Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 der Monate, erster sei er Luch für die Monate des Jahres." Dazu der Midrasch Rabo (15, 5): „Rabbi Schimon sagt: Gros; ist G'ttes Liebe zu Israel, daß er sich ihnen in diesem Lande offenbarte, dem Ort des Götzendienstes mt mini*' dem Ort des Schmutzes, nsmo dem Ort derj rwmü' um sie zu erlösen." , Dreifaches kennzeichnete die Situation in Aegypten: nit «Tttav: geistige Verirrung, nsuo: körperliche Entartung und Verfall, nrrviv: seelische Erschlaffung. Und da erklingt nun G'ttes Ruf zu dreifacher Erneuerung, wie das nach der Deutung unserer Erklärer in dem Vers mn snnn mit seinem dreifachen rr>7N-Ruf zürn Ausdruck gelangt: Gegenüber der mt rnnv: Erneuerung des Geistes durch Selbstbesinnung, gegenüber der nNölu: Erneuerung der Seele durch S e l b st e r z i e h u n g, gegenüber dem risiiv: Erneuerung des Körpers durch Selbsthilfe. 2. Im Lande Mizraim ruft G'tt das Volk, auf, ruft's durch seine berufenen Führer auf und der Ruf findet Echo. Das Sklavenvolk wird frei, es überwindet alle Hemmungen und Fesselungen. Dürfen wir nicht Schmuels Methode folgen und ueser gegenwärtige Situation, ihre Schwere und ob sie tragbar ist, ihr Ehaos und ob es einen Ausweg daraus gibt, prüfen an jener Schickfalsstunde, die unser Volk damals bestand und die das aufgeschla- »gene Ehorabuch UNS gerade jetzt vor Augen führt. Mir sind geistig so müde geworden, so lustlos gegenüber allem Erkennen und Rachöeuken, wir sind seelisch so zermürbt, Schwung und Feuer, lebendiges echtes Pathos NNd heilige Besessenheit, all dies ist uns abhanden gekommen. Mir sind ganz gefesselt von körperlicher Sorge; von materieller, von politischer Angst um unsere physische Existenz. Rust mau zum Dienst au der Gesamtheit, will inau das Auge öffnen für über den Tag hiuausgehcude Rotwendigkeiten, will man heiliges Gesamtheitsbewußtsein fordern und fördern: Müdigkeit, Resignation, Pessimismus sind die entmutigenden Antwoctcn. Die Glocke, die einst so voll und mächtig klang, hat einen Riß bekommen. Will der Glöckner sie zürn Klingen bringen, vernimmt man nur einen kläglichen Ton. Darf dies sein? Stehen diese Mutlosigkeit und dieses traurige ' versagen nicht in vollem Widerspruch zu der Bewährtheit unseres Volkes in anderen, noch schlimmeren' Situationen? War der Wirtschaftsdruck niemals härter, die politische Lage niemals trüber, der Judenhaß niemals gefährlicher? Und blieb in früheren Zeiten der Jude nicht dennoch innerlich ein freier Mann, in feinem Reich ein 'Herr und König? Wir haben uns anstecken lasten von unserer Umgebung. Dort, wo Wohlleben und Sorglosigkeit die Voraussetzungen sind für das Glück der Seele, dort allerdings mag die Zeit Verzweiflung und Zweifel an besserer Zukunft auslösen. Aber jüdische Menschen! Die in der Prüfung sich bewähren, im Tiegel des Leides und des Leidens festwerden sollten, sie sollten daran denken, daß G'tt seinen Getreuen die Prüfung als ein panier schickt, daß aus Ringen und Kämpfen das höchste Glück: die Wahrheit, erblüht: mp •’jdö Da *7K*v!? rmm 5. Wenn darum die deutsche Agudas Iisroel jetzt ihre Leitung nach Berlin verlegt hat, das Alter und die Jugend sich dort zusammengefunden haben, um in gemeinsamer Arbeit die alte Fahne wieder im Lager der Gesetzestreuen aufzupflanzen, daß sie sich voll und allen Augen sichtbar entfalte, dann lasten wir uns unseren Glauben an öle unverwüstliche Kraft, an den ungebrochenen Lebenswillen unseres Volkes nicht rauben. Wir sind Optimisten und z n k u n f t s f r o h , nicht w e li l wir leichte oder leichtfertige Menschen sind, sondern weil wir mit vollem Ernst und ganzem Verantwortungsbewußtsein mitten in dieser Gegenwart stehen. Wir wagen das Werk in unsere Hände zu nehmen, nicht deshalb, weil wir nichts zu vcr-j Der Israelit ._ Blätter Heien hätten, nein, deshalb, weil alles zu verlieren ist, wenn nicht endlich ein neuer Geist, der in Wahrheit nur der alte ist, bei uns einzieht. Wir wagen es, weil das aufgeschlagene G'ttesbuch uns den Weg weist, weil wir altmodisch genug sind, nur seiner Leitung, nur seiner Führung uns anzuvertrauen. Und so stellen auch wir gegenüber: Der geistigen Müdigkeit die Selbstbesinnung. Der seelischen Erschlaffung die Selbsterzieh u n g. Der körperlichen Verkümmerung die Selbsthilfe. 