Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450768--79483-2537237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 Nr. 12 'Als der Morgen graute, senkten sich die Jlam* men, als wollten sie den Platz dein Tageslichte räumen. Im Iudenviertel zeugten über hundert rauchende und glimmende Trümmerhaufen die Stätten früherer menschlicher Geborgenheit an- Die große Schul und das Rabbinerhaus waren verschont geblieben. Pier sammelten sich, wie Schiffbrüchige auf einer Insel, die Menschen, müde, ausgehöblt, noch starr vordem Entsetzen der Nacht, die ihnen Heim und Habe genommen. Diele waren nur dürftig gekleidet, wie sie gerade im ersten Schrecken aus dein Bette sprangen. Reiner hatte nur eine Scheibe Lrot in Vorrat. Man brachte die Obdachlosen in die Schul, ins Rabbinerbaus, in die wenigen unversehrt gebliebenen Häuser. Jeder, der noch etwas an Kleidern, Decken und Lrot besaß, hatte es herzugeben, für alle. Die sich noch auf den Füßen Kalten konnten, blieben vordem Rabbi, wichen nicht vom Platze. Was sollte geschehen? Wollte der Rabbi wirklich beute noch gehen und sie bei ihren Ruinen, ohne Lrot, ohne Pilse, lassen? Wer wollte es ihm verdenken, wenn er beute, gerade heute sich aus diesem wüsten Trümmerfelde in jene Gemeinde rettete, wo ihm schon alle Perzen entgegenschlugen? 'Aber Rabbi Mosche rief vom Balkone herab: „Gemach, Juden! G'tt bat uns hart gestraft, aber nicht zu hart. Ts ist, Ihm sei es gedankt, kein Menschenopfer zu beklagen . . . Aus Brand und Asche kommt neues Leben, und Heiligkeit . . Rein, nicht das wollte sie hören. „Und der Rebbe?" erhoben sich hundert sorgengequältc Stimmen. „Ich bleibe bei euch, heute und morgen und noch viel länger, bis euch pilfe geworden ist." (Fortsetzung folgt.) Nachträgliche Säkularfeier. lieber ein Jahrhundert ist durch die Lande gewandert — ein Jahrhundert tiefster Bedeutung. Wogte aus und ab — Geburt und Grab. Völker kamen — gingen. Blühten — dorrten. Brausender Freiheitsdrang lohte — erlosch. Mauern türmten sich — sielen ein. Ein halbes Jahrhundert rosenroter Gegenwart — und ein anderes Rot färbte und düngte die Aecker. Zwischen alledem — jüdischer Aufstieg — jüdischer Abstieg. Im sozialen Aufstieg — jüdischer Abstieg, in der Freiheit Gebundenheit, Gebundenheit und — Ungebundenheit. In der liberte, egalite, fraternite oft Selbstoergessenheit, Vergessenheit des edelsten jüdischen Selbst. Und dann — und dann — Weckruf für dieses eingefcöläferte und eingefchlafene edelste jüdische Selbst, Emporhebung aus Nacht zum Licht. Zum echten, wahren Licht. Und wiederum — Bedrängnis dieses Lichts. Schilderhebung eines anmaßlichen, eines anderen, eines falschen Lichts, des sogenannten „jüdisch-liberalen", mit Freiheit protzenden und in Wirklichkeit der Zeit knechtisch Untertanen und die echte, die wahre Freiheit knechten wollenden Lichts. Schließlich — Einengung und Zufammendrüngung. zunächst nur äußere, hoffentlich bald innere Zusammendrängung der versprengten Volksglieder, hoffentlich Selbsterkenntnis, Selbstbesinnung, Selbstverständnis aller, auch der treu gebliebenen Glieder unter dem Druck und der Fuchtel der Zeit. Du aber, o G'tt, -bleibst ewig bestehen, und Dein Werk bleibt ewig bestehen, und die Werke der von Dir Erleuchteten dorren nicht und modern nicht, spenden immer Kraft und Halt und Fülle, machen vergessen der Zeiten wildes Getriebe, lösen es von ihnen, tauchen ein in seelisches Glück, in Menschen- und in G'ttesliebe! Vor