Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 13 Der Israelit 30. März 1933. war der Platz Rabbi Roffons — in feinem Traumbilde war Rabbi Rossen auch dort ein Platz zugewiesen — leer. Die auLgebobene Tborarolle trug schwarzes Mäntelchen und schwarzen Rmhang. Tr erinnerte sich beim Erwachen an die Sitte der Heimal, den Tod bedeutender- Männer durch schwarzuml.uiOe Tborarolle anzuzeigen ... Cr erschrak bei diesem Gedanken. Unsinnig genug war der Traum» der ihn Rabbi Rosson in der großen Schul, die er nie betrat, suchen ließ. 'Aber seine Rübe war dahin. Acht Tage später kaur der langersehnte Brief aus Frankfurt. Ein Entsetzensschrei entrang sich seiner Brust» als er den Umschlag ausmachte. Der Brief war nicht von der Hand Rabbi Roffons. Eine Zeile fremder Handschrift starrte ihn an: „Am 27. Clul hat unser Rabbi und Lehrer wie ein Heiliger seine Seele ausgehaucht. Sein letztes Wort war: „Mosche, sei gerüstet! An erhöhter Stelle wird dein Licht erstrahlen und steigen! . . Mosche brachte den Trauerriß tief am Gewände an. In der Schul zu Mattersdorf sprach er auf den Stufen des Almemor sitzend zu der zu Boden gedrückten Gemeinde unter lautem Schluchzen Worte des Schmerzes über den Heimgang dos Größten, Edelsten und Heiligsten in Israel, der „Vater, Wagen Israels und sein Vorreiter" war . . . Die in Tränen aufgelöste Gemeinde merkte, daß hier wirklich ein großer Sohn den großen Vater beweinte .. . Erst später läö Rabbi Mosche ben ganzen langen Brief. Er war von Löb Emmerich geschrieben und enthielt eine lebhafte Schilderung der letzten Tage des Meisters und seines Todes. Der Kampf war nicht zur Ruhe gekommen. Aber er, Rabbi Roffon, saß, wie ein König mitten in der tobenden Schlacht, auf gesicherter Höhe, geschützt vor Angriff und Verunglimpfung . . . Die Getreuen um ihn, auch ihn, Emmerich, traf es täglich hagcldick, der Rame Rabbi Roffons wurde trotz neuer Eintragungen und Bekanntmachungen, trotz Bann und Ausschluß, immer mehr zu einem Symbol unantastbarer Größe und Heiligkeit. Es kam die Krankheit, die die ganze Gemeinde in höchste Erregung versetzte. Für den Halbgeächteten beteten sie jetzt in der Schul und in allen Bethäusern unter heißen Tränen. Tag und Rackl erklangen die Psalmen. Am wundervollen Untergang erkannte man erst die Sonne — am Zenith genoß man sie nur und sah sie nickt — in ihrer ganzen Kraft und Schönheit und wollte sie mit Gewalt festhalten . . . Vorstand und Rabbinat traten zusammen, ließen durch Anschlag, Eintragung und Ausrufung bekanntgeben, daß es keiner wage, Rabbi Rosson etwas nachzusagen und nachzutragen, daß sein Tun, oft unverständlich, rein und lauter und tief begründet war, daß' auch demgemäß alle früheren Eröffnungen gegen Rabbi Rosson, die zu Mißverständnissen führen könnten, null und nichtig seien. Darauf begaben sich Vorstand, (vberrabbiner und Dajanim in das Haus des Kranken . . . Rach Jahren zum erstenmal wieder . . . Das war am elften Clul, und zwei Wochen später, zwei Tage vor Rosckhaschono, erlosch das große Licht. „Eine Sonne ging unter, eine Sonne geht auf — aber wo, in welchem Lande, in welcher Stadt? W i r haben ihn verloren, und es gilt für uns das wort im Buche Samuel l: „denn er glich keinem Crdenfohn. daß wir Trost annehmen könnten." Cs waren dies die Klageworte Rabbi Pinckos, des (Oberrabbiners» am frischen