Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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WM »7J Lichk aus dem Westen. - Erzählung aus -er Zeit -er Ghettodämmerung. - (Fortsetzung.) Da sie dem Ruse keine Folge leisteten, suchte sie Rabbi Wosche selbst auf, in ihrem Kontor- Der Alte, Hilel, stand ehrerbietig auf, machte Reverenzen, brachte Entschuldigungen hervor und stotterte etwas von dringenden Geschäften, die ihn bisher verhinderten, j beim Rabbi zu erscheinen. Robert, der Sohn, lächelte hochfahrend, sprach Hochdeutsch, sagte, er wundere sich,, daß der Herr Rabbiner, aus dem aufgeklärten Deutschland kommend, so ganz in der stickigen Luft der Wattersdorfer Iudengasse atme. Rein, lehnte Rabbi Wosche ab, damit komme er ihm nicht davon. Er sei nicht gekommen, um mit dem jungen Alaune eine Kulturdebatte zu führen. Etwas anderes stehe zur Diskussion, der Sabbat. Da versticg sich Herr Robert Tokew zu der Anspielung, daß er, das Haus Tokew, am meisten zur Aushaltung der Gemeinde, also auch zum Rabbinergehalte beitrage und daher verlangen könne, mit anderen Waßstäbcn behandelt zu werden, als der und jener. „Andere. Waßstäbe?" wunderte sich Rabbi Wosche und überhörte geflissentlich die taktlose Anspielung auf sein Gehalt, „der Sabbat kennt keine unterschiedlichen Waßstäbe, er ist.für dich, Sohn und Tochter, Knecht und Wagd, sogar für das Vieh da . . ." Der Alte zupfte verlegen an seinem rotgrauen Barte. Der Sohn, lächelte überlegen und herausfordernd- Der Rabbi wurde so hinausgelächelt. Die Antwort auf diese offene Widersetzlichkeit erfolgte noch am gleichen Tage, aus dem Rabbihause. Hilel Tokew, der Vater, habe alle Ehrenämter in der Gemeinde nieöerzulegen. Dem Sohne werde dadurch der Boden entzogen, daß allen jungen Leuten in der Gemeinde bei Androhung des Bannes verboten sei, mit ihm zu verkehren und seine ketzerischen Reden anzuhören. Rabbi Wosche Sofer hatte die ersten Feinde — keine Widersacher, die mit Argumenten gegen ihn angingen, sondern Feinde, die mit Haß im Herzen ihn mieden, in machtlosem Zorn gegen ihn wüteten und aussichtslos wühlten.; Denn der Zorn der Tokew ivär noch machtloser, als mast annahm. Mt der Steigerung der Fleifchtäxe war es nicht so einfach, da laufende Verträge dieselbe noch regelten, und die Tokews waren klug genügt sich 'die Chancen'bei' der neuen Vergebung nicht zu verderben. 1 Auch die hohen Steuern zahlte der Alte nach wie vor; denn er sah feiste Rolle in der Gemeinde nicht als aus'gespielt an und wollte keine Brücken abbrechen. Als er zu peffach das übliche (Quantum Wehl für die Armen zur Verfügung stellte,, 'wurde guf M'binische Anordnung das 'Angebot mit Dank zurückgewiesen. Das Wehl wurde aus einer auswärtigen.Wühle besorgt, die am Sabbat nicht mahlte, und die Gelder brachten diejenigen mit Vergnügen auf, die sich die. Unabhängigkeit von den Tokews gern etwas kosten ließest. Cs schien übrigens, daß sich' der Achtung und Bewunderung, die diese mutige, unerschrockene Tat dem neuen Rabbiner einbrachte, sich im Stillen auch der alte Hilel Tokew selbst nicht entziehen konnte. r’ Die erste Schlacht war geschlagen und gewonnen. Der Sieger aber war seines Sieges nicht froh. Auch war es ihm keine Genügtuung, daß Hilel eines Tages jetzt üngerufen 'kam, mit hundert Ausreden fein Nichterscheinen entschuldigte, seinen Sabbatöispens vorlegte und mit dem letzten Vorrat aus den Altbestänöen talmuöischen Wissens zu begründen suchte. Rabbi Wosche prüfte den von einem namenlosen Wanderrabbi ausgestellten Dispens und fand ihn unhaltbar. Auch kam man darüber nicht hinweg, daß der Sohn selbst, der Iungchef, mit eigener Hand an der Sabbatarbeit beteiligt sei. „Ja, die Jugend, wer wird mit ihr heute fertig? Sie herrscht und