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Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 3 Seite 3 23. März 1933 Der Israelit Blätter Menschen. Me von verschiedenen Stellungen aus besondere Aufgaben, Teile der großen Gesamtheitsaufgabe, zu lösen haben. Dieser gibt das Geld öder die Beziehungen, jener seine Arbeitskraft. Alle geben ihr Bestes und nur geringere oder höhere Pflichterfüllung, sie allein bestimmen Rang und Stellung. Unsere Agudoh-Gruppen klagen über Arbeitsmangel. Wohl uns, wenn uns nichts zu tun übrig bliebe, wenn wir nicht allein auf den bisher nur stichwortmäßig angedeuteten Gebieten eine Fülle von Arbeit --- an uns und.anderen — noch zu vollbringen hätten. ■ ■ 6. Es muß aber ausgesprochen werden: Nicht an allem trägt Schuld unser eigenes Versagen, unsere geistige Assimilation an die Umwelt: Geist und Seele, die wir durch Selbstbesinnung und Selbsterziehung wieder kräftigen wollen, wären nicht so schwach, wäre unser Körper kräftiger. Die schwere Wirtschaftskrise, die anormalen Verhältnisse, in denen wir leben, .auch sie haben ihren Anteil an unserem Sogewordensein. . Ls ist schon oft ausgesprochen worden, daß nicht Erziehung, sondern vor allem das Milieu entscheidet, dämm soll es nicht bestritten werden, daß nicht alles Schuld, vieles, das meiste vielleicht, S ch i ck - salist. Und darum müssen wir unser Schicksal in die Hand nehmen durch systematische Selbsthilfe. Auf einzelnen Gebieten haben, wir es ja schon versucht. Auf Einiges fei hingewiesen: Geistig: auf die bescheidene Arbeit des deutschen K e r e n H a t o r o und an die großzügige Leistung von B e t h Jacob, sozial: auf die geräuschlose Wirksamkeit unseres Kriegswaisenf o n d s, auf unsere R u ß l a n d h i l f e und auf all die Einzelbcmühungen, die unser Freund Hugo Heinemann in seinem Maxrmal-Programm für die soziale Arbeit in den Agudoh-Gruppen zusaminengestellt hat und von denen in unendlicher Kleinarbeit gar manches schon verwirklicht wurde: Stellenv e r »l I t t l u n g und Darlehenskassen, eine für das kommende Jahr auf erweiterter Basis beabsichtigte, im letzten Jahr schon im kleinen Rahmen bewährte F e r i e n s ü r s o r g e. Aber all dies sind doch nur Versuche, die akute Erkrankungen des schwachen Organismus heilen sollen. And selbst unsere Mitwirkung an dem Aufbau eines neuen, eines jüdischen I i s ch u w im Heiligen Lande — das, was wir für den alten Iischuw tun, es geschieht sehr wenig und könnte, wenn wir opferfreudiger wären, unvergleichlich viel mehr getan werden, fällt ja auch unter die Bemühungen, den Bestand des Vorhandenen zu sichern — sie bedeutet nicht die entscheidende Selbsthilfe. Wir sprechen es laut und deutlich aus: Nicht um Augenblicksströmungen nachzukommen, sondern in Erkennt-; nis der großen Bedeutung der Aufgabe an sich, haben wir alle Faktoren, die in unserem Kreis für Crez Jisroel wirken — Palästina-Zentrale und Crez Iiscoel-Amt der Jugend — aufs stärkste unb hingebungsvollste zu unterstützen; nicht in kühler distanzhalteuder Reserve, sondern in voller Aufgeschlossenheit der Seele. Und dennoch die letzte, die einzige Form der Selbsthilfe ist dies nicht. Heil dem, welcher auf heilige?» Väterboden das heilige Vätererbe betreuen, auf jüdischem Boden als jüdischer Mensch sein jüdisches Leben führen kann: „Einem nur aus der Stadt, zweien nur aus der Familie" wird solches Glück gegönnt sein! Aber die Masse, der das versagt ist: engherzige parteiverblendung sicht über sie hinweg, verantwortungsbewußte Gesamtheitssorge wendet ihr, gerade ihr, den Blick zu. Und damit kommen wir zu dem, was unser Freund Maximilian Landau im „Israelit" vom 28. Tebeth als „die Forderung der Stunde" bezeichnet hat. Das war mehr, als ein Zeitungsleiiartikel. Cs war das, was sorgsame Prüfung und Beratung aller Möglichkeiten als den a u s f i ch t sreichsten Weg zur Rettung erscheinen ließ. Landau sprach aus, was gefühlsmäßig in uns allen schlummert, was