4. - - Selbstbesinnung: W i r wollen unsere Agudoh-Gruppen wieder von Grund aufbauen. Richt durch aufgeblähte Kundgebungen zum Fenster hinaus eine Kraft Vortäuschen, die uns int Wirklichkeit verloren gegangen ist, sondern in systematischer Kleinarbeit) in intensiver Fühlungnahme und Rahebringung der wenigen Gleichgesinnten wieder einen Stamm von Menschen zu gewinnen suchen, der sich auf Ziel und Zweck unserer jüdischen Aufgabe wieder besinnt. Wir wollen aufhören, unsere Weltanschauung und unser Weltbild aus nichtjüdischen oder, was noch schlimmer ist, aus unjüdischen Zeitungen und tagespolitischen Leitartikeln zu beziehen, sondern an den Urquell zurückgehen. Die mt nrrnm der Götzendienst hat in mannigfachen Formen in unserem Lager Eingang gefunden: dem Götzen der M e h rh e i t stellen wir den G'tt der W a h r h e i t entgegen, dem Götzen der S i n n l i ch k e i t den G'tt der S i t tl i ch k e i t, der Frivolität des Kleinkinder-, Einkinder- oder bestenfalls Z w e i ki n d e r - S y st e m s das Glück des kinderreichen Hauses, der Bequemlichkeit des Junggesellentums die Heiligkeit der Ehe. Wir geben es zu, heute ist die Frage der Verehelichung unendlich schwer geworden, heute die Sorge um die Auserziohung zahlreicher Rachkommenschaft größer denn je. Aber wir sind von diesem Umweltsübel schon angefresscn worden, als man noch nicht die Schwere der Zeit, die für vieles verantwortlich ist und die eine bequeme Verallgemeinerung für alles verantwortlich macht, zur Entschuldigung herangezogen werden konnte, vor fast 5 Jahrzehnten schrieb unser Führer Jacob Rosenheim: „vor allem verdient hier die mehr gedankenlosfrivole, als böswillige Stellungnahme der „Gesellschaft" gegenüber der bei dem Problem des Kindersegens zunächst beteiligten Frau eruste Aufmerksamkeit und Erziehung. Der Respekt vor der kinderreichen Mutter, das müßte das erste sein, was alle Denkenden in unserer Zeit der „Gesellschaft" anzuerzrehcn verpflichtet wären. Das Rasenrümpfen nicht nur höherer Töchter, sondern selbst sogenannter Juden und Jüdinnen, über die Freundin, die „jedes Jahr ein Kind bekommt", die geringe Achtung, der die durch das Zeichen des Kindersegens geadelte Mutter auf der Straße wie im Salon leider so oft begegnet, sind zwar Symptome sittlicher Minderwertigkeit, die außerhalb des jüdischen Kreises ebenso stark oder noch stärker hervortreten, aber gerade im jüdischen Kreise k ö n n i e n s i e leichter bekam p f t w e r ö e n. Cs brauchten nur die ernster und tiefer Empfindenden nicht zu schweigen, sondern lauter zu reden als die anderen, es brauchten nur Väter und Mütter, Lehrer und Lehrerinnen, Freunde und Freundinnen, wann und wo sie können und berufen sind, die Gesinnung, aus der jene Symptome fließen, gebührend zu geißeln — und eine Besterung würde nicht ausbleiben. Die öffentliche Meinung ist eine Großmacht und die Ehrenkränze, die sie vergibt, rufen ebenso viele Tausende zum Wettbewerb um die gekrönten sittlichen Ziele -auf, wie ihr Lächeln und Sticheln, ihr Zischen und Tuscheln von dem Beschretten des herabgewürdigten Weges, und sei er der heilvollste, Tausende abschreckt." Wir haben dieses eine Beispiel herausgegriffen und könnten die Zahl vermehren. Wir wollten nur andeuten, wie wir durch das Mittel der Selbstbesinnung, das heißt der Besinnung auf unsere eigene Art wieder zu jenem inneren Glück und jener in uns selbst verankerten Ruhe gelangen, wenn wir nicht auf dem Gebiete des geistigen Lebens allzusehr von dem Import fremder Geisteswaee zehren würöen- 23. März 1933' Wir