Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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30. März 1933. Der Israelit Nr. 13 Seite 7 fasiung charakteristisch ist, sich stark einem europäischen Sonntag anähnelt. Wer die Bedingungen im Sanbe kennt, weiß, daß ein noch so fanatisches Predigen zum Einhalten der alten Traditionsformen aussichtslos ist. — Diese Sätze finden sich in einem Aufsatze von Gerda Arlosoroff-Goldberg, Tel-Awiw. Die Worte sind die reine Wahrheit für die Beurteilung des neuen Jischuw, der im Gegensatz zu dem religiös fundierten alten Jischuw national basieren will. Die Worte beweisen den nationalen Firnis des neuen Jischuw ohne nationalen Inhalt. Denn jedes regenerierte Volk macht seine Traditionen wieder lebendig. Nicht Sprache und Land, sondern bewußtes Verbundensein mit der Ahnenkette charakterisieren ein Volk. Dem neuen Jischuw steckt aber die Assimilation mit der ganzen Galuth-Unnatürlichkeit noch so in den Knochen, daß er bisher für sich die natürliche Konsequenz einer wirklichen nationalen Regenerierung nicht zu ziehen weiß. - Diese Konstatierung braucht nicht zu verwundern. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Weltkrieges haben auch tausende Juden nach Erez-Jsrael in Bewegung gesetzt, die zu der nationalen jüdischen Strömung nur aus den für sie katastrophalen politischen oder wirtschaftlichen Ursachen gekommen sind. Sie griffen nach dem ihnen winkenden Rettungsanker, wie man eben nach einem Rettungsanker zu greifen pflegt, nämlich, ohne nachzudenken. Wem die Religion des Judentums nichts zu sagen hat, wer daher nicht weiß, wofür er leiden soll, der sieht nur zwei Wege vor sich: restlose Assimilation oder jüdischer Nationalismus. Ein Bekenntnis ist aber leichter als seine Konsequenzen. So gehen die einen meist nur einige Schritte auf dem Wege zur restlosen Assimilation und so bleiben die anderen noch in der Assimilation und nehmen vom Nationalismus nur ihnen gemäße Aeußerlichkeiten an. Aber die Nachdenken und Umstellung fordernde Anerkennung bleibt unbeachtet, daß Nationalismus Tradition, jüdischer Nationalismus die in der jüdischen Religion verwurzelte und von ihr bestimmte Tradition bedeutet. Haskala — rationalistische Aufklärung an Stelle der mystischen Religion — und Assimilation — bereitwilliges Aufnehmen aus der nichtjüdischen Geistigkeit der Zeit — so heißen die Götzen, die viele nach Erez-Jsrael, weil es ihnen nicht das heilige Land bedeutet, mitgenommen haben und nun zur Geltung bringen wollen. Darum ähnelt der Sabbat einer Sonntagsruhe. Darum ist ideelle Zusammenarbeit des alten mit dem neuen Jischuw so unendlich schwierig. Brandmarkt letzterer doch jedes kritische Wort des ersteren als Fanatismus! Gerda Arlosoroff-Goldberg muß ihre Kreise des neuen Jischuw kennen. Aber auch mancher aus dem alten Jischuw hat längst konstatiert, welche Ursachen eigentlich den neuen von dem alten Jischuw sernhalten. * Was haben nun wir vom alten Jischuw, wir wirklichen Nationaljuden, denen die Tradition der Väter die geistige Orientierung für Sinn und Zweck unseres Volkes und jedes einzelnen in ihm bedeutet — was haben wir zu tun, damit sich das jüdische Erez-Jsrael zu einer Zukunft wert der Vergangenheit bis zu den Urvätern entwickle? Vor allen Dingen sollen wir den alten Jischuw so erziehen, daß er nicht mehr Ueberläufer zum neuen Jischuw stelle, vielmehr die Vesten des neuen Jischuw zu sich heranziehe. Diese gewaltige Aufgabe verlangt aber noch Kräfte und zwar durch Zuzug von Orthodoxen westlicher Kultur, da diese mit den Gefahren der Zeit vertraut sind. Man hat gerade diesen Kreisen den Vorwurf gemacht, daß sie sich schwer entschließen, in Erez-Jsrael zu leben. Der Orthodoxe des Galuth ist, wenn er leidet, in seinem Judentum für das Leiden entschädigt, und die Frage seiner Uebersiedlung nach Erez-Jsrael wird durch fein religiöses