in seherischer Klarheit Nathan Birnbaum seit Jahren predigt: Wir müssen zu einer vollkommenen Berussumschichtung gelangen. Nicht heraus aus Handel und Kaufmannsstand, aber heraus aus der anormalen lebensgefährlichen Ausschließlichkeit solcher Berufe, die heute ihren Mann, geschweige denn ein Volk, nicht mehr nähren können. Der neue Landesvorstand hat in seiner Sitzung die Schaffung einer „ L a n d e s k o m in i s s i o n für Berussumschichtung und Siedlung " beschlossen. Man sagt gewöhnlich, kominisstonen seien dazu da, um einer Idee ein anständiges Begräbnis zu sichern. So wird es mit G'ttes Hilfe in diesem Fall nicht sein. Wir werden alle Kraft daran wenden, diesen Weg d e r S e l b st h i l s e zu geben. wir wollen planmäßig ' arbeiten und in Gemeinschaft mit allen, die dazu bereit sind, unserem Volke 'zu normalen Lebensbedingungen verhelfen. W i r Postscheck - Konto der Landesorptsation: Landesorganisafion der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, " ' No. 50 204 Hamburg. wollen, wie Landau cs ausgesprochen hat, eine Konsolidierung und aus die Dauer b e r e ch n et e S i ch erung des j ü d i f ch c n Wirtschaftslebens, eine grundlegende Aenderung der jüdischen Wirtschafts-Struktur, Berufsumschichtnng und produMvierung der jüdischen Massen, ihre allmähliche Loslösung von der Markt- und Gelöwirtschaft und stärkere Verbindung mit der Nrwirtschäst. wir wollen eine großzügige landwirtschaftliche Siedlungsaktion, nicht notwendigerweise eine einseitige Agrarisicrung, sondern eher eine neue gemischtwirtschaftliche Verbindungsform von Landwirtschaft mit Handwerk und Gewerbe. Diesen wilien stellen »ir in den Mittelpunkt der S e l b st Hilfebestrebungen unserer A g. u d a s I i s r o e l. wir wissen es: wir verfügen nicht über alle Faktoren. Die außerjüdischcn und die nicht orthodoxen müssen, soweit dies noch nicht geschehen ist, erst gewonnen werden. Aber den Hauptsaktor, die jüdische Masse als Objekt und vor, allem als Subjekt dieser Selbsthilfe, den haben wir. Und die Schaffung einer Atmosphäre für diese Pläne, das ist eine Aufgabe, mit der wir heute, zu dieser Stunde noch, beginnen sollen. Und die Landesorganisation reiht sich hierbei disziplinierten die Reihe unserer übrigen aguöistischen Organisationen. Zu unserem Teile nur, in den Grenzen, die unsere Zahl uns stellt, wollen wir an dieser Ausgabe Mitwirken, wir fühlen aber unsere ürast wachsen, wenn -vir nur zu tun beginnen: j •mrsrn Vm Ich segne Dichin allem, was Du tust! 7. wir haben in vorstehendem, wenn auch nur in ganz kurzen Umrissen Einiges von dem dargestellt, was der neuen Leitung als Arbeitsgebiet für die Zukunft vorschwebt, wir wiederholen es: wir wollen Kampf ansagen lethargischer Müdigkeit, und durch Selbstbesinnung, Selbsterziehung und Selbsthilfe uns die Bahn für den Ausstieg freimachcn. wir ließen uns das Wort Schemuels als Hoffnungsschimmer auf dem Wege, dessen Schwere wir gewiß nicht verkennen, voranleuchten. An jener Talmudstcllc, da wir dies Wort von Schmuel lesen, werden noch zwei andere weglcitcnde Kennzeichen genannt. 'KpU'3 PNI' 'm '8N2V3 Raw prüfte durch eine Brücke, Rabbi Jauchaunon durch Kinder. Wollte Raw ans jenseitige Ufer und er fand sogleich eine dorthinführende Brücke, so war ihm das ein gutes Vorzeichen. Stand Rabbi Iauchonon vor einer Entscheidung und klangen ihm aus Kindermund hoffnungsreiche Schriftverse entgegen, so gab ihm das Sicherheit und Beruhigung. Raw und Schmuel und Rabbi Iauchonon: Sie alle drei mögen unserer zukünftigen Arbeit beistehen. Möge a u s d c m a u f g e s ch l a g e n e n Sefer uns stets Kraft kommen, mögen wir immer schnell die L r ü ck e s i n d e n, die aus dein Lande dee Sehnsucht ins Land der Wirklichkeit führt, möge vor allem der echte jüdische Geist, der in u ns e r e r Jugend lebendig ist, uns bei unserer Arbeit begleiten, daß sie, s. G. w., des Erfolges sicher ist. w. S. I? .Draußen" und «drinnen". Gedanken von einer Reise. Es ist das Schicksal eines aus Deutschland kommenden Juden, der ins Ausland reist, daß ihn überall, wohin er kommt, die mitleidvolle Frage begrüßt: „Was gibt es Neues in Deutschland?" Mitleidsvoll! Denn immer zielt die Tendenz der Frage auf die politische Lage in Deutschland hin. auf. die neue Regierung, die neue Gestaltung der innerpalitischen Verhältnisse und das davon etwa beeinflußte Schicksal der deutschen Judenhell. 