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Der Israelit · 1933-04-07 · Heft 14-15 (7.4.1933) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 14-15 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 14/15 Der Israelit 7. April 1933 Die deutsch-jüdische (Orthodoxie freute sich mit den staatsbürgerlichen Rechten, die Deutschlands Staaten den Juden verliehen. Stets aber hat sie in diesen Rechten ein Geschenk G'ttes gesehen, dessen Vaterhand die Herzen des deutschen Volkes zur Gerechtigkeit und Duldung gelenkt habe, und sie hat sich mit dem begnügt, was man ihr g e r n e gönnte, alles andere der Zeitentrcicklung überlassend. In den Archiven der deutschen Ministerien wird sich nicht ein einziges 'Aktenstück der deutsch-jüdischen (Orthodoxie finden, worin sie — der Entwicklung vorgreifend — gefordert oder gebeten hätte, das; ihre Söhne (Offiziere oder Richter oder höhere Verwaltungsbeamte werden könnten. Das; jüdische Kinder überall ausreichende religiöse Unterweisung finden, daß konfessionelle Schulen nicht einzugehen brauchten, das; die Hut des Sabbat nicht unnötig erschwert werde, jüdische Soldaten rituell verpflegt werden könnten, jüdische Gesetzestreue sich in selbständigen jüdischen Gemeinden ausleben dürfe: Eingaben der deutschjüdischen Orthodoxie, vornehmlich der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, solchen Inhalts führten ihre Vertreter immer wieder mit den Ministerien des alten Preußen zusammen und sicherten ihnen stets die freundlichste Aufnahme. Die deutsch-jüdische (Orthodoxie wird nie vergessen können, was sie diesem alten Preußen Bismarcks und Kaiser Wilhelms, des Ersten wie des Zweiten, zu danken hat. Als der große Kampf innerhalb des deutschen Judentums zwischen (Orthodoxie und Ueologie ausbrach, und das religiöse Gewissen der (Orthodoxie ihr den Verbleib in den reformierten Gemeinden verbot, da war es Preußen, das ein eigenes Gesetz schuf, um der Orthodoxie Leben und Lebenscntfaltuug zu sichern. Den Staatsmännern des alten p r e u ß e n , die an den friderizianischen Traditionen der Gewissensfreiheit festhielten, verdankt die deutschjüdische Orthodoxie ihre Existenz. Weil die Orthodoxie stets nur im Ramen und im Interesse der Religion vorsprach, fand sie stets Verständnis und Schutz. Sollte es dem Rationalsozialismus, da er nun überall die Fäden mit Preußens großer Vergangenheit knüpft, nicht auch gegeben sein, für die jüdische Religion — Altpreußens Verständnis zu finden? Muß es wirklich erst bewiesen werden, daß die historische jüdische Religion, die Mutter der Religionen, keine — Schacherreligion ist? Daß die historische jüdische Religion auch vor dem höchsten Sittengesetz bestehen kann? Wenn der deutsch-orthodoxe Jude, mitten im Erwerbsleben stehend, an jedem Freitagabend sein Geschäft und seine Büroräume bis Montag Morgen, wenn er sie an den zahlreichen Feiertagen oft mitten in der Woche 48 Stunden und noch länger unter den schwersten wirtschaftlichen Opfern schließt, wenn er auf Geschäftsreisen oft wochenlang hungert, weil er keine rituelle Verpflegung findet: bringt er damit nicht den fortgesetzten unwiderlegbaren Beweis, daß ihm turmhoch über allem Rutzen — G ' tt und d e r W i l l e G'ttes steht? ' Cs ist schließlich G'ttes Wille, der Deutschlands Juden vor vielen Jahrhunderten auf deutschen Boden geführt hat. Mögen Deutschlands Juden für das deutsche Volk eine Aufgabe sein: will das deutschevolk, das erwachend den Weg auch zu G'tt zurück finden muß, nicht G'ttes Willen ehren? Kann nicht die jüdische Religion, von der Welt immerhin in ihrer historischen Ausprägung als üulturreligion anerkennt, die Brücke bilden z w is ch e n dem d e u t - s ch e n M e n s ch e n u n d d e m j ü d i s ch e n M e nscheu? Gerade als Bewegung geschichtlicher Selbstbesinnung kann der Rationalsozialismus nicht wollen, daß die historische jüdische Religion verkümmere oder auf deutschem Loden der Mißachtung anheimfalle und deutsche Juden, gerade nun