mir steigt eine ehrwürdige Gestalt auf. Eine Denkerstirne ragt. Ein klares, scharfes Auge leuchtet: Wolf Heidenheim, der Gründer des Hauses Lehrberger in Rödelheim. Er hat geforscht, gesonnen, gesiebt, gesichtet. Cr hat Schätze der Vergangenheit neu gehoben, blank geputzt, in ihrer ganzen, vollen, klaren Reinheit dargeboten. Die goldenen Früchte der' Gebete unserer festtäglichen Machsorim hat er, dessen irdische Hülle im Jahre 1932 die Erde 100 Jahre deckte, in silberner Schale gereicht. Die Vergangenheit wurde in seiner köstlichen, jedes Wort, jeden Buchstaben wiegenden Aneinanderreihung lebendige Gegenwart. Gegenwart um so mehr, als er in den Sinn jedes Wortes tief eindrang und diesen Sinn, der Allgemeinheit durch seine Uebersetzung erschloß. Der kulturhistorischen Bedeutung, der immanenten und unvergänglichen Größe dieser Gebete, ihrer entflannnenden Kraft an sich gesellte sich so ihre Popularisierung, ihre Verständlichmachung für alle Kreise. Wieviel Inbrunst in ihnen strömt und webt, was an Erhabenheit, an Hoheit, an Glanz des Geistes, an aufrüttelndem Gefühl in ihnen waltet und gestaltet — jetzt wurde es der breiten Masse deutlich, jetzt wogte es in ihre Seelen hinein, und drang an den Feiertagen, die Feiertage des Gemütes und der Hingabe wurden, heraus, hervor, empor. Man hat den Nachschöpfer dieser Machsorim, wie man ihn ja wohl füglich nennen darf, vor einem Jahre _Ser Israelit_ j mannigfach geehrt. Nun kommt eine nachträgliche, eine feine und sinnige Ehrung, die weit über den Tag und seine Eintagsfliege, die Zeitung, hinausragt. Der Verlag M. Lehrberger u. Co. präsentiert als Jubiläumsgabe und -Ausgabe die 100. Auflage des Heidenhenn'schen Machsors, deutscher Ritus mit der neuen deutschen Uebersetzung von Vamberger. Gebetbuch für die Festtage. Herausgegeben von Wolf Heidenheim. Im Anschlüsse an dessen Kommentar neu übersetzt von Rabbiner Dr. Selig Vamberger. Frankfurt a. M. (R ö d e l h e i m). Druck und Verlag von M. Lehrberger u. Co. Das Machsor erscheint in folgenden Ausgaben: In einfachen, schwarzen Bänden. In Bänden mit Goldpressung aus Rücken und Deckel des Einbands. In Bänden mit Goldpressung aus dem Einband und Goldschnitt. Alle diese Ausgaben in 5 und 9 Bänden. Der Verlag hat fein Bestes getan, um der Würde, dem Sinne, dem Wollen und Vollbringen des Gefeierten entsprechend, Text. Druck. Ausstattung so zu ge- > stalten, daß diese Bünde eine Helle und dauernde Freude j ihrer Besitzer sein werden. Mögen sie hineinwallen in die weite Welt, stählen, feiern und läutern, wer in ihnen blättert, wer sie sich innerlich zu eigen macht. Möge die Einheitlichkeit ihrer Form und ihres Geistes in die Zerrissenheit der Gegenwart Einheitlichkeit des Denkens für die Erfasser, — für die Betrachter, für die Erfühler ihres Sinnes, ihrer immerdar waltenden Harmonie bringen. Ruhe i'm Sturm, Panzer in der Schlacht. Die Worlbedeukung von D'Yifr Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O. S. Für die mit o-nn beginnende, n>nin genannte, vorletzte Schlußbenediktion der mp? nanw bezw. der n^sn gilt die Vorschrift, daß der Beter, wie bei der ersten Venediktion, so auch bei dieser sich beuge. (O. Ch. 121, 1. Verachot 34a). Weshalb ist diese Vorschrift des Beugens gerade für den Segensspruch mim erlassen worden? Ohne gegen andere Antworten polemisieren zu wollen, gebe ich der Meinung Ausdruck, daß dies mit der Bedeutung des Wortes onm zusammenhängt. Nach manchen