generationen, in der Skala der Leiden, erhalten und zur Erwartung verdichten Pöttnett! Wie könnten wir sonst am Scdertische hinter geschloffenen Türen, auf dein nicht erst übrig bleiben, als Symbol, als ein vom Himmel gesandtes Wahrzeichen, zur Besinnung, zur Umkehr . . . Wie diese Umkehr geschehen soll, ist letztens genügend hervorgehoben worden. Wie weit die religiöse Linie überschritten worden ist. kann jeder selbst ersehen, wenn er den ]nbv, den Maßstab aller jüdischen Werte, zur Hand nimmt. Line solche ernste Selbstprüfung und Selbsterziehung, mit den besten Vorsätzen für die Zukunft, ist der geeignetste Weg zur Rückkehr. Wenn man sich in dieser religiösen Ergebung den Spruch der Weisen V't vor Augen hält, daß n’asn na ray aa^ r»vn->, (alles, was G'tt macht, macht er nur zum Guten) wird es leichter sein, auch das heutige schwe.re Schicksal zu ertragen. Selbst der eventuelle Verzicht aus den Fleischgenuß für eine unbestimmte Zeit, wird und soll als nrrvn pv, als msa betrautet werden und soll als Auftakt zu einer generellen Revision unseres bisherigen Lebens sein, zü einem spontanen ’U'am nwsna N21V21 mpnai - - - Es wird uns auch daun leichter sein, manche solche Schläge zu ertragen, wenn man bedenken wird, in welch unsäglich schwereren Lage, unsere Brüder in -Rußland sich befinden und wie sie dort dahinvegetieren . . . Viele von -ihnen sind zum na» biim gezwungen und müssen meist nur von Kartoffeln leben . . . Diese Not wird uns aber dann zum Segen gereichen, wenn wir sie als Schickung G'ttes verstehen werden, wenn dadurch in uns das jüdische Bewußtsein geweckt wird, und die Lauen wiederum den Weg van der „liberalen Emanzipation" vielmehr vom „Fluche der Emanzipation" zu G'tt zurückfinden werden! Man kann hier nicht umhin, einen Gedanken Rabb. Dr. Lehmanns zu erwähnen, der fast erschütternd in seiner aktuellen Wahrheit uns heute anspricht: Eins der ältesten Blätter der Weltgeschichte ist das Blatt, welches uns die Geschichte Israels erzählt. , Von Anbeginn an halle kein Volk so viel zu leiden gehabt wie das unsrige, das nVao oy- Abraham, der Begründer unseres Volkes, mußte als Fremdling im fremden Lande weilen, Jizchak wurde von Abimelech „ausgewiesen". Jakob mußte leiden und dulden von Jugend an bis zu seinem Greisenalter. Die Wiege unseres Volkes stand in Aegypten. Harte Knechtschaft und furchtbare Mißhandlung war unser Los, dessen Andenken wir in diesem Monat feiern. Im heiligen Lande war die Zeit der Blüte und des Wohlstandes eine überaus kurze, und seit der Auflösung des jüdischen Staates hat kein Volk so viel gelitten wie die Nachkommen Jakobs. Ueber alle Enden der Erde wurde es zerstreut, und es gibt kaum ein Land, welches seinen Boden nicht mit dem Blute jüdischer Märtyrer befleckt hätte . . . Manchmal schien es, wie wenn in einem oder dem anderen Lande Israel eine neue Heimat gefunden; die Söhne Judas lebten dann zufrieden und glücklich von den Mühen ihrer Hände, in Eintracht mit ihren Mitbürgern. bis urplötzlich oder auch allmählich das Unglück über sie hcrcinbrach. So geschah es in Aegypten, in Mesopotamien, in Nordafrika, in Spanien und Portugal, in Frankreich, in England, in Deuffchland. Aus Polen erließ der sran vor 340 Jahren ein Sendschreiben an die deutsche Judenheit, in welchem er sie auflorderte. das Laud der Unterdrückung zu verlassen und sich in den Schutz der toleranten, polnischen Könige zu oegebeu. Kaum ein Jahrhundert später, brachen auch über die Juden in Polen furchtbare Leiden herein, durch die Kosakenhorden Ehmielnitzkis. Unsere Weisen beleuchten diese Vorgänge durch ein Gleichnis, man pum «ni’aoa p^rr rrp sin tnn Klü’f fljfi *73 na nan najo irn mv p^ao miiov sniK nip7 ^ain xnVn xam*i rrava rraapa nvn ’Ki -pann« ''aa an nai '’3är p'i-vai p'arri p’pVcn •(n'y x-rna saa) - - p'yav nm sni’ao . Rabbi bar bar Ehona erzählte: Wir zogen zu Schiff durch das Meer und Iahen einen großen Fisch mitten im Meer liegen; auf seinern Rücken hatte sich Erde angesannnelt, und aus dieser wuchs Schilf empor. Wir wußten nicht, daß es ein Fisch war. und hielten, was sich unseren Augen darbot, für festes Land. Wir fuhren an, stiegen aus ui7d fingen auf dem Rücken des Fisches an zu backen und zu kochen. Als es ihm aber marm würbe, Da drehte er sich um und warf uns ab. Wäre unser Schiff nicht in der Nähe gewesen, wir mären im Meere versunken. (Baba Batra 73b.) Die Bedeullmg dieser so rätselhaft erscheinenden ktvuk ist folgende: Wir Juden werden auf dein Meere des Lebens umhergeworfen. Das Schiff, welches uns Leben und Rettung gewährt, ist unsere heilige Thora, in ihr sind wir geborgen vor dem wütenden Elemente, vor Sturm und Wetter. Gar gerne möchten wir Boden unter den Füßen haben, und in der Tat glauben wir oft, feste Wohnsitze gefunden zu haben bei einer Natron, die uns widerstandslos aufnimmt. So lebten z. B. die Juden in Spanien wohlhabend mit» angesehen, die Industrie, die Künste und die Wissenschaften pflegend; viele von ihnen bekleideten hohe Aemter, andere zählten zum Adel des Landes. Sie sollten bitter enttäuscht werden. Zu der Zeit, als sie sich am wohlsten fühlten, als einer der ihrigen. Don Jizchak Abarbanel, im Rate der Krone saß. mußten sie erfahren, daß sie nicht festes Land unter de» Füßen haben: der Fisch regte sich und schüttelte sie ab ... — Haben wir in unserer Zeit nicht Aehnliches erlebt? - Hörten wir nicht überall die irrenden Brüder rufen: Wir wollen nicht mehr Juden sein, wir wollen alles spezifisch Jüdische oblegen und aufgehen in den Nationen, in deren Mitte wir leben! Da kam plötzlich wie ein Blitz vom heiteren Himmel, wie ein Erdbeben eine Anlisemitenbervegung, um es uns zum Bewußtsein zu bringen, daß der Boden unter unseren Füße77 nicht fest sei. Wir finden nur Ruhe und Sicherheit in dein Schifflein, unseres heiligen Glaubens. jv!' I.! ■T; K r.U.’-.K : - i ■.!■; * i 1: ir

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