1. Man kann heute gewiß, wenn man diese Frage beantworten soll, kein großer Optimist sein, inan darf aber noch weniger sich von dem furchtbaren Pessimismus anfrsffen laßen, der weite Kreise ergriffen hat. Es ist wahr, daß die deutsche Judenheit sich in schwerer Lage befindet. Das Bewußtsein, dc.ß ein großer, großer Teil der Bevölkerung Deutschlands, daß führende Männer der deutschen Regierung das Wort Jude nicht aussprechen, ohne den Begriff der Verachtung damit zn verbinden, kränkt und deprimiert. Es ist unbestreitbar, daß viel, viel Mitleid bei dieser Frage „Was gibt es Neues in Deutschland?" Mitschwingen muß. Und dennoch! Das große trostverheißende „Und dennoch, auch wenn sie im Lande ihrer Feinde sind, in Ländern, wo man sich ihnen feindlich und haßvoll gegenüberstellt": Jüdische Menschen schöpfen aus der Gewißheit, daß G'tt sie nicht verworfen, die Kraft zu neuer Hoffnung, die Kraft zum Durchhalten. 2. Norvv. so erzählt uns der Talmud, schloß in Zeiten schwerer Not das Fenster! Das bedeutet gewiß nicht, daß er dein, was „draußen" vorging, teilnahmslos gegegenüberstand, denn Rowo hat gewiß sein Schicksal mit dem Gesamtheitsschicksal identifiziert — das bedeutet vielmehr wohl, daß er sich nach innen konzentrierte: die-Kraft des Hauses, des G'tteshauses, des Lehrhauses, des Fainilienhauses. die wollte er drinnen einfangen, um so für draußen gerüstet zu [ein. Vielleicht rollt diese Schicksalswelle über die deutsche Judenheit, daß sie im Sinne dieses Wahrwortes sich auf sich selbst besinne, auf die inneren Kräfte und die innerlichen Kräfte, die ein schweres Schicksal leichter und williger tragen lassen. Vielleicht, daß man der mitleidsvollen Frage „Was gibt es Neues in Deutschland?" bald die hoffnungsfrohe Antwort entgegenstellen kann: Sich selbst begreifendes Judentum breitet sich aus. die Jüdischkeit nimmt zu in den Gemeinschaften, Geineinden und Familien, der Wille, die in der jüdischen Seele schlummernden Kräfte zu wecken und zu heben, hat an Stärke und Kraft zugenoimnen! Vielleicht, daß man auf die mitleidsvolle Frage bald hoffnungsfroh antworten darf: Neu ist an der Lage der deutschen Juden, daß ihr Wille zur Einigkeit stark geworden ist und daß diese Einigkeit nicht durch die Gemeinsamkeit des Leides und Leidens bestimmt wurde, sondern durch die Gerneinsamkeit der religiösen Ueberzeugung: G'tt und Sein Gesetz! Das allein ist der Boden. aus dem diese Einheit und Einigkeit erblüht. 3. Jeder Mensch sieht die Dinge von seiner Warte. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß Agudas Jisroel die einzig mögliche Organisationsform des jüdischen Volkes ist, und frage mich darum: Besteht die Hoffnung, daß aus der deutschen Agudas Jisroel heraus Kräfte wachsen, die den eben gekennzeichneten Weg nach innen und nach oben bereiten helfen? Und ich bejahe die Frage! Es ist ein heißer Wille lebendig in unseren Alten und in unseren Jungen. Dieser Wille ist in der jüngst veröffentlichten Kundgebung der deutschen Lattdesorgamation zum Ausdruck gebracht worden, da sie die deutsche Judenheit aufrief zur Selbstbesinnung, Selbsterziehung und Selbsthilfe. Denn dies war ja nichts anderes, als Ruf und Aufforderung, die Kräfte, die in uns sind, zu fruchtbarer Arbeit auszulösen. Ich glaube und hoffe, daß dieser Ruf ein hörendes Geschlecht findet. Ich glaube in heiliger Ueberzeugung an den Nus des Psalmisten: „Du hast denen, die dich fürchten. eine Prüfung auferlegt, 8584

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