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Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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23. März 1933 Der Israelit Nr. 12 Seite 5 -Möglichkeit der Halachah von misrachiftischen Kreisen «usgehen. Ulan sucht nach einem gedanklichen Unterbau für ein Gebäude, ln dem schon heute Löwe und Rind, Kuh und Bär friedlich nebeneinander Hausen können, aber wir wissen, daß dieses Gebäude bloß ein Schlupfloch voll Nattern ist, deren Zischen zuerst betäubt und deren giftiger Speichel dann unfehlbar tötet. Ich weiß, daß dieser Kreis auch im Msrachi selbst zum Teil bekämpft wird, aber die führenden Geister sind jene, die eine besondere Msrachiideologic schaffen wollen, die etwas anderes sein soll und sein will als das einfache schliche orthodoxe Judentum. Cs ist psychologisch begreiflich und verständlich, daß dieser Kreis, die Wohnung,, die er nun einmal bezogen hat, für sich auch geistig wohnlich und gemütlich gestalten will. Cs war ja fast immer so, daß der Praxis die Theorie folgte und nicht umgekehrt. Ulan sucht eine falsche Praxis durch eine noch falschere Theorie zu rechtfertigen. <Db wir recht tun, diesen Gegensatz nur chie und da, nur gelegentlich schwerer gedanklicher Entgleisungen dieser Kreise zu betonen, ist eine Frage, die man nicht so einfach beantworten kann. Sie haben auch in letzter Zeit zu ganz eigentümlichen Entgleisungen gewisser Kreise in den heikelsten Fragen jüdischen Eherechts geführt. Diesen Entgleisungen liegt im tiefsten Grunde der Gedanke von der Entwicklungsfähigkeit der Halackah zugrunde. Ich möchte nicht weiter darauf eingehen, da wir vermutlich in einein ^anderen Zusammenhänge noch darauf zurückkommen 'können. (Schluß folgt.) RorrezpovSenre« « ßaebricbttn. Deutsches Reich. Das Interesse Amerikas. Frankfurt a. M., 23. März. Der „Frankfurter Zeitung" von Donnerstag Morgen wird aus N e w y o r k gedrahtet: Das Staatsdepartement in Washington hat die amerikanische Botschaft in Berlin aufgefordert, einen Bericht über die angeblichen Judenverfolgungen in Deutschland .zu kabeln. — Ein Protest gegen die behaupteten Verfolgungen wurde u. a. von folgenden bekannten Persönlichkeiten unterzeichnet: Newton D. Baker (Kriegsminister in Präs. Wilsons Kabinett), Eimer E. Brown (Kanzler d. Newyork Unwersity), Samuel Parkes Ead - man (Präsident der Federal Council of Churches of Christ in America), Bainbridge Eolby (ehemaliger Staatssekretär), Royal S. E o p e l a n d (Senator), John Davis (Präsident der Bar Association of the City of New york), James W. Gerard (früherer Botschafter in Berlin), William Green (Präsident'der American Federation of Labour), Alfred E. Smith (früherer Gouverneur von Newyork, demokratischer Präsidentschaftskandidat1928), Robert F. Wagner (Senator), G. W. W i ck e r s h a m (früherer Generalstaats- -anwalt). Zur Lage. B e r l i n, 20. März. Die mit dem Runderlaß des Reichskanzlers eingetretene Beruhigung hält an, so daß man hoffen darf, daß die Welle der spontanen Exzesse, teils unter Mißbrauch der SA-Unisorm begangen, auch auf dem Lande nunmehr allmählich abebben wird. Die Ausschaltung jüdischer Kräfte in den kulturellen, Bildungswie Kunststätten wird dagegen mit wachsender Intensität fortgesetzt. Viel besprochen wird in Kunstkreisen die Zurückweisung des weltberühmten Dirigenten Bruno Walter aus dem P h i l h a r m o n i s ch e n O r ch e st e r durch den Minister für Volksaufklärung. Dazu wird bekannt gegeben, daß Bruno Walter wohl ein Kind jüdischer Eltern, aber schon seit seinen Jünglingsjahren getauft ist. Ein gleiches Schicksal wie Bruno Waltertraf auch den Dirigenten der „Gesellschaft der Musikfreunde", Dr. Heinz