Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450769--79494-2537249- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 13 Der 3&caeiii 30. März 1933. Bausteine zur Neuorientierung. >. Geistige Problematik. Das Bedürfnis nach innerer Reuorientierung ist im lircife der deutschen Iudenhcit angesichts der Lr- Icbitiffc der letzten Wochen auf den höchsten Grad gestiegen. ‘21 in schwersten von den Ereignissen sind die liberalen Brüder getroffen, die, zum grössten Teil ohne ihre eigene Entscheidung, also auch ohne jede sittliche Schuld, die geistigen Brücken zu den Bezirken ihrer jüdischen Eigenart längst, oft von Geburt an, abgebrochen hatten und völlig aufgegangen waren in cinein ausierjüdischen liulturmilieu, mit dem wenig belangreichen Vorbehalt höchstens eines mehr oder minder formelhaften Bekenntnisses zu einigen quasi jüdischen Glaubenssätzen. Diese liberal-jüdischen Kreise werden, soweit es sich um noch relativ jugendliche, umstellungsfähige kröpfe handeil, zum allergrößten Teil — das scheint uns unvermeidlich — im Zionismus landen und der übcrschäukncnden nationalen Gefühlskonzentvation der Umwelt, die sich gegen sie wendet, den Schutzwall eines j ü d i f et) c n Nationalismus entgegen» stellen. Der Zionismus bietet ihnen die Möglichkeit hierzu, ohne eine weltanschauliche oder praktische Bindung an die Dffenbarungsreligion des geschichtlichen Indcniums von diesen Reophytcn zu verlangen. Die Religion bleibt Privatsache und taucht als wertvolles geistiges Fermeilt unter in dem Strom einer im Werden begriffenen neuen jüdischen Rationalkultur. Inwieweit dieser Konkurrenz gegenüber das geschichtliche, offiziell orthodox genannte Judentum mit seinem gänzlich religiös orientierten jüdischen Kultur- und Rationalbewusstsein hoffen darf, die heimatlos gewordenen Seelen der liberalen fugend für die alte unverfälschte Wahrheit zu gewinnen, lässt sich schwer voraussehen. Unsere Iugendvereine sollten ihre Werbekraft nach dieser Richtung hin verstärken, und mehr als je obläge es den Organisationen der gcsetzestreuen Iudenheitz den ganzen Wahrheitswert und die lebenbeglückende Herrlichkeit des von ihr gehüteten Geislesschatzes einer verzweifelnden Welt in W o r t u n d S ch r i f t zu offenbaren. Ist die gesetzestreue Iudenheit Deutschlands zu dieser Werbearbeit gerüstet? Die Frage ist zu bejahe.'!, wenn sie sich auf das Do r h a n d e n s e i n der geeigneten Persönlichkeiten bezieht: die Antwort sinkt nur deshalb ins Ungewisse, weil tausend äußere Hemmungen das Wollen lähmen und dem pervorbrechen der nun einmal unentbehrlichen Leidenschaft des Bekehrungswillens entgegenwirken. Zu diesen äußeren Hemmungen tritt nun als schwerwiegendes Moment das Bewußtsein der eigen e nndlwri- B e d ü r s t i g k e it innerhalb der Orthodoxie, das sich keineswegs bloß durch die erfreuliche Erkenntnis der individuellen sittlichen Mangelhaftigkeit in den vielfältigen Bezirken des seelischen, sozialen, beruflichen Lebens äußert, sondern — wie grade der an der Spitze der vorigen Rümmer erschienene viel beachtete Aufsatz zeigt — teilweise auf die historischen G r u n d v o r a u s s e tz u n - gen unsrer geistigen Existenz geht. Man müßte' blind sein, wenn man nicht sehen wolrte, daß die schroffe Ablehnung jüdischen Führertums auf geistigem, künstlerischem, wissenschaftlichem Gebiete durch die nationale Bewegung in Deutschland, die rücksichtslose Verdrängung oder Befehdung jüdischer Denker, Dichter, Künstler, Juristen, Mediziner — von all ihren furchtbaren wirtschaftlichen und allgemein menschlichen Folgen vorerst einmal abgesehen — auf den gesetzcstreuen Teil der deutschen Iudenheit eine ganz merkwürdige spezi - f i s ch e Wirkung ausübt. Sie bewirkt nämlich eine so schwere Erschütterung des sogenannten p t k “] ä y n ri n p r i n 3 i p s, wie sie während der letzten zwanzig Jahre bei allen deutlich wahrnehmbaren Symptomen einer skeptischen Gegenbewegung doch niemals denkbar schien. In Frankfurt hat ein orthodoxer Mussar-Redner — nebenbei selber ein Akademiker — vor einer großen Versammlung dieser Tage unter donnerndem Beifall die in mystischem Glanze funkelnde Sohar- Stelle zitiert, die in dem "rmp pKV" dem Schlußwort der zweiten nitJW' das einzige, dafür aber auch entscheidenden Trostwort