Sprachforschern hat die Wurzel dieses Wortes die Grundbedeutung Hinwersen und ist identisch mit der von im z. V. Joel 4, 3 biir vr sie werfen Das Los, ebenso wie -pa segnen mit trs-n Knie zusammenhängt. Aber diese Identifizierung der Wurzel von mim und vr> ist umstritten. Dagegen darf, wie ich glaube, als sicher angenommen werden, daß im späteren Hebräisch das Wort mim neben der Hauptbedeutung danken, anerkennen auch die Nebenbedeutung beugen gewonnen hat. Dies geht hervor aus Targum zu 2. Samuel 16, 4, wo vrmnpn übersetzt wird smn- Es darf also angenommen werden. daß ib vmrr Mil» auch die Bedeutung hat: Wir beugen' uns dir, woraus die Vorschrift des Beugens sich erklärt. Hiernach würde man dem Sinn der Stelle am besten gerecht werden, wenn man sie etwa übersetzte: „Wir neigen uns dir dankend," und ebenso die Schlußworte jvnin> ,u« Pi etwa übersetzen würde: „Und dir gebühret es. daß man dankend sich neige." Auch aus der Awoda des Jomklppur dürfte hervorgehen. daß miiv dort die Bedeutung beugen hat, da es heißt L2N--32 bv Lml>mv wimi »'uwemi »•»snis m Die mir vorliegenden Uebertragungen übersetzen auch hier crw, „und bekannten ihn," was m. E. nicht im Sinne der Verfasser jenes Gebetes ist, wie aus der Zusammenstellung mit den anderen drei Bezeichnungen für beugen ersichtlich ist. Ebenso dürfte in natzP bie Zusammenstellung p?2 'wb DPim a-nnnpm o-’y-vo «tusi darauf hinwesen, daß auch hier rach der Intention des Verfassers den Sinn beugen hat. Daß miw biblisch danken, anerkennen heißt, schließt nicht aus, daß die Schöpfer der Gebetstücke es dort, wo es ihnen angemessen erscheint, auch in der Bedeutung beugen anwenden, nachdem es im Sprachgebrauch aus. einer naheliegenden Jdeenverbindung heraus auch diesen Nebensinn gewonnen hat. Sa hat z. B. auch im Deutschen der Begriff geneigt. Neigung, der ursprünglich lediglich etwas Körperliches bezeichnete, später auch einen geistigen Sinn erhalten. (Hermann Stracks hebräische Grammatik.) Die altbekannte hebräische Grammatik mit Uebungsbuch von Prof. Hermann Strack liegt in 14. Auflage, neubearbeitst von Dr. ph'll. Alfred Jepsen. im Verlag der CH. Beck'schen Verlagsbuchhandlung in München vor. Sie stellt eine völlige Neubearbeitung vor allem der Grammatik, zum Teil auch des Uebungsbuches dar. Das Buch ist zwar in erster Reihe für christliche Theologen bestimmt, wird aber auch von jüdischen Gymnasiasten und Studenten, die auf ein kurz gefaßtes Kompendium der wissenschaftlichen Grammatik Wert legen, mit Nutzen verwendet werden können. Historischer Stoff ist nur insoweit verarbeitet worden, als es das Verständnis der überlieferten Formen erleichtert. Im übrigen ist das Hauptgewicht auf die Syntax gelegt. Die neue Auflage ist schon 1930 erschienen, uns aber erst jetzt zur Besprechung zugegangen. (Die Thoracolle des Zaren auf der Versteigerung.) In der Hammer-Collection in Newyork ist gegenwärtig eine Thorarolle, die dem früheren Zaren Nikolaus II. gehörte, zum Verkaufe angebolen. Die Thorarolle wurde für die Krönung des Zaren im Jahre 1896 hergestellt, seither soll sie der Zar sorgfältig als Talisman aufbewahrt haben. Prof. Alexander Marx' 23. März 1933 jvom Jüdischen Theologischen Seminar untersuchte die Thorarolle und erklärte, das sonderbarste daran sei das Kreuz, das sich auf dem Monogramm und auf der Zaren- Krone auf der Decke eingestickt finde, aus der andern Seite befindet sich der Name G'ttes auf dem.Schilde Davids. Die Tatsache, daß