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Der Israelit · 1933-03-30 · Heft 13 (30.3.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 13 (30.3.1933)
Date
1933-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jeniiimn. Beite Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Nunmehr begann ein fieberhaftes Arbeiten für Rabbi Mosche, dem nur ein paar Männer zur Seite standen, wie für «den Kapitän auf der Kommandobrücke seines gegen schwere Seen ankämpfenden Schiffes. Gleich in den ersten Morgenstunden war das Unglück durch Eilboten in der ganzen weiten Umgegend bekanntgeworden. Ein Hilferuf erging über das Land und wurde vort jedem an jeden weiter und weiter gegeben. Schon gegen Mittag kamen die ersten großen Fuhren aus den naheliegenden Gemeinden angerollt, vollbelaöen mit Brot, allerhand Lebensmitteln, Wäsche und Kleidungsstücken, Gpfergaben der Bruderliebe. In den folgenden Tageir kamen die Geldspenden, Resultate der öffentlichen Sammlungen in allen Städten Ungarns und der angrenzenden Länder. Im Rabbinerhause saß das Komitee, das unter Führung des Rabbi die gerechte Verteilung leitete. Ueber die erste augenblickliche Rot war man hinweggekommen, die größeren Aufgaben begannen erst jetzt. Aber nun hatte sich Rabbi Wo sch e in seine neuartige Aufgabe so hineingearbeitet, daß er guten Mutes in die Zukunft sah und alle, Helfer wie Hilfsbedürftige, mit hinriß. Ein Gang zu den Behörden und ein ungewohnter Besuch des Rabbi im Adelsklub, in dem sich die Rittergutsbesitzer versammelten, brachten ungeahnten Erfolg. Schon am folgenden Tage wurden aus den naheliegenden Wäldern so viele Klötze, Pfähle, Bretter, Ziegel und Steine angefahren, daß inan sofort mit Hilfe kundiger Hände an die Aufstellung von Baracken Herangehen konnte. Das bessere Baumaterial wurde unter Dach gebracht, für die spätere Wiedererrichtung der festen Wohnhäuser. Die Menschen hatten zunächst genügend zu essen, ganze Kleider am Leibe, ein dürftiges Dach über ihrem Haupte und erwachten mählich aus der dumpfen Verzweiflung zu neuer Hoffnung und neuem Lebenswillen, fingen an, über den Wiederaufbau ihres zerstörten Daseins nachzuöenken. In der großen warnten Schul fanden sich jetzt die Menschen alle Abende wie in ihrem trauten Heime. Und der Rabbi war bei ihnen, sprach ihnen Trost zu, beriet mit ihnen über die Zukunft, und man war bald so weit, daß man sich sogar schon wieder für geistige Probleme aus dem weitweg. von den Ruinen der Gafft liegenden Reiche der jüdischen Lehre interessieren konnte. Als nach wenigen Monaten das Sanunelwerk abgeschlossen war, hatte man doch so viel beisammen, daß jedem mit einem beträchtlichen Beitrag zum Ausbau seines Häuschens und zur Wiedererrichtung seiner Existenz geholfen werden konnte. ' : Der Brand hatte ein kleines Rachspiel vor dem Kreisgerichte, - wo sich die Tokews, Vater und Sohn, vor dem verdachte der B r a n d st i f t u n g zu rechtfertigen hatten. Ankläger waren Baron Winterfeld, der Eigentümer des Grundstückes, auf dein Mühle, Brauerei- und Brennerei standen, und eine Wiener Assekuranz, damals die erste, dieser Art in jenen Landen, die in den Tokews die einzigen Mattersdorfer Kunden hatte. Längere pachtstnnönngen beim Gutsbesitzer ließen den verdacht anfkommen, daß sich die Tokews durch die ansehnliche Versicherungssumme aufhelfen wollten. Lin Argument in den Anklageakten lautete: Man hatte am Samstag vor Ausbruch des Brandes Rauch aus dem Gebäude kommen sehen. Da ,aber die Tokews Juden sind und als solche am Sabbat ihre Betriebe wohl ruhen lassen, so deute jener Rauch auf die Feuerlegung hin, durch ste selbst oder Bcansttagle. Man hatte übrigens den Sohn, Robert Tokew, gegen Abend aus der Mühle kommen sehen. Was