U n g e r. Auch dieser soll getauft sein. Nach dem „Völkischen Beobachter" sind unter vielen anderen jüdischen Kaufleuten auch Isidor und Karl Bach, Inhaber einer bekannten Münchener Konfektionsfirma, in Schutzhaft genommen worden. Bei dem bekannten Staatsrechtslehrer und Universitätsprofessor Dr. Hans Nawjysky wurde eine Haussuchung abgehalten. Nach einem Berichte des B. B. hat der Staatskommissar für Berlin, Dr. L i p p e r t, Anweisung gegeben, daß alle Verträge jüdischer A e r z t e a n städtischen Krankenhäusern zum nächstmöglichen Termin gekündigt werden. Die Neuanstellungen haben durch den Magistrat in seiner neuen Besetzung zu erfolgen. Nach einer Mitteilung der „Vossischen Zeitung" ist ferner von der Berliner Stadtverwaltung die Anordnung getroffen worden, daß jüdische Rechtsanwälte und Notare mit Rechtsangelegenheiten der Stadt nicht mehr betraut werden dürfen. Eine ähnliche Bestimmung für die städtischen Gesellschaften wirb erwartet. Von einer der kleinen „Privataktionen" wurde auch das Berliner Büro der Z i o n i st i s ch e n Vereinigung betroffen. Dort, wie in der Wohnung eines führenden Zionisten, erschien eine Gruppe in SA-Uniform und nahm Haussuchungen vor. Eine Anfrage bei der Polizei ergab, daß es sich nicht um' eine behördlich autorisierte Maßnahme handelt. Es ist Vorsorge getroffen, daß sich derartige Vorfälle nicht mehr wiederholen. Da unrichtige Meldungen im In- und Auslande über diese Haussuchungen schwirren, legt die Z.-V. Wert darauf, den Sachverhalt im obigen Sinne mitzuteilen. Angesichts der Lage gibt der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bekannt, daß er eine juristisch-wirtschaftliche Beratungsstelle für deutsche Juden errichtet hat, die aus ihren Berufen geworfen wurden oder sonst, lediglich aus Gründen ihres Judentums, nicht etwa aus parteipolitischen Gründen, Schaden gelitten haben. Die Beratungsstelle steht auch Nichtmitgliedern zur Verfügung. Sie befindet sich Berlin W. 15, Emserstr. 42 und hält mit Ausnahme von Samstag täglich ihre Sprechstunden von 10.30 bis 2 Uhr, in dringenden Fällen nach telefonischer Vereinbarung auch zu einer anderen Zeit, ab. Eine Rede des Vizekanzlers v. Papen auf einer vaterländischen Kundgebung im Breslauer Schloß am 17. März, enthält u. a. folgende Sätze, von denen man wünschen möchte, daß sie beherzigt würden: „Rache ist ein Gefühl, das weder eines vornehmen Menschen, noch eines wahren Staatsmannes würdig ist. Mit ganz besonderem Ernst möchte ich an alle Mitkämpfer der nationalen Bewegung die Bitte richten, bei jedem notwendigen Kampsakt zu prüfen, ob nicht persönliche Gefühle, die jenseits der Politik liegen, die Klarheit des Blickes oder die Reinheit des Wollens etwa trüben könnten. Die Revolution ist uns Herzenssache, aus die kein Schatten irgendeiner Würdelosigkeit fallen darf. Der Kanzler selbst hat es euch zur Pflicht gemacht, und er, der die höchste Autorität des Staates heute verkörpert, wird diese Autorität unter allen und jeden Umständen aufreck)terhalten. Es gilt deshalb, nicht nur Disziplin, sondern auch Selbstzucht zu wahren. Nichts ehrt den Sieger mehr, als Großmut gegenüber dem Besiegten. Niemand soll glauben, daß wir die echten Volksrechte antasten werden, die Achtung vor dem Nächsten darf in revolutionären Zeiten nicht leiden. Der Gedanke, daß wir ein rechtsschöpferisches Volk sind, soll nicht nur nick)t verloren gehen, sondern unsere Kärfte anspornen, möglichst bald der lebendigen Sehnsucht nach einer neuen, gerechten Volksordnung die große Rechtsform Nachfolgen zu lassen. Die wahre geistige Freiheit ist eine notwendige Voraussetzung jeden wahren Lebens." Schächtverbote und Schächtverhmderungen. Darm st a d t, 20. März. Die Hessische Regierung hat ein Schächtoerbot resp. Betäubungszwang für ganz Hessen erlassen. Ihr folgte Württemberg mit einem ähnlichen landesgesetzlichen Verbote. Auch aus Baden wird über Schächtverbote an zahlreichen städtischen Schlachthöfen berichtet. iFQff-« BM.13.