sich ein Kreuz auf der Thorarolle befinde, bestätigte die Annahme, daß dieses der Zar für sich speziell bestellte. Ainderecke. -v'Vin qdV mn Vinn Dieser Monat sei Luch der erste der Monate; welcher denn? — Run derjenige, der eben mit diesem kleinen streif des neuen Mondes beginnt. — And wie ist fein Rame? — Aiuß jeder TTlonai einen Rainen haben? — Ja, bei allen Völkern haben die Monate Ramen! — Aber sie müssen keinen haben; wie ist es denn im Jüdischen mit den Wochentagen? Benennen wir sie auch nach der Sonne oder dem Mond? — Rein, die Tage haben gar keine Ramen, nur Nummern. Also wie zählt man sie? — Immer nach dem 712^'der erste, zweite, dritte Tag nach demR2V— Seht Ihr, und so ähnlich ist's auch bei den Monaten, sie werden mit ihrer Zahl bezeichnet. Und welcher ist nun der erste? — Der Riffan! — Ru, da hat er ja auf einmal doch einen Ramen! Steht denn der Rame in der Tauroh? — Rein, das tut er nicht. — Rcberhaupt nicht im Tnach? — Rein! — Aber diesmal seid Ihr hereingefallen, natürlich steht er lim Tnach und zwar habt Ihr ihn erst kürzlich gehört. In der Megitlas Esther konnnt er vor: Im R i f f ö tt warf Haman das Los, von Monat zu Monat, bis es fiel — na, auf welchen Monat? — Auf den 12. Monat, den Monat 21 6 a r. — So, jetzt haben wir also schon 2 Monatsnamen. Steht vielleicht noch einer in der Megilloh? — Der Tewes kommt noch drin vor. Im 10- Monat, Im Monat Tewes-, kam Esther an den königlichen Hof. — Seht Ihr und sogar noch ein Monat wird in der Megilloh erwähnt. Im 3. Monat, im 0 i to a ii schrieben die Schreiber des Königs auf Geheiß von Mordechai und Esther den Erlaß, daß alle Juden sich verteidigen dürften. Jetzt haben wir also schon 4 Monatsnamen gefunden. Wer entdeckt noch einen in Tnach? — Riemand? Da will ich Euch verraten, daß z. B. in Secharjah vom l l. Monat, dem Monat S ch w a t die Rede ist und vom 9. Monat, dem R i s l e w.. Daß der Prophet Secharjah am persischen Hof des Darius lebte, das habt Ihr doch wohl schon gewußt. Und nun strengt mal Euren Geist an: woher finden wir diese Monatsnamen nur in der Megillas Esther, beim Propheten Secharjah und dann noch im Buch Rechemjah? Was meint Ihr? — Weil d i e Juden diese 111 o tt a t 8 n a ttt c it e r st i n b e r babylonischen Gefangenschaft kennen lernten! — Sie sind also nicht hebräisch, sondern chaldäisch und werden erst im Exil in unsre Sprache übernominen. In der Megilloh und auch bei Secharjah wird noch bei jedem Monatsnamen seine Zahl im Jahr hinzugefügt, damit es keinen Irrtum gibt- Gibt's dazu, noch etwas zu fragen? — Ja, was ist mit dem Monat 2lwiw, der in der Tauroh vorkommt? — Gerade wollte ich davon berichten. Ls gibt tatsächlich vor der babylonischen Gefangenschaft auch Monatsnamen, vier an der Zahl, nur gebrauchen wir diese heute nicht mehr. Diese alten hebräischen Rainen sind: -^3 n*v» 'd'inrrn nn' -in enn '3’nxn tznn Der erste, der Frühlingsmonat oder der Monat der Aehrenreife (Gerstenreife) entspricht natürlich unserm Rissan- Das wißt Ihr ja aus dem posuk in 82» Der Monat Siv ist? Der Siwan meint ihr? Rein, nun gerade nicht, er entspricht dem Monat Ijar. Er kommt in D'D1?» vor, es ist der Monat, in dem Schelomo den Tempel zu bauen beginnt. Sein Ramen kommt wohl von Glanz, also der Pracht der Blüten in diesem Monat, Der Monat Lsonim steht auch bei Schelomos Tempelbau erwähnt und entspricht dem Tischri. vielleicht hängt sein Rame

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.