hatte er als Jude am Sabbat in der Mühle zu tun? Zu dieser und ähnlichen Fragen wurde auch der Rabbiner, Rabbi Mosche, als Zeuge und Sachverständiger vom Gerichte verhört. Robert Tokew erblaßte, als der Rabbi, von den Gerichtsherreir mit Lhrerbietung empfangen, erschien. Der Feind, der Ankläger! . . . Das hatte noch gefehlt! Hilel, der Alte, sah bittend und hilfesuchend zu Rabbi Mosche hin. Der Rabbi klagte an: Die Tokews, besonders der junge Herr, nähmen es nicht genau mit dein Religionsgesetze, folgten seinen Weisungen nicht, ließen den Betrieb a m Sabbat nicht ruhen. „Damit erklärt sich auch der Rauch am Sabbat," hakte hier der Verteidiger, der den Sinn der Anklage begriff, sofort ein- Und Rabbi Mosche widersprach nicht. „Hält der Herr Rabbiner einen Mann, der sich so über die Satzungen seiner Religion hinwegsetzt, nicht auch für moralisch defekt genug, um seine ins Wanken geratene Existenz, mit einer Brandstiftung wieder aufzurichten?" griff der Ankläger ein. „Im allgemeinen nehme ich das bei Menschen, die vom Geiste der neuen Zeit so erfaßt sind, daß sie glauben, ohne Schaden für ihren Charakter sich von religiösen Bindungen lösen zu können, nicht an," lautete die Auskunft des Rabbi. „Und in diesem speziellen Falle?" „Kann ich es schon ganz und gar nicht annehmen. Hilel, der Vater, bewegte sich den Sabbat hindurch unter Juden, jeder in der Gasse könnte dessen Alibi beweisen." „Und der Sohn?" „Dieser bängt mit allen Fasern seiner Seele an dem Unternehmen, das ec mit eigenen Händen aufgebaut, so sehr, daß er glaubt, sich nicht einmal für eine n Tag ln der Woche, den Sabbat/ von ihm trennen zu können. Wie sollte er die Axt oder die Brandfackel an sein eigenes Werk legen?"- Das rettete die Angeklagten. Die Verteidigung legte sich auf jedes Wort des Rabbi fest, schmiedete! daraus ihre wirksamste Waffe gegen die Anklage. Die Tokews, Vater und Sohn, verließen, frei von Schuld und Strafe, das Gericht, j , Der Alte wollte auf den Rabbi zulaufen, Dankeswortc stammeln. Rabbi Mosche wandte sich ab. Die Sabbatlizenz der Tokews war abgclaufen . . . Robert verzog nach Wien, um mit den letzten Beständen in anderen Unternehmen sein Glück zu versuchen. Hilel, der alte, zog sich von den Geschäften zurück, und vertrieb seine Muße im Lehrhausc, bei Gebeten und leichterer Talmudlektüre. Cr uüschte sich nicht mehr in Gemeindegeschäfte und es verlangte ihn ..nicht mehr nach Chren und Aemtern. Uur wenn die Leute . im Lehrhausc von ihrem Rabbi Mosche, seiner Größe, Klugheit und Heiligkeit sprachen, schüttelte der alte Hilel den Kops und sagte: „Wenn nicht noch mehr, noch mehr . . ," XIX. Ti n Traumbild und seine Deut n n g. Das Hilfswerk für die abgebrannte Stadt war im vollen Gange. Aber es ging nicht immer ohne Streitigkeiten und Widerwärtigkeiten ab. Manche fühlten sich benachteiligt, manche glaubten, andere zu ihren eigenen Ungunsten bevorzugt. Der starke Mann an der Spitze, eisern und gütig zugleich im Lieben und im Helfen, zeigte seine starke Hand auch im Schlichten und Rcchtsprcchcn. Schonung oder Rücksicht kannte er, wo das Recht sprach, nicht. Jedem das Seine, und wo Zweifel aufkamen, da war der Punkt gegeben, wo die Lehre ordnend und ausgleichend ins Leben eingriff. Wozu hatte man sonst Talmud und Maimonides, die Dczisoren und den Thoschen Mtschpat, einen Rabbi und ein Besdin? Gewiß gab es Renitente, die, vom Unglück verbittert und von dem Wettrennen nach dem Beitrag bis zur Raserei angestachelt, sich mit dem Cntscheid des Rabbi und * seines Besdin nicht zufriedengaben und „höheren Drles" ihr Recht suchten. Die Behörden aber prüften die Fälle und erkannten lobend die rabbinische Cntscheidung als recht und weife an, verwiesen von nun ab sogar alle