Grabe, mit dem der Brief schloß. (Fortsetzung folgt.) Hamawdil. Der Heiligem gibt vor dem Alltag die Weihe — O. daß er uns unsre Sünden verzeihe! Er mehr' uns Besitz und der Nachkommen Reihe So viel wie die Sterne der Nacht. Wie des Palmenbaums Schatten der Tag sich wendet. Da ruf' ich zu G'tt, der mein Schicksal mir sendet: „Der Wächter spricht: „Der Tag hat geendet; Weh den Frevlern, die fürchten die Nacht?" Wie Tabor, der Berg, so stark ist dein Richten. O. mögest du meine Sünden vernichten. So wie man den gestrigen Tag nicht kann sichten. Nicht die Wache der vergangenen Nacht. Die Zeit meiner Opfer, lang ist sie entschwunden! So Hab' ich nicht Sühne, nicht Ruh' mehr gefunden. Ich bin es so müde, zu seufzen durch Stunden. Zu vergießen viel Tränen bei Nacht! O. mögest du nicht meiner Stimme entweichen! Das geöffnete Tor. ich möcht' es erreichen. Mein Haupt, es trägt Tau. das nächtliche Zeichen, Meine Locken netzen Tropfen der Nacht. Erhabener, Mächtiger, laß' dich erflehen! Ich bete: Erlös' mich von meinem Vergehen. Nun, da die Schatten der Dämm'rung entstehen. Noch vor Eintritt der dunkelsten Nacht! Von meinen Taten entferne die Flecken, Damit meine Feinde die Hälse nicht recken: „Es mußte sich wohl sein Schöpfer verstecken, Der da anstimmt die Lieder der Nacht?!" Es muß uns're Härte in deiner Hand schwinden! — Vergib uns leichte und schwere Sünden. Dann wird es ein Tag dem anderen künden Und eine der anderen Nacht. Der Heiligem gibt vor dem Alltag die Weihe — O. daß er uns unsre Sünden verzeihe! Er mehr' uns Besitz und der Nachkommen Reihe So viel wie die Sterne der Nacht. Rosi Posner. Hamawdil. Das Lied für den Sabbat-Ausgang. Wörtliche Uebersetzung, Deutung und Verinnerlichung. Erwart- Der Sabbat ist hin. Die Schatten einer neuer! Nacht haben sich hörabgesenkt. Das Gefühl der beseligenden, der kräftigenden, der erhebenden Ruhe weicht. Die Arbeit lockt, reizt mit ihrem neuen Ausgabenkreis, mit ihrem Anfang nach der Vollendung; sie läßt die „zweite Seele" des Sabbats entschwinden, bringt Sorgenfalten mühenden Ernst, führt hinein in den Um-' kreis des Alltags. Der Hausherr, umgeben von seiner Familie, hat die Kerze mit den Tropfen des Trankes, über den er den Ssgeusspruch gesprochen hatte, zum Verlöschen gebracht. Die Gewürzbüchse steht vor ihm, der Becher ist geleert, die Kerze liegt über dem Teller. Er muß sich trennen vom Sabbat, das Licht hat ihn an das neue Schaffen schon gemahnt. Da sucht er im Worte des Liedes die Schwingen, die ihn zum Alltag geleiten, ihn mit den schützenden Engeln umgeben, deren der strebende und tätige Mensch bedarf. Ein strophenreiches Lied setzt ein. I. Der Heiliges vom Unheiligen scheidet, Er möge unsere Sünden verzeihen. Er möge uns dem Sande gleich an Menge geben Nachkommen und Besitz, vergleichbar auch an Fülle den Sternen der Nacht. H. Der Tag hat sich gewendet wie der Schatten der Palms, ich rufe zu dem Höchsten, der Alles über mich beschließt: „es spricht der Wächter, es kommt der Morgen und auch die Nacht." III. Deine Gerechtigkeit ist vergleichbar dem Berge Tabor, unerschütterlich; gehe hinweg über unsere, meine Sünden; lasse sie enden wie den gestrigen Tag. wenn er vorüber ist, wie eine Wache in der vergangenen Nacht. IV. Hingeschwunden ist die Zeit meiner Opfer; wer gäbe mir andere Ruhe (Sühne)? Müde bin ich