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Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 12 Der Israelit 23. März 1933 auch der Vorsitzende einer Kammer für Handelssachen, der rein arisch und christlich ist. Entgegen den Angaben über das unheimliche Anwachsen der jüdischen Richter in Breslau seit 1914, ist festzustellen, daß das Oberlandesgericht in Breslau nur 7 jüdische Richter und 2 getaufte Juden, gegen einen jüdischen Richter im Jahre 1914, hat. Beim L a n d e s g e r i ch t waren 1914 von 42 Richtern 2 Juden und 2 getaufte Juden tätig, jetzt unter 68 Richtern 6 Juden und 3 getaufte Juden. Beim 'Amtsgericht wirtten zuletzt unter 62 Richtern 5 Juden und 2 getaufte Juden, während man 1914 unter 57 Richtern 6 Juden und einen getauften Juden zählte. Somit hat sich, mit Ausnahme des Oberlandesgerichtes, die Zahl der jüdischen Richter in Breslau gegenüber der Vorkriegszeit prozentual überhaupt nicht vermehrt. Nach dem Breslauer Beispiel wird, nach dem „Völkischen Beobachter", diese Aktion auch in Vsr - l i n durchgeführt. Am Sonntag hat das genannte Blatt nur den Wunsch geäußert, am Montag aber konnte es schon über eine ganze Reihe von Maßnahmen zum Abschub jüdischer Gerichtspersonen aus den Berliner Gerichten mitteilen. Hierbei fehlt es auch nicht an Tragikomik. Der Mann, der die beschleunigten Maßnahmen zur Umbesetzung angeordnet hat, ist kein anderer als der bekannte Präsident des Landgerichtes I, S o e l l i n g , und es ist nicht genau zu ersehen, wie weit^diese Maßnahmen der persönlichen Initiative des Herrn Landgerichtspräsidenten entsprungen oder auf höhere Weisung ergangen sind. Jedenfalls‘ vergessen V. B. und „Angriff" nicht, Herrn Dr. Soelling daran zu erinnern, daß er selber einmal S e e l i g s o h n hieß und daß daher der von ihm geführte eiserne Besen, je früher je lieber, auch ihn selbst treffen müsse. Daß die Nationalsozialisten sich mit der Breslauer Regelung keineswegs zufrieden geben, beweist der Beschluß ihrer dieser Tage in Leipzig abgehaltenen Taj gung. Dort wurden folgende Forderungen aufgestellt: 1. Alle deutschen Gerichte, einschließlich des Reichsgerichts, find von Richtern und Beamten fremder Rasse unverzüglich zu säubern. 2. Für Angehörige fremder Raffe ist unverzüglich die Zuiassungsfperre zur Ausübung des Rechtsanwaltsbernfes an deutschen Gerichten zu verhängen. 2. Soweit für Angehörige fremder Raffe weiblichen Geschlechtes Zulassungen bereits bestehen, find diese mit sofortiger Wirluny aufzuheben. >. Nur noch deutsche Volksgenossen dürfen deutsche Notare sein, wobei die Berufung von Kriegsteilnehmern <u beschleunigen ist. 5. Im Ablauf von vier Jahren darf nach dern Plan iuiktcs Führers fein Angehöriger fremder Raffe mehr Anwalt fein. In jedem Jahre har ein Viertel dieser auszufchciden. 6. Im Zusammenhang damit ist schon jetzt allen fremdrassigen Anwälten, die als eingeschriebene Mitglieder marxistischen Parteien, also der SPD- und KPD. angehört haben, die Zulassung sofort zu entziehen. Das gleiche gilt natürlich auch für die marxistisch gesinnten Richter. Die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft darf, soweit Pension zugebilligt wird, überhaupt nicht, sonst erst nach vier Jahren erfolgen. 7. Endlich sind die Anwaltskammern sofort aufzulösen, neu zu wühlen und juden- und marxistenfrei zu gestatten. Ausnahmen dürfen nur für jene bestehen, die nachweislich an der Front, nicht nur in der Etappe, gewesen find und die Söhne an den Fronten verloren haben. Dazu bemerkt „Bossische Zeitung": „Die Berufsvertretungen der deutschen Anwaltschaft werden sich mit diesen Forderungen, die in entscheidenden Punkten weder mit der Verfassung noch überhaupt mit den Prinzipien eines Rechtsstaates zu vereinbaren sind, nachdrücklich auseinanderzusetzen haben." Holland» Asrnitee für jüdische Interessen in öslland. A m st e r d a m , 10. März. Im Hinblick auf die in Europa und auch