ist 3 u all cm fähig," seufzte der Alte und wollte damit anöeuten, daß es nicht an ihm liege; daß der Junge die Kraft und die Wittel hätte, sich gegen einen landfremden Rabbi wirksam zur Wehr zu setzen. Rabbi Wosche blieb hart. Tr hatte zu warnen. „In Verwüstung ruht, was den Sabbat nicht gefeiert hat," zitierte er aus den Strafandrohungen im dritten Wosesbuche. Und weiter aus Jesajas: „Denn stehe, im Feuer kommt G'tt und im Sturm all seine Streitwagen. . Hilel zuckte die Achseln. Das waren Sätze, die in der Bibel Ftanden. Aber im Büro saß der Sohn, der Robert . . . Er war nicht aus bloßer Demut und Einsicht gekommen. Cs war kein Geheimnis mehr, daß nach jenem Vorkommnis der Stern der Tokews mählich ins verblassen kam. Ohne daß jemals vom Rabbinate verbot oder Boykott ausgesprochen worden wäre, fingen die Bewohner der Stadt und Umgegend, Händler, Bäcker wie private, an, die Wühle der Tokews zu meiden und ihren Wehlbedarf anderswo zu decken. Ohne Wort und Weisung fuhren jetzt die jüdischen Kretschmer (Gasthofpächter) mit ihren Wägelchen an der Brauerei und Brennerei Tokews vorbei, um ihren Bier- und Bcanntweinbedarf beim Konkurrenten zu decken. Der Einlenkungsversuch des Alten scheiterte, die Wut des Jungen wuchs ins Unermeßliche. Der Rabbi ging seinen geraden Weg, jund die Gemeinde folgte ohne Parole, wortlos. Er war bei all dem nicht glücklich. Kampf gegen Personen lag ihm nicht und wurde auch durch Sieg nicht ausgeglichen. Gegen Bewegungen anzukäutpfen, für große Ideen und Ziele sich einzusetzen, danach stand sein Sinn. Aber gerade für die großen Aufgaben, von denen sein Lehrer, Rabbi Uosson in Frankfurt, in jedem Briefe schrieb, war diese Gemeinde nicht der günstige Boden. Rabbi Rosson hatte zum ersten Wale in Verbindung mit seiner halachischen Abhandlung so viel von seiner eigenen Person geschrieben, daß der Rand dafür nicht ausreichte und er einen eigenen Bogen dafür einlegen mußte. Die Streitigkeiten in Frankfurt kämen nicht zur Ruhe. Wan arbeite mit anonymen Blätterst und offenen Anfeindungen. Cr würde das alles schon gern auf sich nehmen, indes gehe es gar nicht gegen ihn, sondern gegen seine Schüler und Freunde, deren einzige, Sünde Me; Treue zu ihm sei. Cs sei zu einer zweiten Bekanntmachung in der Synagoge gekommen, die' wiederum an ihm selbst vorbeiziele, aber all diejenigen mit'Cheiem bedrohte, die zu ihm hielten, viele Mn von. ihm abgefallen, aber er zürne keinem. Cr gehe lbbiter seinen stillen einsamen Weg und werde im Grunde von feinem ernstlich gestört. „Wir," schrieb er, „ist"es von G'tt nicht gegeben, unter den Wenschen für die Wenschen zu wirken, aber es war mir beschieden, einen Baum zu pflanzen, der reiche Früchte tragen wird. Wag der Pflanzer hinter picht vergessen bleiben, der Baum stehe im Lichte und trage Früchte ... Aber zwischen den Zerlest deines Schreibens ist. zu ersehen, „daß der .Baum für das, 'was er' trägdN ' soll, dort' Nicht genug Platz, nicht genug Licht und Sonne hat. Halte dich gerüstet, Wosche, für größere Aufgaben . . ." Die Aufgaben kamen, ja drängten sich förmlich an ihn heran. Von mehreren Gemeinden wurde er wieder in Briefen und durch Boten bestürmt, ihr Führers zu Mn! Sogar Dresnitz meldete sich wieder und versprach, all seine Wünsche zu erfüllen, wenn er zu dem' ihm immer noch freigehaltenen Sitze zurückkehre. Woher hatte das verhältnismäßig kleine Dresnitz den Wut und die Wittel zu solchen Versprechungen?' Ein Brief seines Schwagers, Hirsch Ierwitz, in dem das Ersuchen der Dresnitzer so warm unterstützt wurde, ließ in ihm den verdacht aufkommen, daß der wieder zum Magnaten anfgestiegene Schwager seine Hand mit im Spiele hatte. Cr wollte ihn in seiner Rahe haben. Cine 2lhnung dieses Zusammenhanges