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Der Israelit · 1933-03-23 · Heft 12 (23.3.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 12 (23.3.1933)
Date
1933-03-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 12 Der Israelit zwar kopfschlag und Bolzeuschuß, nicht aber die Blutentlcerung der Bewußtscinszentren als Botäubung angesehen werden. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, das; ohne weitere Prüfung des Sachverhalts, ohne Anhörung des Reichsgefundheitsaintes und der allein zuständigen physiologischen Wissenschaft, auch in Preußen oder gar durch Reichsgesctz die Schcchita gesetzlich in ganz Deutschland verboten werden wird. 'Angesichts dieser Situation möchten wir in letzter Stunde noch einmal an die Einsicht und Objektivität der maßgebenden Reichsinstanzen appellieren. Es ist wahr: die führenden Männer haben in jahrelanger Agitationsarbeit ein gerütteltes Was; von Bindungen gegenüber ihren Parteigenossen auf sich genommen — aber dennoch würde n o ch i n d i e - s e m Augenblick ein ernstes Wort des Reichskanzlers genügen, um den verhängnisvollen Schritt zu verhindern! Nicht darum scheint uns dieser Schritt so verhängnisvoll, weil er Zehntausenden von ernst religiösen Menschen, auch den Kranken und Schwachen, den Flcischgcnuß entzieht — denn die Einfuhr wird, wenn sie überhaupt möglich bleibt, nur zu unerschwinglichen preisen erfolgen können —, sonder n weil er die religiös schwankenden Teile der jüdischen Gemeinschaft, weil er die jüdische Jugend v o r a l l e m m i t all ihrerau ch von den Gegner n ja anerkannten hohen geistigen Begabung auf den Weg der Zerreißung aller religiösen Bindungen drängt, weil er der weiteren Radikalisierung und B o l s ch e w i s i e r u n g den Weg ebnet und darum grade das Gegenteil dessen erzielt, was die deutsch-nationale Aufbau-Bewegung als ihr innerstes Ideal betrachtet. Klan wende nicht ein, daß ja nur das „betäubungslose" Schächten verboten werden solle, daß es aber möglich fai, die Tiere auf elektrischem oder chemischem Wege in einer vom Rcligionsgesetz erlaubten Weise zu betäuben. Diese Voraussetzung ist falsch: es gibt bis zur Stunde kein solches Betäubungsmittel, und speziell die elektrische Rarkose, von der eine Zeitlang viel die Rede war, hat völlig versagt. Sie führt wahrscheinlich überhaupt nicht zur Aufhebung des Ctnpfindungsverinögens, sondern nur zur Lähmung der Bewegungszentrcn und hat außerdem oft innere Zerreißungen zur Folge, die das Tier von vornherein für den Genuß religionsgesetzlich untauglich machen- In Wirklichkeit ist daher das verbot des betäubungslosen Schächtens ein S ch ä ch t v e r b o t in optima korma, eine in die Gewissen wie in die ganze religiöse Entwicklung des deutschen Judentums schwer eingreifende Maßregel und zugleich eine Kränkung unserer, religiösen Chre, die mit der Ehre G'ttes und seines offenbarten Thoragesetzes unlösbar verbunden ist. In Seinem Kamen erheben wir, bittend und beschwörend,; unsre Stimme und möchten hoffen, daß sie nicht ungehört verhallt. Eine Gefahr für die deutsche Iudenheit. Die größte Gefahr für die deutschen Juden steht 0. R. Dr- Max Maschke in der Frankfurter wissenschaflichen Zeitung „Die Umschau", nicht in den äußeren Umständen und der sie bedrohenden Rechtsschmälerung, sondern in den Ausweisen ihrer Bevölkerungsstatistik. 1910 betrug die Geburtenrate bei der jüdischen Bevölkerung in Preußen 16,7 je Tausend, als sie bei der übrigen Bevölkerung noch 50,6 betrug. Doch heute ist die Geburtenziffer in Deutschland bereits auf den Tiefstand der für die. damaligen Juden geltenden angelantzt. Der Ueberschuß der Geburten war in dem' Jahrfünft von 1876 bis 1880 bei beiden annähernd gleich, sank, während er bei der Gesamtbevölkerung bis 1910 sich ungefähr auf gleicher Höhe hielt (etwa 13—15 proz.), bei der jüdischen Bevölkerung schon 86—90 auf 7,8, von 91—95 auf 6,6, von 96—1900 auf 6,1 und 1910 auf 2. Im Jahre 1927 aber wurde er negativ (—3,3), war aber bei der übrigen Bevölkerung auch schon auf 6,6 gesunken. Und das gleiche gilt