Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 13 Der I s.r a e l i t 30. März 1933. wegenden wirtschaftlichen und sogl«len Sorgen. Insbesondere wurde die Lage der freien Berufe (Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller) und der verschiedenen Teamtengruppen behandelt. Einhellig wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß die drohende Wirtschaftskrise der deutschen Jndenheit nur durch ein einheitliches und solidarisches Zusammenwirken und durch eine die Bedürfnisse der verschiedenen Berufe berücksichtigende wirtschaftliche Selbsthilse gemildert werden kann. Der Wirtschaftsausschuß hält es für wichtig und notwendig, daß alle Juden, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz durch ungesetzliche Handlungen geschädigt fühlen, ihre Ansprüche aus dem durch die deutschen Gesetze gegebenen Rechtsweg wahren. Der Wirtschaftsausschuß steht hierbei für Rechtsberatung und Wirtschaftshilfe zur Verfügung. Der Wirtschaftsausschuß wird bestrebt sein, bei unmittelbaren Notständen nach Möglichkeit Hilfe zu gewähren: er wird in Zusammenarbeit mit den in Betracht kommenden Stellen bemüht sein, Wege zu finden, die wirtschaftliche Existenz der deutschen Juden zu erhalten. Es wurde einstimmig beschlossen, den Wirtschaftsausschuß als Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe — für wirtschaftliche und soziale Beratung — zu konstituieren. Der Vorsitzende wurde ermächtigt, sofort Vorkehrungen zu treffen, um eine einhe- - » Durchführung der sich ergebenden Aufgaben aller jüdischen Gemeinden Preußens ficherzu- ,ie. Zusammenarbeit mit den außerpreutzischen Land.- soll angestrebt werden. Die l . *'-”7 Pkiftcfonbs, der von Gemeinden, Orguni; " . : ‘ izelpersonen aufgebracht werden soll jeleitet. Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilse hat ihren Sitz in Berlin, Eharlottenburg 2, Kantstr. 158. Die Zentralstelle hat sofort ihre Tätigkeit ausgenommen. Um den dringendsten Notständen zu begegnen, ist bereits eine Abteilung für Wirtschaftshilfe und eine weitere für Rechtshilfe eingerichtet worden, ferner eine Beratungsstelle für akademische Berufe (Abteilung Aerzte). Alle in Betracht kommenden Aerzte und Medizinalpraktikanten werden gebeten, sich vorerst schriftlich an die Beratungsstelle zu wenden. Die Beratungsstelle für akademische Berufe hat ihren Sitz in Berlin, Charlottenburg 2, Kantstr. 158. Beschluß des Verstandes der jüdischen Gemeinde Berlin. Berlin, 27. März, ^emeinde übermittelt uns den nachstehenden Beschluß des Gemeindeoorftandes vom 23. März: „Durch Nundvsrfügung soll den Beamten und Angestellten der Gemeinde folgendes bekannt gegeben werden: Angesichts der ablehnenden Stellung des Judentums zu den kommunistischen Ideen, und der Bekämpfung aller Religionen, insbesondere auch des Judentums, durch den Kommunismus hat der Gemeindevorstand es stets für selbstverständlich angesehen, daß keiner seiner Beamten und Angestellten dem Kommunismus angehört. Falls in irgend einem Einzelfall diese Annahme nicht zutreffen sollte, erwartet der Gemeindevorstand von dem Betreffenden, daß er unverzüglich die Folgerungen ziehen und aus dem Dienste der Gemeinde ausscheiden wird. Der Gemeindevorstand weist darauf hin, daß er selbst jeden Beamten und Angestellten unverzüglich aus dem Gemeindedienst entfernen wird, von dem ihm bekannt werden sollte, daß er dem Kommunismus angehört." Revisionistenkonferenz. Kattowitz, 27. März. In Kattowitz fand eine große internationale Konferenz der Revisionisten statt, die sich auf mehrere Tage erstreckte. Die erstrebte Verständigung zwischen Zionisten und Revisionisten kam nicht zustande. Es wurde beschlossen, die Exekutive der Revisionisten zu suspendieren und die Leitung Jabo ti ns ky allein in die Hand zu legen. Ein Boykott des Kongresses wurde nicht beschlossen. Im Gegenteil werden ' alle Revisionisten