erst, des Haltes entbehrend, in geschichtliches — Zigeunectum versinken. Die deutsch-jüdische Orthodoxie kann in einer Atmosphäre nicht leben, in der ihrer überlieferten Religion ein sittlicher Wert nicht zuerkannt würde. Sie muß ihre Kinder in Treue zu ihres G'ttes Wort nicht minder, wie in Treue zu dem Volk, das sie schätzt, erziehen können. Die deutsch-jüdische Orthodoxie erkennt im Rationalsozialismus den Ruf zu historischer Selbstbesinnung, das Bekenntnis zur Idee der ewig sich erneuernden Ration. Sie fühlt sich durch ihn auch selber zu Selbstbesinnung, zu Selbsterneuerung geladen. Er ist ihr in diesem Sinne die Mahnung G'ttes an alle deutsche I u d e n zur Rückte h r z u r historisch überlieferten Religion, zur Wiederanknüpfung, zur festeren Knüpfung des Bandes der Treue zwischen G'tt und ihnen. Dasdeutfche Volk, das sich auf feine eigene Geschichte besinnt, wird Deutschlands Juden verstehen, wenn stein ihrer geschichtlich beglaubigten Gestalt, als Rienfchen der überlieferten Religion, in seiner Mitte weilen. -mWü X'NI Festgedanken in trüber Zeit. Aus der Zeit der Befreiungskriege ist uns folgende Episode erhalten: In einem russischen Städtchen erschienen Franzosen in der Synagoge, um diese nach Waffen zu durchsuchen. Rach einer Stunde vergeblichen Suchens fragten sie den dabeistehenden Rabbiner: „Jetzt sagen Sie uns doch bitte endlich^ wo die Iudengemeinde ihre Waffen versteckt hat?" Schweigend führte der Rabbiner die Soldaten die Stufen zur Heiligen Lade hinauf, öffnete den Schrein und sprach: „Hier, meine Herren, sind unsere Waffen!" Cs hätte der kluge Rabbi, bei günstigerer Gelegenheit, viel weiter ausholen und erzählen können, wie jede „Haussuchung" im Raume der jüdischen Geschichte, des jüdischen Lebens und des jüdischen Schrifttums stets beim H e i l i g e n s ch r e i n e ihren Abschluß fand: Hier unsere Waffen! . . . Im Buche der Thora und in der pessachhaggadah findet ihr unsere alten, nie verrostenden Waffen. Sie blinken und schlagen noch wie am ersten Tage. Dem Sinai entgegen zieht in jugendlicher Frische und bräutlicher Reine das befreite Volk, um sich dort die Grundlagen seines Lebens zu holen. Unterwegs dahin von Pharaos Heeren verfolgt, von Amaleks Scharen angefallen, greift es nach der von den Vätern ererbten Waffe: Es schreit im Gebete zu G'tt auf, es sieht zu den hoch erhobenen Händen Mosis einpor. Hier unsere Waffen! Suchet nach den Waffen, die das Judentum im grauen Altertum gegen Label, Iawan und Cdom geführt hat. „An den Strömen Babels saßen wir und weinten." Brustschild an goldenen Priestergewändern trug man dem großen Alexander entgegen. I a b n e hieß unsere Waffe gegen Rom! Suchet nach den Waffen, mit denen wir der feindlichen Welt in den ersten Jahrhunderten des Mit-, telalters entgegenzogen! Ihr gelanget dabei in die Werkstätten des Geistes, wie sie kein Volk auch in den glücklichsten Zeiten errichtet hat, in die Talmuöfchulen von Ras ch i und der T o s o f i ft e n , in die Lehr-. stuben von Maharam und Asche r i. Richt ein einziges wort hatten diese Schulen für die blutigen Röte ihrer Zeit. Ein paar ganz dünne Slichoth- und Kinnothbüchloin haben, wie die Wachsplatten, all die Tränen und Seufzer ausgenommen und sie uns bis auf den heutigen Tag, für den heutigen Tag, erhal- Die Trostkraft der Hagadah. Von V. Krupermk in Zürich, lieber das xnnV xn als Einleitung zur Hagadah scheint mir folgende Erklärung der Wahrheit nahe zu kommen: Wir sollen am Pessach nicht nur die Symbole der Freiheit vor Augen haben, sondern uns auch innerlich freudig und frei fühlen n’nxan kx’ mn l^xa- Kann man aber die Gefühle bezwingen? Kann man froh fein, wenn das Herz voll der Sorge und Kummer ist? Wie viele der Sorgen und Kümmernisse setzen sich gerade dieses Jahr mit uns an den Sedertifch? Allen Betrübten und Besorgten rast der » a.i Zu: Seht, armes Brot war es doch, das unsere Eltern in Aegypten aßen, lange Jahre aßen; wie unversehens schnell hat sich aber ihre Lage