Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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30. März 1933. Der Israelit Nr. 13 Seite 3 lerne des Üulturausgleichs im Sinne des jüdischen Ginheüsgedankens.in sich tragen. Rc-chmals also: in ein geistiges Ghetto können wir — für unser Gincksbedürfnis gewiß: leider — - nicht zurück; wohl aber mag und soll die Zeit uns mahnen, die spielerische Harmlosigkeit aufzugeben, mit der weite Kreise der gesetzestreuen Iudenheit die schwere Problematik der geistigen Selbstbehauptung gegenüber der Kultur betrachtet haben, und die oft sträfliche Oberflächlichkeit, mit der das gefäh-rl i ch st e A m h a a r e z t u m unter der Devise des „gebildeten Juden" großgezogen und als vorbildlich plakatiert wurde. Wochenrundschau. Gegen die „Greuel" - Propaganda. Ueber eine p r o te stbew e gu n g.in A m e r i k a gegen angebliche schwere Ausschreitungen in Deutschland berichtet die Telegraphen-Union aus Rewyork unter dem 25. Wärz wie folgt: „20 000 Rew^orker jüdische Kriegs teilnehmer veranstalteten am heutigen Donnerstag einen Protestumzug zum Rathaus, um dem Oberbürgermeister eine protestentschUeßung zu überreichen, die sich gegen die angeblichen deutschen Greuel richtet. Anschließend soll im britischen Generalkonsulat gefordert werden, die aus Deutschland geflüchteten amerikanischen Juden in Palästina aufzunehmen. Die amerikanischen Rabbiner haben für den kommenden Montag einen allgemeinen Fast- und Bettag angeordnet. Am Montag nachmittag soll ein Protestumzug stattfinden mit anschließender Versammlung im Madison Square Garden, einem der größten Plätze Rervyorks, wo außer jüdischen Vertretern auch der katholische frühere Gouverneur von Rewyork, Smith, der evangelische Bischof Manning, der Gewerkschaftsführer Green, der Rew^orker Gouverneur Lehman sowie Senator Borah und der Präsident der Lolumbia-Universität und Direktor der Carnegie-Friedensstiftung, Murray Butler, sprechen werden. Die christlichen Kirchenverbände haben eine Protestentschließung an das Staatsöepartenient entworfen. Die jüdischen Geschäfte werden am Montag geschlossen halten. Der von zahlreichen, meistens jüdischen Linsuhrhändlern besürwortete Boykott dcuscher Maren hat sich als nicht ohne weiteres durchführbar erwiesen, weil die amerikanische Ausfuhr von Fertigwaren nach Deutschland größer ist, als umgekehrt. Die deutschen Schiffahrtsgesellschaften verzeichnen zahlreiche Passageabgaben und Frachtstreichungen. Der amerikanische Rundfunk wird den ganzen kommenden Montag völlig der jüdischen Propaganda gewidmet sein." Aus Mitteilungen der R. S.-Presse in Deutschland erfährt man noch viel mehr über eingeleitete oder geplante Protestaktionen in Amerika. Der friedliche jüdische Bürger in Deutschland, der G.s.D. immer noch in Frieden seines Weges ziehen und ungestört seinem Erwerbe nachgchcn kann, hat das Gefühl, daß hier ehrliche Bruderliebe die Dinge im Fernglase der Re- und Kolportage bis zur Verzerrung vergrößert sieht. Aber es können bei anderen auch politische Faktoren mitspielen. Daß sich dagegen der Protest 'der deutschen Juden erhebt, ist erklärlich. Unsere Rot, die ohne jene Uebectceibungen und Pogrommärchen groß genug ist, ist uns zu heilig, als daß wir Außenstehenden erlaubten, sie politisch auszubeuten und daraus eine Waffe gegen Deutschland zu schmieden, mit dessen Geschicken wir eng verbunden sind und bleiben. Gewiß sind wir an jenen Protestkundgebungen unbeteiligt und besitzen gar keine Mittel, sie irgendwie zu verhindern. Aber es ist unsere Pflicht und ein Gebot der Gerechtigkeit, auch unsererseits dem Auslande zu sagen, daß jene Greuelmärchcn, die schon beinahe an die Schauermärchen zu Anfang des Krieges erinnern, uns wenig dienen. Wir müssen es als Unglück betrachten, daß ein deutscher Romanschriftsteller, der wohl einen jüdischen Ramen trägt, aber weder im Leben mit dem Judentum verbunden ist, noch in seinem literarischen Schaffen jemals jüdische Gefühle geschont hat, daß dieser ebenso leichtgläubige wie phantasiereiche Romanschriftsteller in Zeitungsartikeln Schauerromane verbreitet über tägliche Mißhandlungen, Abschlachtungen und Verstümmelungen tin Deutschland. Schon daß dieser Mann nicht einsieht, welche Gefahren er mit diesen verleumderischen Uebertreibungen auf seine Stammesgenossen heraufbeschwört, sollte zur Genüge zeigen, wie wenig er und seinesgleichen zu uns gehören, und wie schwer Unrecht man uns tut, uns für ihre Entgleisungen irgendwie verantwortlich zu machen. Man wird in dieser Beziehung voll und ganz dem Berliner R. K.-Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung" zustimmen müssen, der in der Morgenausgabe des Blattes vom 28. März u. a. schreibt: „Cs ist höchste Zeitz zur Besinnung zu kommen; denn schon melden sich Anzeichen, das; man in Deutschland im Zorn über die Greuelhetze zu Maßnahmen greifen könnte, die den drohenden Schaden noch i n fatalster Weise erhöhe n müßten. Sicherlich wäre es ebenfalls ein völlig verfehlter Weg, wenn man die Gelegenheit ergriffe, das Ausland durch Entfesselung eines neuen antisemitischen Sturms in Deutschland von der Unsinnigkeit seines Beginnens überzeugen zu wollen. Wir wissen nicht, ob die Entfaltung einer solchen höchst bedenklichen „Gegenbewegung" als eine Regierungsmaßnahme oder — was wahrscheinlicher ist — als eine Aktion der Rationalsozialistischen Partei gedacht ist — wir wissen nur: ein solcher Auftnarsch, ein solcher Krieg, jeweils innerhalb eines Landes geführt, das vom andern durch einen Ozean getrennt .ist, wäre ein groteskes Verhängnis. Jeder Schlag, der im Grunde einem angelsächsischen Propagandisten gilt, würde einen an dieser Zuspitzung völlig unschuldigen deutschen Juden treffen. Wir hoffen deshalb, daß der Hinweis auf die Verrücktheit dieser Situation alsbald dem Ausland die Augen öffnet." Wichtig in diesem Zusammenhang» ist auch ein Telegramm des Staatssekretärs Hüll an Rabbi Stephen W i f e in Rew^ork. In diesem'Telegramme führte Hulk, wie die ITA. meldet, aus: „In Deutschland fanden während einer kurzen Zeit beträchtliche körperliche Mißhandlungen von Juden statt. Diese Phase ist jedoch jetzt beendet. Ferner wurden einige Läden von Juden durch Aufstellung von Streikposten boykottiert und einige Juden in gewissen Berufen unterschiedlich behandelt. Alle diese Vorgänge wurden von der deutsche» Regierung mit ernster Sorge betrachtet. Die Telegramme Hulls verweisen dann auf die Verfügungen des Reichskanzlers Hitler und die Rede des Vizekanzlers von Papen in Breslau sowie aus die Verstärkung der Polizei. Hüll sieht in diesen Aeußerungen und Maßnahmen Zeichen des aufrichtigen Beinühens der Reichsregierung, die Ordnung aufrechtzuerhalten und die Anerkennung der Gesetze durchzusetzen. Hüll drückt dann die Hoffnung aus, daß die Lage in Deutschland bald wieder völlig normal wird, und betont, daß die Regierung der vereinigten Staaten die Vorgänge in Deutschland weiterhin aufmerksam mit sympathischem Interesse und dem Wunsch verfolge, in jeder Weise behilflich zu sein." Künstler, Ärzte und Rechtsanwälte. von der A u s s ch l u ß 6 k t i o n wurden zu allererst die Künstler au städtischen Bühnen, dem Rundfunk und anderen Kunststätten betroffen. Unter der Parole „Rationale Kunst" wurde ein ganzes Heer von hervorragenden Rünstlern, unter ihnen Ramen, um die uns alle anderen Länder beneideten, trotz ihrer Wartegelder und Pensionen auf ein einziges Kunstmetier verwiesen: auf das des Hungerheiligen Tempels dargebracht, entscheiden unsere Weisen und fassen somit das erste Wort der biblischen Opferbestimmungen ganz und gar universell auf. Keine Kluft . waltet also zwischen unserem Buche der Priesterlehre und der prophetischen Verkündigung des Jefchajahu: omna»» on'nii>iv rraa annam »anp in a'mx'an» »B’nyn bob Nnp’ nVcn n’a ’/ra '2 'nara bv „Ich bringe sie zum Berge meines Heiligtums (die Fremden), ich erfreue sie im Hause meines Gebetes, ihre Emporopfer und ihre Mahlopfer sind wohlgefällig auf meinem Altar, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für all e Völker genannt." Wer sich G'tt dem Herrn nähern will, wer nach dem himmlischen Vater sich sehnt und diesem seinen Sehnen und Verlangen in der Darbringung heiliger Gaben als pip Ausdruck gibt, hat Zutritt zum Tempel G'ttes. In uns lebt der Glaube an die g'ttentstammte Natur des Menschen, die schließlich sich Bahn bricht und zum Siege kommt. Das ist unser jüdischer Optimismus, der auf dem IVoden unserer heiligen Lehre erblüht und uns über alle Nöte und Kümmernisse des Tages hinweghebt, daß wir niemals den Glauben an G'tt und das Selbstvertrauen verlieren. Durch solchen Glauben wird gestählt unsere Kraft und steigert sich unser Wille zum Guten, daß wir die Opferlehre nimmer vergessen: •pa’ü -n*>ai tj’srnnn wsi .