aufgefordert, sich an den Wahlen zu beteiligen und überall den Namen Jabotinsky an die Spitze der Kandidatenliste zu setzen. Ausschluß jüdischer Firmen aus dem Einzelhandelsverband. Gera, 25. März. Der Einzelhandelsverband Gera nahm gegen eine Stimme einen Antrag an, wonach sämtliche jüdischen Mitgliedsfirmen aus dem Geraer Einzelhandelsverband ausgeschlossen werden. In der Begründung des Antrages heißt es, daß es sich nicht um eine kleinliche Koukurreuzuusschließung handle: nicht den Menschen wolle man treffen, sondern das System. Der deutsche Mittelstand wehre sich gegen das, was ihm wesensfremd sei. Er müsse den Beweis erbringen, daß man sich darüber klar geworden sei, wohin er politisch gehöre und was er wirtschaftlich notwendig habe. (ITA.) Der Rat des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeindet! an den kommissarischen Ministerpräsidenten von Bayern. München, 27. März. Der Rat des Verbandes bayerischer rsraet i t i s ch e r Gemeinden hat in seiner Sitzung vom 26. März 1933 beschlossen, folgende Erklärung an den kommissarischen Ministerpräsidenten in Bayern, Herrn General von Epp, abzugeben: Hochgeehrter Herr Ministerpräsident! Wir sind uns bewußt, daß die Einstellung breiter nationaler Kreise, von unrichtigen Vorstellungen geleitet, sich gegen uns richten. Wir als die öffentlichrechtliche Vertretung der bayerischen Juden halten es darum für notwendig, Ihnen, Herr Ministerpräsident, als dem Leiter des bayerischen Staates, folgendes darzulegen. Wlr wenden uns gegen die Angriffe, die sich gegen die Juden in ihrer Gesamtheit richten und uns in unserer vaterländischen Einstellung herabzuwürdigen suchen. Unsere Religion gebietet uns, Achtung und Ehrfurcht der Regierung zu erweisen und dem Staate zu dienen. Wir werden diese religiöse Verpflichtung auch weiter mit vollem Herzen erfüllen. Verbunden sind wir, nicht nur staatsbürgerlich, sondern tief innerlich, dem bayerischen Boden, den wir als unsere Heimat lieben. Wir fühlen uns eins mit dem deutschen Volk, dessen Schicksal wir geteilt haben. Auch wir haben mit Stolz für unser deutsches Vaterland gekämpft und ihm unser Blut geopfert: unsere Sehnsucht und Hoffnung und unermüdliche Arbeit gilt seinem Wiederaufstieg. Wir glauben, daß Deutschlands Erneuerung eine so schwere und heilige Aufgabe ist, daß sie die Mitarbeit aller Kräfte erfordert, die willens sind, sich voll einzusetzen für die Größe des Reiches. Darum gebietet es uns unsere vaterländische Pflicht, Ihnen, Herr Ministerpräsident, von unserem Wunsch und festen Willen Kenntnis zu geben, dem großen Werk des deutschen Aufbaus zu dienen und zu unserem bescheidenen Teile mitzuhelfen, die deutsche Zukunft in Ehren zu gestalten. Oesterreich. Budget der Wiener Israelitischen Rultusgeme'mde für 1955. Wien, 26. März. Das Budget der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde für das Jahr 1933 beträgt 6.134.975 Schilling auf der Einnahme- und 5.725.040 Schilling auf der Ausgabenseite, so daß sich ein Defizit von 409.930 Schilling ergibt, für das eine Deckung gesucht werden wird. Zusammen mit den Defiziten früherer Jahre beträgt das Gefamtdefizit der Israelitischen Kultusgemeinde rund 600.000 Schilling. Polen. Das Fiasko einer zionistischen Vorsteherkonferenz. Warschau, 21. März. Bon zionistischer Seite wurde eine Konferenz von Vorstehern und Ratmännern jüdischer Gemeinden nach Warschau einberufen, um „gegen die Gewaltherrschaft der Agudaorthodoxie in den Gemeinden" zu protestieren. Trotz der seit Wochen und Monaten lebhaft und mit allen Mitteln betriebenen Propaganda brachte man nur ein paar Dutzend Delegierte zusammen. Die Revisionisten wie die nr-Organisation fehlten ganz. Von der Warschauer zionistischen Kehillafraktion sah man nur die paar bekannten Oppositionsführer. Die jüdische Öeffentlichkeit nahm so gut wie gar keine Notiz von der