für die Sterbeziffer der jüdischen Bevölkerung, die damals als besonders niedrig angestaunt wurde, heute aber allgemein ist. Aus der geringeren Sterblichkeit der früheren Jahre ist nämlich ein Steigen der Sterbeziffer geworden, weil d.ie geringere Geburtenzahl eine Altersverschiebung bedingt hat: der alten Leute sind mehr geworden, sie sind natürlich einer größeren Sterblichkeit unterworfen, und diese Sterblichkeit drückt auf die Gesamtzahl. Während 1876—80 die Sterbefälle bei der Gesamtbevölkerung in Preußen 26,1 waren, waren sie bei den Juden nur 17,6; aber 1928 waren sie bei der Gesamtbevölkerung auf 11,6 gesunken, bei der jüdischen aber betrugen sie 14,2 also jetzt mehr als bei der Gesamtheit. Wir haben demnach auf der einen• Seite Verringerung der Geburten; wir haben auf der anderen Seite die Erhöhung der Sterbeziffer nicht nur im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung, sondern auch absolut. Damit ist also eine absolute Verminderung der jüdischen Bevölkerung eingetreten. . Dazu kommt, daß den Juden weitere Bestandteile verloren gehen durch Mischehen, deren Kinder nur zu einem viertel etwa dem Judentum erhalten bleiben- Zu Anfang des Jahrhunderts war jede zwölfte von einem Juden geschlossene Che eine Mischehe, heute ist es bereits jede vierte. Und in den Mischehen ist die Kinderzahl noch geringer als in den rein jüdischen. Wie stark in Berlin der Anteil der Mischehen ist, ergibt die Tatsache, daß im zweiten Halbjahr 1950 an rein jüdischen Chen 1019 geschlossen wurden, an Mischehen aber 772; von rein jüdischen Cltern wurden 1127 Kinder-geboren, aus Mischehen 284- Maschke rechnet auf Grund von Aufstellungen anderer Statistiker aus, daß im weiteren verfolge dieser Kurve, die heute etwa 657 OOO Seelen zählende deutsche Iudenheit 1970 auf 264 000 gesunken sein wird. —.- Run wohl, mit so apodiktischer Sicherheit läßt sich das nicht errechnen. Nirgendwo erwiesen sich noch Zahlen und Daten so trügerisch, als in Israels Geschichte, und schon hatte einmal einer, dem an einem Wachstum des jüdischen Volkes wenig gelegen war, bekennen müssen: ton»* »an nx 'naoai apsr nna 'v« Aber ernst und nachdenklich genug müssen uns die übrigens gar nicht neuen Zahlen in der „Umschau" stiminen — als Menetekel neben den vielen anderen, die uns heute mit Flammenschrift an die Wand gemalt werden. Daß die politische und wirtschaftliche Lage allein nicht für diesen Kraftschwund der deutschen Iudenheit verantwortlich zu machen ist, erhellt aus der Tatsache, daß die betrüblichen Zahlen schon ziemlich weit zurückreichen. Ts ergibt sich aber auf der anderen Seite aus der Feststellung, daß gerade die Misch e h e n den prozentual geringsten Zuwachs dem Gesamt- und dem jüdischen Teil der Bevölkerung stellen, mit klarer . Degtlichkistt, aus welchen Kreisen und welcher, Anschauung heraus jener kollektive Selbstmordgedanke,-) der, Wille, die - ma» Strafe aus freien Stücke^, auf, sich, zu nehmen, .ausgegangen ijL ’ ■ ' Möge die deutsche Iudenheit, die jetzt tausend Zeichen zur mwn weisen und mahnen, auch in diesem Punkte sich Stunden der Selbstbesinnung auferlegen. Cinkehr und Umkehr zur rechten Zeit könnten noch all jene. erschreckenden Zahlen zunichte machen. Die ideelle Lage der deutschen Orthodoxie. Von Rabbiner Dr. Hermann Klein in Berlin. III. Cs rächt sich die Unwahrheit, daß man es so lange Zeit ruhig mitangesehen hat, wie man die unabhängige Orthodoxie auch als eine Partei' im Judentum und nicht als das Judentum schlechthin bezeichnet hat. Cs kann in dieser Frage keine Neutralität gebem Neutralität heißt Unaufrichtigkeit und Unwahrheit. Und darum ist die Ideologie des Zionismus unjüöifch. Das jüdische Volk kann nicht neutral sein, in ihm kann die nun nicht privatfache sein, nicht einmal der Abfall kann hier Privatsache sein. Ts sind dies Binsenwahrheiten, über die eg kaum 23. März 1933 Zigarren y.» Wolf ZeÜ Tel. Hansa 27930 lohnt, ein weiteres Wort zu verlieren, was ich auch sagen könnte, haben schon Andere vor mir besser und gründlicher gesagt, aber es gehört ganz eng und