Verantwortlichkeitsgefühl nicht so leicht erledigt. Das ist berechtigt. Heute aber braucht Erez-Jsrael gerade Juden, die, getragen von religiösem Verantwortlichköitsgöfühl, die jüdische Situation von allen Gefahren der Unjüdischkeit retten wollen. In ruhig dahinsließenden Zeiten erwächst dem Menschen selten die Möglichkeit, seinem Leben Größe geben zu können. Wenn aber die Tage bald gewitterschwül sind, bald mit rasenden Stürmen niederreißen, wenn die Bangigkeit um das Kommende übermächtig wird, — dann ein Mann zu sein, mutig in die Bresche zu treten, im Vertrauen auf G'tt zu retten, aufzurichten, aufzubauen, das bedeutet höchstes Glück, denn es gibt dem Leben höchsten Zweck. Retten, Ausrichten, Aufbauen sind heute in Erez-Jsrael zunächst im alten Jischuw das Dringendste. Nur von hier aus wird aber der alte Jischuw auch über den neuen Jischuw allmählich Herr werden. S. G. Afrika. Judendebatte im südafrikanischen Parlament. Kapstadt, 14. März. Im Zusammenhang mit der von dem Abgeordneten der Nationalistischen Partei, Neu. Fick, eingebrachten Bill, daß die „Potchefstroom College" genannte südafrikanische Universität das Beiwort „Christian" erhalten solle, fand im südafrikanischen Parlament zu Kapstadt abermals eine Debatte statt. Der Abgeordnete Morris Alexander, der der von General Smuts geführten südafrikanischen Partei angehört, wies darauf hin, daß das Hauptgebäude des College als Wappenschild einen siebenarmigen Leuchter, also das jüdische Menorah-Symbol, trage. Man solle nicht glauben, daß es hier lediglich um eine Namensänderung gehe, es handle sich vielmehr um ein geplantes großes Unrecht, das den Angehörigen der nichtchristlichen Konfessionen zugefügt werden soll; ein Unrecht, das um so krasser ist, als das College auch von den Steuergeldern der nichtchristlichen Staatsbürger erhalten wird. Alexander brachte einen Ergänzungsantrag ein des Inhalts, daß die Universität von Potchefstroom kein Recht hat, in Fragen der Zulassung von Studenten und der Heranziehung von Hochschullehrern Juden unterschiedlich zu behandeln. Der Antragsteller Fick stimmte diesem Ergänzungsantrag zu, womit die Angelegenheit erledigt war. Gründung einer Vereinigung für Lhisuk Hadaß in Südafrika. Johannisburg, 9. März Bor kurzem wurde hier ein stark besuchtes Meeting der Johannesburger orthodoxen Judenheit abgehalten, das einen seltenen Anblick bot. Sprecher waren die Herren Rabbiner S. Nosenzweig und E. Z immer m a n n. Eröffnet wurde die Versammlung von Rabbi Dr. I. L. Landau, der in seiner Ansprache an das Publikum den Herren Rabbiner Rosenzweig und Zimmermann für das große Werk, das sie unternommen hätten, dankte. Er unterstrich die erfreulichen Versuche einer Wiederausrichtung des traditionellen Judentums in unseren Tagen und sagte, daß durch eine starke Organisation für Chisuk-Hadaß die Sache des Judentums eine ungeahnte Förderung erfahren könnte. Rabbiner Z i m m e r m a n n umriß dann die Arbeit der zu gründenden Organisation, nämlich Sabbatbeobachtung, Kaschrus, Wahrung der für die Reinheit der Familie wichtigen Gesetze, Organisation der Jugend, Presse, Frauenverein, Lesesaal und Propagandaarbeit. Rabbi S. Rosenzweig sprach über die Notwendigkeit, alle ihrer Gesinnung nach gesetzestreue Persönlichkeiten in einer einheitlichen Gemeinschaft zusammenznfassem Alsdann wurde ein Komitee, bestehend aus folgenden Persönlichkeiten gewählt: Oberrabbiner I. L. Landau, Ehrenpräsident, Rabbiner Z i m m e r m a n n, Vizepräsident, Rabbiner Rosenzweig, Vorsitzender, Max R a b i N 0 w i tz, Schatzmeister und 15 Beisitzer. Amerika. Die Kundgebung in Newyork. N e w y o r k, 28. März. Die Gegenaktion in Deutschland und nicht zuletzt die aufklärenden und beruhigenden Berichte, die von deutschjüdischer Seite nach Amerika hinäbergekabelt wurden, bewirkte, daß die P ro t e st k u n d g e b u n g i m M a - dison Sqare Garden zu Newyork in ruhigen Bahnen verlief. Man beschränkte sich lediglich darauf, eine Bitte an die deutsche Regierung zu richten, „ihre judeufeiudliche Politik und die Ausweisung von Ostjuden zu unterlassen." Alle Blättermeldungen heben hervor, daß keine Angriffe auf Deutschland erfolgt seien. Auch haben die Greuelnachrichten auf einmal aufgehört, dagegen werden die deutschen Dementis, wie auch die jüdischen Erklärungen, vollinhaltlich abgedruckt. Tragen Sie „die gute CA RS CH "Kleidung Spezialität -Verarbeitung Die Versammlung war von 20.000 Menschen besucht. Nach den Zeitungsberichten betonten die einzelnen Redner durchweg ihre Freundschaft für Deutschland und ihre Hochachtung vor der deutschen Kultur. — Trotz alldem wäre die deutsche Judenheit den Amerikanern sehr dankbar gewesen, wenn die ganze Aktion unterblieben wäre. Aussicht auf Aufhebung der Zwangssormtagsruho für Sabbathaltende in Newyork. Newyork, 17. März. Die Jewish Sabbath Alliance of America hat einen Gesetzentwurf ausgearbeitet und der Gesetzgebenden Körperschaft von Newyork unterbreitet, dem gemäß diejenigen Juden, die den Sabbat als Ruhetag der Woche beobachten, unter die Bestimmungen des Sonntagsruhegesetzes nicht fallen, sondern an Sonntagen ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen können. Seitens der Sabbath Alliance wird mitgeteilt, daß mehrere Mitglieder der Gesetzgebenden Körperschaft bereits ihre Zusicherung gegeben haben, für den Gesetzentwurf zu stimmen, und daß durchaus Aussichten für dessen Annahme bestehen. Südamerika. Jüdische Einwanderung nach Brasilien. Rio de Janeiro, 8. März. Infolge der andauernden Einschränkung der Einwanderung — es können nur solche Familien einwandern, die sich über den Besitz einer Summe von 210 Dollars pro Kopf ausweisen können —, sowie der ökonomischen Lage des Landes hat die allgemeine Einwanderung nach Brasilien eine weitere Verminderung erfahren. Während 1931 noch 45.694 Personen einwandern konnten, zählte man 1932 nur noch 38.473 Einwanderer. Trotzdem hat die jüdische Einwanderung nach Brasilien im Jahre 1932 nicht eine Verminderung, sondern eine kleine Steigerung erfahren. Während 1931 1985 Juden einwanderten, betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer i. I. 1932 — 2049. Diese günstigen Resultate in einer schweren Zeitepoche sind der Tätigkeit von Hias-Jca- Emigdireet (Hicem) zu verdanken. Hicoin ist in Brasilien durch das Jca-Büro in Rio de Janeiro und durch vier Zweigstellen in Rio, Sao Paulo, Porto-Alcgre und Bahia vertreten. Diese Büros haben i. I. 1932 — 1504 Einwanderer betreut und ihnen zur Seßhaftmachung verholfen. Hicem gründete i. I. 1928 genossenschaftliche Spar- und Oarlehenskafsen in Rio, Sao Paulo und Porto-Alegre, die heute 2037 Mitglieder zählen. Diese Kassen bewilligten i. I. 1932 1200 Darlehen im Gesamtbeträge von 450 Kontos (ca. 31.500 USA-Dollar). Ende 1932 gründete Hicem weitere Kassen in Bello Horizonte und Campinas. Außerdem bestehen spezielle Fonds, die die jüdischen Einwanderer in die Lage bringen sollen, Schiffskarten für ihre Verwandten in Europa zu' besonders günstigen Bedingungen zu erwerben. Diese Maßnahmen zur Seßhaftinachuug der Einwanderer werden durch die Tätigkeit der Jca auf dem Gebiete der jüdischen Erziehung ergänzt. Ungeachtet der bestehenden Schwierigkeiten konnten die jüdischen Gemeinden Brasiliens die i. I. 1932 neu eingewanderten mehr als 2000 Juden in sich aufnehmen. Unter den Eingewanderten befinden sich qualifizierte Handwerker sowie Kleinhändler mit genügenden Mitteln. Für solche Elemente bestehen auch weiterhin gewisse, wenn auch beschränkte Möglichkeiten in Brasilien. (ITA.) Familiennochrichken. Barmizwoh: Siegfried, Sohn des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Wohlgemut!) in Kitzingen, am Vvnn xuw. Briefkasten. I:. <&. L- Der Junge leient die Sidra m»s?.