Zusammenkunft. Die Enttäuschung über das geringe Interesse und die schwache Beteiligung kam auch in den Eröffnungsreden zum Ausdruck. Dann folgte das Referat von Grünbäum, mit dem schon zur Genüge bekannten Refrain: Die Aguda gehe verräterisch Hand in Hand mit der herrschenden Macht. Die Aguda sei eine Sekte, deren Herrschaft nicht von langer Dauer sein könne nsw. Sein Programm laute: Kampf und wieder Kamps gegen die Aguda. Er versteigt sich sogar zu der Behauptung, die Aguda schmälere den religiösen Etat und benachteilige die religiösen Belange, was große Heiterkeit auslöst. Er sucht es zu rechtfertigen, daß er im Parlamente die inneren Streitigkeiten öffentlich zum Austrag brachte. Es gäbe keine jüdische Instanz, darum müsse man an die große nichtjüdische Öeffentlichkeit appellieren. Er sehe zwar keine Aussicht, etwas Positives zu erreichen, aber der Kampf um des Kampfes wegen sei auch schon etwas. In noch schärferen Ausfällen ergeht sich Dr. Schipper. Er möchte sich mit dem Kampf nicht begnügen. Austritt aus der Gemeinde, solange sie unter der Herrschaft der Aguda steht, heißt seine Parole. Seine unqualifizierbaren Ausdrücke veranlassen sogar das Präsidium, wiederholt einzugreifen und ihn. um sachliche und ruhige Redeweise zu bitten, aber er läßt sich nicht irre machen und überbietet sich in Beschimpfungen, die der ganzsn Versammlung das Gepräge geben. Am Abend wird in der Aussprache Dr. Schipper wegen seiner scharfen Sprache von seinen eigenen Parteigenossen stark angegriffen. Die Mehrheit spricht sich gegen den Vorschlag, aus der Kehilla auszutreten aus. Es wird also bei bem Kampfe um bes Kampfes willen nach der Anregung von Grünbaum bleiben. Die Lemberger Blutwoche im polnischen Sejm. Warschau, 23. März. In der Sitzung der Administrationskommission des polnischen Sejm wurden die aus die antijüdischen Unruhen in Lemberg in den Tagen vom 27. November bis 1. Dezember 1932 Bezug habenden Vorschläge einer Beratung unterzogen. Der Referent, Abg. Sanojzo (Regierungsblock) gab in einer zweistündigen Rede eine Charakteristik der antisemitischen Unruhen und erklärte, die akademische Jugend sei durch politische Faktoren fanatisiert worden, die Nationaldemokraten" bedienen sich des Rassenhasses als eines Mittels, sich der Regierung zu bemächtigen. Aber das ist ein gefährliches Mittel. Im Jahre 1918 klangen die Ausschreitungen gegen die Juden in das Attentat auf den Staatspräsidenten vom Januar 1919 aus, und auch das Attentat auf den Staatspräsidenten Narutowicz im Jahre 1922 sei nichts anderes als das Ergebnis antisemitischer Hetze. Daraus ist dis Lehre zu ziehen, daß jede Aufhetzung der Massen gegen eine andere Konfession der Bevölkerungsklassen die Grundlage des Staates unterwühlt und Anarchie schafft. / Der jüdische Deputierte Sommer st ein betonte, daß gerade das religiöse und nationale Judentum von der Gefahr des Kommunismus um meisten bedroht sei und dem Kommunismus am schärfsten entgegentrete. ’ In dem von Sommerstein begründeten Vorschlag des Jüdischen Klubs werden die Namen von 382 im Verlaus der Lemberger Ausschreitungen schwer verletzten Juden ausgezählt, die Geschehnisse im Verlauf der 6 Unruhetage chronologisch geschildert und gefordert, daß die verantwortlichen Leiter der Lemberger Behörden, die die Angegriffenen nicht geschützt haben, zur Verantwortung gezogen werden. Es wird noch ausgeführt, daß vielfach Juden in Gegenwart der Polizei geschlagen worden sind. Palästina. Konstatierungen. Ein Erez Israel-Brief. T e l - A w i w, 15. März. Was sich in der Haskala anbahnte, in der Assimilation sortsetzte, wird in Palästina zu seinem logischen Höhepunkt geführt. Die geistige Verfassung der Einwanderer und der Jugend verwestlicht in rachem Tempo. So ist es erklärlich, daß ein Sabbat in Tel-Awiw, das mit seiner rein jüdischen Bevölkerung am meisten für die jüdische Auf-