in Holland eingetretenen außerordentlichen Verhältnisse, namentlich was das Anwachsen des Antisemitismus betrifft, ist in diesen Tagen in Amsterdam ein Komitee zur Wahrnehmung jüdischer Interessen gebildet worden. Vorsitzen- , der dieses Komitees ist der Präsident der aschkenastsch-! jüdischen Gemeinde Hollands A. A s s ch e r, als Se- Die Woche, München. Die „München-Augsburger Abendzeitung" stellt fest, daß es nicht wahr sei, daß „Prinzessin Ludwig Ferdinand von Bayern das Protektorat in einer Gesellschaft zur Abwehr des Antisemitismus innehabe" oder daß sie sonst etwas mit der Abwehr zu tun hätte. Ferner wird richtiggestellt, daß der Bäcker Isaak, der in Nymphenburg ins Schloß liefert, ein uralt eingesessener christlicher Bürger und kein Jude sei. — Die Geschäfts- [teile des Centralvereins wurde durch eine Schar von Männern unter Mißbrauch der SA-Uniform verwüstet und ausgeraubt. — In einer der letzten Nächte wurde eine Haussuchung im Verwaltungsgebäude der Israelitischen Kultusgemeinde vorgenommen, die selbstverständlich nichts Belastendes zutage förderte. Es wurden nur verschiedene Akten des Wohlfahrtsamtes mitgenommen. Ireiburg. Entgegen einigen nationalsozialistischen Zeitungen, die aus dem Landtagsabgeordneten N u ß b a u m einen Juden machten, stellt die ITA. fest, daß dieser sozialdemokratische Abgeordnete mit dem Vornamen Christian kein Jude ist noch von Juden ab stammt. Nußbaum war schon wiederholt in einer Klinik zur Beobachtung seine5 Geisteszustandes. Antwerpen. Im Alter von 51 Jahren verstarb der Präsident der Jüdischen Gemeinde Antwerpens, Max Halew y, ein Führer im sozialen und religiösen Leben der Juden Belgiens. Budapest. Der antisemiusche Rastenbiologe Professor M e h e l y wurde wegen Verleumdung der Juden und des Judentums in einem Zeitungsartikel zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Senat der Kurie Hut nach längerer Beratung das Urteil bestätigt. Warschau. Dieser Tage begaben sich 500 Juden aus Polen zum dauernden Aufenthalt nach Palästina, darunter 200 Chaluziin. Tauende gaben ihnen am Bahnhof das Geleite und sangen hebräische Lieder. Athen. Die jü- ' dischen Deputierten Salonikis unterbreiteten der neugewählten griechischen Kammer ein Gesetzprojekt, das die Auflösung des jüdischen W a h l k a t a st e r 5 in Saloniki, des von den Salonikier Juden seit langem bekämpften „Wahlghettos", vorsieht. Wie es heißt, unterstützt die neue Negierung dieses Projekt. Konsianlinopel. Im Alter von 50 Jahren starb in Stambul der berühmte jüdische Rechtsgelehrte Jfaac F e r r e r a, einst oberster Staatsanwalt in Konstantinopel. Als Rechtsanwalt verteidigte er nrit Vorliebe und Erfolg grundlos verdächtigte Juden in politischen Prozessen. Bombay. Meyer N i s s i m , ein Jude, ist zum Mitglied der Gesetzgebenden Körperschaft in Bombay ernannt worden. Meyer Nissim hat sich uni das Geineindewefen in Bombay sehr verdient gemacht und wurde 1929 zum Bürgermeister und Magistratspräsidenten gewählt. Dem indischen Parlament gehörten bisher als Juden Sir Sastoon I. David und Sir Victor Sassoon an. Aewyork. Jesse Isidor Straus, ein Sohn des bei der Titanic- Katastrophe umgekommenen Isidor Straus und Neffe der bekannten Diplomaten Oskar und Nathan Straus, wurde zum Botschafter der Bereinigten Staaten in Frankreich ernannt. — Zur Fünfzehn j ahrseier der Jüdischen Telegraphen- Agentur fand hier ein Bankett statt, an dem 700 prominente Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten teilnahmen. Ansprachen hielten u. a. Professor Jslbert Einstein und der Bürgermeister von Newyork. Unter den schriftlichen .Kundgebungen befanden sich solche von Lvrd Readtng. Gouverneur Herbert Lehman, Felix M. Marburg. — Der junge James Marburg, Sohn des verstorbenen ' Bankiers Paul Marburg, wurde zum zweiten Sekretär im Schatzamt der Union ernannt. kretär fungiert Prof. Dr. D. Cohen, Mitglieder des Komitees sind ferner