erblickt, das diese konzentrierte, markerschütternde Voraussage alles jüdischen Golns-Leides krönt. Jip prri dnnsrV örpmaV m öMDönm „Ihr versuchtet, Eure selbständige Thorakultur der Umwelt zu verkaufen, versuchtet, diese Thora in fremde Kulturen einzuschmelzen und sie dieser Synthese dienstbar zu machen — naij? pki — aber niemand will Euch!" Das ist die geschichtliche Rückverweisung auf die allzu leichtfertig geopferte Ausschließlichkeit der Pingabe an die überlieferte, religiöse Kultur, die ja in der Tat den ganzen Menschen zu erfassen und zu befriedigen imstande ist, sobald er sich vorbehaltlos von ihrem Feuer durchglühen läßt. Wenn aus dieser Situation heraus immer mehr jüdische Jünglinge aus gesetzestreuen Kreisen sich mit den homöopathischen Dosen eines Kurzstundcn-Unterrichts oder eines einjährigen Ieschiwostudiums nicht mehr abspeisen lassen wollen, sondern ganz unteczutauchen wünschen in die Autarkie der nur in jahrelanger Aufopferung zu erringenden jüdischen Geistcswelt, so darf man, bei aller Tragik des Zeitgeschehens, in dieser Form seiner Rückwirkung nach innen gewiß einen Akt der liebenden Vorsehung erblicken, die ihr Volk nicht verläßt. Und diese Wirkung bedeutet zugleich einen kleinen Ausgleich für die schweren Schäden, die für die religiöse L e b e n s p r a x i s , für Sabbat und Speisegesetze, aus der Zuspitzung der Verhältnisse, dem wirtschaftlichen Boykott, dem Kampf gegen die Schechita, dem drohenden Zwangsarbeitsdienst möglicherweise entstehen können. Aber es wäre dennoch ein schwerer Fehler, nun das Kind mit dem Bade auszufchüttcn und zu glauben, wir könnten und dürften in harmloser Glückseligkeit in ein geistiges Ghetto zurückkehren; zu glauben, es werde der westeuropäischen, der von Pirsch und pildesheimer erzogenen gesetzestreuen Iudenheit die geistige Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen und ästhetischen Kultur der Völker überhaupt fortan erspart bleiben, nur weil auch ihr in höherem Maße als bisher schon der Zugang zur geistigen Führerschicht im neuen deutschen Staat versperrt wird. Wohl uns, wenn uns durch eine tausendfach i n - t c n s i v i e r t e Atmosphäre gründlichen Taurohlernens, wie durch eine Verbreiterung der ausschließlich Thora lernenden Schichten günstigere Vorbedingungen für jene Auseinandersetzung geschaffen werden als bisher; wenn das an gründlicher Kenntnis gereifte Bewußtsein innerer Stärke den Ringkampf mit dem m:ra in all seinen Schattierungen und Graden noch erfolgreicher als bisher aufnehmen kann, und die von Jugend an unser Selbst bedrohende unbewußte Assimilation durch den Druck von außen und die gesammelte Kraftanspannung von innen künftig siegreich gebannt wird. Auch wird — allen wirtschaftlichen Röten zum Trotz — der Zwang zur Erhaltung und Neugründung jüdischer Schulen in Deutschland sich künftig jeder einzelnen. Familie mit zunehmender Wucht offenbaren, und es ist zu hoffen, daß gerade auf diesem Gebiete die neue nationale Regierung Entgegenkommen zeigen und die Entwicklung der konfessionellen Schule begünstigen wird. Aber auch diese jüdische Schule, erst recht, wenn sie bis zur Vollanstalt hinaufgeführt wird, kann jw das pH *]*n av niiri-problem nicht umgehen oder ignorieren, und könnte sie es, so würde das unmittelbare, elementare E i n h e i t s b e d ü r f n i s der Persönlichkeit itnmer wieder dazu zwingen, über die Sphäre des individuellen Versuchs hinaus dgs Problem in voller Breite mit wissenschaftlichem Ernst zu ergreifen und jüdische Menschen, wahrhaftige T a l m i d e E h a ch o m i m zu erziehen, darunter mindestens einige, die als Elite die geistigen Voraussetzungen für eine wahrhaftige Lösung des probm 0as Buch der Priesterlehre. Von Rabbiner Dr. 2TC. Lewin in Hamburg. Das «apii bas dritte Buch der Schrift, wird auch o’ns nun „die Priesterlöhre" genannt. Dress Benennung gilt nicht nur für die Opfervorschriften wie für die Bestimmungen, die sich eigens auf die Priester beziehen, sondern ist auch als eine besondere Würdigung und Bewertung des gesamten Inhalts dieses Buches anzusprechen. Israel hat als Priestervolk G'ttes alle die mannigfachen Ge- und Verbote sorgfältig zu beobachten, die im dritten Buche verzeichnet stehen, damit es feiner Aufgabe und Bestimmung gerecht werde. Was