meines Ssufzens, rnsin Lager tränt in jeder Nacht. V. Meines Flehens Stimme sei nicht unerreichbar dir; öffnen mir das Hohe Tor, denn mein Haupt ist voll von Tau. meine Locken voll von den Tropfen der Nacht. VI. Lasse dich anslehen, Erhabener, Ehrfurchtgebietender! Ich bete: „sende Erlösung', in der Abenddämmerung, im Dunkel der Nacht." VII. Ich rufe dich an, Ewiger, hilf mir; den Pfad des Lebens lasse mich wissen, vor Armut bewahre mich, bei Tag und bei Nacht. VIII. Wische fort die Flecken meiner Taten, damit die mir grollen, nicht sprechen, wo ist der G'tt, der Schöpfer, der Lieder ertönen läßt bei Nacht. IX. Wir sind wie Ton in deiner Hand; vergib uns leichte und schwere Schuld; lasse einen Tag dem anderen die Kunde bringen und eine Nacht der anderen. X. Der Heiliges vom Unheiligen scheidet. Er möge unsere Sünden verzeihen; Er möge uns dem Sande gleich an Menge geben Nachkommen und Besitz, vergleichbar auch an Fülle den Sternen der Nacht. Das Abschiedslied an den scheidenden Sabbat ist getragen von dem Gedanken an die kommenden Tage, die in ihrer Unruhe und Unrast den Weg zur Sünde eröffnen und uns hinabziehen in den Pfuhl der Schuld. Daher möge G'tt, der den heiligen Sabbat von den unheiligen Tagen trennt, unsere Sünden vergeben, möge den Wächter der Gerechtigkeit rufen lassen, „es kommt der Tag für die Guten, die Nacht für die Bösen." Nicht Opfer können mehr Sühne bringen, nur das Gebet, nur das Flehen, den rechten Weg von oben gewiesen zu erhalten, kann die Flecken der Versündigung nehmen, kann uns retten von der Schmähung durch die Ungläubigen, die den helfenden und befreienden G'tt bei den Getreuen vermissen. Ist die Ruhe nicht weit mehr noch die Quelle der Sünde, läßt nicht die Arbeit gerade die Sünde unterdrücken? Ist nicht Müßiggang aller Laster Anfang, Mühe die Schule der Zucht und der Ordnung? Es scheint, daß dieses Abschiedslied, das den „kleinen Jfak" zum Verfasser hat, ursprünglich nicht dem Ausgang des gewöhnlichen Sabbat galt. Wie schon der Mordechaf — zum Traktat Joma — bemerkt, war es Brauch, dieses Lied am Ausgang des Versöhnungstages in der Synagoge zu singen. Wie vortrefflich es für diese Stimmung und Zeit geeignet ist, wird Jedem, der erst einmal darauf aufmerksam wurde, leicht klar. In wenigen Worten hat der Ehatham Sofer (Teschuwoth orach chajim 67) auch daraus hingewiesen. „Es hat sich gewendet der Tag, öffne das himmlische Tor", der beschließende G'tt. der Wächter der Entscheidung gemacht, der Ton in der Hand u. v. a erinnert sehr stark an Wendungen und Vorstellungen des Versöhnungstages, die reichlich bekannt find. Wann dieses Lied als Abschiedslied des Sabbats überhaupt Eingang gefunden hat, vermögen wir nicht zu sagen. Es ist in seinen Wünschen und Lobesworten fast nur aus biblischen Sätzen entstanden und erhält dadurch seinen tiefsten Reiz. Wir wollen es aus der häuslichen Liturgie nicht missen. Es läßt uns des Mottos unseres Arbeitslebens inne werden: den Pfad des Lebens zu kennen und frei zu sein von allen Flecken der Versündigung. Es spricht von unserem bescheidenen Dasein, von dem Ton. der wir in des Schöpfers Hand sind, dessen Segen die Arbeit der Woche erheischt. Wahrscheinlich später hat mau die alten Strophen erweitert, um der neuen Bestimmung — als Abschiedslied für jeden Sabbat zu dienen — gerecht zu werden. Da