Dr. L. E. B i s s e r, Prof. Dr. A. C. Josephus I i t t a und Senator S. van den B e r g h jr. (ITA.) Polen. N'rederkämpfung antijüdischer Ausschreitungen in Polen. Warschau, 16. März. In dem polnischen Kreis Zywiec bei Bielitz im früheren Oesterreichisch-Schlefien kam es gestern in verschiedenen kleinen Städten zu Ausschreitungen rechtsradikaler polnischen Nationalisten gegen jüdische Geschäfte. Polnische Polizei ging mit großer Schärfe gegen die Demonstranten vor, von denen einer getötet und drei schwer verletzt wurden. Ueber 80 Teilnehmer der antisemitischen Demonstrationen sind verhaftet worden. Die Warschauer Regierungspresse erklärt heute in sehr scharfen Ausdrücken, daß ein Uebergreifen der antisemitischen Agitation nach Polen von der Regierung auf jeden Fall verhindert werden würde. Die Vorstellung, daß die nationale Größe durch das Zerschlagen jüdischer Läden begründet werden könnte, hätte in der freien polnischen Republik keinen Platz. . - Der nationaldemokratische Student der Warschauer Universität Taddeusz D w o r a k wurde wegen Teilnahme an der Vorbereitung antijüdischer Ausschreitungen in Kielce zu 60 Tagen Gefängnis ohne Bewährungsftist verurteilt. Die Verhandlung gegen die Mitschuldigen Dworaks findet in den nächsten Tagen statt. Das Ende der Lemberger antisemitischen Legende. Lemberg, 9. März. -Im November 1933 hat, wie erinnerlich, die Legende, daß jüdische junge Leute den polnischen Studenten Grotkowsky ermordet haben, den Anstoß zu einer Woche lang andauernden pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden Lembergs gegeben. Nunmehr sind von den damals als angeblich Schuldige an dem Mord verhafteten vier jüdischen jungen Leute drei, nämlich Sper, Tune und Keller, aus der Haft entlasten worden, die Enthaftung des vierten Angeschuldigten, Katz, wird in Kürze -erwartet. Den Angeschuldigten konnte keinerlei Zusammenhang mit dem Mord nachgewiesen werden. Bufttattö. Noch keine Erlaubnis zur Herstellung von Aiazzoth in Moskau. Moskau, 19. März. Wie seinerzeit mitgeteilt, hat die Moskauer Synaaogenoerwattung auf dem jüdischen Friedhof sine Mazzoth-Bäckerei mit modernsten Maschinen zwecks Versorgung des religiösen Teiles der jüdischen Bevölkerung mit Mazzoth zu den kommenden Pessachtagen errichtet. Bis heute aber hat der Moskauer Stadtsowjet die Erlaubnis zur Eröffnung der Bäckerei nicht erteilt. Man führt dies auf dis Kampagne der jiddischen kommunistischen Zeitungen zurück, die daraus Hinweisen, daß das Warschauer Rabbinat und andere „klerikale" Kreise im Ausland Aufrufe zur Pestachhilfe an die Juden Rußlands veröffentlicht hätten, in denen ein Bergleich mit den Zeiten der „spanischen Inquisition" ai.gestellt wird. Die jiddische kommunistische Presse sieht in den ausländischen Hilfsaktionen eine „planmäßige konterrevolutionäre und antisowjetische Aktion seitens klerikaler Elemente" und ruft zur Verstärkung der Wachsamkeit gegen die „Manöver des Klassenfeindes" auf, von denen eines die „Mazzoth- Aktion" ist. Jvgoflavion. Aus Jugoslavien. S u b o t i c a, 16. März. Im Gegensatz zu der Lage in vielen anderen Ländern haben die Juden und insbesondere auch die Orthodoxie alle Ursache, mit der Toleranz und Gerechtigkeit, welche die führenden Kreise des Staates hier betätigen, recht zufrieden zu sein. So sind z. B. im Laufe der letzten Monate Regierungserlaste Erschienen, durch die in mannigfachen Beziehungen auf den Sabbat und die Feiertage Rücksicht genommen wird, so z. B. bei der Einlagerung von Gütern bei den Bahnen, wenn die Firmen, an welche die Güter adressiert sind, am Samstag nicht arbeiten fassen, ferner hinsichtlich des Schulbesuchs der jüdischen Kinder an Sabbaten und Feiertagen. Dank der Einsicht der Regierungskreise -ist es der Orthodoxie auch gelungen, in gemeindlicher Hinsicht ihre volle Selbständigkeit zu erringen und zu bewahren.

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