die wma als Sachwalter des Heiligen im pan» an der Wohnstätte G'ttes, Israel zu veranschaulichen und zu vermitteln haben, dieser Dienst ist gleichsam dem gesamten Volke im Heiligtum der Menschheit zugewiesen. Das dritte Buch ist also arna min die Lehre für den Priester stamm und auch für das Priester v o l k. Das ist wohl auch der Sinn des Midrasch, wenn er an das Wort der Alten mahnt: «l min dh“? nun -p’sV na mniV rrapn nun »G'tt wollte Israel veredeln und zur Reinheit und Seligkeit verhelfen, darum hat Er ihm eine Fülle von Lehren und Geboten gegeben." Die Gebote, die asm nur», sind die besten Wegweiser zu einem Leben der Reinheit, sie schützen uns. wenn wir in Gefahr sind, in die Irre zu! gehen und im Strudel der Sünden und Laster zu versinken, sie erheben und weihen uns, sie läutern unfern Sinn und binden uns für unser ganzes Sein an das Erhabene und Unvergängliche. Mit diesen Stützen des besseren Menschen in uns gehen wir ungefährdet an den gefahrvollsten Abhängen und Klippen des Lebens vorbei, daß wir in Wahrheit find, was zu werden wir am Sinai auf uns genommen, als die Ausgabe unserer Gesamtheit, «mp m ein dem Heiligen verpflichtetes Volk. D'jm naVna. Und vom gleichen Geiste getragen ist auch das Midraschwort, das gerade zu Beginn des Priesterbuches an das Wort der Weisheit anknüpft: ^02» irxiaw jb» yian» 1'1B aw „Besser ist meine Frucht denn Gold und Geld, und besser mein Ertrag denn Silber." Alle sichtbaren Sühnemittel sind uns genommen. Der Altar ist zerstört, die Opfer von ehedem sind uns unmöglich, — doch ist uns die heilige Lehre mit ihren Wahrheiten und Satzungen geblieben. Was sie von uns fordert, was als Frucht auf dem Boden ihrer Wahrheiten für uns erblüht. — das ist von unermeßlichem Wert und Segen. Das verbürgt unsere Kraft und erhöht unsere Weihe, das wappnet uns,' daß wir unzerstörbar bleiben das Volk der Ewigkeit. •D’nnnaa vbwn knrrnia 'Uvi mina mm nr in „Dreifach verankert in Lehre. Prophetenbuch und Schriftensammlung ist der Glaube, daß die heilige Lehre schützet ihren Träger, — so wird es uns eingeprägt in jenem Midrasch, ib'svn jvab nms omsVi nsm n-nan -aai n« nmatn qi-^ii avrr nrr „Hütet ja die Worte dieses Bundes und übet sie, auf daß ihr euch als weife erweist in allem, was ihr tut .. nwyb an^V irr» pnxi prn pa „Sei nur stark und fest zu hüten und zu tun — qbn aw« irnvn damit du Glück, habest, wohin du auch gehst." So singt auch der königliche Sänger von dem, der an G'ttes Wort Gefallen I findet: n»y> arm bm „Er fetzt alles durch, was er zu tun vorhat ..." Die mm macht aus uns Menschen, die den Blick zu den Höhen erheben, um sich nicht im Irdischen zu verlieren und darum in G'tt dem Inbegriff alles Guten und Erhabenen, das Ideal verehren,, dem sie mit allen Kräften und Fähigkeiten nachzustreben sich bemühen. Dürfen wir da je in den g'ttlichen Geboten eine Last oder Bürde sehen und nicht vielmehr in ihnen finden B"nn vv das Mittel zur Heiligung unseres Lebens? oasm rni-nn mam it dj? „Dieses Volk habe ich mir gebildet, — meinen Ruhm verkünden sie alle ..." Das ist und bleibt unsere Aufgabe. Wir sind nimmer in unferm Sein und Pslichtenleben losgelöst von der Gesamtheit. Unser Judentum fordert von uns den Glauben an den endgiltigen Sieg des G'ttesgedankens inmitten der ganzen Menschheit. Diesem Ziel soll unser ganzes Leben geweiht sein. Jemehr wir uns in unserer Eigenart als Volk der Religion, als Bannerträger G'ttes, als Verkünder der Sinaiwahrheiten behaupten, desto wirkungsvoller ist unsere Arbeit am Vau des G'ttesreiches auf Erden. Unsere Propheten haben in flammender Rede mit begeisterten Worten alle von Mosche bis Maleachi jene die ganze Welt umspannenden Lehren von der G'tteskindschaft aller Menschen und der Berufung aller zur Betätigung edlen Menschentums im Streben nach Reinheit und Wahrheit zwecks Anbetung G'ttes und Anerkennung feiner Macht und Liebe verkündet. Womit beginnt die eigentliche a^aa mm die Priesterlehre in den Opferbestimmungen? nb pap Dan anpi >a dir, „Ein Mensch, wenn er von euch ein Opfer G'tt darbringen will". Damit ists klar und deutlich gesagt. Die Pforten des jüdischen Heiligtums sind für alle Menschen unterschiedslos geöffnet. i>rrav'2 maan nmaa amu aiaaa,. Auch Opfer von Nichtjuden werden auf dem Altäre des