heißt es noch in Ergänzungsstrophen: I. G'tt, der du lösest von jedem Dränger, aus der Bedrängnis rufen wir dich an; lasse deine Hand nicht kurz sein, weder bei Tag noch bei Nacht. II. Michael, der Fürst Israels, Elijahu und Gabriel, mögen doch mit dem Erlöser kommen, erhebet euch, jubelt mitten in der Nacht. Hl. Gib uns eine gute Woche, frisch wie den grünenden Garten; wahrlich G'tt gibt Gutes, jeden Tag und jede Nacht? So zuletzt der Ausblick auf die kommende Woche, die G'ttes. Segen erfahren möge. Rabbiner Dr. A. Posner, Kiel. Olenu. Da Genouiexion d’AIenou, Drama in drei Akten von Joseph Schulsinger, Paris, librairie Lipschütz. 1932. Es will kein historisches Drama sein und es ist mehr als dies. Das ganze Mittelalter zieht an uns vorüber, das zweitausendjährige Martyrium eines Volkes findet in drei Akten Platz. Alle Personen dieses Stückes haben gelebt, wenn auch nicht zur gleichen Zeit und nicht an gleichem Orte. Das Stück spielt zu Ferrara, das damals zum Kirchenstaat gehörte. Ein gelehrter Priester, Casimir Dombrowsky, hat schon viele Juden quasi gewaltsam zur Dause geführt. Ihm wird es auch gelingen, die bereits verlobte und von der Kirche gewaltsam zurückgehaltene, hübsche und fromme Rachel abtrünnig zu machen. Doch bei Rachel scheitern seine Bemühungen. Seine Belege werden von ihr widerlegt, und je mehr er sich Mühe gibt, zum Ziele zu gelangen, um so mehr erkennt er an Rahels Antworten die Schwäche feiner eigenen Argumente. In seiner Verzweiflung begibt er sich gum Kardinal, dem Gouverneur von Ferrara, einem Herrn, der sich immer wieder große Summen Geldes zu verschaffen versteht, indem er die Volksmasse gegen die Juden hetzt, letztere einschüchtert und sich gegen schwere Bezahlung zu ihrem Schutzherrn aufspielt. Dort trifft Casimir den Weihbischof, dem er, da der Kardinal nach trefflicher Mahlzeit eingeschlafeu war, sein Leid klagt. Casimir zeigt die Zerrissenheit feines Wesens und offenbart dem hohen Geistlichen. daß die ihm gewordene Mission, Juden ihrer Religion abtrünnig zu machen, ihn immer mehr begeistere, ja daß er sich von der jüdischen Lehre gar angezogen fühle. Es widere ihn an. jetzt ein jüdisches Mädchen gegen ihren Willen der Taufe zuzuführen und er verzichte daraus, sich weiter mit solch ihm unmoralisch dünkenden Dingen zu befassen. Der Weihbischof wird natürlich unwirsch und in der Erregung entfährt ihm ein Hinweis darauf, daß ja auch Casimir von Juden abstamme. Da auf Befragen ihm nichtssagende Antwort wird, so forscht Casimir selber nach und was fein Herz längst fühlt, wird ihm zur Gewißheit: er selber ist Judenfprößling. von der Kirche erzogen. Nun läßt es ihn nicht mehr ruhen. Er trotzt allen Gefahren, raubt die sonst dem Tode verfallene Nachel und flieht mit ihr. Er will wieder Jude werden. — Zu allen Zeiten spielten sich solche Begebenheiten ab, so z. B. 1275, als der englische Dominikanermönch Robert de Redding nach tiefen Studien über das Judentum, die zum Zweck unternommen wurden, um so besser Juden bekehren zu können, schließlich selbst Jude wurde. Wir erwähnen nur den Märtyrer Franziskanermönch Diego de Affuncao (1603) und den Märtyrer Valentin Graf Potocki <1746). So der Oberkonsistorialrat bei Friedrich dem Großen, von diesem beauftragt, binnen 14 Tagen Mendelssohn zu bekehren, ansonst er seine Stelle verlieren würde,