-man tna „Nicht auf das Viel oder Wenig kommt es an, sondern darauf, ob das Herz in Vollkommenheit G'tt zugewandt rst." hierzu will uns unser Judentum mit feinen Lehren und Forderungen erziehen, im allgemeinen und die Priesterlehre noch' im besonderen. Folgen wir diesen leuchtenden Spuren. G'tt zu Ehren, unserer Lehre zum Preis und Israel und der ganzen Menschheit zum Segen. Kleines Feuilleton. Eine neue Bilderhagada für unsere Kinder. Der Sederabend ist ein Fest im Feste, das Fest des Kindes im Feste des Auszuges. Dem hat schon mancher Künstler mit seinem Griffel Rechnung getragen. Woher kämen sonst jene hagadoths, die handschriftlichen und die alten Drucke, die unserer Museen und Ausstellungen wertvollste Stücke sind. Dr A. M. S i l b e r m a n n ist auf die gute Idee gekommen, das Kind an der künstlerischen Gestaltung seines Sedererlebeus mit eigener Hand Mitwirken zuu lassen. Mit Hilfe seiner Mitarbeiter, insbesondere des Malers Erwin Singer, stellte er uns eine hagadah her. die bislang einzig in ihrer Art ist. Der harte Vorderdeckel.- eine blaue Wiese mit Schlüsselblümchen und mit einem großen Fragezeichen über einer Mazzoh und zwischen Lämmchen und Bitterkraut. Auf dem letzten Deckel, zum friedlichen Ausklang des Ganzen: ein mit der hagadah in der Hand eingeschlafenes Kind. Was sich dazwischen abspielt, muß dieses Kind noch lange in seine Träume hinein verfolgen. Es steht am Fluß, sieht das Schilf. Fischlein, Schildkröten. Störche unter Palmen. Es zieht langsam ein Stückchen Hartpapier hervor und schon kommt das Kästchen mit dem ausgesetzten Kindlein herbeigeschwommen. Noch etwas weiter vor, und die Königstochter mit ihren Dienerinnen ist da, urn das Kindlein zu holen. Ganz hinten im Versteck die mütterlich besorgte Schwester. Oder: Ein buntes Blatt in Rot, Grün und Gelb entrollt sich den Augen. Juden schleppen Ziegel herbei, Antreiber mit Hunden und Peitschen. Das Kind dreht an einer Scheibe: Judenfrauen kommen herbei mit Körben und Krügen und gerösteten Aehren, wollen ihre Männer warten, laben und betreuen. Weiter rollt das Rad: Männer am Bau. eine Ziegelschicht auf der anderen. es wird geklopft und gehämmert, Pitom und Ramses entstehen auf dem Sedertisch. Die gleiche Scheibe aber zaubert auf der anderen Seite im Rundgang alle zehn Plagen nacheinander herbei, in grellen Farben, mit.erschreckenden Figuren, hier sind sie: Blut,- Frösche usw. Es ist vollkommen in der Hand des Kindes, sie heraufzubeschwören oder zu verscheuchen, seine Hand »nacht Schicksal. Wieder ein anderes Bild: Israels Heere ziehen aus Mizrajiin, „Das Meer sieht das und flüchtet, der Jarden weicht zurück." Die Tafel ist aufgehoben, soll mit Asikoman beschlossen werden. Aber Äfikoman ist fort. Der Schieber wird hervorgezogen, da erscheint der Junge mit verschmitzten Augen, die halbe Mazzah in der Hand, er stellt seine Bedingungen. Ain Ende verlangt er gar eine Silberinann'sche hagadah. Es wäre nicht zu viel verlangt, denn der Preis ist nicht zu hoch und dein Kinde wäre darnit eine Welt überirdischer Freuden geböte»». an deren Ausgestaltung es selber »nitarbeiten darf. Ueber den Bildern und der kunstvollen Ausgestaltung »vollen wir den inneren Wert der hagadah nicht vergessen. Sie ist auf guten» Papier, mit vorzüglicher»» lichte»»» Druck in Quartforinat hergestellt. Die Verdeutschung besorgte der Herausgeber unter Mitwirkung von En»il Bernhard Cohn. Dazu bringt sie noch eine Reihe von Noten zu verschiedenen Stellen der hagadah, komponiert oder redigiert von Arno Nadel. Dieses gar»ze Wunderrverk, eine Augenweide für Groß und Klein, ist im hebräischen Verlag M e n o r a h G. ntz b. h.. Berlin, erschienen und ist in allen jüdischen Buchhandlungen zum Preise von Mk. 4.80 zu beziehen. —