bedeutete 2lblehunug. Roch günstiger fast waren die 2lngebotc des Vorstandes zu R e u st a d t, einer reichen, im Aufblühen begriffenen Gemeinde, die im Ringen um Rang und Ramen einer starken Führerhaud bedurfte. Auf die Anfrage Rabbi Wofches, wie weit dort die Grenzen feiner Iefchiwa gesteckt feien, kam die 2lntwort: „Wir ziehen keine Grenzen ..." Cr sagte Reustadt zu und traf die vorbcreitungen zur 2lusreise. Am Sabbat nach Purim hielt er in Wattersdorf eine ergreifende Abschiedspredigt; voll Liebe und Wahnuug sprach er von dem Reinheitscharakter der heiligen Asche im parahabschnitte, von der großen Verpflichtung Israels .und eines jeden in Israel, über die Reinheit des Lebens zur Erlösung, zur ittnetett Freiheit, zu streben- Es schloffen sich 2lbschiedsworte an, die die Herzen aufwüblten, den Augen Tränen entlockten. In der vordersten Reihe faß Hilel Tokew und hielt fein Gebetbuch wie zum Schutze dicht vor die 2lugen und murmelte Gebete, um zu zeigen, daß die ganze Sache mit der 2lfche, der Heiligkeit, ihn nicht im mindesten berühre. Höchstens nur der 2lbschied, den ec als Befreiung, wie die Lösung von einer Fessel empfand. Für Sonntag war die 2lusreise Rabbi Wofches geplant. In der Rächt erwachte er, erwachte die ganze Gemeinde, die ganze Stadt durch das Läuten der Sturmglocke, das Heulen der Sirenen, durch Alarmrufe vom Feuerwehrturm her. Im Osten der Stadt schlugen Feuerflammen hoch, eine ganze Flammenwanö brauste daher, die ganze Iudenstadt stand unter rotem Feuerschein wie unter bengalischer Beleuchtung. Der Wind trug dicke Rauchschwaden durch die Gassen, aus denen Funkenregen sprühte. Ein Dach nach dem anderen sing Feuer und reihte sich dem wachsenden Flammenmeere an. Geschrei, Verwirrung, Hilferufe, Kommandos der Feuerwehr vereinigten sich mit dem Heulen der Glocken und Gröhlen der Sirenen zu einem Höllenlärm, als sei der Weltuntergang angebrochen. Das Feuer kam von der Wühle der Tokews, übertrug sich rasch auf die daneben stehende Brauerei und Brennerei, wo es an den Spiritusfässern reiche Rahrung und Auftrieb erhielt, und schlang sich mit dämonischer Gewalt von Dach zu Dach, von Haus zu Haus. Wie Zündhölzchen flammten die tzolzhütten mit den Stroh- und Schindeldächern auf und verglimmten wie diese im Ru; ein Häuflein Schutt und 2lsche um einen gespenstisch ragenden Schornstein zeugte von früherem kleinem Glücke. Im hellen sengenden Feuerscheine, zwischen Rauch und Funkengarben, geisterten wankende Gestalten, die, stille vor Müdigkeit und' lähmendem Entsetzen, ihre letzte Habe, in Bündeln, gepackt, und ihre kleinen Kinder am Flusse in Sicherheit brachten. Die Glocken und.. Sirenen gaben die schauerliche Wusik zu diesem nächtlichen Gespenstermarsche. 2lus der großen Schul wurden die heiligen Rollen getragen. Die wandelnde Flammensäule nahte sich dem grünen Kuppeldache und wurde von einem Windstoß seitwärts abgedrängt. Ein Strahl, ans der großen Spritze, traf das Schuldach,, traf auch das dgnebenstehende Rabbinerhaus und riß den Rabbiner, der vom Giebel aus Psalmgebete in das rote Entsetzen unten warf, aus der Betäubung. . Asche, Brand, Heiligkeit! Wann und wo hatte ec davon gesprochen? Cs schien schon lange her. „Denn im Feuer kommt G'tt"; er hatte diese jesajanische Drohung einem Wanne zugerufen, aus dessen Haus das erste Flammeuzcicheu kam. Wie lange war das schon her? Was hatten die. anderen, all die kleinen, frommen Leute, verschuldet, daß sie heute um ihr Letztes kamen? Ein Bibelsatz fiel dem Rabbi ein, und ein Talmudwort dazu: „Wenn Feuer ausgeht und es trifft Dornen und verzehrt werden Tenne, reife 2lehren oder Feld . . . von den Dornen geht wobl immer das verzehrende Feuer aus. Es trifft' aber Scheuer samt Tenne, Frucht und Feld ..."