werden wieder frisch, lebendig und Froh,, wenn wir unser Glück dort suchen, wo w i r es f r n - den und nicht dort, wo die anderen es vermuten. Ö, r Und so geht diese Selbstbesinnung Hand in Hand mit der S e l b st e r z i e h u n g. wir müssen unsere Agudoh-Gruppen zu Gemeinschaften ausbaucn, wo einer dem anderen itt. wirklicher brüderlicher Verbundenheit .nnmn sagen kann, wo man sich nicht scheut vor dem Anssprechen des für wahr Erkannten. Zahlroiche.Probleme schwirren in der Luft. Sie sind nicht dazu da, daß man. sich für oder gegen sie entscheidet, sondern daß man. durch prüfende Stellungnahme ihren erzieherischen. Wert für uns ausschöpfe. Ich möchte dies an drei Beispielen klar machen, die unser verehrter Vorsitzender, Herr Dr. Moses Auerbach, jüngst beleuchtete: An der Frage des Berufes, an der Frage der politischen Betätigung, an der Frage der'sozialen Solidarltät. Der Bern f. Cs ist heute modern geworden,, den Kaufmannsstand als verächtlich abzutun. Das steht tm Zusammenhang mit der Frage nach kapitalistischer oder sozialistischer Weltordnung. Es mag im Zug der Zeit gelegen haben, sich für die sozialistische Weltordnung zu entscheiden und dieser Entscheidung den Anstrich höheren ethischen Bewußtseins zu. geben. Und so lehnt man den Kaufmannsberuf rundweg ab. Das äst aber falsch. Welche Wirtschaftsordnung es auch sei, in jeder undan jeder haben wir UNS zu bewähren. Der raffende Kaufmann mag eine üble Erscheinung sein. Der schaffende, der bis ins letzte der Thora gemäß lebt und darum von tiiefstem sozialem Pflichtgefühl getragen ist, er zeugt Nicht minder, ja vielleicht noch eher für einen wahren mn un'7p als Bauer und Handwerker, die geringeren Versuchungen ausgesetzt sind. Es sei in diesem Zusammenhänge an ein Talmndwort erinnert. In Iaumo 86a wird gefragt: Wer ist aivn unj?»? Und Abbaje antwortet: „Der Thorakundige ist's, der ehrlich ist in Handel und Wandel und sozial in dem Verkehr nt i t den Mit m ensche n. Durch Selbsterziehung uns in jedem Berufe bewähren, durch sie jede Wirtschaftsform adeln, diese Aufgabe haben unsere Gruppen zu pflegen. Die politische Betätigung. Beobachten wir die Strömungen .in unserer zeitgenössischen gesetzestreuen Jugend, dann finden wir, daß sich weite Kreise von dieser Betätigung abgestoßen fühlen. Ist darum die Politik abzulehnen? Die Jugend sieht Auswüchse politischer Praxis und fühlt sich von ihnen — brauchen wir nur das harte Wort, denn es ist wahr — angeekelt. Ist aber die Politik, die Politische Betätigung darum zu verwerfen? Wieder sei Rosenheim zitiert: „Gerade bei den feiner und tiefer empfindenden Raturen weckt schon das bloße Wort „Politik" Ideen- Assoziationen mit dem Staub und dem Getüntmel der Straße, der leidenschaftlichen Ungerechtigkeit verhetzter völksmassen, mit dem unsauberen Kuhhandel der parlamentarischen Parteien, der Unaufrichtigkeit und dem Ränkespiel der diplomatischen Faiseure, mit den Macht- und Interessenkämpfen wirtschaftlicher Gruppen und den Millionen unglückseliger Opfer des vom Gouveränitätsdnnkel beherrschten internationalen Kampfes der Staaten untereinander um Weltgeltung und Herrschaft." Und dennoch: Politik, als die Gesamtheit der wissenschaftlich geordneten Grundsätze, nach denen sich das öffentliche Leben gefaltet, Politik als die Wissenschaft von der Verwirklichung der ethischen Grundsätze im öffentlichen Leben, keiner kann ihrer entraten und unsere Jugend bedarf ihrer vor allem. Agudistische Aufgabe ist es, durch unablässige Klärung der Begriffe und durch Wachen darüber, daß die Kunst der Politik nicht mißbraucht wird, dafür zu sorgen, daß ein Vorurteil, das zu geistiger Selbstaufgabe führen kann, ausgerottet wird. Und schließlich: soziale Solidarität. Aufgabe der Aguöas Irsroel ist es, ihren Menschen zu helfen, daß sie ererbte und erworbene Vorurteile abstreifen: Es gibt keine hohen und niederen Berufe, es gibt nicht Herr und Diener/ es gibt nur