eigentlich zu meinem Thema, denn der Zionismus ist neben den neutralen. Großgemeinden heute die Gefahrenquelle für die ideellen Belange der Orthodoxie. Da die große Menge nur nach dem Crfolg urteilt, namentlich in unserer wirtschaftlich so trüben und trostlosen Zeit, und der Aufbau 'in Palästina Möglichkeiten wirtschaftlicher Art hauptsächlich für dwIugend zu bieten scheint, so darf es uns nicht wundern, wenn die Jugend im Zionismus auchden geistigen Hafen sieht, in den sie ihr fturmgepeitfchtes und vom Untergang bedrohtes Schisslein zu steuern und in'dem ste es zu bergen sucht. Cs glaubt ja niemand so recht daran, daß der, der einem helfen will, auch der Widersacher sein kann, da man-ja weiß, daß Satan nicht helfen will — und doch hilft zuweilen der Widersacher, um helfend hindern zu können. Und hier.ist der zweite Punkt, wo die deutsche Orhodoxie versagt. Cs wäre Ausgabe der deutschen, bewußten, im Kampfe erprobten Orthodoxie, auch Pioniere hinüberzuschicken, damit sie dort den Kampf gegen die destruktiven und thorafeindlichen Elemente aufnehmen. Ich weiß nicht, ob ich im Kreise meiner verehrten Kollegen im orthodoxen Rabbinerverband mit meiner Ansicht allein stehe, — die Aussprache soll und wird es ja zeigen—, aber ich halte mich für verpflichtet, auch hier, wie ich es bereits an anderer Stelle getan habe, auszusprechen, daß wir m. C. unsere Pflicht nicht tun, wenn wir nicht unser Letztes aufbieten, um Gesinnungsgenossen im Lande der Väter anzusiedeln. Dort wird das Land unserer Väter aufgebaut und wir sind ferne. Dieses Fernbleiben der deutschen Orthodoxie wird sich tragisch auswirken. Das praktische Leben und der praktische Ausbau im heiligen Lande zeitigen täglich neue Probleme, Probleme praktisch religiöser Natur, aber auch Probleme geistiger Art, die gelöst werden müssen und auch gelöst werden. Sind wir nicht dort, so erfolgen die Lösungen - ohne uns und gegen uns. Und diese praktischen Lösungen schaffen eine geistige Atmosphäre, die pseudojüdisch ist. Bei dem pxn pa erlebt man einen paifi der jüdischen Geistigkeit, der weit schlimmer und in seinen Folgen verhängnisvoller ist als der tatsächliche pxn p*rin* Bei dem p*vin blieb der jüdische Geist intakt, und wir konnten hoffen, daß der jüdische Geist sich schließlich sein Heim aufs neue erbauen werde, aber 'nbnxp ■’xaa xno n an1?» wenn das Salz schlecht wird, womit salzt man es, wenn , der jüdische Geist verfälscht wird, wer wird ihn wieder heilen, zumal ja die Fälschung ^gar nicht als. solche erkannt, wird...Das Leben geht doch weiter, und der Abwesende behält Unrecht. Wir sind nicht dort und wir werden nicht gehört. M. C. können und dürfen mir uns. NW ausschalten lassen,.weil die ganze geistige Zukunft'der kommenden Generationen, für die wir mitverantwortlil^ sind)-.auf dem Spiele steht, von dem arbeitenden, schaffenden Palästina dringen Ströme neuer Geistigkeit in alle jüdischen Kreise. Sollen diese Ströme nicht alles wertvolle geistige jüdische Gut der Vergangenheit wegschwemmen, so müssen wir dafür sorgen, daß sie vordem geisiigen Crbe der Vergangenheit gespeist werden. Den Zionismus mit seiner neutralen nationalen Iöeqlogie können wir erfolgreich nur in Crez-Iisroel bekämpfen und zwar nur wir, die wir für den Kampf am besten gerüstet sind. Hier in der palästinaarbeit haben wir nicht nur materiell, sondern auch ideell versagt...Cs. müßte auch uns gelingen, junge jüdische Menschensso weit für Crez- Iisroel zu begeistern, daß sie gerne und willig alle Entbehrungen auf sich nehmen sollen,, um beim Aufbau des heiligen Landes zugegen zu sein. .. Die kleinen materiellen Unterstützungen müßten wir selbst in dieser materiell so trostlosen Zeit aufbringen können. Hier tut energische geistige Aufbauarbeit in unserem Kreise dringend not. Wir dürfen diese Arbeit, nicht dem Misrachi überlassen. Cs trennt uns geistig eine ganze Welt vom Misrachi. Cs ist kein Zufall, daß die Lehren von der Orthopraxie und von der sogenannten Entwicklungsfähigkeit und Lntwicklungs-

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