- Ingenieor A. J. HEINRICH, Elektrotechnik Hanauerlandsfrasse 38 Telefon 26382 In Preußen wird das Schächten u. a. in Berlin, Wiesbaden und, wie schon berichtet, in Bonn verhindert. In Hessen wurde mit Bekanntmachung vom 23. März das Schächtoerbot auch auf Geflügel jeglicher Art ausgedehnt. Cm Aufruf des Rabbinischen Rates des Hessischen Landesverbandes gesetzeslreuer Synagogengemeinden. D arm st a dt, 21. März. Der Nabb'mische Nat des Hessischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden hat an die orthodoxen Gemeinden Hessens folgenden Aufruf gerichtet: An die hessische Judenheit! Die hessische Staatsregierung hat nunmehr die Forderung auf Betäubung der Schlachttiere zum Gesetz erhoben. - Samt ist uns jeder Fleischgenuh unmöglich geworden. Denn der Betäubungszwang ist uns mit einem Schächtoerbot gleichbedeutend, da keine Betäubungsm'ethode bisher gefunden ist, die ein nachfolgendes Schächten noch gestattet. Gemäß den Bestimmungen unseres Judentums, uacy denen Staatsgesetze uns religiös verbindlich sind, und entsprechend unserer Pflicht, als treue Bürger uns den Staatsgesetzen zu unterwerfen, beugen wir uns gewissenhaft auch diesem Staatsgesetz: Kein Schlachttier darf, solange das Gesetz zu Kraft besteht, in Stadt und Land geschächtet werden. Aber die heiligen, ewigen Vorschriften des Judentums bleiben, da sie g'ttlich sind, in voller Verbindlichkeit bestehen: Der Genuß eines nicht geschachteten oder, was bei den augenblicklichen Betäubungsmethoden das Gleiche ist, nach Betäubung geschachteten Tieres ist uns von der Thora nicht anders als der Genuß von Schweinefleisch verboten! Kein Jude darf Fleisch eines nach den heutigen Methoden betäubten, daher nicht geschachteten Tieres essen. Möge die Judenheit in unserer schweren Zeit Treue zur Religion bewahren und bewähren, der Umwelt ein Beispiel, wie uns höher als materieller Genuß die religiöse g'ttliche Vorschrift steht. Dann wird man Achtung vor der jüdischen Religion und ihren Bekennern haben. Auch zweifellos bevorstehende persönliche Entbehrunaen dürfen uns nicht zur Untreue gegenüber G'tt verleiten. Solange noch Möglichkeiten zum Bezug von Koscherfleisch auf staatsgesetzlich erlaubtem Wege bestehen, stehen die Rabbinate zur Vermittlung derselben zur Verfügung. Brüder und Schwestern, bleiben wir der jahrtausendealten gütlichen Vorschrift auch in diesen schweren Zeiten treu; wahren wir das uns allen stets heilige Kaschrus unserer Häuser! Unterzeichnet ist der Aufruf von den Herren: Provinzialrabbiner Dr. L. Hirsch selb, Gießen; Rabbiner Dr. I. Merzbach, Darmstadt: Rabbiner Dr. M. L. Bamberger, Mainz. Ausschluß von Juden aus dem Anwälte- und Richterstand. Breslau, 17. März. Nach mehrtägiger Unterbrechung konnten die Gerichte in Breslau ihre Tätigkeit wieder aufnehmen, aber nur siebzehn jüdische Rechtsanwälte dürfen nach Uebereinkommen zwischen dem Polizeipräsidenten und dem Oberlandesgerichtspräsidenten plädieren. Diesen ist absoluter Polizeischutz versprochen und, so weit sie überhaupt vor Gericht erschienen, auch geboten worden. Jüdische Richter und andere Gerichtspersonen sieht man im Gerichtsgcbäude nicht mehr. Bei den Vorfällen, die dieser Verordnung vorausgingen, wurden nach einem Bericht der „Breslauer Jüdischen Zeitung" mehrere Anwälte leicht verletzt. Unter ihnen auch ein getaufter Anwalt und, aus Versehen,

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