Parteien, die in Baustreitigkeiten gleich zu den Gerichten liefen, an das Rablnische Tribunal. Das Bauwerk machte Fortschritte, eine neue Iudenstadt wuchs langsanr aus den Trümmern der alten in die Höhe. Hier ein Hänschen, dort ein Häuschen, zumeist schöner und massiver als die alten, und sie schloffen sich zu kleinen Gassen. Aus Brand und Asche sproß neues Leben, weihe und Heiligkeit für die, die jetzt noch in Baracken notdürftig hausten. In der Rächt hatte Rabbi Mosche einen schweren Traum, der ihn in die heimatlichen Gefilde zurückführte. Den Vater sah er, den alten längst Heimgegangenen Frankfurter Sofer. Und dieser legte seine Knochenhände auf das Haupt des Sohnes: „Kind, du hast das Soferbandwerk von Kindheit' an gesehen und erlaubst es,' daß unter deinen Augen, die heiligen pergamentsabschnitte ohne Zwischenraum in das Tefillingehäuft gelegt werden ..." Auf solche Träume pflegte er, wie er es von seinem Lehrer Rabbi Uosson gelernt hatte, einen Fasttag zum stillen Uachdenkcn und zur Linkehr folgen zu lassen. Pergamente ohne Zwischenraum im Gehäuft! Da stimmte etwas nicht in seinem Leben, in seiner Gemeinde, in seinem Liebeswerkc . . . Als der Fasttag bald zu Ende war und sein jetzt noch stiller sich bewegendes Matchen schon den Tisch zum frugalen Mahle deckle, kam ihm eine Erleuchtung. Roch bevor er sich zu Tisch setzte, ging er in. die Baracken hinaus und sah sich die einzelnen Gemächer an. Hier war des Traumes lebendige Deutung: Im Zwange und in der Enge der Verhältnisse hausten verschiedene Familien in gemeinsamem Raume, ohne Trennung, ohne Schutz für die Schämigkeit, ohne sichere Scheidewand zwischen den Geschlechtern, zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Cs waren noch Bretter genug in Vorrat, um sofort mit Hilfe aller Handwerker der Gemeinde Wandel zu schaffen. Roch am gleichen 'Abend. Cs hatte nun jedes pergamentchen seinen eigenen Raum im großen Gehäuse. Der Alpdruck des Tramnes war behoben, und Rabbi Mosche konnte sich mit ruhigem Herzen nach langem Fasten au den Tisch setzen. Db cs von der ungewohnten Arbeit, den vielen Seufzern und Tränen kam, dem unvergessenen Schreckensbilde der Rächt in seiner Seele, daß Rabbi Mosche jetzt so oft von schauerlichen Träumen gequält wurde? Seinen Lehrer Rabbi Uosson sah er Rächt für Rächt, in jeglicher Gestalt, in jeglicher Stellung, als Greis und als Jüngling, mit lachender Güte im Gesichte und Tränen in den Augen. Er sagte was, lehrte was, segnete mit ausgebreiteten Priefterbänden . . . Und wie Rabbi Mosche erwachte, waren ihm stets die Worte des Kleisters völlig entfallen, zerronnen. Daß er so viel jetzt von Rabbi Uosson träumte, konnte auch seinen natürlichen Grund darin haben, daß er zur Zeit so viel an ihn dachte. Durch den Brand, den Wiederaufbau, die Verteilungen und all die kleinen und großen Sorgen, die siä? daraus ergaben, war er vor schwierige halachische und menschliche Fragen und Aufgaben gestellt.' Wie immer, ging er Rabbi Uosson um Rat an. Die Antwort aus Frankfurt blieb aber ungewohnt lange aus. von c!.ag zu Tag, von Post zu Post, wartete der große Schüler mit steigender Ungeduld und Sorge auf ein Wort, ein Zeichen des großen Lehrers. Der Helle Tag brachte das ersehnte Wort nicht. Um so wort- und bildrcicher sprach die Rächt. Seine schweren Träume waren'mit Bildern und Visionen um Frankfurt und Rabbi Rosson belebt. Eine dieser Visionen drückte ihn darnieder, und auch der angesetzte Fasttag brachte keine Entspannung und Beruhigung. Cr hatte sich im Traume in seiner Heimatstadt gesehen, in jener engen Gaffe, im kleinen Lehrhausc. Der Platz des Meisters war leer. Zugleich sah ec sich in der Alschul. 2luch dort

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