geändert! Sie hatten keine Zeit mehr, ihr Brot zu backen, da der Erlösung Stunde schlug. Auch unsere Lage kann sich rasch ändern. Gerade der Pessach kann in uns diese Hoffnung erwecken. So kommet doch und erzählet von der Erlösung aus Aegypten und esset dann freudigen Herzens. Jeder, der etwas benötigt und ersehnt, der komme und feiere Pessach. denn auch seine Hoffnung kann erfüllt werden. Und wenn uns das Schicksal unseres Volkes betrübt und deshalb an diesem Abend kein Gefühl der Freude über die Befreiung aus Aegypten in uns aufsteigen kann, so können wir auch hierin keinen besseren Trost finden, als indem wir vom Auszug aus Aegypten sprechen. Lehrt uns doch dieser, wie nahe der Weg für Israel von der Knechtschaft zur Erlösung, zur vollen Befreiung ist. Sind wir auch, fährt der man weiter fort, weise, vernünftig und erfahren und wissen und begreifen, daß auch Quäl und Not nicht zwecklos sind, oder haben wir auch aus den Quellen der Thora vernommen, daß die Wege G'ttes gerade sind und daß auch feine Schläge nur der Heilung dienen, so können wir durch das Sprechen und Erzählen der ägyptischen Knechtung und der Erlösung uns neuen Mut einflößen. Nicht allein am Sederabend. sondern täglich wollen wir uns in jeder Lage an den Auszug aus Aegypten erinnern und daraus Hoffnung schöpfen, je mehr, je lobenswerter. Auch die größten Führer unseres Volkes haben in Zeiten der Not in der Erzählung von Dmx» Trost unb ©törhing gesucht, '3i '212 n©xa. Die Erklärung von den Weisen, die am Sederabend so lange von .mxgesprochen haben, bis ihre Schüler sie an das Schma erinnerten, ist nicht befriedigend. Wenn es ein Gebot ist. lange und viel zu erzählen, sollten sie es doch immer getan haben und nicht nur, wie es hier scheint, dieses eine Mal. da sie beisammen waren. Sie brauchten auch wegen des Schma-Lesens ihre Erzählung nicht zu unterhalten, pflegte doch auch Rabbbi, wenn er seinen Lernvortrag hielt und die Zeit des Schma herankam. nur die Augen zu schließen, und den ersten Vers des Schma zu sprechen, um dann in seinem Vortrag sortzusahren. a'’ man- Es ist auch nicht zu verstehen, weshalb die genannten Weisen, da sie wegen irgendeiner dringenden Angelegenheit kurz vor narr ihre Wohnstätten verlassen mußten, auch ihre Schüler mitgenommen haben. Diese 'aa ’ana rwsn ist eher als eine Bestätigung im Sinne der obigen nvnb rrn-Erklärung zu verstehen. Wir wissen, in welch trauriger Zeit für das Judentum die in dieser Geschichte erwähnten Lehrer gelebt haben. Es war die Zeit der n»vn mn, wo die Thora und das Judentum mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollte. Der man i>ya deutet das mit den Worten an: es war einmal, daß kurz vor nvs. die großen Führer des Volkes nach jna ’an, dem Wohnsitz von Rabbi Akiba, eilen mußten. Gewiß war es doch nur. um eine große und schwere Gesahr von Israel abzuwenden. In dieser ganzen Zeit der Finsternis n^n imrr ba sagt der man i>s?a, haben unsere Weisen an wnxa nx'X' gedacht und davon gesprochen, um in ihrer traurigen Lage nicht zu verzagen und zu verzweifeln. Bis dann ihre in ihrem Geiste erzogenen und nach ihren Weisungen tätigen Schüler kämen und ihnen mitteilten, daß schon die Nacht Zu weichen beginne und die ersten Lichtstrahlen am Horizonte f'chlbar sind. Das Gebot der Zeit! Von Pinchas Zamari. Schwere Zeiten macht jetzt das deutsche Judentum durch. Dunkle Wolken rollen mit Gebrüll durch den Himmel. Ab und zu schlägt ein Donner krachend ein, worauf alles ängstlich aufzittert. Alles lebt in ungewöhnlicher Spannung, in dunkler Ungewißheit, was der Morgen bringt. Die Kehlen sind zugeschnürt und trocken, während da draußen der Sturm tobt, das Gewitter braust ... Aber, wie gesagt, nur ein Gewitter, das kommt und vergeht. Auch dieses wird bald verschwinden und es erscheint wiederum der Sonnenstrahl vom blauen Himmel. Vom Gewitter wird nur hie und da ein eingeschlagener Baum . . . ein eingestürztes Gebäude . . .

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